«Der Kommende» (5)

X.

Was Gott beschlossen hat

Bevor wir uns weiter mit dem schrecklichen Hass der Menschen beschäftigen, der sie schliesslich trieb, Jesus Christus zu kreuzigen, wollen wir zuerst und vor allem daran denken, dass es, unabhängig von ihrem Plan, Gottes Wille war, seinen eigenen Sohn für uns Menschen hinzugeben.

Aus den Evangelien und Briefen wissen wir, dass dieser Ratschluss der Liebe und Gnade Gottes schon vor Grundlegung der Welt bestand, jedoch erst in der Fülle der Zeit zur Ausführung kam. Aber er glitzert schon durch das Alte Testament, durch die vielen Anordnungen Gottes im Opferdienst, durch die Worte verschiedener Propheten und durch Tatsachen hindurch, die aufgrund des kommenden Werkes Christi schon damals bestanden.

Als besonders deutliches und eindrückliches Bild dessen, was Gott viele Jahrhunderte später selber tun würde, hat uns sein Geist das Geschehen auf dem Berg im Land Morija vor Augen gestellt (1. Mose 22). Da sagte Er zu Abraham:

  • «Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, … und zieh hin … und opfere ihn»

Ist es nicht, als ob Gott, der Vater, für sein eigenes Herz in ganzer Tiefe nachempfand, was Er hier bis zu einem gewissen Punkt vom Patriarchen verlangte, selber aber ganz ausführen wird? Abraham bestand da die grösste Glaubensprobe seines Lebens. Gott aber wird sich durch das Opfer seines Sohnes in seiner ganzen Fülle offenbaren: seine Gerechtigkeit und Heiligkeit; seine alles Denken übersteigende Weisheit, seine unendliche Menschenliebe in ihrem höchsten Ausmass.

Wie in diesem Bild von Abraham und Isaak so ergreifend gesagt wird:

  • «sie gingen beide miteinander»,

so gingen auch Gott, der Vater und der Sohn von der Ewigkeit her, als dieser Beschluss gefasst wurde, in völliger Harmonie und Gemeinschaft dem Tag seiner Opferung entgegen, von der gleichen unfasslichen Liebe getrieben. Anders als Isaak, der nicht eingeweiht war, hatte der Sohn Gottes Kenntnis vom Heilsplan des Vaters, wie auch von den für Ihn damit verbundenen Leiden, die für uns unerforschlich sind. Er wusste, dass nicht «Holz», sondern «unsere Sünden» (1. Pet 2,24) auf Ihn gelegt werden würden, was Gott veranlassen musste, «das Feuer und das Messer» in die Hand zu nehmen, um an Ihm Gericht auszuüben. Dennoch war die Reaktion des Sohnes: «Siehe, ich komme!» (Ps 40,8). Wie stimmen da unsere Herzen voll Lob und Dank in die ewige Anbetung mit ein!

  • Kein Mensch dies Wunder fassen kann,
    kein Engel kann's verstehen;
    der Glaube schaut's und betet an,
    bewundert, was geschehen.

Das zu erfüllende Erlösungswerk bringt zum Voraus reiche Frucht

Jede einzelne Seele der ungezählten Männer und Frauen, die in den Tagen des Alten Testaments durch Glauben gerechtfertigt worden sind, hat Gott ins Paradies aufgenommen. Das geschah nicht aufgrund der vielen Tieropfer, die damals dargebracht wurden. Selbst David wusste, dass diese nicht von Sünden reinigen konnten (Ps 40,7 und 51,18). In ihrer grossen Verschiedenartigkeit waren jene Opfer ja nur Vorbilder des einzigen, heiligen Lammes Gottes. Dieses würde durch sein Blut auch die Sünden derer sühnen, die in den Jahrhunderten vorher im Glauben starben. So schreibt ja der Apostel in Römer 3,25: «Christus Jesus, den Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel … zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes.»

Unter Menschen ist es unvorsichtig, schon auf Versprechen hin folgenschwere Unternehmungen auszuführen. Wir ändern so leicht unseren Sinn. Aber Gott hat dadurch, dass Er die Gläubigen in der Zeit vor Christi Geburt in den Himmel nahm, seine Gerechtigkeit nicht gefährdet, weil sowohl sein Ratschluss als auch das Versprechen «Ich komme» seines Sohnes – wie überhaupt das ganze Wort Gottes (Ps 89,35; Jes 40,8; Mt 24,35) – unverrückbar feststanden.

Vorausgesagte Ergebnisse des Werkes am Kreuz

Schon im ganzen ersten Teil der Bibel werden uns wichtige, von Gott gewollte Ergebnisse des Kreuzes Christi durch die Worte Gottes angekündigt oder in einem Vorbild gezeigt. Wir können hier nur ein paar in wenigen Worten anführen.

Das Zunichtemachen der Schlange

Gott der HERR sprach zu der Schlange:

  • «Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen» (1. Mo 3,15).

So geschah es. Wie David den grossen Goliath mit dessen eigenem Schwert enthauptete (1. Sam 17,51), so ist auch Christus gekommen, «damit er durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren» (Heb 2,14.15). Diese Befreiung bezieht sich auf die Gläubigen. Sie sind dadurch «aus der Gewalt der Finsternis» errettet (Kol 1,13), dass sie, «mit Christus gestorben», jetzt «mit ihm leben» können, in der Erwartung, dass Er sie bald aus dieser Welt entrücke.

Noch ist Satan der «Fürst der Welt», und er treibt sie dem Verderben entgegen. Aber bald kommen die Gerichte, und als Folge des Sieges des Sohnes des Menschen am Kreuz werden Ihm seine Feinde «als Schemel seiner Füsse» hingelegt, und Satan tausend Jahre im Abgrund gebunden. Schliesslich wird dieser auf der Erde eine letzte Empörung inszenieren, aber dann auf ewig in den Feuer- und Schwefelsee geworfen (Off 20,7-10).

