Die Edelsteine der Heiligen Schrift (1)

2. Mose 28,9-14

Die Erde ist voll von Wunderwerken, die der Schöpfer nach seinem Wohlgefallen in einer solchen Fülle auf ihr angehäuft hat, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, um auch nur einen geringen Teil davon zu erforschen. Die Pflanzen, Tiere, Mineralien und noch vieles andere verkünden die grosse Weisheit und vor allem die unendliche Güte dessen, dem es wohlgefällt, sich in allen seinen Werken zu verherrlichen. Er ist es, «der grosse Wunder tut, er allein, denn seine Güte währt ewig», lesen wir in Psalm 136,4. Sogar ein gewöhnlicher Kieselstein, auf den unsere Füsse treten, kann für den, der ein Auge hat, um dessen Schönheiten zu erkennen, ein Gegenstand der Bewunderung sein.

Unter all den Reichtümern des Erdbodens sind es auch die Edelsteine, die von alters her die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gezogen haben. Ihre Schönheit übersteigt alles, was mit Worten, Feder oder Pinsel ausgedrückt werden kann. Sie sind vielfältig in ihrem Farbenspiel und ihren Eigenschaften. Die gelehrten Geologen entdecken darin unzählige Wunder, und die Grossen dieser Welt haben zu ihrem Schmuck und zur Befriedigung ihrer Eitelkeit nichts Glänzenderes gefunden als Edelsteine. Öfters haben sie ungeheure Summen ausgegeben, um ein einziges Exemplar besonderer Schönheit zu erwerben.

Auch das Wort Gottes selbst erwähnt gewisse Edelsteine, und Gott bedient sich ihrer, um uns dadurch einige seiner Gedanken kundzutun. Wenn wir uns durch seinen Heiligen Geist leiten lassen, werden wir hinter dem leuchtenden Glanz dieser so verschiedenfarbigen Steine Strahlen der Herrlichkeit dessen erkennen, der gesagt hat: «Ich bin das Licht der Welt» (Joh 8,12).

Wir dürfen dies umso mehr tun, als zwölf dieser Steine gleich kostbaren Juwelen auf der Brust des Hohenpriesters schimmerten, wenn er mit seinem Kleid der Herrlichkeit und Schönheit angetan war. Das alles sind Schatten der himmlischen Dinge, «der Körper aber ist Christus». Es sind Schönheiten dessen, der uns jetzt in der Gegenwart Gottes, vor dem Thron seiner Gnade, auf seinem Herzen und seinen mächtigen Schultern trägt. Die Grundlagen der himmlischen Stadt, der wir entgegengehen und in die wir bald einziehen werden, sind ebenfalls mit zwölf Edelsteinen geschmückt (Off 21,18-20). Wenn sich Gott die Mühe nimmt, mit uns davon zu reden, sollten wir uns dann nicht damit beschäftigen und zu ergründen suchen, was Er uns dadurch sagen will? Dies hat den Schreiber dieser Zeilen dazu bewogen, mit denen, die den Herrn Jesus lieben, darüber zu reden. Möge ihnen dieselbe Freude zuteilwerden, die er selbst genoss, als er sich mit dem beschäftigte, wovon diese Edelsteine reden. Lasst uns alle zusammen uns in dem freuen, der schöner ist als die Menschensöhne! Möge Gott geben, dass wir durch das Anschauen seiner Herrlichkeit in sein Bild verwandelt werden!

Wir werden uns selbstverständlich nur mit den in der Heiligen Schrift erwähnten Edelsteinen beschäftigen und vor allem mit den Eigenschaften, die uns an die Herrlichkeiten der Person des Christus erinnern. Alles Übrige wollen wir absichtlich beiseite lassen, denn bei der Betrachtung solcher Wunder haben wir vor allem das zu suchen, was unserem inneren Menschen nützlich ist, und nicht das, was nur die Neugierde befriedigen würde.

Wir möchten eingangs zwei Wahrheiten von grösster Wichtigkeit in Erinnerung rufen.

  1. Wenn wir uns beim Betrachten des Wortes Gottes eine Frage stellen, haben wir die Antwort in der Bibel selbst zu suchen, denn die Heilige Schrift erklärt sich selbst.
  2. müssen wir, wenn Gott ein Bild benützt, um uns etwas kundzutun, wenn möglich suchen, dieses Bild im Wort zu sehen, und dies wird uns helfen, seine Lektion, die Er uns geben will, zu verstehen.

Wenn Er zum Beispiel von einem Lamm redet, so werde ich gerne dieses schwache Tier näher betrachten, das weder Zähne noch Krallen hat, womit es sich verteidigen könnte, und so der Willkür seiner Feinde preisgegeben ist. Das wird mich dahin führen, das Lamm Gottes anzubeten, das auf Golgatha geschlachtet wurde und das wir bald auf dem Thron in Herrlichkeit sehen werden. Wunderbar ist die Mannigfaltigkeit der von Gott benützten Mittel, um uns seine Gedanken mitzuteilen! Der Psalmist sagt: «Öffne meine Augen, damit ich Wunder schaue in deinem Gesetz» (Ps 119,18).

