Die Nacht, in der Er überliefert wurde (1)

«Betrachtet den, der so grossen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat» (Heb 12,3).

Auf dem Weg hinauf nach Jerusalem war der Herr Jesus wenige Tage vor dem Passahfest in die Stadt gekommen. Es war am Donnerstag dieser letzten Woche seines Lebens auf der Erde, als zwei seiner Jünger mit der Frage an Ihn herantraten: «Wo willst du, dass wir hingehen und bereiten, damit du das Passah essen kannst?» Nach dem Bericht des Lukas handelte es sich um Petrus und Johannes, die diese Frage stellten, während Markus ihre Namen verschweigt. Der Herr bestimmte dann selbst den Ort, wo Er mit seinen Jüngern dieses letzte Passahmahl essen wollte. Mit Sehnsucht hatte Er sich danach gesehnt. «Als die Stunde gekommen war, legte Er sich zu Tisch, und die Apostel mit ihm» (Lk 22,14). Es wird wohl gegen sechs Uhr am Abend gewesen sein. Die Nacht1 begann, die für unseren Herrn so voller Mühe und Not war.

Paulus erwähnt diese Nacht mit den kurzen, aber so inhaltsschweren Worten: «Die Nacht, in der er überliefert wurde» (1. Kor 11,23). Verfolgen wir nun den Gang der Ereignisse, wie sie uns in den vier Evangelien beschrieben werden.

Im Obersaal

Vor dem Passahmahl (in Johannes 13 Abendessen genannt) legte der Herr seine Oberkleider ab und begann die Füsse der Jünger zu waschen. Er, der wusste, dass «der Vater ihm alles in die Hände gegeben hatte», scheute nicht davor zurück, den Dienst eines Sklaven zu tun und wollte in der Mitte der Jünger wie der Dienende sein. Petrus versuchte, Ihn an diesem Dienst zu hindern, wobei er seinen menschlichen Gefühlen freien Lauf liess. Er verstand nicht, was sein Herr ihn lehren wollte, aber er sollte es «nachher verstehen». Im Gegensatz zu Petrus dürfen wir heute, da wir den Heiligen Geist besitzen, die volle Bedeutung der Fusswaschung erfassen. Wie treffend hat jemand den geistlichen Sinn dieser Handlung mit den Worten beschrieben: Der Herr Jesus gebraucht das Wasser (das Wort Gottes), um die zu reinigen, die von ihren Sünden in seinem Blut gewaschen sind.

Kurz darauf wurde der Herr im Geist erschüttert. Er musste den Verräter bezeichnen. «Einer von euch wird mich überliefern», bezeugte der Herr. Die Jünger wurden durch diese Mitteilung sehr betrübt, worauf der Herr sie mit dem Hinweis beruhigte, dass die Schriften erfüllt werden müssten. Ihr Vertrauen in das geschriebene Wort sollte dadurch gestärkt werden.

Als Judas einen Bissen (vom Passahmahl) genommen hatte, ging er hinaus, um sein schreckliches Werk auszuführen. Wie finster mag es in seinem Herzen gewesen sein. «Es war aber Nacht», so berichtet Johannes. Und diese Nacht würde damit enden, dass Judas sich selbst richtete. Keiner hat die ganze Tragweite der bevorstehenden Handlung so im Herzen empfunden wie der Herr Jesus selbst. Er wusste, was es für Gott, für Ihn selbst, aber auch für Judas bedeutete. Manche denken, dass Judas zu diesem Verrat «bestimmt» gewesen sei, aber das ist ein grosser Irrtum. Vielmehr zeigt die ganze Geschichte des Judas, dass der Mensch für sein Tun voll verantwortlich ist. Dieser Grundsatz wird in der Schrift klar herausgestellt. Lasst uns bedenken: Wir alle müssen früher oder später Rechenschaft ablegen von dem, was wir auf der Erde getan haben, es sei Gutes oder Böses. Aber das Schrecklichste, was ein Mensch tun kann, ist, die Liebe des Herrn Jesus abzulehnen.

