Esra (1)

Esra 1

Einleitung

Das Buch Esra berichtet von einem wichtigen Zeitabschnitt im Handeln Gottes mit seinem Volk Israel. Es ist die Fortsetzung vom zweiten Buch der Chronika, obwohl zwischen den Ereignissen, die in den beiden Büchern beschrieben sind, siebzig Jahre liegen; denn die Zeit, in der die Juden ausserhalb des Landes der Verheissung im Exil wohnten, zählt nicht. Durch ihre Sünden und ihren Abfall hatten sie alles verloren, und Gott hatte Nebukadnezar gesandt, um sie zu züchtigen, um sein eigenes Haus – das sein Volk entweiht und verunreinigt hatte – zu zerstören und sie nach Babylon gefangen wegzuführen. «Damit erfüllt würde das Wort des HERRN durch den Mund Jeremias, bis das Land seine Sabbate nachgeholt hätte» (2. Chr 36,21).

Nichts könnte trauriger sein als der Bericht von der Zerstörung Jerusalems und der Vernichtung des Königtums, das der Verantwortlichkeit des Menschen übergeben worden war, ausgenommen die noch schrecklicheren Berichte von der Belagerung und Einnahme Jerusalems durch Titus, kurz nach dem Beginn des christlichen Zeitalters.

Die Langmut Gottes war in jeder Weise geprüft worden. In seiner Gnade hatte Er die Rebellen seines Volkes lange ertragen. Er hatte Boten zu ihnen gesandt, «früh sich aufmachend und sendend; denn er erbarmte sich seines Volkes und seiner Wohnung. Aber sie verspotteten die Boten Gottes und verachteten seine Worte und verhöhnten seine Propheten, bis der Grimm des HERRN gegen sein Volk stieg, dass keine Heilung mehr war. Und er liess den König der Chaldäer gegen sie heraufkommen …» (2. Chr 36,15-17). Die Schläge des Schwertes seiner Gerechtigkeit fielen auf sein schuldiges Volk, weil ihre Sünden die Sünden der Amoriter, die Gott vor ihnen ausgetrieben hatte, sogar noch übertrafen (siehe 2. Kön 21,11). Gottes Thron auf der Erde war nun nach Babylon verlegt. Die Zeiten der Nationen nahmen ihren Anfang und dauern immer noch an, bis Christus selbst seinen Thron, den Thron seines Vaters David, aufrichten wird (siehe Lk 1,32.33; 21,24). Lo-Ammi (nicht mein Volk) war daher auf das auserwählte Geschlecht geschrieben,1 und es begann für sie die schmerzliche Erfahrung der Gefangenschaft und der Verbannung unter der Zuchtrute in der Hand ihres Gottes.

Als nun aber das Buch Esra geschrieben wurde, waren die siebzig Jahre ihrer Gefangenschaft erfüllt, die Jeremia vorausgesagt hatte. Und in Verbindung damit berichtet Esra vom Tun Gottes, der nun sein eigenes sicheres und treues Wort ausführen wollte. Die Art und Weise seines Eingreifens ist charakteristisch für die Haltung Gottes gegenüber seinem Volk während der Zeiten der Nationen und erklärt auch in gewissem Mass die Besonderheit der Bücher Esra, Nehemia und Esther. In diesen Büchern wird deutlich, dass Gott nicht mehr direkt in die Angelegenheiten seines Volkes eingreift, aber Er wirkt hinter der Szene, indem Er die neue Ordnung der Dinge anerkennt, die Er selbst eingeführt hat: Er gebraucht heidnische Monarchen und legt zur Ausführung seiner Ratschlüsse das Zepter über die Erde in ihre Hände.

Wenn wir uns diese Grundsätze vor Augen halten, werden wir die Belehrungen des Buches Esra besser verstehen.

Das Buch selbst ist in zwei Teile geteilt. Die ersten sechs Kapitel berichten von der Rückkehr der Gefangenen, die auf die Proklamation von Kores antworteten, wie auch von der Aufrichtung des Tempels; die letzten vier von der Aufgabe, die Esra selbst zu erfüllen hatte.

