Christus im Alten Testament (1)

Einleitung

Für Gott, den Vater, gibt es nichts Kostbareres als seinen eigenen Sohn. Alle Gedanken und Ratschlüsse Gottes konzentrieren sich in Ihm, dem «Sohn seiner Liebe». Deshalb verwundert es uns nicht, dass es das ständige Bemühen des Geistes Gottes ist, uns mit dieser einen Person, die das ganze Wohlgefallen des Vaters hat, zu beschäftigen. Der Herr Jesus selbst sagt von diesem Geist: «Er wird mich verherrlichen» (Joh 16,14). Die vornehmste Tätigkeit des Heiligen Geistes ist es, uns mit den Schönheiten und Vortrefflichkeiten des Herrn Jesus vertraut zu machen und sein Bild in uns zu gestalten.

Das Wort Gottes spricht von der ersten bis zur letzten Seite von Ihm. Durch alle 66 Bücher des Alten und Neuen Testaments läuft ein wunderbarer Faden, und der ist Christus. Nicht nur das Neue, auch das Alte Testament ist voll von Ihm. Nimm Christus aus dem Alten Testament heraus, und was bleibt dann noch übrig?

Der Herr Jesus selbst hat bezeugt, dass das Alte Testament von Ihm spricht. Zu den Juden sagte Er einmal: «Ihr erforscht die Schriften …, und sie sind es, die von mir zeugen» (Joh 5,39). In Psalm 40,8 heisst es von Ihm: «Siehe, ich komme; in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben.» Einen weiteren deutlichen Hinweis gibt uns Lukas 24,27. Dort lesen wir vom Herrn Jesus: «Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn selbst betraf.» Wer von uns wäre wohl nicht gern dabei gewesen, als der Herr Jesus selbst aus den Schriften des Alten Testaments heraus über seine herrliche Person sprach? Wenig später hören wir Ihn zu seinen Jüngern sagen: «… dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen» (Luk 24,44). Die hier gemachte Dreiteilung des Alten Testaments in Gesetz, Propheten und Psalmen entspricht der bei den Juden üblichen Aufteilung des hebräischen Alten Testaments.

Christus ist also das grosse Thema der alttestamentlichen Schreiber, und es lohnt sich in der Tat, seine Spuren ein wenig zu verfolgen, um mehr von Dem zu sehen, «der schöner ist als die Menschensöhne», «dessen Name ein ausgegossenes Salböl ist» (Ps 45,3; Hld 1,3). Wir bewundern die Weisheit Gottes, der uns auch in den Schriften des Alten Testaments seinen Sohn gross machen will.

Das Neue Testament lässt uns nicht im Unklaren, in welcher Form die alten Schreiber über Christus gesprochen haben. Petrus sagt: «Propheten …, die von der Gnade gegen euch geweissagt haben, forschend, auf welche oder welcherlei Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte» (1. Pet 1,10.11). Das also sind die beiden grossen Bereiche der Weissagung in Bezug auf Christus: seine Leiden und seine Herrlichkeiten danach. Das entspricht den Worten des Herrn selbst, denn Er sagte: «Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen?» (Lk 24,26). Die Beschäftigung mit seinen Leiden und seinen Herrlichkeiten führt uns zur Bewunderung und zur Anbetung. Es sind Themen, die wir nicht ausschöpfen können.

Seine Leiden und seine Herrlichkeiten umfassen den ganzen Bereich seiner Menschheit, d.h. seine Erniedrigung, seinen Dienst, seinen Tod am Kreuz, seine Auferstehung und Himmelfahrt, sowie die Herrlichkeit des Tausendjährigen Reiches. Das alles ist in den Schriften des Alten Testaments enthalten.

Fragen wir uns, in welcher Weise Gott dort von Christus redet, so können wir die Voraussagen zunächst in zwei grosse Gruppen einteilen, nämlich:

  1. direkte Prophezeiungen, die ihre Erfüllung im Neuen Testament finden oder in der Zukunft noch finden werden;
  2. indirekte Hinweise durch die Sprache in Bildern, d.h. durch Vorbilder und Symbole.

Beide Gruppen sind schon oft das Thema von Abhandlungen gewesen. Im Folgenden können und wollen wir nicht in Einzelheiten gehen, sondern lediglich einige grosse Linien aufzeigen, die zu weiterem Studium anregen sollen.

1. Direkte Prophezeiungen

Das Alte Testament enthält über 300 direkte Voraussagen über den Herrn Jesus, die alle schon in Erfüllung gegangen sind. Andere werden sich noch erfüllen. Viele dieser Prophezeiungen sind uns gut bekannt, andere sind uns weniger geläufig. Den ersten direkten Hinweis erhalten wir bereits in 1. Mose 3,15, wo Gott vom Samen der Frau zur Schlange spricht: «Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen.» Dieser Vers spricht von dem Sieg am Kreuz, wo der Herr durch den Tod dem Teufel die Macht des Todes nahm.

Es ist unmöglich, alle Prophezeiungen anzuführen, deshalb werden hier nur einige exemplarisch genannt:

  • seine Geburt: «Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären» (Jes 7,14). –«Und du, Bethlehem-Ephrata, zu klein, um unter den Tausenden von Juda zu sein, aus dir wird mir hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her» (Micha 5,1).
  • sein Dienst «Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jubeln wird die Zunge des Stummen» (Jes 35,5.6).
  • seine Erniedrigung und Armut «Siehe, dein König wird zu dir kommen: Gerecht und ein Retter ist er, demütig und auf einem Esel reitend» (Sach 9,9).
  • seine Verwerfung: «Und nach den 62 Wochen wird der Messias weggetan werden und nichts haben» (Dan 9,26).
  • seine Leiden: «Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel» (Jes 50,6). – «Alle, die mich sehen, spotten über mich; sie reissen die Lippen auf, schütteln den Kopf» (Ps 22,8). – «Und sie gaben in meine Speise Galle, und in meinem Durst gaben sie mir Essig zu trinken» (Ps 69,22). – «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Ps 22,2).
  • sein Tod: «Und in den Staub des Todes legst du mich» (Ps 22,16). –«Deine Zorngluten sind über mich hingegangen, deine Schrecknisse haben mich vernichtet» (Ps 88,17).
  • sein Begräbnis: «Und man hat sein Grab bei Gottlosen bestimmt; aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tod» (Jes 53,9).
  • seine Auferstehung: «Denn meine Seele wirst du dem Scheol nicht überlassen, wirst nicht zugeben, dass dein Frommer die Verwesung sehe» (Ps 16,10).
  • sein Platz zur Rechten Gottes: «Der HERR sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füsse!» (Ps 110,1).
  • sein Reich: «Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird» (Dan 7,14).

Die Propheten werden die Tragweite ihrer Worte kaum verstanden haben, und deshalb bewundern wir Gott, dass dennoch im Alten Testament solche Aussagen über den Herrn Jesus zu finden sind. Der Kämmerer aus Äthiopien, der nach Jerusalem gekommen war, wurde von der Lektüre des 53. Kapitels des Propheten Jesaja zutiefst beeindruckt, so dass er Philippus die Frage stellte: «Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet dieses, von sich selbst oder von einem anderen?» Und dann sehen wir, wie Philippus gerade dieses Kapitel benutzt, um vom Herrn Jesus zu reden: «Und anfangend von dieser Schrift verkündigte er ihm das Evangelium von Jesus» (Apg 8,34.35). So reich ist Gottes Wort, dass das Evangelium von Jesus aus dem Alten Testament heraus verkündigt werden konnte.