Tu doch seine Augen auf!

2. Könige 6,14-17

Im Propheten Elisa und seinem Diener in Dothan können wir zwei Gläubige sehen, die in einem verschiedenen geistlichen Zustand sind.

Elisa

Er hatte offene Augen des Glaubens. Solche Augen sehen den «Unsichtbaren» (Heb 11,27) und geben daher Kraft, um gegen den Widerstand des Feindes und der Welt standzuhalten. – Sie schauen «das an, was man nicht sieht», also das Ewige (2. Kor 4,18) und lösen dadurch von dem Zeitlichen, das uns erfüllen und von Gott ablenken will. Weil wir den Herrn Jesus im Glauben angeschaut haben, lieben wir Ihn jetzt, obwohl unsere natürlichen Augen Ihn in der Herrlichkeit nicht zu sehen vermögen (1. Pet 1,8). Ja, die Augen des Glaubens können uns so mit Ihm in Verbindung halten, dass wir «mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlocken». In diesem glücklichen Zustand ist also hier der Prophet. In seinem Herzen ist völliges Vertrauen auf Gott und Frieden. Er steht weit über den Umständen.

Sein Diener

Mit ihm steht es ganz anders. Als er in der Morgenfrühe hinaustritt, erschrickt er gewaltig! Wo er auch immer über die Mauer schaut, sieht er überall ein starkes Heer mit blitzender Rüstung und Waffen und Pferden und Wagen! Der Prophet und er sind ganz umzingelt. Im Dunkel der Nacht waren sie gekommen; der Feind hat es auf Schockwirkung abgesehen, und bei ihm hat er sein Ziel erreicht. Der Mut sinkt ihm ganz. Er ist in Unruhe und grosser Furcht. Vergessen sind alle die grossen Wunder, die Gott schon durch den Propheten getan hat. Er sieht nur das eigene Unvermögen, die menschliche Schwachheit von ihnen beiden. Und angstvoll sagt er zu Elisa: «Ach, mein Herr! Was sollen wir tun?» – Haben nicht auch wir schon solche Tage oder Zeiten erlebt, an denen sich alles gegen uns zu verbünden schien? Wir wollten doch auf den Wegen des Herrn vorangehen und Ihm dienen. Aber da kam ein starker Eindruck über uns vom feindlichen Widerstand der Welt, der Menschen, der widrigen Umstände, der Schwierigkeiten. Und zu dem allem überwältigte uns auch das Bewusstsein unserer eigenen Nichtigkeit. Wir sahen nur noch was wir nicht sind, was wir nicht haben, was wir nicht können. Das kann so plötzlich über uns kommen, wie einst über Petrus. In kühnem Glauben, den Blick auf den Herrn gerichtet, wandelte er auf den Wassern … aber unvermittelt, nach einigen Schritten nur, sank er, weil er auf den heulenden Wind und die mächtigen Wellen geblickt hatte. Der Herr nennt das Kleinglaube. In der Tat, sich bei der Zahl der Pferde und Wagen des Feindes und beim Fehlen der eigenen Kraft aufhalten, ist lediglich eine Beschäftigung mit sichtbaren Tatsachen. Dazu braucht es keinen Glauben. Die Hauptsache, Gott selbst, ist dabei ausgeschlossen. Das verunehrt und betrübt Ihn.

Wie begegnet ihm Elisa?

Wer Augen des Glaubens hat, vermag den Bruder, der nur die Bedrängnis des Sichtbaren sieht, zu ermuntern und ihn anzuspornen, den Blick nach oben zu richten. Elisa sagt zu seinem Diener: «Fürchte dich nicht! Denn mehr sind die, die bei uns, als die bei ihnen sind!» Der Kontakt mit Brüdern oder Schwestern, die in lebendigem Glauben wandeln, wirkt ermutigend. Ihre Erfahrungen sind ansteckend. Aber kann das allein die im Kleinglauben ermattete Seele wiederherstellen? Wir wissen, es braucht mehr, eine göttliche Einwirkung. Der Herr selbst muss sein «Fürchte dich nicht!» zum Herzen sprechen. Darum betet der Prophet für den jungen Mann: «HERR, tu doch seine Augen auf, dass er sehe!» Der Bruder mit Augen des Glaubens hat auch Gebete des Glaubens. Fürbitte für die Kleinmütigen und überhaupt für die Geschwister alle ist überaus wichtig und nötig!

Solche Beispiele der Fürbitte gibt es auch im Neuen Testament. Da war ein Epaphras. Ihm lagen die Kolosser ganz besonders am Herzen. Er hatte ihnen «das Wort der Wahrheit des Evangeliums» gebracht, durch das sie von der Hoffnung gehört hatten, die für sie aufgehoben war in den Himmeln. Aber das genügte ihm nicht. Damit jene Gläubigen auch wirklich das suchten, was droben ist, war Epaphras «allezeit» für sie auf den Knien, «ringend in den Gebeten», um Gottes mächtige Wirksamkeit auf ihre Seelen herabzuflehen (Kol 1,6.7; 4,12.13). Er allein kann die Augen des Glaubens für die unsichtbaren Dinge öffnen.

