Der Nasir (3)

4. Mose 6

Über die ersten zwei Bedingungen, die ein Nasir zu erfüllen hatte, haben wir bereits nachgedacht:

  • Er musste sich von Wein und allen Produkten des Weinstocks enthalten.
  • Er sollte das Haar frei wachsen lassen.

Die dritte Bedingung war die Vermeidung jeder Verunreinigung durch den Kontakt mit einer Leiche.

Verunreinigung durch eine Leiche

Der Nasir musste sich also vor jedem Kontakt mit einem toten Körper bewahren. Verunreinigungen wegen einer Leiche war etwas, was einem Israeliten auf der Wüstenreise überall und unvermittelt passieren konnte. Die Wüste war tatsächlich ein Land des Todes, da im Lauf der langen Wanderung fast das ganze Volk hingestreckt wurde. Alle Männer, die beim Auskundschaften des Landes Kanaan mehr als zwanzig Jahre alt waren, sind im Lauf der vierzig Jahre gestorben (4. Mo 14,32-35; 32,11-13; 5. Mo 2,14.15). Deshalb konnte es immer und überall passieren, dass der Nasir unversehens und ungewollt mit einem Toten in Berührung kam. Diese Art von Verunreinigung ist also etwas Charakteristisches im 4. Buch Mose, das die Wüstenreise beschreibt. Wir lesen davon in Kapitel 5,2 und in Kapitel 9,6-14, wo es um Vorkehrungen für das Passah im zweiten Monat im Fall einer solchen Verunreinigung geht. In Kapitel 19 finden wir die Anweisungen über das Opfer der roten jungen Kuh. Dieses Opfer wurde gerade im Blick auf solche Verunreinigungen in der Wüste angeordnet.

Leiche – symbolische Bedeutung

Was hat die Verunreinigung durch das Berühren einer Leiche für uns zu bedeuten? Auch wir stehen in grosser Gefahr, auf unserem Glaubensweg durch die Welt verunreinigt zu werden. Denn alles, was mit der Welt in Verbindung steht, ist unrein. Doch die Welt ist auch die Umgebung, in der wir uns bewegen und unser irdisches Leben führen, wo wir unserer täglichen Beschäftigung nachgehen. So gesehen sind für uns manche Berührungen mit der Welt und ihren Dingen ungewollt und unvermeidlich.

Bedeutet das nun, dass eine Verunreinigung im Sinn von «Berührung einer Leiche» für uns unvermeidlich ist, dass sie zwangsläufig geschieht? Nein, dem ist nicht so. Wir werden zwar in unserem Alltagsleben in einer sündigen Welt unweigerlich verunreinigt, wodurch unsere Gemeinschaft mit dem Herrn belastet wird. Deshalb haben wir den Dienst der Fusswaschung durch unseren Herrn immer wieder nötig. Aber diese Berührung mit der Welt entspricht noch nicht einer «Verunreinigung durch das Berühren einer Leiche».

Eine solche Verunreinigung kann von ausserhalb hervorgerufen werden, aber sie steht immer in Verbindung mit unserem Fleisch, d.h. mit unserer alten Natur. Das lernen wir aus den Worten des Herrn Jesus an seine Jünger: Was aus dem Inneren des Menschen, d.h. aus seinem Herzen hervorgeht, das verunreinigt den Menschen (Mk 7,20-23; Mt 15,18-20). Natürlich ist es so, dass die Welt eine Anziehungskraft für unsere alte Natur besitzt und dass dies häufig der Anlass für eine Verunreinigung ist. Aber letztlich sind es die Regungen des Fleisches, die uns verunreinigen. Wenn wir als Christen nach dem Fleisch leben, kommen wir sozusagen mit dem toten Körper, mit dem Leib des Todes in Berührung (Röm 7,24). Wir kommen in Kontakt mit dem, was unseren früheren Lebenswandel betrifft, als wir tot waren in unseren Vergehungen und Sünden (Eph 2,1-3). Die Folge davon ist eine Verunreinigung, denn alles, was aus unserem Fleisch hervorkommt, verunreinigt uns.

