Wer ist «Jesus»? (5)

Der Herr

Nachdem uns in Philipper 2 die Erniedrigung Christi Jesu vorgestellt worden ist, zeigen uns die Verse 9-11 seine Erhöhung: «Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge … und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters.»

Sein Titel «Herr» wird von allen himmlischen, irdischen und unterirdischen Wesen anerkannt werden. In Erwartung dieses Augenblicks ist es von grösstem Interesse zu betrachten, wie Er uns auf den Seiten des Neuen Testaments als Herr vorgestellt wird.

1. Der «Herr» in den Evangelien

a. Vor seiner Auferstehung

Vor seiner Auferstehung sind es nur sehr wenige Stellen, wo Er Herr genannt wird. Halten wir einige Verse aus dem Lukas-Evangelium fest.

Begleitet von vielen seiner Jünger und einer grossen Volksmenge, näherte Jesus sich der Stadt Nain (Lk 7,11). Zur gleichen Zeit kam aus der Stadt ein grosser Zug, der eine Witwe begleitete, deren eingeborener Sohn zu Grabe getragen wurde. «Und als der Herr sie sah, wurde er innerlich bewegt über sie und sprach zu ihr: Weine nicht! … Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! … Und er gab ihn seiner Mutter.» In diesen Versen sehen wir die ganze Menschlichkeit Jesu, wie Er innerlich bewegt ist, voll Mitgefühl mit dem unsäglichen Kummer dieser Witwe. Warum aber heisst es nicht: «Jesus wurde innerlich bewegt.»? – Er stand im Begriff, seine ganze göttliche Macht in der Auferweckung des jungen Mannes zu entfalten. Und da ist es der Herr, der dies tut. Dann «gab Er ihn seiner Mutter», wie Er ein wenig später den Sohn, den Er vom Dämon befreite, «seinem Vater zurückgab».

70 Jünger werden bestellt, um zu je zwei ausgesandt zu werden, das Evangelium zu verkünden. Wer bestellte sie? Nicht Jesus, sondern «der Herr» (Lk 10,1). Es ist wohl klar, dass nur Er den Diener aussenden kann und dieser auf Ihn allein hören wird (vgl. Röm 14,4).

Als es sich darum handelte, die Pharisäer ihrer Heuchelei und Hartherzigkeit wegen zu schelten und über sie und ihresgleichen mehrere «Wehe» auszusprechen, ist es nicht Jesus, sondern «der Herr», der dies tut (Lk 11,39).

Satan hatte nach den Jüngern verlangt, um sie zu sichten wie den Weizen. Petrus musste davor gewarnt werden. «Der Herr» selbst betete für ihn (Lk 22,31.32). Er würde ihn wiederherstellen und ihn sogar befähigen, seine Brüder zu stärken. Als Petrus Ihn zum dritten Mal verleugnet hatte, war es nicht Jesus, der seinen schwachen Glauben stützte, sondern «der Herr». Er «wandte sich um und blickte Petrus an; und Petrus erinnerte sich an das Wort des Herrn» (Lk 22,61).

b. Nach seiner Auferstehung

Nach seiner Auferstehung wird Er öfters «der Herr» genannt. Die Elf empfingen die zwei von Emmaus mit den Worten: «Der Herr ist wirklich auferweckt worden» (Lk 24,34). Als Maria Magdalene kam, um den Jüngern die Botschaft zu bringen, die Jesus ihr anvertraut hatte, verkündigte sie ihnen, noch bevor sie diese ausrichtete, «dass sie den Herrn gesehen habe» (Joh 20,18). Als sich Jesus selbst in ihrer Mitte befand, «freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen» (V. 20).

Kurze Zeit später gingen sieben Jünger fischen. Nach einer Nacht, in der sie nichts fingen, sahen sie am frühen Morgen Jesus am Ufer stehen. Als Johannes Ihn erkannte, sagte er zu Petrus nicht: Siehe, Jesus, sondern «es ist der Herr» (Joh 21,7). Das Evangelium, das uns den vollkommenen Diener zeigt, endet mit den Worten: «Der Herr nun wurde, nachdem er mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen … Sie aber gingen aus und predigten überall, wobei der Herr mitwirkte» (Mk 16,19.20).

2. In der Apostelgeschichte und in den Briefen

Jetzt wird sein Titel «Herr» hervorgehoben. Der gesteinigte Stephanus bat den Herrn Jesus, seinen Geist aufzunehmen. Der Herr sprach zu Ananias, Paulus aufzusuchen und ihm die Hände aufzulegen. Als der treue Diener sich dieses Auftrages entledigte, sagte er: «Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir erschienen ist auf dem Weg …» (Apg 7,59; 9,11-17).

