Die wohlriechenden Gewürze des Heiligtums (1)

Wie ist doch der Wohlgeruch des Namens Jesu so wunderbar! Er ist ein Wohlgeruch zum Leben denen, die für das Leben ausersehen sind. Dieser Wohlgeruch kann mit dem Räucherwerk verglichen werden, das im Heiligtum der Stiftshütte oder des Tempels auf dem goldenen Altar verbrannt wurde, oder mit dem kostbaren Duft, der aus der Räucherpfanne emporstieg. Er ist wie das wohlriechende Salböl, das über den Altar und über die Anbeter ausgegossen wurde. Er gleicht all diesen Mischungen, die nach der Kunst des Salbenmischers zusammengesetzt waren.

Der Wohlgeruch dieses Namens steigt ununterbrochen zu Gott empor und erfreut sein Herz. Er erfreut auch unsere Herzen, wenn wir durch den Glauben ins Heiligtum eintreten. Gott gebe uns, dass wir Sinn und Bedeutung der wohlriechenden Gewürze, die in der Heiligen Schrift erwähnt sind, besser kennen lernen; sie sind Vorbilder vieler herrlicher Eigenschaften, die unseren Herrn auszeichnen. Dann werden wir besser imstande sein, überall den Wohlgeruch Christi zu verbreiten. Dann werden wir auch, gleich wirklichen Priestern, zur Freude des Herzens unseres Gottes und Vaters den Wohlgeruch dieses Namens vor Ihn bringen.

Dieser tiefe Wunsch veranlasst uns, den vorliegenden Aufsatz zu veröffentlichen und die Aufmerksamkeit der Leser auf die Bedeutung der verschiedenen wohlriechenden Gewürze hinzulenken. Wir möchten ihre Herzen dadurch mit der Vortrefflichkeit dessen beschäftigen, der mit seiner Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt. Lassen wir uns ja nicht abhalten, die Dinge zu erforschen, die unter der mosaischen Haushaltung verordnet wurden. Das würde uns nur Verlust eintragen. Die Erforschung dieser Verordnungen ist zwar nicht immer leicht. Auch besteht die Gefahr, dass wir mit eigenen Gedanken oder in menschlicher Weisheit diese herrlichen Geheimnisse auszulegen suchen. Vergessen wir nicht, dass Gott diese kostbaren Schätze vor den Weisen und Verständigen verbirgt und sie nur den Unmündigen offenbart! Es wurde schon oft betont, dass die Heilige Schrift sich selbst erklärt, dass wir in ihr selbst auf alle Fragen eine Antwort finden können, die sich im Lauf des Studiums stellen. Wenn Gott sich eines Bildes oder eines Gleichnisses bedient, um uns seine Gedanken verständlich zu machen, so wird uns in erster Linie die Betrachtung des darin enthaltenen Hauptgegenstandes zur richtigen Erkenntnis der Bilder führen.

Die Heilige Schrift erwähnt im Ganzen zwölf wohlriechende Gewürze. Deren ausführliche Betrachtung würde hier zu viel Raum beanspruchen. Wir werden nur versuchen zu erklären, was diese Gewürze überhaupt sind und welche symbolische Bedeutung sie haben. Lasst uns bedenken, dass wir uns auch hier vor der Unendlichkeit der Gedanken Gottes befinden!

Alle diese zwölf wohlriechenden Gewürze stellen uns ohne Ausnahme Christus vor. Sie helfen uns, die Vortrefflichkeit zu erkennen, in der Er vor Gott, seinem Vater, und auch vor den Herzen der Seinen steht. Das Gewürz, das in der Heiligen Schrift zuerst und am häufigsten erwähnt wird, ist:

Die Myrrhe

Was in 1. Mose 37,25 Balsamharz genannt wird, ist gleichbedeutend mit Myrrhe. Myrrhe ist der Saft eines Strauches. Sie quillt entweder selbst aus der Rinde oder rinnt gleich Tränen aus einer verwundeten Stelle. Sie trocknet an der Luft ein und wird zu einem Harz. Dieses Harz ist von sehr bitterem Geschmack, verbreitet aber einen angenehmen Duft. Fliesst der Saft von selbst aus dem Strauch, wird er «von selbst ausgeflossene» oder «fliessende Myrrhe» genannt (2. Mo 30,23 und Hld 5,5). Die Myrrhe ist ein Vorbild des Wohlgeruchs des Namens Jesu, in Verbindung mit seinen vielen Leiden. Dieser Wohlgeruch stieg zum Thron Gottes empor, als Er in dieser Welt der «Mann der Schmerzen» war. Seine Vollkommenheit erglänzte inmitten der Tränen, die Er weinte, unter den Schlägen, die Er erhielt und unter den Misshandlungen, die Ihm zugefügt wurden. Welche Genugtuung und Freude für das Herz Gottes, die ganze Vollkommenheit Jesu während der Ihm auferlegten, tiefen Leiden zu betrachten, als Er Stunde um Stunde in der Hingabe und im Vertrauen zu Gott verharrte! Diese Leiden waren für den Herrn bitter, wie der Geschmack der Myrrhe; aber daraus stieg ein köstlicher Wohlgeruch zu Gott empor.