Kapitel 1

Dieses Kapitel spricht von zwei Dingen:

  1. Vom Aufruf von Kores und der Reaktion des Volkes,
  2. Von der Anzahl der «Geräte des Hauses des HERRN …, die Nebukadnezar aus Jerusalem gebracht und in das Haus seines Gottes gelegt hatte» (Vers 7) und die nun Kores den aus der Gefangenschaft nach Jerusalem Zurückkehrenden zurückgab.

Der erste Vers zieht den Vorhang zurück und enthüllt die Quelle der Macht, die damals am Ruder war und durch alle folgenden Ereignisse dieses Buches hindurch handelte, um die Absichten des HERRN auszuführen. «Im ersten Jahr Kores', des Königs von Persien – damit das Wort des HERRN aus dem Mund Jeremias erfüllt würde – erweckte der HERR den Geist Kores', des Königs von Persien; und er liess einen Ruf ergehen durch sein ganzes Königreich, und zwar auch schriftlich …»

Lasst uns hier einen Augenblick still stehen, um darauf hinzuweisen, wie der HERR – ob es nach aussen hin auch einen anderen Anschein haben mochte – die Herzen aller Menschen in seiner Hand hält und sie dahin wendet, wohin immer Er will. Er benützt die Menschen jeden Standes als Werkzeuge der Ratschlüsse seines Willens. Gerade die Erwähnung des Namens Kores unterstreicht dies. «Wer», sagt der Prophet Jesaja im Namen des HERRN, «hat vom Aufgang her den erweckt, dem Gerechtigkeit auf Schritt und Tritt begegnet? Er gab Nationen vor ihm hin» (Jes 41,2). Und weiter: «Der von Kores spricht: Mein Hirte und der all mein Wohlgefallen ausführt, und zwar, indem er von Jerusalem sagen wird: Es werde aufgebaut!, und vom Tempel: Er werde gegründet!» (Jes 44,28).

Diese Prophezeiung wurde lange Zeit vor der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar und mindestens hundert Jahre vor dem Prophetendienst Jeremias ausgesprochen. Dies zeigt, dass Gottes Auge und Herz ohne Unterlass auf sein Volk und auf dessen Interessen gerichtet sind und dass die öffentlichen Ereignisse der Welt, das Aufstehen und Fallen von Monarchien, das Erscheinen mächtiger Eroberer, nur Mittel in seiner Hand sind, um seine eigenen Ratschlüsse in Verbindung mit seinem irdischen Volk zu erfüllen. Wie ruhig können daher die Kinder Gottes mitten in den politischen Wirren und Kämpfen der Welt sein! Gott hat also durch den Mund Jesajas zweihundert Jahre vor den in unserem Kapitel erwähnten Ereignissen sein auserwähltes Gefäss zur Wiederherstellung seines Volkes und zur Aufrichtung seines Hauses in Jerusalem bezeichnet.

Ein Jahrhundert später, in den letzten Tagen des Königtums, hat dann Jeremia geweissagt, indem er das Volk abwechselnd warnte und beschwor: Er warnte sie vor den unweigerlich nahenden Gerichten und beschwor sie, vor Gott Buße zu tun und sich zu demütigen vor Dem, dessen Zorn sie durch ihre Bosheit und Torheit hervorgerufen hatten. Im Verlauf dieses seines Dienstes sagte er: «Dieses ganze Land wird zur Einöde, zur Wüste werden; und diese Nationen werden dem König von Babel dienen 70 Jahre. Und es wird geschehen, wenn 70 Jahre voll sind, werde ich an dem König von Babel und an jenem Volk, spricht der HERR, ihre Schuld heimsuchen …» (Jer 25,11.12). Und ferner: «Sobald 70 Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer annehmen und mein gutes Wort an euch erfüllen, euch an diesen Ort zurückzubringen» (Jer 29,10). Zuerst also wurde Kores bezeichnet, viele Jahre bevor er geboren wurde, und nach einem weiteren Zeitabschnitt verkündigte Jeremia das Herannahen der Gefangenschaft des Volkes und die genaue Dauer ihrer Verbannung.

Aber da war noch ein anderes Werkzeug (das zwar nicht in diesem Kapitel erscheint), mit dem sich Gott bei der Durchführung seiner Absichten der Gnade und des Segens gegenüber seinem Volk verbinden wollte.

