«Der Kommende» (3)

VII.

Der Mensch Jesus Christus hatte seine Lebensjahre als Kind, als Jüngling und als junger Mann im Haus seiner Eltern in Nazareth verbracht und war ihnen untertan gewesen (Lk 2,51). Er war in der Stadt als «Sohn des Zimmermanns» oder einfach als «Zimmermann» bekannt (Mt 13,55; Mk 6,3). Diesen Beruf hatte Er als ein einfacher Mann des Volkes ausgeübt und hatte die damit verbundenen Beschwerden kennengelernt.

Nun aber kam die Zeit seines öffentlichen Dienstes unter seinem Volk. Er wusste, dass Ihm dies bevorstand; denn auch die Schriften des Alten Testaments reden davon. Lasst uns einige Stellen daraus anführen, da wir uns besonders mit diesen beschäftigen wollen. Sie fassen in kurzen, eindrucksvollen Worten zusammen, was diesen unvergleichlichen Diener und seinen Dienst kennzeichnete. Dabei ist zu beachten, dass der Dienst, den Er bei seinem ersten Kommen getan hat, und der, den Er bei seinem zweiten Erscheinen als König für sein Volk tun wird, in den meisten Stellen zusammenhängend gesehen werden.

Wann begann sein Dienst?

Das Wort Gottes geschah zu Johannes (Lk 3,2), und er kam in die Umgebung des Jordan, damit das Volk durch die Taufe der Buße den Weg des Herrn zubereite. Johannes war «die Stimme des Rufenden in der Wüste», die schon in Jesaja 40,3-5 angekündigt worden ist:

  • «Stimme eines Rufenden: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN; ebnet in der Steppe eine Strasse für unseren Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; und das Höckerige soll zur Ebene werden und das Hügelige zur Talebene! Und die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des HERRN hat geredet.»

Diese Stimme des Rufenden am Jordan war für Jesus Christus das Signal zum Beginn seines Dienstes; auf das «Wort Gottes» hin fing Er damit an.

Aber die Berge und Hügel, das Höckerige und Hügelige im Volk der Juden war nicht durch wahre Buße und deren Frucht zur Ebene gemacht worden. Der Widerstand gegen Gott war nicht gebrochen, und der treue Diener musste täglich «so grossen Widerspruch von den Sündern gegen sich erdulden» (Heb 12,3). – Ist das nicht eine Ermunterung für uns, sich durch Schwierigkeiten im Dienst nicht entmutigen zu lassen?

«Mein Knecht»

Mit welchem Wohlgefallen betrachtete Gott den vollkommenen Weg Jesu Christi, der «sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm … und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz» (Phil 2,5-8)! Er war «treu dem, der ihn bestellt hat, wie es auch Mose war in seinem ganzen Haus». Aber Er hatte einst als Gott dieses Haus – damals Israel – bereitet und diente jetzt darin als «Sohn über sein Haus» (Heb 3,2-6). Gott hatte verschiedene treue Knechte in Israel, doch keiner war wie Er, so vertraut mit allen seinen Ratschlüssen und Gedanken. Er führte sie aus mit einem Herzen, das unwandelbar war in seiner Liebe und völligen Hingabe an Ihn, in der Er nur seine Ehre suchte. Besonders durch Jesaja redete Gott prophetisch von Ihm, als von «meinem Knecht»:

  • «Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat» (Jes 42,1).
  • «Der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht gebildet hat» (Jes 49,5).
  • «Der Herr, HERR, hat mir das Ohr geöffnet, und ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen» (Jes 50,5).
  • «Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln» (Jes 52,13).

Der Geist Gottes stieg auf Ihn herab

Im Neuen Testament ist Gott ja in seiner Dreieinheit offenbart, als Vater, Sohn und Heiliger Geist (Mt 28,19). Als aber der Sohn Mensch wurde und Knechtsgestalt annahm, trat Er in eine Stellung des Gehorsams und der Abhängigkeit ein. Darum wurde der Heilige Geist auf Ihn gelegt, und Er unterstellte sich Ihm völlig. Bei der Taufe im Jordan, am Anfang seines Dienstes, geschah dies. Er konnte – für die Menschen sichtbar, in leiblicher Gestalt, wie eine Taube – auf Ihn kommen und dann in Ihm bleiben; denn obwohl wahrer Mensch, war Er ohne Sünde. Er wurde «mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt» und – brauchen wir es besonders zu erwähnen? – Er war allezeit «voll Heiligen Geistes» (Apg 10,38; Lk 4,1).

In der Kraft dieses Geistes erfüllte Er seinen Dienst und durch diesen Geist wurde Er darin geführt (Lk 4,14; Mt 4,1). Jemand hat dieses Bild gebraucht: Wie die leichten Vorhänge am Fenster durch den geringsten Windhauch bewegt werden, so liess sich der einzigartige Diener in seinem Gehen und Stehen, in seinem Reden und Schweigen, in all seinem Tun leiten.

