Mose, der Mann Gottes (1)

2. Mose 2,1-15; 2. Mose 3; 2. Mose 4; Apostelgeschichte 7,20-35; Hebräer 11,23-26

I. Kindheit, Jugendzeit, Berufung

1. Der Glaube der Eltern

(2. Mose 2,1-10; Apostelgeschichte 7,20-22; Hebräer 11,23)

Amram und Jokebed, die Eltern Moses, waren nach 2. Mose 6,18-20 vom Stamm Levi und gehörten zur Familie der Kehatiter, die in der Zukunft, im Zusammenhang mit der Stiftshütte, eine so wichtige Aufgabe erfüllen sollte.1 Im Wort werden drei Kinder erwähnt: Mirjam, die Älteste, sodann Aaron und der um drei Jahre jüngere Mose (2. Mo 7,7).

Nicht lange vor der Geburt dieses dritten Kindes hatte Pharao die Verordnung erlassen, dass die Israeliten jedes männliche Kind in den Strom werfen sollten; nur die Mädchen durften am Leben bleiben. Welche Übungen musste dies im Herzen Jokebeds hervorrufen während der langen Monate des Wartens auf die Geburt des erhofften Kindes! Würde es ein Mädchen sein, das sie behalten durfte? Das Kind kam zur Welt: Es war ein Sohn, aber nicht ein Knabe wie die anderen. Der Glaube der Eltern gewahrte in ihm eine besondere Schönheit. Aus Apostelgeschichte 7,20 geht hervor, dass er schön für Gott war; und in Hebräer 11,23 wird ausdrücklich unterstrichen, dass die Eltern das Kind verbargen, weil es schön war.

In dieser Welt gab es keinen Platz für den, den Gott von Geburt an in besonderer Weise als Ihm angehörend bezeichnet hatte. So gibt es ja später in Bethlehem auch keinen Platz für das Kind Jesus; der König Herodes wird Ihn zu töten suchen, wie Pharao den kleinen Mose hatte umbringen wollen. Heute wie damals klammert sich der Glaube an den, den die Welt verachtet; Er ist für ihn «schöner als die Menschensöhne». Drei Monate fürchteten die Eltern das Gebot des Königs nicht und taten alles, um das Kind zu verbergen. Aber der Augenblick kam, wo dies nicht mehr möglich war. Mit welcher Sorgfalt bereitete die Mutter nun das Kästchen zu, verpichte es mit Erdharz und mit Pech und legte es in das Schilf am Ufer des Stromes, unter der Obhut Mirjams!

Während einiger Jahre stehen die Kinder christlicher Eltern ganz besonders unter dem Einfluss ihrer Mutter, die sie mit ihrem Schutz und ihrer Pflege umgibt. Dann kommt der Augenblick, wo das Kind in eine äussere Umgebung «ausgesetzt» werden muss. Es geht zur Schule, kommt in Berührung mit seinen Kameraden und seinen kleinen Nachbarn. Wohl wissend, dass sie ihren Schatz nicht immer bei sich behalten kann, wird eine christliche Mutter doch darauf achten, dass in diesem neuen Zeitabschnitt alle irgend möglichen Vorsichtsmassnahmen getroffen werden, damit es nicht unnötigerweise schlechten Einflüssen ausgesetzt ist. Vor allem wird sie es im Glauben der Fürsorge des Herrn anbefehlen, der mächtig ist, es zu bewahren.

Wie wurde dem Vertrauen der Eltern Moses so wunderbar entsprochen! Die Hand Gottes zeigte sich in allen Einzelheiten: In der Wahl des Ortes und der Stunde, wo die Tochter des Pharaos baden kam; in dem Erbarmen, das sie erfasste; in der Geistesgegenwart Mirjams; im Wohlwollen der Prinzessin, die das Kind die ersten Jahre seines Lebens seiner Mutter überliess.

Im mütterlichen Heim bleibt Mose nun unter der Erziehung seiner Eltern. «Das Kind wurde gross.» Später ist es im Königspalast, wo ihn die Tochter des Pharaos «sich» zum Sohn aufzieht (Apg 7,21). Mose «unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter» (Apg 7,22), wird dort mächtig in seinen Worten und Werken;2 Mose lernt die Schätze Ägyptens kennen. Welche der beiden Erziehungsweisen wird die Oberhand behalten? Die der wenigen Jahre im Elternhaus, wo Amram – demgegenüber sich der HERR «der Gott deines Vaters» nannte (2. Mo 3,6) – und Jokebed zweifellos nicht verfehlt haben, von dem HERRN und von dessen Verheissungen gegenüber seinem Volk zu erzählen; oder die Erziehung am Hof während so vieler Jahre, die die Erinnerung an das, was Mose zu Hause gehört hatte, hätte auslöschen können?