Im Buch Daniel lesen wir: «Im ersten Jahr seiner Regierung (des Darius) verstand ich, Daniel, in den Schriften die Zahl der Jahre, bezüglich derer das Wort des HERRN an den Propheten Jeremia ergangen war, dass nämlich 70 Jahre für die Verwüstung Jerusalems vollendet werden sollten. Und ich richtete mein Angesicht zu Gott, dem Herrn, um ihn mit Gebet und Flehen zu suchen, in Fasten und Sacktuch und Asche» (Dan 9,2.3). Gott hatte von den Werkzeugen zur Wiederherstellung seines Volkes gesprochen und sie zubereitet; aber was finden wir hier? Dass einer der Gefangenen, der durch Nebukadnezar nach Babel weggeführt worden war, der Prophet Daniel, nicht durch eine besondere Offenbarung, sondern durch andauerndes Studium der Schriften Jeremias entdeckte, dass Gott für die Verwüstung Jerusalems einen Zeitabschnitt von siebzig Jahren festgesetzt hatte.

Daher, sich stützend auf das untrügliche Wort Gottes, gab sich Daniel dem Gebet und dem Fasten hin, indem er sich selbst vor Gott niederbeugte, die Sünden seines Volkes bekannte und flehentlich darum bat, Er möge sein eigenes Wort erfüllen. «Herr», betete er, «nach allen deinen Gerechtigkeiten lass doch deinen Zorn und deinen Grimm sich wenden von deiner Stadt Jerusalem, deinem heiligen Berg! Denn wegen unserer Sünden und der Ungerechtigkeiten unserer Väter sind Jerusalem und dein Volk allen denen zum Hohn geworden, die uns umgeben. Und nun höre, unser Gott, auf das Gebet deines Knechtes und auf sein Flehen; und um des Herrn willen lass dein Angesicht leuchten über dein verwüstetes Heiligtum!» (Dan 9,16.17). So hatte Daniel, indem er sich selbst mit dem Zustand seines Volkes eins machte, Gemeinschaft mit den Gedanken Gottes und das unaussprechliche Vorrecht, ein Fürsprecher für Israel und für die Erfüllung der Verheissungen Gottes zu werden. Sein Gebet wurde erhört (Verse 21-27), und wir lernen dabei, dass Gott in seiner Gnade seinem Volk erlaubte, in seine eigenen Gedanken einzutreten und mit Ihm selbst vereinigt zu werden in der Erfüllung seiner Ratschlüsse, zu seiner eigenen Verherrlichung.

Somit war nun alles bereit; die Vorbereitungen waren getroffen. In Übereinstimmung mit der Voraussage Jesajas war nun zur Herrschaft über die Nationen «vom Aufgang her der erweckt, dem Gerechtigkeit auf Schritt und Tritt begegnet»; und durch Ihn sollte nun die in Aussicht gestellte Befreiung kommen. Darum wird jetzt von der nächsten Handlung berichtet: «Der HERR erweckte den Geist Kores', des Königs von Persien.» Dies hatte zur Folge, dass dieser nachstehenden Aufruf erliess: «So spricht Kores, der König von Persien: Alle Königreiche der Erde hat der HERR, der Gott des Himmels, mir gegeben; und er hat mich beauftragt, ihm ein Haus zu bauen in Jerusalem, das in Juda ist. Wer irgend unter euch aus seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem, das in Juda ist, und baue das Haus des HERRN, des Gottes Israels (er ist Gott), in Jerusalem. Und jeden, der übrig bleibt an irgendeinem Ort, wo er sich aufhält, den sollen die Leute seines Ortes unterstützen mit Silber und mit Gold und mit Habe und mit Vieh, ausser den freiwilligen Gaben für das Haus Gottes in Jerusalem» (Esra 1,2-4).

Drei Dinge werden hier bekannt gemacht, nämlich:

  1. Der Auftrag, den Kores selbst bezüglich des Hauses Gottes empfangen hatte;
  2. Seine königliche Erlaubnis für alle Juden, nach Jerusalem zurückzukehren, zum Zweck der Aufrichtung des Tempels; und
  3. Seine Aufforderung an die Zurückbleibenden, mit den Ausziehenden Gemeinschaft zu haben durch freiwillige Gaben für das Haus Gottes in Jerusalem, das sie aufbauen wollten.

