«Der Kommende» (1)

In den Schriften des Neuen Testaments wird die herrliche Person unseres Herrn Jesus in dem ganzen Mass offenbart, wie wir, seine Erlösten, es durch den Heiligen Geist in diesem Leib zu fassen vermögen. Aber auch für uns bleibt manches an Ihm ein verhülltes Geheimnis, vor allem die Verbindung seiner Gottessohnschaft mit seiner Menschheit: «Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater» (Mt 11,27).

Dass aber der Geist Gottes schon in den Büchern des Alten Testaments den Weg, den der Sohn Gottes von Ewigkeit her bis zum kommenden Friedensreich einschlagen sollte, in so vielen genauen Aussprüchen und deutlichen Bildern beschrieben hat, ist eine kostbare Ergänzung zu den neutestamentlichen Offenbarungen. Zwar leuchtet das Licht über unseren Herrn im ersten Teil der Bibel noch nicht so hell, weil ja die drei Personen der Gottheit erst beim Herabkommen des Sohnes Gottes deutlich unterschieden werden (Mt 3,16.17 usw.).

Unzählige dieser Aussprüche werden in den Evangelien angeführt, in denen uns das Kommen, das Leben, der Dienst Christi und sein Erlösungswerk am Kreuz beschrieben werden. Besonders im Matthäus-Evangelium werden sie benützt, um dem Volk Israel zu beweisen, dass sich bezüglich der Person Christi, der zu ihm kam und den es verwarf, alles nach den Schriften der Propheten erfüllt hat und erfüllen wird. Auch in den Briefen der Apostel, vor allem im Hebräerbrief, werden ihre Worte zitiert, um sie zu erklären und dadurch die Herrlichkeit des Herrn Jesus Christus zu erhöhen.

Für uns, die wir wissen können, was das Neue Testament alles von Ihm sagt, ist es kostbar, in diesem Licht dem Lauf der Voraussagen im ersten Teil der Bibel, die von Ihm reden und auf Ihn deuten, nachzuspüren. Ihre bilderreiche Sprache gibt seinen Herrlichkeiten und Schönheiten oft einen besonderen Glanz.

Soweit seine Gnade es schenkt, werden hier einige wenige dieser Voraussagen möglichst der Reihe nach aufgeführt und mit kurzen Worten begleitet. Es ist nicht die Absicht, alle Hinweise und Bilder im Alten Testament anzuführen, die von dem «Kommenden» reden. Das wäre unmöglich, denn ihre Fülle ist unfassbar gross.

I.

Die Worte in Sprüche 8,22-31 reden von der Existenz des Sohnes Gottes in der vergangenen Ewigkeit.

1. Vor der Erschaffung oder Wohnbarmachung der Erde:

  • «Der HERR besass mich im Anfang seines Weges, vor seinen Werken von jeher. Ich war eingesetzt von Ewigkeit her, von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde. Ich war geboren, als die Tiefen noch nicht waren, als noch keine Quellen waren, reich an Wasser. Bevor die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln war ich geboren; als er die Erde und die Fluren noch nicht gemacht hatte, und den Beginn der Schollen des Erdkreises.»

In diesem Kapitel wird von der Weisheit Gottes geredet. «Der HERR, (unter welchem Namen der Schreiber Gott kannte), besass sie … von Ewigkeit her, von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde.»

2. Diese Weisheit wurde eingesetzt bei deren Planung und bei der Schöpfung selbst:

  • «Als er die Himmel feststellte, war ich da, als er einen Kreis abmass über der Fläche der Tiefe; als er die Wolken droben befestigte, als er Festigkeit gab den Quellen der Tiefe; als er dem Meer seine Schranke setzte, dass die Wasser seinen Befehl nicht überschritten, als er die Grundfesten der Erde feststellte – da war ich Werkmeister bei ihm und war Tag für Tag seine Wonne.»

Wir wissen aus 1. Korinther 8,6, dass von Gott, dem Vater, alle Dinge sind, aber durch den Herrn Jesus Christus. Alles wurde durch das Wort, das bei Gott war (Joh 1,1-3). Die Weisheit ist in Ihm personifiziert; sie wurde durch Ihn offenbar und sichtbar (vgl. 1. Kor 1,30). Wir gehen daher nicht fehl, wenn wir im Ausdruck «Werkmeister bei ihm», den Sohn Gottes sehen, in der ungestörten, ungetrübten Gemeinschaft der Liebe, die von Ewigkeit her zwischen dem Vater und dem Sohn bestand.

3. Von jeher und seit die Tage der Erde begonnen haben, ist der Sohn die Wonne des Vaters.

  • «Vor ihm mich ergötzend allezeit, mich ergötzend auf dem bewohnten Teil seiner Erde; und meine Wonne war bei den Menschenkindern.»

Auf den Sohn Gottes bezogen, haben diese Worte eine kostbare Bedeutung. Dieses Bekenntnis seiner Zuneigung zu den Menschen ist zeitlich unbegrenzt. Die Liebe zu ihnen begann in der Ewigkeit, bevor sie da waren. Durch Ihn wurden sie dann erschaffen:

  • «Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserem Bild, nach unserem Gleichnis» (1. Mo 1,26).