Vermeiden von Verunreinigung

Da stellt sich die Frage: Wie ist es möglich, eine solche Verunreinigung zu vermeiden? Wie können wir verhindern, dass wir uns bei der Berührung mit den Dingen der Welt durch die Aktivität unseres Fleisches verunreinigen? Wie konnte der Nasir im Alten Testament einer Verunreinigung ausweichen? Durch eine wachsame und sorgfältige Lebensführung, um ja nicht in Berührung mit einem Toten zu kommen. Sonst konnte es tatsächlich unversehens und ungewollt geschehen. Genauso ist es bei uns. Wir bewahren uns vor solchen Verunreinigungen, die überall und unversehens auftreten,

  • wenn wir einen sorgfältigen Wandel führen und die Lenden unserer Gesinnung umgürten,
  • wenn wir wachsam sind und einen weiten inneren Abstand von allem Bösen halten.

Das ist nur in der Kraft des Heiligen Geistes und im Selbstgericht möglich. Es erfordert auch, dass wir uns in der Nähe des Herrn aufhalten und Gemeinschaft mit Ihm pflegen.

Folgen einer Verunreinigung

Nun geht es in 4. Mose 6 allerdings nicht darum, wie der Nasir eine Verunreinigung vermeiden kann. Es wird vielmehr gezeigt, dass eine derartige Verunreinigung möglich ist und was in einem solchen Fall zu tun war. Darin sehen wir auf der einen Seite Gottes Gnade, die für einen solchen Fall Vorsorge getroffen hat. Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass nach Gottes Gedanken ein solcher Fall nicht einfach übergangen werden konnte. Das zeigt den Ernst der Angelegenheit. Eine Verunreinigung ist in Gottes Augen keine Lappalie, auch wenn sie unversehens oder ungewollt geschieht. Nein, die Weihe des Nasirs war dahin, die vorigen Tage waren verfallen (Vers 12)! Spricht das nicht auch ernst zu uns? Wenn wir sündigen, wenn wir uns auf unserem Weg verunreinigen, ist die praktische Gemeinschaft mit dem Vater gestört und wir haben kein Teil mit dem Herrn Jesus (Joh 13,8). Dann haben wir unsere Weihe, ja, sogar die Voraussetzung für unsere Weihe, verloren.

Wiederherstellung

Gott hat in seiner Gnade für einen solchen «Zwischenfall» Vorsorge getroffen. Er hat die Möglichkeit der Wiederherstellung und des Neuanfangs gegeben. Dazu gab der HERR dem Nasir zwei Anweisungen.

Als Erstes musste er sein Haupt scheren (Vers 9). Das war ein Ausdruck grösster Demütigung und Beschämung (1. Chr 19,4.5; Hes 27,31). Kennen wir das auch, dass wir uns wirklich schämen und vor unserem Gott demütigen, weil wir gesündigt und uns verunreinigt haben?

Als Zweites mussten Opfertiere gebracht werden. Das alles konnte jedoch nicht gleich am Tag der Verunreinigung geschehen. Nein, erst am siebten Tag war der Tag seiner Reinigung. So erwartet Gott auch von uns keine schnelle und oberflächliche Behandlung unserer Fehltritte, sondern ein wirkliches Selbstgericht, ein tiefes Empfinden über das, was die Weihe zerstört hat. Gott will, dass wir an den Ausgangspunkt unseres Abweichens zurückkehren. Wir sollen nicht nur den Fehltritt im Selbstgericht verurteilen und bekennen, sondern auch erkennen, wie es zu dieser Verunreinigung gekommen ist. Dabei müssen wir uns bewusstmachen, was diese Sünde in Gottes Augen bedeutet und was notwendig war, um uns zu reinigen: Der Herr Jesus musste am Kreuz leiden und sterben – das wird in den vorgeschriebenen Opfern vorgebildet (Verse 11.12).

Sünd- und Brandopfer

Am achten Tag musste der Nasir zwei Tauben bringen, eine als Sündopfer und eine als Brandopfer, damit Sühnung für ihn getan wurde. So wurde es im Alten Testament angeordnet: Die Anwendung des Blutes war immer wieder neu vorgeschrieben. In Wirklichkeit konnte es keine Sünde wegnehmen, sondern nur auf das vollkommene Opfer des Herrn Jesus hinweisen. Wie sieht es bei uns aus? Wir stehen auf der Grundlage des vollbrachten Sühnungswerks von Golgatha. Das Blut des Erlösers ist ein für alle Mal zur Anwendung gekommen und bleibt in seinem Wert und seiner Gültigkeit für immer bestehen. Wir sind auf immerdar vollkommen gemacht. Auf dieser Grundlage verwendet sich der Herr Jesus für uns als Sachwalter beim Vater, um uns wieder zurechtzubringen (1. Joh 2,1.2). Er verwendet sich für solche, für die Er selbst die Sühnung geworden ist. Er setzt sich für solche ein, die in der Gunst Gottes stehen, damit sie ihre Sünde einsehen und sie bekennen. Ihre Stellung und ihre Beziehung zu Gott bleiben jedoch bestehen, weil sie im Wohlgeruch des wahren Brandopfers vor Gott stehen (3. Mo 1,4). Was für eine Gnade!