Die Verheissung eines neuen Bundes mit Israel

Die Geschichte des Volkes Israel auf dem Boden des Gesetzes hat damit geendet, dass es den Bund mit seinem Gott gebrochen hat. Daher musste Er es in die Gefangenschaft wegführen. Auch die aus Babel zurückgekehrten Juden kamen zu einem schlimmen Ende: Sie töteten ihren Christus, ihren König, den Sohn Gottes selbst, den Er gesandt hat! Kann es da überhaupt noch einen neuen Bund geben? Ja, denn Jesus sprach am Kreuz: «Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!» (Lk 23,34). Daher konnte Jeremia prophetisch verkünden:

  • «Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schliessen werde … Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; und ich werde ihr Gott, und sie werden mein Volk sein» (Jer 31,31.33).

Das am Kreuz vergossene Blut Christi ermöglicht es Gott, den Glaubenden aus diesem Volk die Missetat und die Sünden zu vergeben und einen neuen, bleibenden Bund mit ihnen zu schliessen. Das «ist der neue Bund in meinem Blut», sagt der Herr Jesus (Lk 22,20).

Das Friedensreich Christi auf der Erde

Wie die Geschichte des irdischen Volkes Gottes, so endet auch die Geschichte der übrigen Nationen in der Welt durch die Sünde mit einem unheilbaren Fiasko, wie wir es heute deutlich wahrnehmen müssen. Aber die Zeit ist nicht mehr fern, da der letzte Teil des Traumes Nebukadnezars Wirklichkeit wird:

  • «Und in den Tagen dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, das in Ewigkeit nicht zerstört und dessen Herrschaft keinem anderen Volk überlassen werden wird; es wird alle jene Königreiche zermalmen und vernichten, selbst aber in Ewigkeit bestehen» (Dan 2,44).

Der Stein, der alle anderen Königreiche vernichten wird (V. 43); ist kein anderer als der verachtete Jesus Christus, der Sohn des Menschen. Nach vollbrachtem Erlösungswerk hat Ihn Gott zu seiner Rechten erhöht und seinen Namen über jeden Namen erhoben. Aber Gott will, dass Er auch in dieser Welt, dem Ort seiner tiefsten Schmach, «verherrlicht» und «bewundert» werde. Das beginnt, wenn Er nach der Entrückung der Versammlung als König der Könige und Herr der Herren mit seinen Heiligen und den Kriegsheeren des Himmels zum Gericht der Lebendigen erscheint (2. Thes 1,10; Off 19,11-16).

Von der nachfolgenden Aufrichtung seines Tausendjährigen Reiches berichten die Propheten an vielen Stellen – alles unter der sicheren Voraussetzung, dass ihm die Erlösung durch Christus zugrunde gelegt werde. Denn nur ein wiederhergestelltes Israel und Menschen aus den Nationen, die sein Evangelium des Reiches im Glauben annahmen, können Untertanen seines Königreichs des Friedens und der Gerechtigkeit sein (Mt 24,14).

  • «Man wird weder Böses tun noch Verderben anrichten auf meinem ganzen heiligen Berg; denn die Erde wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie die Wasser den Meeresgrund bedecken» (Jes 11,9).

Im Zusammenhang mit diesem Reich wird besonders durch Jesaja beschrieben, «wie auch selbst die Schöpfung frei gemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbens» (Röm 8,21), so wie sie seit dem Fluch besteht.

  • «Der Wolf wird sich beim Lamm aufhalten … Der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind … Die Wüste und das dürre Land werden sich freuen, und die Steppe wird frohlocken und aufblühen wie eine Narzisse» (siehe Jesaja Kapitel 11; 35; 41,18-20).

Von der Versammlung, der Braut Christi, die Er sich durch sein sühnendes Leiden und Sterben, wie auch als Auferstandener erworben hat, wird im Alten Testament keine direkte Offenbarung gegeben, obwohl sie damals schon im Herzen Gottes einen grossen Platz hatte. Dieses Geheimnis des Christus war in jenen Geschlechtern «den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden» (Eph 3,5). Wir aber, die jetzt dieses Geheimnis kennen und selber zu dieser Braut gehören dürfen, finden auch im ersten Teil der Bibel viele Bilder, die dieses grosse Ereignis erstaunlich genau illustrieren. Auf eines stossen wir schon auf dem ersten Blatt:

  • «Und Gott der HERR liess einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er entschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch; und Gott der HERR baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau, und er brachte sie zu dem Menschen…» (1. Mo 2,21-24).

Dieses Ereignis hatte für Adam grösste Bedeutung. Und so wie er «eine Hilfe, die ihm entsprach» brauchte, so hat sich auch Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, nach seiner Versammlung, seiner Frau, gesehnt. Er hat «uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben»; Er «ist für uns gestorben, damit wir, sei es, dass wir wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben» (Eph 5,2; 1. Thes 5,10).

Im Gegensatz zu Israel, das ein herrliches, aber irdisches Teil haben wird, darf die Versammlung jetzt das suchen, «was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes». Und bald wird Er sie als seine Braut zur Hochzeit heimführen, damit, sagt Er, «wo ich bin, auch ihr seiet» (Kol 3,1.2; Joh 14,3).

Und wer gehört zu dieser Versammlung? Einstige Sünder, die dem Verderben entgegengingen, aber in dieser Zeit der Gnade zu Christus geführt worden sind. Wer kann die Liebe Gottes und wer die Liebe unseres Herrn Jesus Christus begreifen? Unsere Antwort kann nur immerwährender Dank, ewige Anbetung sein.