Der übrige Teil des Kapitels schildert die durch diesen Aufruf hervorgerufene Wirkung. Wir sagen «die Wirkung des Aufrufs», aber der Leser wird wohl gemerkt haben, dass Der, der den Geist Kores' erweckte, auch Der war, der den Geist derer erweckte, die sich für das in Aussicht gestellte Werk hingaben. Nur auf zwei oder drei Einzelheiten muss noch hingewiesen werden.

Es ist vor allem von grosser Wichtigkeit, dass die Häupter der Väter, und die sich mit ihnen zu dem Werk aufmachten, von den beiden Stämmen Juda und Benjamin waren. Da waren auch noch Leviten, aber sie zählten nicht als Stamm; denn Levi hatte «weder Teil noch Erbe mit seinen Brüdern; der HERR ist sein Erbteil» (5. Mo 10,8.9). Aus diesen und aus anderen Schriftstellen geht klar hervor, dass, wenn sich auch Einzelne aus anderen Stämmen darunter befunden haben mochten, nur diese beiden Stämme wiederhergestellt wurden. Daher waren es nur Juda und Benjamin, denen Christus, als Er später in diese Welt kam, zur Annahme vorgestellt wurde; und die Tatsache, dass sie Ihn verwarfen, führt dazu, dass nur diese zwei von den zwölf Stämmen durch die schreckliche «grosse Drangsal» gehen müssen, «wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird» (Mt 24,21), als Folge des Kommens und der Macht des Antichristen in Jerusalem. Aus demselben Grund werden die zehn Stämme erst gesammelt und wiederhergestellt werden, wenn der Herr zur Errettung des Überrestes im Land erscheinen wird (Sach 14; Hes 20,33-44; Hes 34; Jer 31,6-14).

Anschliessend wirkte Gott auch in den Herzen der Nachbarn derer, die sich dem Werk des Hauses Gottes weihten, denn sie unterstützten sie «freiwillig» von ihrer Habe, entsprechend dem Aufruf, indem sie ihnen halfen mit silbernen Geräten, mit Gold usw. Schliesslich bezeugte Kores selbst, dass die göttliche Macht auch sein Herz berührt und Interesse am Werk bewirkt hatte, indem er die Gefässe des Tempels zurückgab, die Nebukadnezar aus Jerusalem hierher gebracht und sie in das Haus seines Gottes gelegt hatte (siehe Dan 5,1-4); er liess sie Sesbazar, dem Fürsten Judas, übergeben (Verse 6-9).

Wir finden also in diesem Kapitel alle Zeichen eines echten Werkes Gottes. Zu dem einen grossen Zweck war eine Zusammenarbeit der Herzen aller Beteiligten bewirkt worden, sowohl in Kores – ohne seine Erlaubnis hätten die Gefangenen nicht zurückkehren können – als auch in den Häuptern der Väter von Juda und Benjamin, die nötig waren zum Aufbauwerk, und schliesslich in denen, die zurückblieben, aber durch ihre freiwilligen Opfer Gemeinschaft hatten mit ihren Brüdern.

Da waren keine Zusammenkünfte vorangegangen, um ein Übereinkommen zustande zu bringen. Die Einigung der Herzen zum gemeinsamen Ziel wurde allein durch die Wirksamkeit des HERRN in den Herzen aller hervorgebracht. Das ist das Merkmal eines göttlichen Werkes und der sichere Beweis einer echten Tätigkeit des Geistes Gottes. Jedes benötigte Werkzeug tritt im richtigen Augenblick in den Vordergrund, denn das Werk ist von Gott und muss erfüllt werden.

Die letzten drei Verse enthalten die Anzahl der geheiligten Geräte, die Sesbazar von Kores empfing, und er brachte sie von Babel nach Jerusalem.

  • 1Daher redet Gott in diesen Büchern, die nach der Gefangenschaft geschrieben wurden, die Juden nie als sein Volk an, obwohl Er in Fürsorge an sie dachte.