Bevor wir auf die Einzelheiten eingehen, wollen wir vorerst etwas über die Zusammensetzung dieser leuchtenden Juwelen der Schöpfung sagen. Bekanntlich bestehen diese Steine hauptsächlich aus drei Stoffen:

  • Sand (Kieselsäure)
  • Tonerde
  • Kohle

Dies mag merkwürdig scheinen, aber es ist eine durch viele Experimente bewiesene Tatsache. Vielleicht wird jemand fragen: Sind diese wunderbaren Edelsteine wirklich aus so gewöhnlichen Stoffen wie Staub, Erde und Kohle zusammengesetzt? Gewiss! Für unseren Gott ist nichts unmöglich. Es gefällt Ihm, sich in den unbedeutendsten Dingen zu verherrlichen. Wir haben diesbezüglich ein noch grösseres Zeugnis als das der Gelehrten: Das Wort selbst bezeugt es, und dieses Zeugnis ist für den demütig Glaubenden wertvoller, als alle durch menschliche Weisheit gemachten Entdeckungen.

Der erste Mensch, Adam, wurde aus dem Staub des Erdbodens (1. Mo. 2,7) gebildet, und doch ist er ein wunderbares Wesen; gerade im Menschen hat Gott seine Ratschlüsse vor den himmlischen Heerscharen kundgetan. Wie viele Menschen haben, obwohl noch im Leib von Staub, Strahlen der Herrlichkeit des Gottes verbreitet, der Licht ist. Gott entfaltete in ihnen seine Macht und offenbarte seine Herrlichkeit in irdenen Gefässen. Denken wir zum Beispiel an Paulus, der in seinem Dienst die Strahlen der Herrlichkeit Gottes vor allen leuchten liess, die ihm zuhörten. Welch ein strahlendes Licht umgab ihn, wenn er das wunderbare Evangelium verkündigte! Trotzdem sagt er, wenn er von seinem Dienst redet, dass er diesen Schatz in einem irdenen Gefäss besitze. Die darin offenbarte Überfülle der Kraft war aus Gott und nicht aus Paulus (vgl. 2. Kor 4,7).

Elihu sagte zu Hiob: «Siehe, ich bin Gottes, wie du; vom Ton abgekniffen bin auch ich» (Hiob 33,6). Und doch, in welchem Lichtglanz strahlte Elihu in jenem Augenblick. Mit welch himmlischem Licht erhellte er die dunkle Szene, in der sich Hiob und seine Freunde bewegten!

Der Rubin mit seinen strahlenden Farben besteht aus Ton. Wenn der Ton in der Hand des Töpfers zu einem Gefäss zur Ehre werden kann, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet, so verherrlicht sich Gott auch darin, dass Er aus Ton ein kostbares Kleinod bildet, mit dem Er einmal die himmlische Stadt zieren will, einen Edelstein, der die Strahlen seiner eigenen Herrlichkeit widerspiegeln wird. Der purpur-violette Amethyst ist blosser, kristallisierter Sand, und doch schmückt dieser Stein die Würdenträger dieser Welt. Der Diamant, der kostbarste und strahlendste unter den Edelsteinen, besteht aus reiner Kohle.

Wie gross ist unser Gott! Es gefällt Ihm, sich in allen seinen Werken zu verherrlichen. Aus ein wenig Erde bildet Er einen Stein, dessen Preis viel höher ist als der des Goldes; aus dem Sand, auf den wir treten, bringt Er ein kostbares Kleinod hervor; aus schwarzer Kohle schafft Er einen funkelnden Edelstein, der all die Strahlen des Lichts zurückwirft. Bald wird Er in den Seinen verherrlicht sein und in allen, die geglaubt haben, bewundert werden. In Erwartung dieses Tages der Herrlichkeit sind wir schon vor Ihm, auf dem Herzen unseres Hohenpriesters als so und so viele Edelsteine der verschiedensten Farben. «O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen? Oder wer hat ihm zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen» (Röm 11,33-36).