Und von denen unter ihnen, die dann im Lauf der Zeit, schon in den Jahrhunderten vor dem Kreuz, durch Glauben an Ihn geheiligt sind, sagt Er zu seiner Seele:

  • «Du hast zu den Heiligen gesagt, die auf der Erde sind, und zu den Herrlichen: An ihnen ist all mein Gefallen» (Ps 16,3, ein Psalm, der sich auf Christus bezieht, vgl. Apg 2,25).

II.

Als die Menschen in die Sünde fielen und darin lebten, da war die Liebe Gottes schon bereit, sie zu erretten. Aber Er hielt sie noch zurück. Im alten Bund ist meistens von seiner «Güte» die Rede. Die Liebe Gottes ist in ihrer ganzen Fülle erst offenbart worden, als Christus Jesus auf der Erde war und zum Heil der Sünder die Leiden des Kreuzes und den Opfertod erduldete (1. Joh 4,10). Doch sind der Eifer und die Glut dieser Liebe in Ihm, in deren Kraft dieses Ziel erreicht wurde, schon in Hohelied 8,6.7 eindrücklich beschrieben, Worte, die wir nicht genug lesen können:

  • «Die Liebe ist gewaltsam wie der Tod, hart wie der Scheol ihr Eifer; ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme Jahs. Grosse Wasser vermögen nicht die Liebe auszulöschen, und Ströme überfluten sie nicht. Wenn ein Mann allen Reichtum seines Hauses für die Liebe geben wollte, man würde ihn nur verachten.»

Es war nach dem Ratschluss Gottes, dass Gott, der Sohn, auf die Erde kommen sollte, um hier der gehorsame Mensch zu werden und das Lamm Gottes zu sein. Als Sohn wurde Er nicht dazu gezwungen. Er wurde vor Grundlegung der Welt zuvor erkannt – nicht zuvor bestimmt – dass Er einst das Lamm ohne Fehl und Flecken sein würde (1. Pet 1,19.20). Als Sohn war Er nie in einer Stellung des Gehorsams; es war sein freier Entschluss, in diese Stellung zu kommen und so in freiwilligem Gehorsam für seine Schafe sein Leben zu lassen (Joh 10,18). Er hat sich selbst zu nichts gemacht, indem Er Knechtsgestalt annahm und Mensch geworden ist; und als Mensch hat Er sich selbst erniedrigt, indem Er gehorsam wurde bis zum Tod, sogar zum Tod am Kreuz (Phil 2,5-8).

Wie schön kommt dies schon in Psalm 40,7-9 zum Ausdruck!

  • «An Schlacht- und Speisopfer hattest du kein Gefallen; Ohren hast du mir bereitet: Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert.
  • Da sprach ich: Siehe, ich komme; in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben.
  • Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens.»

So redete der Sohn Gottes bevor Er Mensch wurde. Er wollte zur Verherrlichung des Vaters das wahre Brandopfer werden, das die Ansprüche der Gerechtigkeit Gottes betreffs der Sünde vollauf befriedigte, aber auch das vollkommene Sündopfer für uns. Das war, wenn man so sagen darf, sein Lebensprogramm für diese Erde, und wir können jetzt auf jedem Blatt der Evangelien erkennen, in welch gottwohlgefälliger Weise Er es ausgeführt hat. Sein Name sei auf ewig gepriesen!

III.

So kam denn der Augenblick in der «Fülle der Zeit», in dem der Beschluss Gottes, mit seinen unaussprechlich gesegneten, ewigen Folgen, Wirklichkeit werden sollte:

  • «Vom Beschluss will ich erzählen: Der HERR hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt» (Ps 2,7).

Der, der von Ewigkeit her Sohn Gottes war, das ewige Wort, das bei Gott war, durch das alles geworden ist, selbst aber nie erschaffen wurde, kam zu einem bestimmten «heute», an dem Er durch den Heiligen Geist als Mensch gezeugt wurde (Mt 1,20). Auf dieses wunderbare Ereignis der Weltgeschichte weisen verschiedene Stellen der Propheten hin:

  • «Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen» (1. Mo 3,15).

Mit diesen Worten verfluchte Gott die Schlange, den Satan, gleich nach dem Sündenfall des Menschen. Aber für die Sünder war dies eine kostbare Verheissung. Der Same der Frau würde kommen, um den Feind zu überwinden. Das sollte dadurch geschehen, dass der geboren wurde, «der durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren» (Heb 2,14.15). In den nachfolgenden Geschlechtern war Er daher «die Sehnsucht der Frauen» (Dan 11,37); jede hoffte, seine Mutter zu werden. Aber in Jesaja 7,14 wird präzisiert, dass eine Jungfrau dazu ausersehen war:

  • «Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen.»

Es musste deutlich sein, dass Er von dem Heiligen Geist gezeugt war.

Welch unaussprechliche Gnade: Gottes Sohn würde in ihr Mensch werden, um als Immanuel (Gott mit uns) bei seinem Volk, inmitten der Menschen zu sein, erreichbar für alle!

  • «Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedefürst» (Jes 9,5).

Mit dem Namen dieses «Kindes» sind hier einzigartige, göttliche Herrlichkeiten verbunden, die seine erhabene Person teils von Ewigkeit her kennzeichneten, teils zutage traten, als Er als Mensch hier auf der Erde lebte, oder die Er als Sohn des Menschen in seinem Reich offenbaren wird. Das war das «Kind», das von Maria, der verlobten Frau geboren wurde, von ihr in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt wurde!