Barnabas ging nach Antiochien hinab, wo die zerstreuten Jünger «das Evangelium von dem Herrn Jesus verkündigt hatten. Und die Hand des Herrn war mit ihnen.» Er ermahnte alle, «mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren».

Wie viele weitere Stellen könnte man noch anführen! 1. Korinther 12,3 gibt uns das Geheimnis: «Niemand kann sagen: Herr Jesus! als nur im Heiligen Geist.» Man wird von Christus, von Jesus von Nazareth, von Jesus Christus reden; aber um in Aufrichtigkeit «Herr Jesus» zu sagen, muss man Ihn da nicht als Heiland und auch als Herrn in sein Herz und sein Leben aufgenommen haben?

3. Als Haupt über alles der Versammlung gegeben (Eph 1,22)

Der Psalmist hatte sagen können, und wir dürfen es auf uns anwenden: «Höre, Tochter, und sieh, und neige dein Ohr; und vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters! Und der König wird deine Schönheit begehren, denn er ist dein Herr: So huldige ihm!» (Ps 45,11.12) Ist es nicht der erste Zuruf, der an die gerichtet ist, die Ihm teuer ist: Ihn anzubeten?

Und finden wir nicht im Mittelpunkt unseres Gottesdienstes das Mahl des Herrn? In 1. Korinther 11,20-32 kehrt der Ausdruck «Herr» siebenmal wieder. Paulus empfing die Belehrung über diesen Gegenstand vom Herrn. Der Herr Jesus hat es in der Nacht eingesetzt, in der Er überliefert wurde. Jedes Mal, wenn man das Brot dieses Mahls isst und dessen Kelch trinkt, wird der Tod des Herrn verkündigt. Es ist der Kelch des Herrn. Wer in unwürdiger Weise daran teilnimmt, ist «des Leibes und Blutes des Herrn» schuldig. Wenn das Selbstgericht fehlt, wird «der Herr» züchtigen. – Der Apostel spricht zum Herzen, wenn er an «die Nacht, in der er überliefert wurde», und an seinen sehnsüchtigen Wunsch: «Tut dies zu meinem Gedächtnis», erinnert (Lk 22.15). Werden wir mit den Worten des Propheten antworten: «Nach deinem Namen und nach deinem Gedächtnis ist das Verlangen der Seele» (Jes 26,8)?

Der Apostel unterstreicht auch die ganze Ehrerbietung, die sich bei der Teilnahme am Mahl des Herrn unbedingt gebührt: «Sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn.» Weder die Gewohnheit, noch die Ablenkungen, noch anderweitige Beschäftigung der Gedanken sollten uns bei jeder Gelegenheit, wo wir am Abendmahl teilnehmen, vergessen lassen, dass es der Tod des Herrn ist, den wir verkündigen.

Um seine Erlösten zu sich zu nehmen, wird der Herr persönlich kommen; Er wird nicht die Engel senden. In den drei Versen in 1. Thessalonicher 4,15-17 wird fünfmal hintereinander vom Herrn gesprochen. Er selbst wird vom Himmel herabkommen, um die Auferweckung der Toten in Christus und die Verwandlung der Lebenden zu bewirken, so dass sie zusammen entrückt werden, um in der Luft dem Herrn zu begegnen und für immer bei Ihm zu sein.

Bevor Er das heilige Buch abschliesst, wiederholt Er uns seine Verheissung: «Ich komme bald.»

  • Komm, Herr Jesus, hör mein Flehen
    hör den Ruf so sehnlich laut:
    Komm und lass mich dorthin gehen,
    wo man dich verherrlicht schaut!

4. Der König der Juden

Für die Versammlung, die Braut, (gemäss Psalm 45,12), ist Er der Herr. Für Israel ist Er König. Es ist gut, diese zwei Titel nicht zu verwechseln, weder in unseren Liedern noch in unseren Gebeten.

Die erste Frage im Alten Testament: «Wo bist du?», die sich an Adam richtete, der sich nach dem Sündenfall verbarg, hatte zum Ziel, ihm zu zeigen, in welche Entfernung von Gott er gekommen war.

Die erste Frage im Neuen Testament: «Wo ist der König der Juden?» veranschaulicht die Herablassung dessen, der als kleines Kind in tiefer Demut in die Mitte seines Volkes gekommen war.

Einer seiner Jünger, Nathanael, den er rief, beantwortete seinen Ruf mit den Worten: «Du bist der König Israels» (Joh 1,49). Der Prophet Sacharja hatte angekündigt: «Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und auf einer Eselin reitend» (Mt 21,5). Am Ende seines Lebens wurde Er während einiger Stunden als solcher anerkannt. Man jubelte Ihm zu: «Hosanna dem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!» (V. 9). Aber kurz nachher wurde Er verworfen.