Schuldopfer

Nachdem Sühnung durch die beiden Tauben zum Sünd- und Brandopfer geschehen war, musste noch ein Schuldopfer gebracht werden, bevor der Nasir endgültig wiederhergestellt war und seine Weihe für Gott neu beginnen konnte. Ein Schuldopfer war für den Fall einer Verunreinigung vorgeschrieben (3. Mo 5,2). Das Besondere bei diesem Opfer war das Bekenntnis, das der Verunreinigte ablegen musste (3. Mo 5,5). Das ist die Voraussetzung für eine wirkliche Wiederherstellung: Erst nach einer gründlichen Behandlung der Sünde und einem aufrichtigen Bekenntnis kann die Weihe neu beginnen.

Das Ende der Weihe

Wie lange war ein Israelit ein Nasir? Bis er sein Ziel erreicht hatte, d.h. bis die Tage seiner Absonderung erfüllt waren (Vers 13). Das Nasiräertum im Alten Testament war zeitlich begrenzt. Wie lange es dauerte, darüber wird uns keine Zeitangabe gemacht. Es war die individuelle Entscheidung des Nasirs.

Wie ist es bei uns? Auch unsere Zeit der Absonderung für den Herrn Jesus ist zeitlich begrenzt. Wann sind die Tage unserer Weihe erfüllt? Wie lange möchten wir unser Leben dem Herrn Jesus zur Verfügung stellen? Bis wir bei Ihm am Ziel sind! Dann sind die Tage unserer Absonderung erfüllt. Wenn das Vollkommene gekommen sein wird, müssen wir nicht länger die Lenden unserer Gesinnung umgürten, um sorgfältig zu leben und den Gefahren einer Verunreinigung auf unserem Weg durch die Welt zu entgehen (1. Pet 1,13). Dann brauchen wir auch keine Ermahnung zur Nüchternheit mehr im Blick auf alle berauschenden Einflüsse (Eph 5,18; 1. Thes 5,6.8; 2. Tim 4,5; 1. Pet 1,13). Es gibt dann nichts mehr, was unser Herz von Christus ablenken könnte. Wir werden dann bei Ihm sein. Wir werden Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen und in die Freude unseres Herrn eingehen (Mt 25,21). Das ist der grosse Augenblick, wenn der Nasir Wein trinken wird.

Der Nasir trinkt Wein

Es ist bemerkenswert, dass am Ende des Kapitels über das Gesetz des Nasirs Segensaussprüche folgen. Sie beziehen sich auf das Tausendjährige Reich (Verse 24-26). Dann wird der grosse Augenblick gekommen sein, wo auch unser Herr wieder Wein trinken wird. Hatte Er nicht den Jüngern bei seinem letzten Passah und der Einsetzung seines Mahls im Obergemach angekündigt, dass Er nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken würde, bis Er es neu mit ihnen im Reich seines Vaters trinken werde (Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 22,18)? Auf diesen Zeitpunkt wartet der Herr Jesus. Wir warten mit Ihm auf diesen grossen Augenblick seiner Freude, die wir mit Ihm teilen werden. Bis dahin wollen wir ein Leben der Weihe und Hingabe für unseren Herrn führen und die Belehrungen des Nasirs zu Herzen nehmen.

Ein aufsteigender Wohlgeruch

Am Ende seiner Zeit als Nasir sollte er das Haupt seiner Weihe scheren und sein Haar auf das Feuer legen, das unter dem Friedensopfer brannte. So mischte sich der Rauch seines Haares mit dem Duft des Friedensopfers. Das bedeutet: Am Ende steigt das, was der Nasir in seiner Hingabe und Weihe für Gott gewesen ist, im Wohlgeruch der Vortrefflichkeit Christi vor Gott auf. Sollte dieses Bewusstsein nicht auch für uns eine starke Motivation sein, als «Nasire» in Weihe und Hingabe für unseren Herrn zu leben – mit allen Konsequenzen und vermeintlichen Nachteilen, die damit verbunden sind?