Der Brief an Titus (9)

Titus 2,11-12

Wir kommen nun zum zweiten Hauptthema dieses Briefes. Wir haben es in unserer Einleitung wie folgt bezeichnet: «Die Belehrung der Gnade über unseren Wandel und unser Verhalten in dieser Welt.»

«Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen, und unterweist uns, damit wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf, indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken» (Titus 2,11-14).

In diesem wunderbaren Abschnitt finden wir:

  • Was die Gnade ist
  • Was sie bringt
  • An wen sie sich wendet
  • Was sie lehrt

In Verbindung mit dem ganzen Inhalt dieses Briefes ist es besonders der letzte Punkt, die Belehrung1 der Gnade, der in diesem Abschnitt betont wird. Er enthält einen so unerschöpflichen Reichtum, dass wir Mühe haben werden, nur in grossen Zügen auf seinen Inhalt einzugehen, ohne dabei Wesentliches auszulassen. Beschränken wir uns deshalb darauf, in aller Demut auszusprechen, was der Geist Gottes vor unsere Herzen bringt durch die Worte, die wir soeben angeführt haben.

Die Erwähnung des Heiland-Gottes (V. 10), die in diesem Brief so auffallend ist, führt notwendigerweise auch zur Erwähnung der Gnade und gibt ihr den ersten Platz.

Die Gnade ist nicht die Güte Gottes, auch nicht seine Liebe; sie ist jenes herzliche Erbarmen, das sich bis zu den verlorenen Sündern herabneigt, um sie zu retten. Die Gnade ist hier eine Person (wie in Johannes 1 das fleischgewordene Wort), eine Person voller Gnade. Sie ist weder ein Grundsatz noch ein abstrakter Begriff; sie ist der Heiland-Gott selbst in der Person eines Menschen, erschienen in einer Weise, dass jeder Mensch sie sehen und empfangen konnte. Sie ist nicht erschienen, um vom Menschen etwas zu verlangen, sondern um ihm etwas Unschätzbares zu bringen: das Heil! Dass es die Gnade Gottes ist, gibt dieser Gnade solchen Wert. Sie ist unumschränkt und vollkommen; eine geringere Gnade als die von Gott kann nur unvollkommen und vorübergehend sein. Die Gnade Gottes ist ewig, wie Er. Die Gnade Gottes bringt das Heil. Sie verlangt und fordert nichts vom Menschen, um ihn zu retten, wie es das Gesetz tut; sie bringt ihm, ohne eine Gegenleistung von ihm zu verlangen. Und was bringt sie ihm? Das Heil.

Bevor wir betrachten, was dieses Heil, dieses «grosse Heil» ist, wollen wir beachten, dass dieser Abschnitt von zwei Erscheinungen spricht:

  • zuerst von der Erscheinung der Gnade, herabgekommen, um das Heil zu bringen;
  • dann von der Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesu Christi.

Die erste Erscheinung bringt uns das Heil in Gnade, die zweite das Heil in Herrlichkeit. Das Heil in Gnade ist in der Vergangenheit völlig vollendet worden, das Heil in Herrlichkeit wird in einer ganz nahen Zukunft vollendet sein, so dass es für den Glauben schon jetzt wie gegenwärtig ist (Phil 3,20.21).

Der Charakter der Gnade ist unumschränkt. Es heisst nicht, dass sie bringen wird, oder dass sie gebracht hat, sondern dass sie bringt. Das macht aus dem vollkommen vollendeten Heil eine gegenwärtige, unwandelbare Tatsache, die weder verändert noch widerrufen werden kann. Und hinzu kommt, dass sie allen Menschen erschienen ist. Ihre Tragweite ist universell, und niemand ist davon ausgeschlossen.

Diese Unentgeltlichkeit des Heils widerspricht allen Gedanken des Menschen seit dem Sündenfall. Sein Stolz will nicht annehmen, dass ihn die Gabe Gottes nichts kostet. Er nähme lieber einen Heiland-Gott an, der ihm befehlen würde, das Heil zu gewinnen, der ihm seine Hilfe anböte, um es zu erlangen, oder schliesslich ihn belehrte über die verschiedenen Mittel zu dessen Erlangung. Er würde ein Heil als Resultat seines Eifers in guten Werken begreifen, aber nie ein ganz unentgeltliches Heil. Der Mensch möchte etwas anbieten, um das Heil zu erlangen und sich dann dessen rühmen zu können. In der Tat, wo ist der Mensch, der etwas sehr Kostbares zu niedrigem Preis gekauft hat, und darüber nicht stolz wäre?

Aber kommen wir auf das Heil selbst zurück. Wir haben schon gesagt, es ist eine Sache von unendlicher Grösse, deren Ausmass wir hier auf der Erde nicht ermessen können: wir werden die glückselige Ewigkeit brauchen, um seine Tragweite zu ergründen.

