Einige Seiten aus Hesekiel (5)

Hesekiel 34,11-16.23.24; Hesekiel 36,24-32

5. Die geistliche Wiederherstellung Israels

Wir haben in Kapitel 33 die Ankündigung gefunden, dass die Stadt geschlagen wurde. Der Tempel war jetzt zerstört, Jerusalem verwüstet, die Mauer niedergerissen. Welche Hoffnung blieb nun noch für Israel? Selbst die wenigen Überlebenden waren in einer schlechten geistlichen Verfassung, wie es Jeremia bezeugt. Und doch wollte der Herr seinem Volk durch die Propheten «eine Zukunft und eine Hoffnung» geben.

In diesem dritten Teil seines Buches (Hes 33-39) spricht Hesekiel vom neuen Hirten (34), vom neuen Herzen (36) und vom neuen Volk (37). Nach einer langen Zeit der Zerstreuung wird sich der Herr wieder Israel zuwenden, um sie in ihr Land zurückzuführen, jedoch nicht ohne sie durch tiefe geistliche Erfahrungen gehen zu lassen.

Der neue Hirte (Hesekiel 34,11-16.23.24)

Hesekiel stellt uns diese zukünftige Wiederherstellung als alleiniges Volk Gottes vor: «siehe ich bin da, ich …» Wie oft kommt dieses «Ich» in den Versen 11-16 vor! Er selbst wird seine Schafe suchen, sie pflegen, sie sammeln, sie weiden und sie lagern. David hatte im 23. Psalm von der persönlichen Fürsorge des Hirten gesprochen. Dem Herrn Jesus stand es zu, sich selbst als den «guten Hirten» vorzustellen, unter manchen Charakterzügen, die unserem Propheten noch nicht offenbart waren. Einmal mehr wird deutlich, wie seine Schriften und die des Johannes parallel laufen. In den Versen 11-18,29 und 30 im 10. Kapitel seines Evangeliums nennt der Apostel unter anderem fünf Dinge, die wir in Hesekiel nicht finden.

Der erste Punkt ist der wichtigste:

1. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe

Aus Liebe gab Er sich selbst hin, Er gehorchte seinem Vater und verherrlichte Ihn, indem Er seine Schafe erlöste. Hesekiel spricht nie von dem Kommen des Herrn Jesus auf diese Erde. Daher konnte Er uns den Hirten nicht als den vorstellen, der sich für die Seinen hingab.

Bei Johannes finden wir in den Versen 14 und 15 eine dem Propheten unbekannte Gemeinschaft: Vom Hirten so gekannt sein wie der Vater Ihn kennt, mehr noch: den Herrn Jesus kennen, so wie Er als Mensch auf der Erde den Vater kannte. Das ist die Quelle einer «völligen Freude», die durch nichts anderes ersetzt werden kann!

Der Hirte, im Evangelium Johannes, wollte nicht nur die Schafe aus dem jüdischen Schafhof herausführen, sondern auch andere, die seine Stimme hören würden, hinzufügen, damit es eine Herde und ein Hirte sei. Das Geheimnis von der Vereinigung der Juden mit den Nationen zu einem Leib, so wie es später dem Apostel Paulus mitgeteilt werden würde (Eph 3), war noch nicht offenbart. Aber schon jetzt liess der Herr Jesus durchblicken, dass die Schafe aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation berufen würden. Sie werden zusammengehalten werden, nicht durch die Umzäunung eines Schafhofes – Verordnungen und Gebräuche des Gesetzes – sondern durch den, der der Mittelpunkt der Herde ist, der Hirte, um den sich die Schafe sammeln, und zwar umso enger beieinander, je näher sie bei Ihm sind.

Siebenmal spricht der Herr Jesus, in den Versen, die wir gelesen haben, vom Vater. «Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoss des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht» (Joh 1,18).

In Beziehung mit dem Vater bezeugt Johannes das, was Hesekiel noch unbekannt war: die Gewissheit des ewigen Heils. Der Herr hatte gesagt: «Niemand wird sie aus meiner Hand rauben.» Aber er fügt hinzu: «Niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben.» Das ist die unerschütterliche Gewissheit derer, die durch den Glauben an seinen Namen das ewige Leben besitzen.

Doch kehren wir zum Text Hesekiels zurück! (Hes 34,16). Welche Ermutigungen sind in diesen Ausdrücken enthalten!