Ist das nicht auch ein ganz modernes, ernstes Problem? Christliche Eltern suchen ihre Kinder für den Herrn zu erziehen. Sie unterweisen sie im Wort Gottes. Die Jungen empfangen ausserdem in der Sonntagsschule und in den Versammlungen die nötige Belehrung. Dann sind sie aber auch dem Einfluss des Studiums, der Lehrzeit, der Berufsbildung ausgesetzt, der sich unweigerlich stark geltend macht. Dieser Einfluss wird im Herzen eines jungen Menschen verdecken, was er im Elternhaus empfangen hat, wenn er nicht einen persönlichen und lebendigen Glauben an den Herrn Jesus besitzt. Der Fall von Joas zeigt deutlich, wie der «anerzogene Glaube» sich verflüchtigt, wenn die Einflüsse, die ihn unterhalten haben, nicht mehr da sind (2. Chr 24,17-25).

2. Die Wahl des Vierzigjährigen

(2. Mose 2,11-15; Apostelgeschichte 7,23-29; Hebräer 11,24-26)

Als er ein Alter von vierzig Jahren erreicht hatte, kam es im Herzen Moses auf, seine Brüder zu besuchen. Er ging zu ihnen hinaus und sah ihren Lastarbeiten zu. Am Hof hatte er gewiss nicht gelernt, dass diese verachteten Hebräer seine Brüder waren, und noch weniger, dass ihnen Verheissungen gegeben waren (1. Mo 15,13.14). Aber die von den Eltern empfangene Unterweisung blieb in seinem Herzen lebendig. Es scheint, dass nun ein Tag der Entscheidung gekommen war. Es hätte ihm öffentlich der Titel «Sohn der Tochter Pharaos» verliehen werden sollen. Bei diesem Anlass «weigerte» sich Mose (Heb 11,24). Das Wort sagt uns nichts von der Reaktion der Prinzessin, aber die Handlungsweise des Glaubens ist für die Kinder der Welt von jeher schwer begreiflich. Und Mose selbst verzichtete damit auf so vieles: Ehrenstellung, materielle Vorteile, Reichtümer und «zeitlichen Genuss».

Es gibt Tage im Leben, wo man «nein» sagen muss. Joseph (1. Mo 39,10) ist ein Beispiel dafür, in einem Fall, wo durch die Gnade Gottes die ganze Entschlusskraft eines Herzens nötig war, das dem Herrn anhing, um sich zu weigern, um davonzueilen und zu brechen. Wenn wir auch nie berufen sein werden, so grossen Dingen zu entsagen, wie Mose sie ausschlug, so wird es sicherlich auch für uns Umstände geben, wo es gilt, in einer verunreinigten Welt auf materielle Vorteile zu verzichten, damit sie nicht zum Hindernis in der Gemeinschaft mit dem Volk Gottes werden, selbst wenn dies ein Opfer bedeutet.

Aber die negative Seite genügt nicht. Mose «wählte». Was wählte er? – «mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden». Viele Gelegenheiten werden uns geboten, zugunsten derer zu wählen, die der Herr liebt, wenn diese auch nicht das Ausmass der Entscheidung von Mose erreichen. Der «Genuss der Sünde» ist, wie das Wort sagt, «zeitlich», also nur für eine Zeit, «wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit» (1. Joh 2,17). Selber sich geweigert und gewählt zu haben, gab Mose die nötige Autorität, auch von anderen, besonders von seinem Volk zu verlangen, in ihrem Mass dasselbe zu tun. In Hebräer 11 wird der Vorhang vom Herzen Moses emporgehoben, so dass das Geheimnis sichtbar wird, das seinen Glauben in Bewegung setzte. Er traf seine Wahl nicht durch Willenskraft oder aus selbstgerechter Enthaltsamkeit, sondern weil er die Schmach des Christus für grösseren Reichtum «hielt» als die Schätze Ägyptens. Das Museum in Kairo und das Grab Tut-anch-Amons beweisen, dass jene Schätze nicht gering waren. Aber das, was sich – zweifellos dem Bild nach – auf Christus bezog, hatte für das Herz Moses mehr Wert als alles Übrige; es war ein grösserer Reichtum!

Seine Brüder würden gewiss den Selbstverzicht Moses und seine Hingabe für ihre Sache würdigen: «Er meinte aber, seine Brüder würden verstehen, dass Gott ihnen durch seine Hand Rettung gebe» (Apg 7,25). Doch wie sehr wurde er enttäuscht! «Sie aber verstanden es nicht», und der Israelit, den er zurechtwies, weil er seinem Nächsten Unrecht tat, «stiess ihn weg». Was hatte es ihm nun eingetragen, sich zu «weigern», zu «wählen» und vorzuziehen, wenn es nur zu diesem Ergebnis führte?