Für den Gläubigen ist das Heil nicht nur die Vergebung der Sünden, die er begangen hat. Die grosse Mehrheit der Christen bleibt bei dieser ersten Wahrheit stehen und verbringt ihr Leben ohne die wahre Befreiung zu kennen. Letztere ist nicht die Vergebung der Sünden, sondern die vollkommene Erlösung von der Sünde, der eigentlichen Wurzel, die in uns ist, auch «das Fleisch» und «die alte Natur» genannt, die diese schlechten Früchte hervorbringt: die Sünden. Diese Erlösung hat Christus bewirkt, indem Er an unserer Stelle zur Sünde gemacht wurde. Unsere alte Natur, «die Sünde im Fleisch», wurde in seiner Person gerichtet und gekreuzigt. Wir können uns daher fortan der Sünde für tot halten, und «es ist jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.» Aufgrund dieser Tatsache sind für den Gläubigen alle Folgen der Sünde:

  • die Sklaverei Satans,
  • der Tod und
  • das Gericht

für immer zunichtegemacht.

Aber so gross auch diese Erlösung ist, das Heil umschliesst noch viel mehr. Es ist nicht nur die Befreiung von der Sünde und all ihren Folgen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist die jetzige Einführung des Gläubigen in die Gegenwart Gottes, seine Annahme, gemäss der völligen Annahme Christi aufgrund seines Werkes, durch Gott selbst. Diese Annahme ist dadurch öffentlich erklärt worden, dass Gott Jesus aus den Toten auferweckt hat und Ihn sich setzen liess zu seiner Rechten. Die Resultate unserer Einführung in die Gegenwart Gottes werden uns unter anderen in folgenden Stellen beschrieben: Joh 20,17; Römer 5,1-2; Eph 1,2-6, usw.

Schliesslich ist das Heil auch die noch zukünftige Einführung in den vollkommenen und ununterbrochenen Genuss aller Dinge, die wir erst in Hoffnung besitzen, die aber in der Herrlichkeit offenbart werden (Phil 3,20.21).

Ein solches Heil bringt uns die Gnade. Haben wir nicht Grund zu sagen, dass es grenzenlos ist?

Und unterweist uns.1 Die Gnade beginnt damit, dass sie das Heil allen Menschen bringt; danach belehrt sie uns. Der Gläubige befindet sich nun unter der Belehrung der Gnade, nicht wie Israel unter der des Gesetzes. Durch Glauben sind wir nicht mehr unter dem alten Erzieher oder Lehrer, der beiseite gesetzt ist (Gal 3,24), sondern unter der Gnade. Dieser neue Lehrer wurde in keiner Weise der Welt gegeben. Die Menschen müssen zuerst durch den Glauben errettet sein, erst dann können sie belehrt werden. Die Erretteten bilden fortan eine neue Familie, die Belehrung nötig hat. Die Gnade übernimmt diese Aufgabe; daher finden wir hier das kleine Wort: «und unterweist uns», das von grosser Bedeutung ist. Gott unterweist nicht die Welt, sondern die Gerechten. Gewiss, «er unterweist die Sünder in dem Weg» (Ps 25,8), das heisst die, die im Bewusstsein ihrer Übertretungen seine Gnade und seine Vergebung anrufen. Wenn sie auf diese Weise Gott nahen, indem sie ihr Vertrauen auf Ihn setzen, dann rechnet Er sie zu den «Sanftmütigen» (V. 9 des gleichen Psalms).

Es könnte nie einen Boden der Übereinstimmung zwischen Sünde und Gnade geben, denn sie sind einander gänzlich entgegengesetzt. Die Gnade verbessert den Sünder nicht, sie rettet ihn. Die Sünde trennt den Sünder von Gott, die Gnade führt ihn zu Gott. Die Sünde bringt den Menschen unter das Joch Satans, die Gnade befreit ihn von dieser Sklaverei. Die Sünde bewirkt den Tod, die Gnade gibt das ewige Leben. Die Sünde führt den Menschen zum Gericht, die Gnade bringt ihm die Gerechtigkeit. Die Sünde hat die Verdammnis zur Folge, die Gnade nimmt diese für immer weg.

Wir wollen nun sehen, worin die Belehrung der Gnade besteht:

Sie unterweist uns im Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft:

  • in Bezug auf die Vergangenheit, um die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden zu verleugnen;
  • in Bezug auf die Gegenwart, um besonnen und gerecht und gottselig zu leben;
  • in Bezug auf die Zukunft, um die glückselige Hoffnung zu erwarten.

Wie wir sehen, ist diese Belehrung der Gnade ganz und gar praktischer Natur, was übrigens die ganze «Lehre oder Unterweisung» dieses Briefes kennzeichnet. Es gibt Belehrungen, die uns unsere himmlische Stellung und die unergründlichen Reichtümer des Christus vorstellen, Gegenstände, die oft «Glaube» genannt werden, aber hier finden wir, dass uns die Gnade hinsichtlich unseres Wandels hier auf der Erde belehrt.

  • 1 a b Das Wort, das hier für «unterweisen» gebraucht wird (paideuo anstatt didasko und didaskalia «Belehrung oder Lehre», denen man sonst überall in diesem Brief begegnet), scheint uns nicht «Lehrsätze», sondern eher praktische Unterweisung» zu bedeuten, wie sie Kindern gegeben wird: eine Frage des guten Benehmens, der guten Manieren, des Gehorsams und der Achtung, die den Eltern zukommt, des ausdauernden Fleisses im Lernen im Hinblick auf ein zukünftiges Resultat.