2. «Das Verlorene will ich suchen»

Dieser Gedanke wird in Lukas 15 näher ausgeführt, wo der Hirte sucht, «bis er es findet»

3. «Das Versprengte will ich zurückführen»

Wir können wohl versuchen, denen zu Hilfe zu kommen, die vom guten Weg, auf dem sie einmal wandelten, abgekommen sind, indem wir ihnen mit dem Wort dienen und zu ihrem Herzen reden, aber der Herr allein kann sie nicht nur suchen, sondern auch zurückbringen. Er hört mit seiner Tätigkeit der Wiederherstellung nicht auf halbem Weg auf, Er vollendet das Werk, wie es Elihu in Hiob 36,22 sagt: «Wer ist ein Lehrer wie er?»

4. «Das Verwundete will ich verbinden»

Wie viele verwundete Schafe gibt es doch in der Herde des Herrn! Wunden, geschlagen durch Menschen, selbst durch Brüder, Wunden der Trauer und mancherlei Kümmernisse. Wie kostbar ist es doch zu wissen, dass der, der den Schmerz bereitet, auch die Wunde verbindet (Hiob 5,18)

5. «Das Kranke will ich stärken»

Warum sagt Er nicht: Ich will es heilen? Wenn Er es für gut hält, kann Er es tun. Vor allem aber will Er Kraft darreichen, um durch Krankheit oder Prüfung hindurchzugehen. «An dem Tag, als ich rief, antwortetest du mir …», und nicht, du hast mich befreit, sondern «du hast mich ermutigt: In meiner Seele war Kraft» (Ps 138,3)

Wenn der Herr voll Mitgefühl ist für die Versprengten, die Verwundeten und die Kranken, so ist Er doch streng gegenüber falscher Anmassung: «Das Fette aber und das Starke werde ich vertilgen.» Zu den Pharisäern wird er sagen: «Nun aber, da ihr sagt: Wir sehen, bleibt eure Sünde» (Joh 9,41).

Mit welcher Freude spricht der HERR in dem folgenden Abschnitt von den zukünftigen Segnungen: «Ich werde einen Hirten über sie erwecken … meinen Knecht David» … Sie sind «mein Volk … die Herde meiner Weide». Vernehmen wir da nicht schon von weitem die Stimme des guten Hirten? «Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.» Und die Stimme des Vaters? «Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden … Man musste doch fröhlich sein und sich freuen.»

Das neue Herz (Hesekiel 36,24-32)

Das Werk des Hirten zugunsten seines Volkes ist nicht das einzige, das Gott erfüllen will. Ein inneres Werk seines Geistes ist unerlässlich, damit die Segnung über sie komme. Für Israel ist, um das Irdische zu geniessen, die Neugeburt ebenso nötig wie für den Christen, um in das Reich Gottes einzugehen.

Auch die Neugeburt ist ein göttliches Werk. «Ich werde euch sammeln … Ich werde euch reinigen … Ich werde euch ein neues Herz geben … Ich werde einen neuen Geist in euer Inneres geben.» Dieses Wirken umfasst zwei wesentliche Teile: die Reinigung durch reines Wasser, einem Bild des Wortes Gottes und durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in den Herzen (V. 25-27). Es handelt sich nicht darum, sich zu bessern, seine Fehler gutzumachen, das Volk zu reformieren. Nur das Werk der Gnade Gottes kann ihnen ein neues Herz, einen neuen Geist geben.

Wieder finden wir hier eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Evangelium Johannes. Dort sagt der Herr Jesus in seinem Gespräch mit Nikodemus im dritten Kapitel wiederholt: «Ihr müsst von neuem geboren werden», das heisst völlig neu, von oben, wie aus einer neuen Quelle, einem neuen Ursprung des Lebens. Das Wasser des Wortes (Eph 5,26) ist das göttliche Mittel der Erneuerung. «Ihr seid nicht wiedergeboren aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes» (1. Pet 1,23). Und Jakobus sagt: «Er hat uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt» (Jak 1,18). Aber man könnte zweimal nacheinander die ganze Bibel lesen ohne das Leben zu finden, während eine einzige Stelle genügen kann. Es braucht dazu die ganze Wirksamkeit des Geistes Gottes, der dieses Wort auf Gewissen und Herz anwendet. Paulus schreibt an Titus: «Unser Heiland-Gott errettete uns … nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes» (Tit 3,5). Nikodemus hätte diese Dinge wissen müssen. Sowohl Jeremia wie Hesekiel hatten angekündigt, dass die irdische Segnung des Volkes (Joh 3,12) nur durch die neue Geburt kommen würde. Wie viel mehr die himmlischen Wirklichkeiten! Aber das Evangelium offenbart uns mehr als Hesekiel.