Aus Furcht vor dem Pharao entfloh Mose nach Midian. Er setzte sich an einen Brunnen; die bittersten Gedanken wollten seinen Geist nun wohl gefangen nehmen, aber er gab sich ihnen nicht hin: Als Zeuge der Belästigungen, denen die Töchter Reghuels ausgesetzt waren, gab er sich nicht seinem eigenen Schmerz hin, sondern kam ihnen zu Hilfe und bewahrte so seinen Charakter als Befreier und Diener.

Wie war dies alles möglich? Das Geheimnis wird uns in Hebräer 11,26 gezeigt: «Er schaute auf die Belohnung.» Seine Blicke waren nicht auf die allernächste Zukunft gerichtet, auf die Vorteile, die er eingebüßt hatte, auf die ihm beschiedene Trübsal. Selbst am Brunnen von Midian, in seiner tiefsten Not, bewiesen seine Handlungen, dass in seinem Herzen der Glaube standhielt. Er schaute weiter, zur Höhe empor. In der Tat, der Weg, zu dem er sich verpflichtet hatte, sollte ihn

  • zum Triumphgesang am Ufer des Roten Meeres führen,
  • zu den Offenbarungen auf dem Sinai,
  • zu einer Herrlichkeit, die sein Angesicht widerstrahlte,
  • zum vertrauten Umgang mit Gott auf dem Pisga, und schliesslich
  • zur Erscheinung in Herrlichkeit auf dem Berg der Verklärung.

Diese Dinge haben noch eine andere Seite. Als Mose zu seinen Brüdern ging, hatte er den HERRN nicht befragt; der Augenblick Gottes war noch nicht gekommen, weder für sein Volk noch für ihn selbst. Er ging in eigener Kraft, was die Menschenfurcht nicht ausschloss, im Gegenteil, «er wandte sich hierhin und dorthin» (2. Mo 2,12). Jetzt aber, in der Stille, in der Zurückgezogenheit, allein mit Gott, sollte er nun zum Hirten geformt werden, wie einst Jakob oder David nach ihm. Sein Glaube war echt und tief, aber Mose hatte noch die Schule Gottes nötig.

3. Das «Gesicht» des Achtzigjährigen

(2. Mose 3 und 4; Apostelgeschichte 7,30-35)

Die Zeit der Verheissung, die Gott Abraham zugesagt hatte, war herangenaht (Apg 7,17). Die Jahre der verborgenen Heranbildung hatten das Werkzeug geschmiedet; die Wüste war für Mose das, was das Gefängnis für Joseph gewesen war, und was der Bach Krith und Sarepta für Elia oder Arabien für Paulus sein würden. Wenn Gott in unserem Leben solche uns oft unverständliche Zeiten zulässt, wo wir durch Krankheit oder andere Umstände in unserer Arbeit gehindert und auf die Seite genommen werden, ist es dann nicht wichtig, sich die stille Zeit dadurch zunutze zu machen, dass wir uns besonders intensiv vom Wort nähren und in der Schule Gottes lernen, was wir im tätigen und lärmigen Leben, das unser übliches Los ist, nie gelernt hätten? Wir können solche Zeiten unnütz verstreichen lassen und vertun. Werden sie aber ausgenützt, so können sie zur Grundlage eines gesegneten Dienstes für das Volk Gottes werden.

Gott wird sich jetzt Mose kundtun und ihn zu dem Dienst berufen, für den Er ihn von Geburt an vorbereitet hat. Aussergewöhnlicher und vielleicht einziger Augenblick im Leben, wo die Seele in ganz besonderer Weise die Gegenwart ihres Gottes empfindet, wie auch die damit verbundene Heiligkeit und wo sie seine Stimme deutlich vernimmt. Ein solches Schauen Gottes wird die ganze weitere Existenz bestimmen, es kann sie fruchtbar oder fruchtleer machen, je nachdem, ob man gehorcht oder nicht.

«Und nun geh hin, denn ich will dich … senden» (2. Mo 3,10). Der Augenblick Gottes war gekommen. Einst wollte Mose gehen, ohne die göttliche Stunde abzuwarten. Jetzt aber zögerte er. Nun wollte doch Gott mit ihm sein; in seiner Gesellschaft, in seiner Gemeinschaft wurde Mose ausgesandt. Aber er war nicht geneigt, dem Ruf zu folgen. Er erhob vor Gott nacheinander vier Einwände.

«Wer bin ich?» (Vers 11). Ich bin nicht fähig, ich bin nicht vorbereitet, ich wüsste nicht, was machen … Wie viele solcher Entschuldigungsgründe sind doch im Lauf der Zeitalter in den Herzen derer aufgestiegen, die Gott berief! – «Weil ich mit dir sein werde», ist die entscheidende und klare Antwort, die allen Dienern genügen sollte. Ein Gideon, ein Jeremia, die Apostel zu Füssen ihres auferstandenen Herrn, Paulus im Gefängnis und so viele andere hörten sie und haben dann auf dem Weg die glückselige Erfahrung des Wertes der göttlichen Gegenwart gemacht.