Nachdem der Verräter den Obersaal verlassen hatte, setzte der Herr seinen Jüngern das Gedächtnismahl ein. Er nahm eines von den auf dem Tisch liegenden Broten, dankte, brach und gab es den Jüngern mit den Worten: «Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird.» Dann nahm Er «den Kelch nach dem Mahl» und sagte: «Dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.» Die Worte, die der Herr in seinem Dankgebet aussprach, sind uns nicht mitgeteilt worden. Aber die Tatsache, dass Er dankte, ist uns Anlass und Hinweis genug, dass das Brechen des Brotes am ersten Tag der Woche unzertrennlich mit Dank und Anbetung verbunden ist. Wenn dabei unsere Segnungen auch nicht im Vordergrund stehen, so dürfen und sollen wir trotzdem die tiefe Bedeutung der Worte nicht vergessen: für euch. Sie bezeugen seine unfassbare Liebe. Vergiss es nicht, Er hat dich geliebt bis in den Tod, und in grossen Wassern konnte diese Liebe nicht ausgelöscht werden! Dafür wollen wir Ihm jetzt und ewig dankbar sein.

Ohne die Anwesenheit des Judas war der Herr nun auch frei, seinen Jüngern bis dahin unbekannte Dinge mitzuteilen. Sie sind uns erhalten geblieben durch den Dienst des Johannes. Er beschreibt sie uns im 14. Kapitel seines Evangeliums. Da fallen uns zwei markante Wahrheiten auf:

  • Das Haus des Vaters sollte auch der Jünger und damit unser ewiges Heim werden
  • Der Herr wollte nach seiner Rückkehr zum Vater den Heiligen Geist auf die Erde senden

Wie mögen die Jünger diesen wunderbaren und göttlichen Geheimnissen gelauscht haben, obwohl sie diese in ihrer Tiefe nicht verstanden. Aber der Heilige Geist sollte ja kommen und ihnen alles erklären. Der Herr wollte sie nicht verwaist zurücklassen. «Ich komme zu euch», so versprach Er ihnen. Und dieses Versprechen hat Er eingelöst. Am Pfingsttag kam Er zu ihnen – in der Person des Heiligen Geistes. Gepriesen sei sein Name dafür!

Die Stunden des Zusammenseins in der abgeschiedenen und trauten Atmosphäre des Obersaals gingen nun zu Ende. Am Schluss dieses Zusammenseins geschah dann etwas, das wir vielleicht aufgrund der ganzen Situation nicht erwartet hätten. Die elf Jünger sangen ein Loblied, und der Herr Jesus stimmte in diesen Lobgesang mit ein. Oder hatte Er vielleicht das Lied selbst angeordnet? Wir wissen es nicht. Ebenso sind uns die Worte, die gesungen wurden, nicht bekannt. Ähnlich wie beim Danken des Herrn vor dem Brechen des Brotes, berührt uns auch hier die Tatsache des Lobens und Dankens. Die Geschichtsschreiber berichten, dass man beim Passahmahl die Psalmen 113 – 118 gesungen habe. Wie dem auch sei, unsere Herzen werden bewegt, den Herrn in seiner Treue und Hingabe an seinen Gott zu sehen. «Beständig soll sein Lob in meinem Mund sein» (Ps 34,2). Ja, Herr Jesus, wir bewundern dich! Dein Name ist ein ausgegossenes Salböl!

In diesem Zusammenhang sei noch einmal mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass Judas nicht an dem Abendmahl teilgenommen hat. Nach dem Bericht des Lukas könnte man zu einer solchen Schlussfolgerung kommen. Man vergisst dabei aber, dass Lukas nicht in einer zeitlichen Reihenfolge berichtet. Die Darstellung des Johannes zeigt klar, dass Judas, nachdem er den Bissen vom Passahmahl genommen hatte, hinausging. Erst als er den Obersaal verlassen hatte, setzte der Herr das Abendmahl ein.

Auf dem Weg nach und in Gethsemane

Durch die stillen Strassen von Jerusalem – die zweite Nachtwache hatte inzwischen begonnen – geht eine kleine Schar von Männern. Ihr Ziel ist der Ölberg. Es ist der Herr Jesus mit seinen Jüngern. Vor sechs Tagen war Er in entgegengesetzter Richtung gegangen. Weinend hatte Er dort am Abhang des Berges gestanden, als Er die geliebte Stadt vor sich sah und klagen musste: «Wenn du doch erkannt hättest – und wenigstens an diesem deinem Tag –, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen» (Lk 19,42).