Diese neue Geburt ist nur möglich, weil Jesus vom Himmel herabgestiegen und Sohn des Menschen geworden ist. Warum vergleicht Ihn der Evangelist mit einer Schlange? (Joh 3,14). Wir verstehen, dass Er Lamm genannt wird oder dass die Opfertiere des dritten Buches Mose vom Rind- und Kleinvieh ein Bild von Ihm sind. Aber muss man bei der Schlange nicht an den Teufel denken? Und an alles, was mit der Sünde zusammenhängt? Hier stehen wir vor dem Geheimnis der Stellvertretung: «Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht» (2. Kor 5,21). «Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist» (Gal 3,13). An Ihn, den auf das Kreuz erhöhten Sohn des Menschen, der an unserer Stelle den Fluch Gottes trug, muss man glauben, um ewiges Leben zu haben (Joh 3,15), aber auch an Ihn, den eingeborenen Sohn Gottes, den die Liebe des Vaters gegeben hat (Joh 3,16). Johannes beharrte in seinen Briefen auf diesem Glauben an den Sohn Gottes, der als Mensch auf die Erde kam, an den Christus, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Das Ergebnis davon ist nicht bloss eine irdische Segnung, sondern das ewige Leben, das Heil in Herrlichkeit (Joh 3,17 und 36), das glückselige Teil in Ewigkeit mit dem Herrn selbst.

Kommen wir auf die Aussprüche Hesekiels zurück und betrachten wir ihre Anwendung auf uns selbst! In Kapitel 36,24 erinnert er daran, wie Israel aus den Ländern gesammelt wird, in die es zerstreut war. Handelt Gott heute nicht in gleicher Weise? Aus der Welt, aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation nimmt Er die heraus, die an seinen Namen glauben. Er reinigt sie durch sein Wort (V. 25), Er gibt ihnen seinen Geist (V. 27 und Eph 1,13, Röm 8,9). Nachdem Er ihnen das Leben gegeben hat, lehrt Er sie wandeln (V. 27), nicht nach den Verordnungen und Satzungen, sondern in Neuheit des Lebens, wie Christus durch Glauben und in Liebe gewandelt hat. Er bereitet ihnen eine Wohnung (V. 28), nicht ein Land auf der Erde, sondern ein geistliches Haus, dessen Grundlage Christus ist. Er gibt ihnen Nahrung (V. 29) und lässt sie Frucht tragen (V. 30) wie die mit dem Weinstock verbundene Rebe.

Warum aber diese seltsame Folgerung im 31. Verse: «Ihr werdet Ekel an euch selbst empfinden?» Ist es denn nicht angebracht, seine Fehler und Sünden anzuerkennen, bevor man gereinigt wird? Gewiss, aber in welch schwachem Mass geschieht dies! Man muss manchmal lange mit dem Herrn gewandelt haben und in seiner Gnade gewachsen sein, um sich besser zu erkennen und Abscheu vor sich selbst zu haben. Hiob konnte sagen: «Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich» (Hiob 42,5-6). Sich selbst, aber auch seine Liebe zu kennen ist nötig, denn «nicht um euretwillen tue ich es, spricht der Herr, HERR, das sei euch kund» (V. 32). Johannes sagt später: «Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden» (1. Joh 4,10). Der Herr selbst erklärt: «Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt» (Joh 15,16). «Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat» (1. Joh 4,19).

Als Israel vernichtet wurde, spotteten die Nationen über den HERRN und sein Volk. Bei seiner Wiederherstellung werden die Nationen, «die rings um euch her übrig bleiben werden, werden wissen, dass ich, der HERR, das Zerstörte aufbaue, das Verwüstete bepflanze» (V. 36). Die Segnung des Volkes Gottes wird ein Zeugnis sein zu seiner Ehre. Auch heute ist jedes durch den Glauben an den Herrn Jesus und durch die Neugeburt umgewandelte Leben ein Zeugnis der Gnade und Liebe Gottes. «Sie werden erkennen, dass ich dich geliebt habe» (Off 3,9).