Aber Mose genügte diese Verheissung nicht. Ein anderer Einwand erhebt sich in ihm: Die Kinder Israel werden mich fragen: «Was ist sein Name? Was soll ich zu ihnen sagen?» Voller Herablassung offenbarte sich Gott nun als der, der ist: «Ich bin, der ich bin.» Der, der war und ist und sein wird, bleibt immerdar; das Wort, das im Anfang bei Gott war, Jesus Christus, ist derselbe, gestern heute und in Ewigkeit.

Mose werden alle notwendigen Unterweisungen gegeben; aber das genügt ihm immer noch nicht. Er führt den Grund an: «Aber siehe, sie werden mir nicht glauben» (2. Mo 4,1). Auf diesen Einwand hin gibt ihm Gott drei Zeichen, die seinen Auftrag beglaubigen sollen:

  • Der Stab, der sich in eine Schlange verwandelt und die Mose beim Schwanz fassen kann, um die Macht zu veranschaulichen, die Gott angesichts der Macht des Feindes seinem Werkzeug zu verleihen vermag;
  • die Hand, die, in den Busen gesteckt, aussätzig ist und dann wieder gereinigt wird, zeigt, dass Gott allein den Aussätzigen heilen und den Sünder reinigen kann;
  • das Wasser des Nils – die Quelle des Lebens für die Ägypter – in Blut verwandelt, weist darauf hin, dass dieses widerspenstige Volk vom Gericht heimgesucht werden wird.

Aber Mose ist noch nicht geneigt, zu gehen: «Ach, Herr, ich bin kein Mann der Rede, weder seit gestern noch seit vorgestern, noch seitdem du zu deinem Knecht redest» (2. Mo 4,10). Beim Verlassen des Hofes des Pharaos war Mose mächtig im Wort; die Jahre der Wüste aber haben ihn zur Erkenntnis gebracht, dass die natürliche Gabe der Beredsamkeit gar wenig wert ist. Der HERR sagte zu ihm: «Geh hin, und ich will mit deinem Mund sein und dich lehren, was du reden sollst.»

Noch einmal wirft Mose etwas ein, wenn auch weniger bestimmt (Vers 13). Durch den Zorn des HERRN gezwungen, gibt er endlich nach, geht zu seinem Schwiegervater, bittet ihn um Erlaubnis, nach Ägypten zurückzukehren, und bereitet die Abreise vor.

Es scheint jedoch, dass er zu lange in Midian verweilte. Jedenfalls erinnerte ihn der HERR an den Auftrag (2. Mo 4,19) und sagte: «Geh hin, kehre nach Ägypten zurück.» Unterwegs noch gab Er ihm Anweisungen. Da war ein geheimes, verborgenes Hindernis, eine Unterlassungssünde vielleicht, bestehen geblieben; aber Gott kann bei seinem Diener nichts übersehen, was im Wort klar verordnet ist. Als Zugeständnis an die Midianiter, an Zippora wahrscheinlich, hatte Mose seinen Sohn nicht beschnitten. Im Staub und Lärm einer der Karawanen-Herbergen, die meist von Tieren wimmeln, «fiel der HERR Mose an und suchte ihn zu töten». Vermutlich wurde er todkrank. Zippora sah darin mit Recht ein Gericht Gottes und beeilte sich, die bis dahin vernachlässigte Verordnung der Beschneidung zu erfüllen. Mose wurde in seiner Seele und in seiner Gesundheit wiederhergestellt. Aaron kam ihm entgegen, und zusammen machten sie sich auf, um das Werk auszuführen, zu dem der HERR sie aussandte. Aller Wahrscheinlichkeit nach ging Zippora zu ihrem Vater zurück und fand sich erst am Berg Gottes wieder mit Mose zusammen (2. Mo 18,5).

Was wäre aus Mose geworden, wenn er an jenem ganz besonderen Tag seines Lebens nicht gehorcht hätte? Er wäre ohne Zweifel in Midian geblieben, ein unbekannter Hirte, von dem wir nie hätten reden hören. Das Volk wäre in der Sklaverei Ägyptens geblieben, oder vielmehr, Gott hätte sich eines anderen Werkzeuges bedient, um es zu befreien.

Mose hat auf die deutliche, göttliche Berufung geantwortet. Und dann ist er durch all die kommenden Jahre hindurch in der Vertrautheit mit dem gewachsen, den er als Gott der Gnade kennengelernt hatte, als er Ihm «im Dornbusch» erschien (5. Mo 33,16).