Jetzt geht der Herr aus der Stadt hinaus, und zwar dem entgegen, der Ihn verraten und überliefern würde. Die noch verbleibende Zeit nutzt der Herr, um seine Jünger zu trösten und zu belehren: «Ich bin der wahre Weinstock … Wer in mir bleibt, und ich in ihm, dieser bringt viel Frucht.» Er bemerkt ihre Betrübnis und redet ihnen zu, dass Er sie wiedersehen werde, und dann sollte ihre Traurigkeit in Freude verwandelt werden.

  • Ja, wer ist Ihm gleich,
    so mild und so reich,
    an Liebe und Macht und Erbarmen!

Er kennt auch unseren Kummer und will uns nahe sein, um uns zu trösten, so wie Er es damals bei seinen Jüngern getan hat.

Dann überqueren sie den Bach Kidron, um in den Garten zu kommen. Kidron heisst auf Deutsch: dunkel oder trübe. Finsternis war im Herzen des Judas, und der Herr sieht nun die Stunde auf sich zukommen, von der Er bei seiner Gefangennahme sagt: «Dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis» (Lk 22,53). Aber noch ist es nicht so weit. Der Herr muss dort im Garten Gethsemane erst noch den ringenden Kampf durchstehen. Er bittet seine Jünger, mit Ihm zu wachen. Er sucht nach Tröstern und findet keine. Ein Engel muss kommen, um das zu tun, was die Jünger hätten tun sollen: Ihn stärken. Mit Ihm zu wachen, wäre für den Herrn sicher schon ein Beweis des Mitgefühls gewesen.

Stattdessen schlafen sie ein vor Traurigkeit. So wie sie auf dem Berg angesichts seiner Herrlichkeit einschliefen, so geschah es auch hier, wo der Herr Jesus, nur einen Steinwurf weit von ihnen entfernt, auf der Erde liegt und mit starkem Schreien und Tränen betet. Das Kreuz steht vor seiner Seele! Er, der Sünde nicht kannte, sollte zur Sünde gemacht werden. Ergeben in den Willen des Vaters, steht Er dann auf: «Lasst uns gehen; siehe, der mich überliefert, ist nahe gekommen.»

Judas kommt mit einer grossen Volksmenge. Sie tragen Leuchten und Fackeln. War das nötig? Es war doch Vollmond2 (14. Nisan), und im Orient sind die Nächte dann sehr hell. Ja, so hell wie die Nacht äusserlich war, so überaus finster war sie aber in sittlicher Hinsicht. Judas verrät den Herrn mit einem Kuss und sagt: «Sei gegrüsst, Rabbi!», was so viel heisst wie: Freue dich! Der Herr Jesus spricht noch einmal zu Herz und Gewissen des ehemaligen Jüngers: «Freund, wozu bist du gekommen?» Es ist vergeblich! Der Sohn des Verderbens vollendet sein Werk. Noch wenige Stunden, dann wird er in die ewige Nacht gehen!

Der Herr selbst wird gebunden und dann weggeführt. Alle Jünger fliehen, auch der «starke Petrus». Die Folgen seiner Torheit, mit dem Schwert dreinzuschlagen, macht der Herr wieder gut und vollbringt ein letztes Wunder der Heilung.

  • Deinen Feinden – wer kann's fassen! –
    wurdest Du, Herr, überlassen.
  • 1In damaliger Zeit begann die Nacht ungefähr um sechs Uhr am Abend und endete ungefähr um sechs Uhr am Morgen. Sie wurde in vier Nachtwachen eingeteilt: Abend, Mitternacht, Hahnenschrei und früher Morgen. Die nachfolgend erwähnten Zeitangaben sind als annähernd anzusehen. Sie stützen sich auf die Berichte der vier Evangelien.
  • 2Übrigens widerlegt das auch die Behauptung der Bibelkritiker, die Sonnenfinsternis während der drei Stunden sei natürlicher Art gewesen. Bei Vollmond gibt es keine Sonnenfinsternis.