Verheissungen für das Gebet (4)

1. Johannes 5,14-15

«Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass, wenn wir etwas nach seinem Willen bitten, er uns hört. Und wenn wir wissen, dass er uns hört, um was irgend wir bitten, so wissen wir, dass wir die Bitten haben, die wir von ihm erbeten haben» (1. Joh 5,14.15).

Wir haben schon gesehen, dass folgende Punkte die Bedingung sind für das erhörliche Gebet:

  • Die Worte Christi sollen im Herzen wohnen und darin die formende Kraft der Gebete bilden.
  • Das Herz muss dabei aufrichtig, voll Vertrauen auf Gott, und durch nichts verurteilt sein.

Im obigen Bibelzitat wird das alles vorausgesetzt. Es wird angenommen, dass wir nach seinem Willen bitten. Und hier wird gesagt, dass, wenn wir so bitten, Gott uns allezeit hört. Er ist nicht wie ein Mensch, der oft dermassen beschäftigt ist, dass er nicht hören kann, oder so gleichgültig ist, dass er nicht hören will. Es ist kostbar und unfasslich für das Geschöpf, den Menschen, dass er, trotz seines Falles, so zur sittlichen Harmonie mit Gott gelangen durfte, dass er fähig ist, unter der Leitung des Geistes, entsprechend Gottes allwissendem Willen zu bitten. Wir lesen nicht, dass Engel dieses Vorrecht haben. Wir hören nur, dass sie «Täter seines Wortes» sind, «gehorsam der Stimme seines Wortes» (Ps 103,20). Die Vertrautheit mit Gott aber, die im Gebet zum Ausdruck kommt, ist offenbar nur dem Menschen vorbehalten. Gewiss ist diese Gnade ein Beweis des Wunsches Gottes, dass der Mensch die Gemeinschaft mit Ihm geniessen möge. Schätzen wir dieses Vorrecht so, wie wir es sollten?

Aber unser Geist ist nicht immer auf dieser Höhe und wir haben schon gesehen, dass Römer 8,26-28 diesen Fall voraussetzt. Wir wissen nicht, was wir bitten sollen; aber der Geist hilft uns in dieser Schwachheit. Und Er, der die Herzen erforscht, weiss, wie Er das, was von seinem eigenen Geist in solchen Herzen ist, aufnehmen soll. Als Ergebnis davon «wissen wir», dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken. Das gibt Frieden, ob unsere Bitten gewährt werden oder nicht. Daher müssen wir, wenn wir nicht auf der höchsten Ebene der Gemeinschaft sind, unser Gebet nicht zurückhalten. Im Gegenteil, es ist unser Vorrecht, «in allem» unsere Anliegen vor Gott kundwerden zu lassen (Phil 4,6). Ein lehrreiches Beispiel dafür ist das Gebet des Paulus wegen seines Domes im Fleisch (2. Kor 12,8.9). Für diesen flehte er zum Herrn, dass Er ihn wegnehme. Aber sein Gebet stimmte nicht mit Gottes Gedanken überein, der für Paulus etwas Besseres in Bereitschaft hielt, das dieser verloren hätte, wenn sein Gebet erhört worden wäre. Der Gläubige könnte zwar, als eine Züchtigung, das von Gott empfangen, was er in ungebrochenem Willen erflehte, aber das Ergebnis wäre nicht Glückseligkeit, wie wir in Psalm 106,15 lesen: «Da gab er ihnen ihr Begehr, aber er sandte Magerkeit in ihre Seelen».

Unsere Bitten in Unterwürfigkeit vorbringen, ist jedoch immer unser Vorrecht. Das Beispiel des Paulus zeigt dies. Er flehte zum Herrn, nicht nur einmal, sondern dreimal. Am Ende wurde eine solche Unterwürfigkeit in seiner Seele bewirkt, dass er sich schliesslich gerade der Schwachheiten rühmte, für die er vorher den Herrn gebeten hatte, sie wegzunehmen. Ein unzufriedenes, nicht unterworfenes Herz mag Gott unbeantwortete Gebete vorwerfen; aber wie viel Gründe zum Lobpreis Gottes mögen wir beim Rückblick in der kommenden Ewigkeit darin entdecken, dass Gott so manche Bitten in seiner Gnade nicht erfüllte.