Desgleichen nahm sich der Apostel Paulus selbst täglich viel Zeit zur Fürbitte für die verschiedenen Versammlungen. Er liess es zum Beispiel nicht dabei bewenden, den Heiligen in Ephesus den ganzen Ratschluss Gottes und die himmlischen Segnungen zu verkündigen. Er betete auch für sie, «damit der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst, damit ihr, erleuchtet an den Augen eures Herzens, wisst, welches die Hoffnung seiner Berufung ist … (Eph 1,16-18).

Welch ein Segen musste es für jene Versammlungen und einzelnen Gläubigen gewesen sein, von solch treuen Betern umgeben und gehalten zu sein! Wo sind diese heute? Muss sich da nicht jeder von uns fragen: Ist das nicht auch meine Aufgabe?

Die Augen des Dieners öffnen sich

«Da tat der HERR die Augen des Knaben auf; und er sah: Und siehe, der Berg war voll feuriger Pferde und Wagen, rings um Elisa her.»

Nun hatte auch dieser junge Mann offene Augen des Glaubens. Wohl war auch ihm bis dahin der Name Gottes: «HERR der Heerscharen» bekannt gewesen. Er wusste um das Bestehen der unzähligen Engelscharen um die unbegrenzte Allmacht Gottes. Aber nun wurde ihm dessen Herrlichkeit voll bewusst. Und noch eine andere kostbare Tatsache erfasste er jetzt: Das Heerlager Gottes war «rings um Elisa her»!

Auch uns Kindern Gottes bereitet es nie Mühe, an die Allmacht Gottes zu glauben. Der Kleinglaube zeigt sich vielmehr darin, dass sich in uns die Fragen erheben: Denkt Er an mich? Sieht Er meine Nöte und Schwierigkeiten? Wird Er in seiner Allmacht mir beistehen und helfen?

Wessen Augen aber im Glauben geöffnet sind, der sieht: seine gewaltige Macht ist rings um mich her, und sie ist hoch erhaben über der Macht des Feindes, der mich umzingelt hat. Das Wort meines Herrn darf ich auf mich persönlich anwenden: «Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde … Siehe, ich bin bei euch alle Tage …» – «Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und er befreit sie» (Ps 34,8).

Hier in Dothan hat sich diese Verheissung in einem Wunder ausgewirkt. Die feindlichen Heerscharen wurden sogar zu Gefangenen in der Hand des Propheten.

Aber heute, in der Zeit der Versammlung oder Kirche tritt der Herr meist nicht durch offenbares Eingreifen dem Feind entgegen. Wie viele seiner treuen Zeugen litten im Lauf der Jahrhunderte in Gefängnissen oder starben den Märtyrertod! Auch in unseren Tagen sind es wieder viele. Wie zahllos sind zum Beispiel auch die Kranken unter den Gläubigen, die oft jahrelang leiden müssen!

Dennoch lagert der Herr mit all seiner Liebe und all seiner Macht um diese schwer Geprüften her. Er selber sitzt beim Tiegel der Trübsal, wo das Silber geschmolzen und gereinigt wird (Mal 3,3). Er hält das Feuer unter strenger Kontrolle. Die Hitze darf nicht um ein Grad höher steigen als Er es für gut findet. Und wie mächtig kann Er dabei durch seinen Geist in ihnen wirken, so dass ein tiefer Strom der Erquickung und der Freude durch ihr Herz zieht und statt Seufzer und Klagen Lobgesang über die Lippen kommt.

Stephanus war in solchen Umständen voll Heiligen Geistes. Er schaute unverwandt zum Himmel, sah die Herrlichkeit Gottes, und Jesus zur Rechten Gottes stehen, als die Feinde sich anschickten, ihn zu steinigen (Apg 7,54-60).

Um Mitternacht, im innersten Gefängnis, die Füsse im Stock befestigt, lobsangen Paulus und Silas, und die Gefangenen hörten zu (Apg 16,25).

Petrus nennt aus Erfahrung die Bewährung des Glaubens in den Versuchungen etwas Kostbares. Sie wird zu Lob und Herrlichkeit und Ehre befunden in der Offenbarung Jesu Christi (1. Pet 1,6.7).

Geöffnete Augen des Glaubens! Trachten auch wir danach und bitten wir darum, um in guten und bösen Tagen zu sehen, wie der Herr in all seiner Herrlichkeit, in unaussprechlicher Gnade und Liebe sich um uns her lagert.