Joseph von Arimathia und Nikodemus wickelten den Leib Jesu in Leinentücher mit den Gewürzsalben, einer Mischung von Myrrhe und Aloe, bei hundert Pfund. So wurde dieser heilige Leib in die neue Gruft gelegt, die noch nie mit der Verwesung in Berührung gekommen war. Und jetzt kam nur Wohlgeruch daraus hervor.

Von selbst ausgeflossene Myrrhe ist das erste von den ausgezeichneten, wohlriechenden Gewürzen, die für das heilige Salböl verwendet wurden. Mit diesem heiligen Öl wurden das Heiligtum, alle seine Geräte und auch die Priester gesalbt. Es ist ein Bild des Heiligen Geistes, der im Haus Gottes allen Anbetern über Christus, der gelitten hat, Zeugnis gibt. Die Leiden des Christus bilden die Grundlage all unserer Segnung und der Erfüllung aller Ratschlüsse Gottes. Beim Hineinschauen in diese tiefen Geheimnisse fühlen wir, dass wir heiliges Land betreten, und es drängt uns, Ihm zu huldigen und Ihn anzubeten. Christus hat gelitten! Dies wird der ewige Gegenstand des Lobes der Erlösten sein. Durch die Leiden des Christus wurde Gott in höchstem Mass verherrlicht.

Der Herr wird bald in Majestät und Pracht erscheinen. Er wird seinen Thron der Herrlichkeit einnehmen. Myrrhe, Aloe und Kassia werden an jenem Tag seine Kleider sein (Ps 45,9). Unter andern Wohlgerüchen wird ihnen also der Duft der Myrrhe entströmen. Das Hohelied erwähnt die Myrrhe oft. Auch die Magier aus dem Morgenland opferten dem, der auf Golgatha leiden sollte, Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Der Leser möge nun selbst in stiller Andacht über die sinnbildliche Bedeutung dieser Myrrhe nachdenken. Die Mühe lohnt sich. Wir werden in Ewigkeit den anbeten, der sogar auf seinem Thron die Wundenmale tragen wird, die Ihm im Haus derer geschlagen wurden, die Ihn lieben.

Die Myrrhe war ohne Zweifel das vornehmste wohlriechende Gewürz des Heiligtums.

In 2. Mose 30, wo der goldene Räucheraltar, das heilige Salböl und das Räucherwerk aufgezählt sind, wird auch ein zweites Gewürz erwähnt:

Der würzige Zimt

Der Zimtbaum ist ein sehr schöner Baum mit stets glänzend grünen Blättern. Ihm entströmt ein Wohlgeruch, der sich weithin verbreitet. Aus seiner Rinde wird der Zimt gewonnen, der bei der Zusammensetzung des heiligen Salböls erwähnt wird. Dieses Gewürz wird in 2. Mose 30,23 und Hohelied 4,14 genannt. Gott will den Gläubigen durch dieses Symbol wiederum eine der kostbaren Eigenschaften Jesu zeigen, dessen Name ein ausgegossenes Salböl ist. Von Ihm, dem vollkommenen Menschen auf dieser Erde, stieg ein duftender Wohlgeruch zum Thron Gottes empor. Gott fand an Ihm, der inmitten einer Welt lebte, in der durch die Sünde alles verdorben war, sein ganzes Wohlgefallen. Wir haben hier nicht den leidenden Christus vor uns, sondern die Schönheit des Menschen Jesus Christus, die Vollkommenheit seines Wesens, die Vortrefflichkeit seiner Person.

Weil Er vollkommen war, stieg der Heilige Geist in Gestalt einer Taube, dem Bild des Friedens, auf Ihn herab. Die himmlischen Heerscharen konnten Ihn bewundern, und der Vater zeugte von Ihm: «Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe» (Mt 3,17). Jesus konnte, nachdem Er in die Tiefen des Todes hinabgestiegen war, als Mensch zum Himmel auffahren. Wo wäre in der ganzen Welt und in all den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte sonst noch ein Mensch mit solchen Eigenschaften zu finden? Oh, Herr Jesus! Der Wohlgeruch deines Namens erfüllt das Heiligtum, erfreut das Herz Gottes und beglückt hier auf der Erde schon das Herz der Deinen!

Das Würzrohr

Das Würzrohr ist das dritte Gewürz, das in der Zusammenstellung des heiligen Salböls vorhanden sein musste (siehe 2. Mose 30,23). In Jeremia 6,20 wird es «das gute Würzrohr aus fernem Land» genannt. Es verbreitet einen angenehmen Geruch, vor allem seine Wurzel. Das Innere dieser Wurzel ist rosafarbenes Mark, das in der Herstellung von Parfums Verwendung findet. Der Wohlgeruch dieses Gewürzes war den Orientalen schon früh bekannt. Das Wort «Rohr» erinnert uns an die bekannte Stelle in Lukas 7,24, die Johannes, den Täufer, betrifft: «Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Ein Schilfrohr, vom Wind hin und her bewegt?» Das Rohr ist also ein deutliches Bild vom Menschen in seiner Nichtigkeit: Er ist ein armseliges Wesen, das vom leisesten Windhauch hin und her bewegt wird, dessen Haupt sich unter der kleinsten Widerwärtigkeit zur Erde beugt.