Auf dem Brustschild des Hohenpriesters in Israel befanden sich vier Reihen von je drei Edelsteinen (2. Mo 28,15-21). Wir können uns fragen: Warum diese Zahl «vier»? Wir begegnen ihr schon im zweiten Kapitel des ersten Buches Mose, in den vier Flüssen des Stromes, der aus dem Garten Eden floss. Das Neue Testament beginnt mit den vier Evangelien. Vier ist auch die Zahl der Säulen, die den wunderbaren Vorhang trugen, der das Heiligtum vom Allerheiligsten trennte, und der beim Tod des Herrn von oben bis unten zerrissen wurde. Diese Beispiele deuten alle auf die vierfache Herrlichkeit des Christus hin: Als Messias Israels, als vollkommener Diener des HERRN, als Sohn des Menschen und als Sohn Gottes. Auch die vier Reihen Edelsteine bringen diese vier Herrlichkeiten zum Ausdruck wie es die nähere Betrachtung der Steine, die das Brustschild Aarons zierten, uns bestätigen wird.

Wir werden uns jetzt mit jedem einzelnen dieser Edelsteine beschäftigen und uns dabei fragen, was uns Gott durch sie sagen will. Jeder Stein hat seine ihm eigenen, besonderen Eigenschaften.

Der Onyx

Dieser Edelstein wird in der Heiligen Schrift als erster erwähnt (1. Mo 2,12). Zwei dieser Steine finden wir dann als Schulterstücke auf dem Ephod (Oberkleid), das der Hohepriester Aaron trug. Sie waren in Gold eingefasst. Auf dem einen Stein waren die Namen von sechs Söhnen Israels eingestochen und auf dem anderen die Namen der übrigen, alle nach ihrer Geburtsfolge (2. Mo 28,9-14). Auch das Brustschild des Hohenpriesters war nebst anderen Steinen mit einem Onyx geschmückt, dagegen finden wir ihn nicht unter den Edelsteinen, die die Grundlagen des himmlischen Jerusalems zieren (Off 21,19.20).

Nicht zu verwechseln ist der Onyx der Heiligen Schrift mit dem schwarzen, oft mit weissen Adern durchzogenen Stein, der heute unter dem gleichen Namen bekannt ist. Der biblische Onyx hatte die Farbe der Fingernägel, daher der Name Onyx, was «Nagel» bedeutet. Das ist ein Hauptmerkmal, das wir bei diesem Edelstein zu beachten haben. Vielleicht ist noch die Eigenschaft hervorzuheben, dass er leicht gestochen werden kann; nicht alle Edelsteine weisen die gleiche Härte auf.

Welches ist nun die Bedeutung des Onyx? Was wollen uns die besonderen Eigenschaften dieses Edelsteines sagen? Die Antwort gibt die Heilige Schrift selbst. Gott benutzt oft Bilder, um uns in einer genauen und Ihm würdigen Weise seine Gedanken kundzutun. Vor allem will Er uns hier den vorstellen, der unser Hoherpriester ist, den, der sein eigenes Blut ins Heiligtum trug und uns jetzt auf seinen starken Schultern trägt, immerdar für uns betet und sich für uns verwendet.

In den Verordnungen über das Brandopfer vom Geflügel lesen wir, dass der Hohepriester den Kopf des Vogels mit dem Nagel abknicken1 und ihn auf dem Altar räuchern musste (3. Mo 1,15). Es wird kaum notwendig sein, zu sagen, dass dieses Opfer vom erhabeneren und vollkommeneren Opfer dessen spricht, der vom Himmel herabgekommen und durch die Hand ruchloser Menschen getötet worden ist. Er ist es, der nun als der grosse Hohepriester mit uns Mitleid zu haben vermag, da Er «in allem versucht worden ist, in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde» (Heb 4,15); «Denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden» (Heb 2,18). So ist also leicht verständlich, warum die Steine auf den Schultern des Hohenpriesters Onyxsteine waren, die die Farbe der Nägel der menschlichen Hand hatten. Sie redeten zum Voraus davon, dass ruchlose Menschenhände sich an dem Heiligen und Gerechten vergreifen würden, der sich nunmehr für uns verwendet. In der Kraft einer Liebe, die nichts aufzuhalten vermochte, und Ihn durch die Leiden des Kreuzes hindurchgehen liess, setzt Er seinen Dienst fort, bis wir in den himmlischen Wohnungen angelangt sind. Wie wohl tut es uns, sich auf solchen Schultern getragen zu wissen, im Bewusstsein, dass wir in Ihm gerechtfertigt und für sein Herz Kleinode sind.

Wir verstehen aber, weshalb dieser Edelstein Onyx in der Grundlage des himmlischen Jerusalems fehlt: Wenn wir dort anlangen, benötigen wir den Dienst des Hohenpriesters nicht mehr, weil wir dann den Mühen und Gefahren der Reise durch diese Welt auf immerdar enthoben sind.

  • 1Der in den meisten deutschen Bibelübersetzungen mit «knicke ihr (der Taube) den Kopf ab» wiedergegebene hebräische Text kann auch mit «trenne ihr den Kopf mit dem Nagel ab» übersetzt werden. So sagt die französische Übersetzung von J. N. Darby: «et lui détachera la tête avec l'ongle».]