Statt uns in den Gebeten hindern zu lassen, benötigen wir in der Tat mehr Freimütigkeit zu Gott. Die Schrift berechtigt uns völlig dazu. Das wird durch das Beispiel des Ananias illustriert (Apg 9,10-17). Der Herr sandte ihn zu Saulus von Tarsus, um ihm nach dessen Bekehrung behilflich zu sein. Aber Ananias hatte eine Schwierigkeit in seinem Geist, und in schöner Einfachheit und Gottesfurcht legte er sie vor Ihn: «Herr, ich habe von vielen über diesen Mann gehört, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem getan hat.  Und hier hat er Gewalt von den Hohenpriestern, alle zu binden, die deinen Namen anrufen.  Der Herr aber sprach zu ihm: Geh hin; denn dieser ist mir ein auserwähltes Gefäss, meinen Namen zu tragen sowohl vor Nationen als Könige und Söhne Israels … Ananias aber ging hin». Wie wir sehen, wies der Herr den Ananias keineswegs zurecht, und dieses so beschriebene Ereignis ermuntert uns, dem Herrn alle unsere Schwierigkeiten mit ehrfurchtsvoller Vertrautheit zu sagen. In der Tat sind dieser und der schon erwähnte Zwischenfall im Leben des Paulus in 2. Korinther 12 auffallend ähnliche Beispiele einer freimütigen, aber ehrfürchtigen Gemeinschaft, verbunden mit völliger Unterwürfigkeit. Die beiden Begebenheiten gleichen sich im Ton und im Geist.

Im Philipperbrief werden wir ermächtigt, alle unsere Bitten vor Gott hinzulegen. «Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus» (Phil 4,6.7). Beachten wir aber, dass diese Verheissung nicht die gleiche ist, wie die in 1. Johannes 3,22, wo uns gesagt wird, dass wir empfangen, um was irgend wir bitten. Aber wenn wir unsere Anliegen in Demut vor Ihn hingelegt haben, wird sein Friede unsere Herzen und unseren Sinn bewahren. Das ist die unmittelbare Auswirkung. Was die Bitten anbelangt, so hat Gott, wenn Er sie nicht gewährt, etwas Besseres für uns bereit. Sein Kind sollte nicht das wünschen, was gegen seinen Willen ist.

Aber da ist noch ein höheres Beispiel als das des Paulus: Jesus in Gethsemane. Auch hier war sein Gebet nicht, wie so oft in unserem Fall, unter dem höchsten Stand. Denn selbst in dieser dunklen Stunde war seine Gemeinschaft mit dem Vater vollkommen. Aber hier legte Er als Mensch die unvergleichliche Not seines Herzens vor Gott nieder, indem Er das nannte, was Er gewünscht hätte, wenn es mit dem göttlichen Willen hätte vereinbart werden können. Als Er den Kampf seiner Seele im Gebet ausbreitete, rief Er aus: «Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst» (Mt 26,39). Hier ist Vollkommenheit:

  • erstens in seiner Gemeinschaft als Mensch mit dem Vater, in Verbindung mit dem Schrecklichen das vor Ihm stand; und
  • zweitens war bei Ihm trotz dieser Aussicht absolute Hingabe seiner selbst an den Willen und Ratschluss des Vaters.

Ja, wir benötigen mehr Freimütigkeit und Vertrauen in unserer Gemeinschaft mit Gott. «Vertraut auf ihn allezeit, o Volk! Schüttet euer Herz vor ihm aus! Gott ist unsere Zuflucht» (Ps 62,9).