Das Würzrohr ist ein kostbares Vorbild, das wir besser bewundern als erklären können. Wir sehen darin Strahlen der Herrlichkeit dessen, der, obwohl vollkommener Mensch ohne jede Sünde, doch inmitten sündiger Menschen zu wandeln hatte. Er begegnete dem Widerstand des Fürsten der Gewalt der Luft und seiner Agenten. Er wurde erniedrigt und verachtet. Er musste flehen: «Bewahre mich, Gott, denn ich suche Zuflucht bei dir!» (Ps 16,1). Inmitten all des Widerstandes, dem Er begegnete, hörte Er nicht auf, den köstlichen Geruch des vollkommenen Menschen, des «guten Würzrohres» ausströmen zu lassen. Je mehr Widerstand und Hass Ihm begegneten, desto mehr Wohlgeruch stieg zu Gott empor. Nicht nur war ihm auf dem stürmischen See der Wind entgegen, Er war auch immer der unversöhnlichen Gegnerschaft einer gottfeindlichen Welt ausgesetzt. Doch diente dieser Wind nur dazu, den gesegneten Wohlgeruch seines Namens weithin zu verbreiten. In 2. Mose 30,23 werden Zimt und Würzrohr zusammen erwähnt und in Hohelied 4,14 paarweise aufgeführt. Diese Feststellung ist bedeutungsvoll. In 2. Mose 30,23 vereinigen sich eigentlich die beiden zu einem einzigen Gewürz; denn Zimt und Würzrohr machen zusammen das Gewicht von fünfhundert Sekel aus, also gleichviel wie das Gewicht jedes einzelnen der übrigen Gewürze. Wie wir gesehen haben, ist der würzige Zimt das Symbol der vollkommenen Menschheit Christi. Diese Vollkommenheit war es, die den Widerstand und den Hass der sündigen und bösen Menschen auf sich zog, auf die das Würzrohr hindeutet. Der scharfe Wind der Prüfung verbreitete diesen Wohlgeruch weithin. Wie sich das Würzrohr im Boden festwurzelt, so war auch Jesus als Mensch im Wort Gottes fest gegründet. Es war seine Wonne und seine einzige Richtschnur in allen Lagen.

Zur Bereitung des heiligen Salböls war noch ein viertes Gewürz erforderlich, nämlich:

Kassia

Die Botaniker sagen uns, dass Kassia die Frucht eines schönen und grossen Baumes sei. Es überrascht uns nicht; denn alles, was von Christus spricht, muss doch schön und gross sein. Schon im Altertum war Kassia ein gesuchtes Gewürz. Aber auch Gott hat es zu einem der wohlriechenden Gewürze seines Heiligtums ausersehen, als Ausdruck einer Eigenschaft seines geliebten Sohnes. Die folgenden drei Stellen mögen zeigen, welche besondere Seite der Herrlichkeit Christi uns durch dieses Gewürz vorgebildet wird. In 2. Mose 30,24 ist Kassia, wie schon erwähnt, ein Bestandteil des heiligen Salböls. Hiob 42,14 hingegen spricht von der ausserordentlichen Schönheit der drei Töchter Hiobs. Der Name der zweiten Tochter war Kezia, was so viel wie Kassia bedeutet. So stellt uns Kassia Christus als den vor, der die Schönheit selber ist. Die Kassia des Heiligtums war also nicht das Symbol des Wohlgeruchs eines leidenden und erniedrigten Christus, sondern eines Gesalbten, der in all seiner Herrlichkeit und Schönheit kommen wird, wie Jesaja es ausgesprochen hat: «Deine Augen werden den König schauen in seiner Schönheit» (Jes 33,17). So heisst es auch in der dritten Stelle, die von Kassia spricht, im 45. Psalm: «Myrrhen und Aloe, Kassia sind alle deine Kleider». Er wird auf herrlichem Wagen in Majestät und Pracht hinziehen, um sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufzurichten!

Lasst uns Ihn anbeten und uns vor Ihm niederwerfen! Er ist weit herrlicher als ein Joseph, vor dem man ausrief: «Werft euch nieder!» Wie kostbar in allen Teilen ist doch der Wohlgeruch des Namens Jesu!

Mit Kassia endigt die Liste der Gewürze für das heilige Salböl, das über das irdische Heiligtum, ein Bild des wahrhaftigen Heiligtums, gesprengt wurde. Alle Geräte jenes Heiligtums wurden mit diesem kostbaren Öl gesalbt, wie auch Aaron und seine Söhne, die Priester. Für uns ist dieses Öl ein Vorbild von dem Zeugnis des Heiligen Geistes über das, was für Gott den Wohlgeruch Christi ausmacht. Dieser Wohlgeruch erfüllt das Heiligtum und setzt sich auf alle Dinge, die dort sind. Er ruht auch auf den Seinen, die an allen Orten den Wohlgeruch seines Namens ausströmen lassen sollen.