Gefangen genommen und vor Pilatus geführt, bezeugte Er vor ihm «das gute Bekenntnis» (1. Tim 6,12): «Du sagst es, dass ich ein König bin» (Joh 18,37). Pilatus, immer noch in der Absicht, Ihn freizulassen, stellte Ihn den Juden vor: «Siehe, euer König!» Aber ihre Schreie: «Kreuzige ihn!» gewannen die Oberhand. Und auf dem Kreuz lautete seine Beschuldigungsschrift: «Jesus, der Nazaräer, der König der Juden.»

Dennoch wird Er eines Tages über sein Volk regieren, wie es der Prophet angekündigt hatte: «Siehe, ein König wird regieren in Gerechtigkeit», und alle Segnungen herbeiführen, die mit seiner Herrschaft verbunden sind (Jes 32,1)

5. König der Könige und Herr der Herren

Das Standbild im Traum Nebukadnezars stellte die vier Weltreiche der Nationen vor. Ein «Stein» genügte, um es zu zermalmen und zu vernichten. Die Herrschaft, die Herrlichkeit und das Königtum werden dann dem «Sohn des Menschen» anvertraut. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, «die keinem andern Volk überlassen werden wird» (Dan 2,44.45; 7,14).

Eines Tages wird der Mann der Schmerzen, der die Dornenkrone getragen hat, gekrönt mit vielen Diademen, aus dem Himmel kommen. Er wird unter anderem einen Namen geschrieben tragen: «König der Könige und Herr der Herren» (Off 19,11-16). Er wird König und Priester sein (Ps 110); Er wird sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichten: «Er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füsse gelegt hat» (1. Kor 15,25). Das «Geheimnis des Willens Gottes» ist dann erfüllt: Alle Dinge sind unter ein Haupt zusammengebracht in dem Christus, das was in den Himmeln und das was auf der Erde ist (Eph 1,10). Er ist «zum Erben aller Dinge» gesetzt (Heb 1,2).

6. Mein Herr

Maria Magdalene weinte über das Verschwinden ihres Herrn (Joh 20,13). Als Thomas endlich an seine Auferstehung glaubte, sagte er: «Mein Herr und mein Gott!» (Joh 20,28). Und Paulus sprach von «der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn» (Phil 3,8).

Ihn als Heiland zu kennen, gibt uns den Frieden mit Gott; aber Er verlangt von uns auch, Ihn in unserem praktischen Leben «mein Herr» zu nennen und Ihm jeden Gehorsam zu leisten.

In 1. Korinther 6,13 ist der Leib «für den Herrn». Er ist der Tempel des Heiligen Geistes und darf nicht missbraucht werden. Wie dankbar sind wir aber auch, dass angefügt wird: «und der Herr für den Leib». Ist nicht seine ganze Macht nötig, um uns zu bewahren?

In unserem täglichen Leben ist es wichtig zu prüfen, «was dem Herrn wohlgefällig ist», denn wir sind «Licht im Herrn» und berufen, als Kinder des Lichts zu wandeln (Eph 5,8.10). Das ist eine ständige Übung in allen Entscheidungen, die an uns herantreten. Es handelt sich darum zu verstehen, «was der Wille des Herrn ist» (V. 17). In der wichtigsten Entscheidung des Lebens nach der Bekehrung, bei der Eheschliessung, ist es wesentlich, dass sie nur «im Herrn» geschieht (1. Kor 7,39). Wie könnte sich ein Gläubiger mit einem Ungläubigen vereinigen, oder mit jemand, mit dem er nicht täglich in praktischer Gemeinschaft gemeinsam vorangehen kann und auch nicht den Weg mit den Kindern Gottes, die sich im Namen des Herrn versammeln?

Im Blick auf den Dienst sagt uns das Wort: «Dient mit Gutwilligkeit, als dem Herrn»; und der Apostel gibt uns ein Beispiel: «dem Herrn dienend mit aller Demut» (Eph 6,7; Apg 20,19).

Paulus wusste, dass die Zeit seines Abscheidens gekommen war. Zu wem werden sich da seine Gedanken richten? «Der Herr, der gerechte Richter, wird mir die Krone der Gerechtigkeit geben … Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses erwiesen; der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken … Bei meiner ersten Verantwortung stand mir niemand bei … Der Herr aber stand mir bei … der Herr wird mich retten … dem die Herrlichkeit sei» (2. Tim 4). Eine einzige Person blieb vor den Augen des alten Apostels in seinem leidvollen Gefängnis: der Herr selbst.