Von der Tatsache, dass der Geist Gottes auf seinem Knecht ruhen würde, redete schon der Prophet:

  • «Siehe, mein Knecht, … Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt» (Jes 42,1).
  • «Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN» (Jes 11,2).

Diese sieben Charakterzüge des auf Ihm ruhenden Geistes reden einerseits davon, dass der Knecht Gottes, der Mensch Christus Jesus, sich dadurch als gleichen Wesens mit Gott selbst offenbarte. Anderseits erfüllte Ihn als Mensch dieser Geist mit Kraft für den Dienst, mit der Erkenntnis Gottes und seines Willens, und stellte Gott als den vor Ihn hin, dessen Majestät, Heiligkeit und Grösse von allen Menschen zu fürchten ist. Der vollkommene Knecht aber fand allezeit sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN; nichts in Ihm zog in eine andere Richtung.

Gross ist der Abstand zwischen dem vollkommenen Diener und uns Gläubigen. Aber auch wir dürfen durch den Geist leben und wandeln (Gal 5,25). Sein Beispiel spornt uns an, durch den Geist Gottes zu dienen (Phil 3,3).

Die verschiedenen Dienste Christi auf der Erde

Er war der Prophet

Schon Mose hat Ihn angekündigt:

  • «Einen Propheten aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir, wird der HERR, dein Gott, dir erwecken; auf ihn sollt ihr hören; nach allem, was du von dem HERRN, deinem Gott, am Horeb begehrt hast am Tag der Versammlung, indem du sprachst: Ich möchte nicht weiter die Stimme des HERRN, meines Gottes, hören, und dieses grosse Feuer möchte ich nicht mehr sehen, dass ich nicht sterbe! Und der HERR sprach zu mir: Gut ist, was sie geredet haben. Einen Propheten, gleich dir, will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erwecken; und ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird alles zu ihnen reden, was ich ihm gebieten werde. Und es wird geschehen: Der Mann, der nicht auf meine Worte hört, die er in meinem Namen reden wird, von dem werde ich es fordern» (5. Mo 18,15-19).

Durch die Propheten des alten Bundes hatte Gott mittels Gesichten und Träumen zum Volk gesprochen. Jesus Christus aber, der Prophet, unterschied sich auf zweierlei Weise von ihnen:

Erstens war Er «gleich Mose», zu dem Gott «von Mund zu Mund geredet hat», und der «das Bild des HERRN schaute» (4. Mo 12,6-8). Mose hatte Zugang zum ganzen Haus Gottes; er durfte nicht nur die Vorhöfe betreten, sondern auch in das Allerheiligste der Stiftshütte kommen und da mit dem HERRN reden.

So war es auch bei dem Propheten. Als Sohn hatte Er vollen Zugang zu Gott und unbegrenzte Gemeinschaft mit Ihm in allen seinen Werken und Ratschlüssen, mit allen seinen Wegen von jeher und bis in Ewigkeit. (Der Sohn ist im Schoss des Vaters – Joh 1,18). Johannes der Täufer sagt von Ihm: «Der vom Himmel kommt, ist über allen; was er gesehen und gehört hat, dieses bezeugt er … Denn der, den Gott gesandt hat, redet die Worte Gottes; denn Gott gibt den Geist nicht nach Mass» (Joh 3,31-34).

Zweitens offenbarte Er dem Volk und vor allem den Jüngern oder Aposteln «das Himmlische» (Joh 3,12), im Gegensatz zu den alttestamentlichen Propheten, die meist vom Irdischen redeten. Zu Nikodemus hatte der Herr von der Neugeburt gesprochen, die auf der Erde geschehen muss, damit der Mensch ins Reich Gottes eingehen kann.

Er war Lehrer

Eng verbunden mit dem Dienst Christi als Prophet war auch seine Aufgabe als Lehrer. Wenn wir fragen: Wie hat Er die von Gott, seinem Vater, empfangene Botschaft seinem Volk und den einzelnen Menschen weitergegeben, so gibt uns schon Jesaja 42,1-4 Auskunft:

  • «Siehe, mein Knecht, … wird den Nationen das Recht kundtun. Er wird nicht schreien und nicht rufen und seine Stimme nicht hören lassen auf der Strasse. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen; er wird der Wahrheit gemäss das Recht kundtun. Er wird nicht ermatten und nicht niedersinken, bis er das Recht auf der Erde gegründet hat; und die Inseln werden auf seine Lehre harren.»

Wenn Er auch erst später den Nationen das Recht kundtun oder das gerechte Gericht auf der Erde gründen wird, so war sein Lehren doch schon bei seinem ersten Kommen durch die hier beschriebenen Wesenszüge gekennzeichnet: Er, der die Wahrheit ist, konnte nur «der Wahrheit gemäss» lehren, obwohl Er dabei den Hass der Führer des Volkes erntete. «Er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat» (Mt 7,29). Das zeigte sich aber nicht im lauten Schreien auf den Strassen, sondern darin, dass seine Worte bei aufrichtigen Zuhörern tief in Herz und Gewissen eindrangen. Es waren «Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen» (Lk 4,22). «Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden» (Joh 1,17). Wo bei irgendeinem Menschen das Werk Gottes schon schwach begonnen hatte, da wurde es durch seinen Dienst nicht zerstört, sondern angefacht.

