Christus im Alten Testament (2)

2. Die Bildersprache

Neben direkten Hinweisen auf den Herrn Jesus redet Gott durch die Bildersprache des Alten Testaments von den Herrlichkeiten seines Sohnes. In Verbindung mit der Wahrheit, wie sie im Neuen Testament offenbart ist, zeigen uns die Bilder des Alten Testaments eine ungeahnte Fülle, die wir nicht ausschöpfen können.

Wenn wir uns mit den Bildern des Alten Testaments beschäftigen, ist es gut, zwei Grundsätze im Auge zu behalten:

  1. Die Bilder können nicht isoliert ausgelegt, sondern nur im Licht des Neuen Testaments verstanden werden. Es gilt auch hier, dass «keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung ist» (2. Pet 1,20).
  2. Bilder bleiben Bilder und werden nicht zur Wirklichkeit. Bilder sind Schatten der Körper oder Gegenstände, die sie vorbilden – nicht mehr, aber auch nicht weniger als das.

Ganz besonders dann, wenn es um die Person des Herrn Jesus geht, müssen diese Grundsätze unbedingt beachtet werden, damit wir nicht zu irrigen Ansichten über Ihn kommen.

Die Bilder des Alten Testaments lassen sich in zwei grosse Gruppen einteilen. Gott gibt uns erstens Vorbilder (d.h. Typen) auf den Herrn Jesus, und zweitens spricht Er durch verschiedene Symbole zu unseren Herzen.

2.1. Vorbilder

Zunächst etwas zum Begriff Vorbild: Ein Vorbild im biblischen Sinn ist etwas anderes, als wir es heute im allgemeinen Sprachgebrauch benutzen. Ein biblisches Vorbild ist etwas (eine Sache, eine Person, ein Ereignis), das

  • erstens wirklich existiert,
  • zweitens eine eigene historische Bedeutung hat und
  • drittens auf etwas Zukünftiges (den Antitypus) hinweist.

Das Alte Testament enthält viele solcher Vorbilder, und manche weisen auf den Herrn Jesus in seiner mannigfaltigen Herrlichkeit hin. Diese Vorbilder lassen sich wiederum in verschiedene Gruppen einteilen. Eine mögliche Unterteilung ist diese:

  1. Opfer
  2. Personen
  3. Geschehnisse
  4. Gegenstände

a) Opfer

Dem Leser des Alten Testaments wird auffallen, wie oft Gott von Opfern spricht, die dargebracht wurden. Bereits das erste Buch Mose enthält wichtige Hinweise und Grundsätze in Verbindung mit den Opfern. Das dritte Buch Mose beschreibt den levitischen Gottesdienst und zeigt uns die verschiedenen Arten der Opfer. Alle diese Opfer reden in hervorragender Weise von dem Opfer, das der Herr Jesus am Kreuz von Golgatha gestellt hat. Ganz besonders der Hebräerbrief zeigt uns, dass jedes einzelne Opfer im alten Bund auf das eine Opfer des Herrn Jesus hinweist: «Und jeder Priester steht täglich da, verrichtet den Dienst und bringt oft dieselben Schlachtopfer dar, die niemals Sünden wegnehmen können. Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes… Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden» (Heb 10,11-14).

Dieses eine Opfer des Herrn Jesus am Kreuz ist so gewaltig und vielfältig, dass Gott eine Vielzahl von Vorbildern gebrauchte, um uns die verschiedenen Seiten dieses einen Opfers zu zeigen. Diese Seiten des Opfers des Herrn am Kreuz dürfen und sollen wir zwar unterscheiden, ohne sie jedoch jemals voneinander zu trennen.

Die Hauptopfer des alten Bundes sind folgende:

  • das Brandopfer Es zeigt uns die Seite der völligen Hingabe an Gott. Der Herr Jesus hat «durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert» und sich «hingegeben als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch» (Heb 9,14; Eph 5,2).
  • das Friedensopfer: Es spricht in besonderer Weise von der Gemeinschaft als Ergebnis des Werkes des Herrn: «Indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes» (Kol 1,20).
  • das Sünd- und das Schuldopfer Diese beiden Opfer lassen uns daran denken, dass es unser Zustand und unsere bösen Taten waren, für die der Herr Jesus das Opfer werden musste. Jeder, der dieses Opfer für sich in Anspruch genommen hat, darf sagen: «Der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat» (Gal 2,20).
  • das Speisopfer: Es zeigt uns, was Christus in seinem Leben für Gott war. Nicht nur sein Tod, sondern auch sein Leben war zum völligen Wohlgefallen für Gott, den Vater.