Er war auch Evangelist

Ein Evangelist bringt die gute Botschaft vom Heil Gottes, also das Evangelium, zu den Sündern, die im Sündendienst gebunden sind und unter der Gewalt der Finsternis stehen, deren Leben dadurch verdunkelt und verdorben, oder ziel- und zwecklos geworden ist. Wie vollkommen hat der Knecht Gottes auch diesen Dienst getan! Wieder ist es Jesaja, der in Kapitel 61 sein Wirken ankündigen durfte:

  • «Der Geist des Herrn, HERRN, ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, die zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen; auszurufen das Jahr des Wohlgefallens des HERRN  …» (Jes 61,1.2).

So begann Jesus Christus seinen Dienst in Nazareth (Lk 4,18.19), und die Bußfertigen, die Sanftmütigen und demütig Gewordenen waren es, die seine Botschaft annahmen.

Wie herrlich wird auch in Lukas 15 diese Seite seines Wirkens beschrieben! Da kamen «alle Zöllner und Sünder zu ihm, um ihn zu hören», und Er nahm sie auf und ass mit ihnen. In zu Herzen gehenden Gleichnissen bringt Er in diesem Kapitel seine Liebe zu den Verlorenen zum Ausdruck. Im ersten Bild geht Er dem verlorenen Schaf nach, bis Er es findet; Er legt es mit Freuden auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Da ruft Er die Freunde und die Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: «Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.»

Ja, wie verstand Er es doch, Menschen zu gewinnen! Sein Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen ist ein eindrückliches Beispiel dafür.

Und wie ergreifend hat Er in Lukas 15 den Weg des «verlorenen Sohnes» und die Liebe Gottes, des Vaters, beschrieben! Oh, Er ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist. Er verkündigte nicht nur die frohe Botschaft, Er hat auch sein Leben hingegeben als Lösegeld für viele.

Er war Hirte

Er war der verheissene Hirte (Hesekiel 34), der nach seinen Schafen fragen und sich ihrer annehmen würde. Bei seinem ersten Kommen galt sein Dienst in erster Linie «den verlorenen Schafen des Hauses Israel» (Mt 15,24), und nur die Juden, die noch im Land waren, konnten daraus Nutzen ziehen. Erst bei seinem zweiten Erscheinen werden die Weissagungen dieses Kapitels voll in Erfüllung gehen, wenn das ganze Volk, durch tiefe Trübsal geführt, unter Wehklagen und Buße den einst Verworfenen als Messias aufnehmen wird. Aber die Art und Weise, wie Er nach dem Bericht der Evangelien den Hirtendienst unter dem Volk ausübte, entspricht ganz den Voraussagen des Propheten:

  • «Siehe, ich bin da … Ich will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern, spricht der Herr, HERR. Das Verlorene will ich suchen und das Versprengte zurückführen, und das Verwundete will ich verbinden, und das Kranke will ich stärken …» (Hes 34,11.15.16).

Wenn Er die Volksmenge sah, «wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben» (Mt 9,36).

Nachdem sein öffentlicher Dienst unter dem Volk getan war, ging Er nach Golgatha hinauf, um dort seine Hauptaufgabe zu erfüllen: Er wollte als der gute Hirte sein Leben für die Schafe lassen. Das allein konnte die Grundlage für die zukünftige Errettung des Volkes Israel wie auch der Glaubenden aus den Nationen sein, «der anderen Schafe, die nicht aus diesem Hof sind» (Johannes 10).

Wie schon erwähnt, werden diese Dienste des Knechtes des HERRN erst in der Zukunft, aufgrund seines Erlösungswerkes, für das Volk Israel ihre volle Auswirkung finden, wenn Er als ihr Messias und König das Reich aufrichten wird. Aber wenn wir den Herrn Jesus bei seinem Wirken begleiten, spricht es zu unseren Herzen, wie Er schon damals bis zur möglichen Grenze die Weissagungen erfüllt hat, in einer für Gott so überaus wohlgefälligen Gesinnung: Er war Ihm von Anfang bis zum Ende gehorsam und blieb dauernd abhängig von Ihm. Er war sanftmütig und von Herzen demütig, innerlich bewegt über die Not der Menschen und des Volkes. Er wirkte alles, auch die Wunder, zur Ehre Gottes. Er tat der Wahrheit gemäss das Recht Gottes kund und war der treue Zeuge. Er kaufte die Zeit aus und liess sich ohne Unterlass vom Heiligen Geist und seiner Kraft führen.

Gibt Er uns, liebe Geschwister, hierin nicht ein vollkommenes Beispiel, wie auch wir in unserem kleinen Mass Gott dienen können? Lasst uns Ihn nachahmen!