Das Studium der Opfer gewährt uns tiefe Einblicke in die Gedanken Gottes über seinen Sohn und lässt uns besondere Schönheiten entdecken. Folgende Punkte sollten wir bei der Beschäftigung mit den Opfern nicht vergessen:

  1. Es ist Gott selbst, der die Opfer angeordnet hat. Alles geht von Gott und nicht vom Menschen aus. Diesen Gedanken finden wir schon beim ersten Opfer in der Bibel. In 1. Mose 3,21 heisst es: «Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Kleider aus Fell und bekleidete sie.» Gott tötete das Tier, um Adam und Eva zu bekleiden. «Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab» (Joh 3,16).
  2. Die Opfer weisen uns auf die wichtige und doch oft vergessene Seite hin, dass das Opfer zunächst für Gott ist. Selbstverständlich ist es wahr, dass Christus für uns starb, aber in erster Linie hat Er sich Gott geopfert. Gott wurde durch die Sünde zutiefst beleidigt. Durch sein Opfer hat der Herr den gerechten Zorn Gottes gestillt. Seine Hingabe am Kreuz hat Gott unendlich verherrlicht, selbst wenn kein Sünder gerettet worden wäre. Diesen Grundsatz sehen wir z.B. in 1. Mose 22,8: «Gott wird sich ersehen das Schaf zum Brandopfer.» Auch in 2. Mose 12,27 finden wir eine Bestätigung, denn dort heisst es vom Passah: «Es ist ein Passahopfer dem HERRN.»
  3. Viele der Opfer dienten den Opfernden bzw. den Priestern zur Nahrung. Darin liegt der wichtige Gedanke, dass Christus sich nicht nur einmal für uns gegeben hat, sondern dass Er sich auch uns gegeben hat. Er will jetzt unsere Nahrung sein und möchte, dass wir in der ständigen Beschäftigung mit seinen Leiden und seinem Tod Gemeinschaft mit Ihm haben. Paulus spricht in Philipper 3,10 von der «Gemeinschaft seiner Leiden», die nicht nur am Sonntagmorgen, sondern jeden Tag unser Teil sein sollte.

b) Personen

Dass Gott unschuldige Tiere nimmt, um uns von dem Opfer seines Sohnes zu reden, mögen wir noch verstehen. Dass Er aber darüber hinaus auch sündige Menschen ausgewählt hat, um Vorbilder auf den Herrn Jesus zu sein, übersteigt unser Fassungsvermögen. Und doch ist es so. Gott lässt sich herab und zeigt uns anhand alttestamentlicher Personen etwas von den Herrlichkeiten des Herrn Jesus und seines Werkes.

Wir alle kennen solche Personen, wie z.B. Isaak, Joseph, Mose und David. Beim Studium dieser menschlichen Vorbilder gilt es ganz besonders zu beachten:

  • dass keiner dieser Männer Gottes in sich vollkommen gewesen ist. Gott verschweigt uns ihre Fehler und Schwächen nicht.
  • dass keiner jemals Christus in seiner Fülle darstellen konnte. Jedes Vorbild zeigt nur eine ganz bestimmte Seite. Nur alle Vorbilder zusammen vermitteln ein lückenloseres Bild von der Wirklichkeit.
  • dass diese Männer Gottes nicht durchgängig ein Vorbild auf Christus sind, sondern nur zeitweise. Sehr deutlich zeigt sich das z.B. im Leben Isaaks oder Davids.

Wenn Gott uns Männer vorstellt, die Vorbilder auf Christus sind, so sind sie gleichzeitig auch Vorbilder für uns. Sie sind also in doppelter Hinsicht Vorbilder. Gott möchte das Bild seines Sohnes in uns gestalten. Er möchte, dass wir etwas von den Wesenszügen des Herrn Jesus in unserem Leben offenbaren. Dazu zeigt Er uns einerseits das vollkommene Leben Christi auf dieser Erde und fordert uns auf, in seinen Fussspuren nachzufolgen. Andererseits aber dürfen wir auch die Männer Gottes des Alten Testaments betrachten und ihnen insofern nacheifern, als sie Vorbilder auf Christus sind. Das Studium der Vorbilder erfüllt so einen doppelten Zweck.

Aus den vielen personenbezogenen Vorbildern wollen wir an dieser Stelle sieben Männer Gottes herausgreifen, die uns im ersten Buch Mose vorgestellt werden:

  1. Adam spricht von Christus als dem, der über alles herrschen wird. «Indem er uns kundgetan hat das Geheimnis seines Willens, nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorgesetzt hat in sich selbst für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das was in den Himmeln und das was auf der Erde ist» (Eph 1,9.10).
  2. Abel spricht vom Tod des Herrn und dem Blut, das vergossen wurde. «Und zu Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes; und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abel» (Heb 12,24).
  3. Melchisedek spricht von dem priesterlichen Dienst des Herrn Jesus im Tausendjährigen Reich: «Der Herr hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks» (Heb 7,21).
  4. Isaak spricht von dem Opfer und der Auferstehung Christi. «Durch Glauben hat Abraham, als er geprüft wurde, Isaak geopfert, und der, der die Verheissungen empfangen hatte, brachte den Eingeborenen dar, … wobei er urteilte, dass Gott auch aus den Toten aufzuerwecken vermag» (Heb 11,17-19).
  5. Jakob spricht von Dem, der in Hingabe diente, um das Liebste, was Er hatte, für sich zu erwerben. Er ist ein Bild von dem Kaufmann in Matthäus 13, von dem es heisst: «Als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie» (Mt 13,46).
  6. Joseph ist ohne Zweifel das herausragende Vorbild auf Christus im Alten Testament. Er spricht von Christus als Dem, der durch Leiden in die Herrlichkeit seines Reiches eingeht: «Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen?» (Lk 24,26).
  7. Benjamin zeigt uns Christus, erhöht zur Rechten Gottes, der gleichzeitig als der Verworfene die Ursache für Israels kommende Trübsal sein wird: «Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes» (Off 1,7).