Psalm 22 (9)

Psalm 22,23-32

Die Leiden Christi werden sich während des Tausendjährigen Reiches zum Segen auswirken. Denn zu jener Zeit wird die ganze Erde das Herz auf das Gedächtnis des Kreuzes des Herrn gerichtet haben. Man darf annehmen, dass während dieser tausend Jahre der Gerechtigkeit und des Friedens die Erinnerung an das, was der Herr am Kreuz getan hat, aufrecht erhalten bleibt, wenn auch mit einem fortschreitenden Abklingen, wie die Art und Weise der Beendigung des Reiches es anzudeuten scheint (Off 20,7.8).

Alle Nationen waren bei der Verwerfung Christi vertreten, wie wir uns erinnern, alle Menschenklassen waren anwesend, um seinen Tod herbeizuführen. Es ist daher gerecht, dass das Lob des Herrn ebenfalls vonseiten aller Menschenklassen und allen Nationen wie auch vom Volk Israel zu Ihm emporsteigt. Anderseits ist es unmöglich, dass dieser Psalm, in dem die Leiden Christi in ihrer ganzen Tiefe dargestellt werden, wie auch in ihrer vollen Auswirkung, die dem Ausströmen der unumschränkten Gnade Tür und Tor öffnet, uns nicht auch zeigen würde, wie diese Gnade auf die eine oder andere Art alle Menschenklassen erreicht. Das Herz Gottes kann sich in seinen Kundgebungen nicht auf Bevorzugte, wie die der erstgenannten Klasse (seine Versammlung), beschränken; mit jeder der in den Versen 23-32 erwähnten Kategorien sind besondere Vorrechte verknüpft; die ganze Schöpfung und alle Menschengruppen sollen die Auswirkungen des Todes Christi im Hinblick auf sie kennenlernen und verkünden. Wir sind hier nicht auf himmlischem Boden, wo Personen aus allen Sprachen, Völkern und Nationen singen; doch wird es auch auf der Erde so sein, obwohl hier auf der Erde das Loblied ein anderes ist. Lasst uns auch beachten, dass auf jenem Schauplatz die Unterscheidung zwischen Juden und Nationen wieder aufgerichtet wird. Im gegenwärtigen Zeitpunkt ist sie weggetan; die Zwischenwand der Umzäunung ist abgebrochen; doch wird der Unterschied wieder hergestellt und die zwölf Stämme werden von allen übrigen Menschen unterschieden werden und eine besondere Segnung geniessen.

Israel wird dann die zentrale Stellung einnehmen, die ihm bei der Ankunft des Messias gehört hätte, wenn es treu gewesen wäre, wie geschrieben steht: «Da stellte er die Grenzen der Völker fest nach der Zahl der Kinder Israel» (5. Mo 32,8), oder wie wir in Hesekiel 5,5 lesen: «So spricht der Herr, HERR: Dieses Jerusalem, inmitten der Nationen habe ich es gesetzt und Länder rings um es her.» Diese Wiederherstellung Israels wird für die Nationen eine Quelle unermesslicher Segnungen sein. In Römer 11,15 wird uns gesagt: «Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anderes sein als Leben aus den Toten?»

Die Verse 28-30 übergehen die vorbereitende Periode, während der durch Gerichte das Reich in Macht aufgerichtet wird. Diese Macht wird zur Freude derer ausgeübt werden, die sie anerkennen und ihr unterworfen sind. «Alle Enden der Erde werden sich erinnern.» Was sollte ihnen zum Bewusstsein kommen, wenn nicht das, was der erste Teil des Psalms zum Ausdruck bringt, nämlich das unvergessliche Werk des Kreuzes? Im Tausendjährigen Reich werden die Bewohner der Erde, im Bewusstsein der erworbenen Rechte dessen, der das Werk vollbracht hat, glücklich sein, Ihn als Herrn und als König der Herrlichkeit anerkennen zu können; sie werden sich dem HERRN zuwenden und Ihm das gebührende Lob darbringen.

Die Menschen eines jeden Standes, so lehrt uns der 29. Vers, werden mit Freuden vor dem Herrn niederfallen. Die Mächtigen der Erde, so gut wie die, die in verzweifelter Lage sind, sowohl die Grossen als auch die Elenden, alle werden den Herrn nötig haben und sich beeilen, Ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen. In Gedanken an das, was Er für sie getan hat, werden sie sich freuen.

Das wird eine teilweise Erfüllung von Philipper 2,9-11 sein: «Damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen» …, wenn dort auch nicht die Rede ist vom Geistszustand derer, die in Huldigung ihr Knie beugen. In dieser Stelle wird nur die Tatsache selbst erwähnt, zusammen mit der unerforschlichen Erniedrigung des Herrn. Diese Erniedrigung verdient es sozusagen, dass man die allerhöchste Macht dessen, der sich einst zu nichts gemacht hat, zu jeder Zeit und ausnahmslos anerkenne. Es geht um die Tatsache der Unterwerfung aller Geschöpfe in den verschiedenen Zeitaltern und um ihre Anerkennung, dass Er Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters. Auch die Christen haben ihren Platz unter denen, die hier Huldigung bringen, doch werden sie in Anbetung ihre Knie beugen und nicht nur im Gefühl, einer obersten Gewalt gegenüber zu stehen. Diese Macht, die die ganze Welt eines Tages freiwillig oder gezwungen anerkennen muss, wurde einem Menschen gegeben, dem Menschen Christus Jesus. «Herr» ist ein Titel, der besonders auf Christus als Mensch anzuwenden ist, wie geschrieben steht: « … wisse nun zuverlässig, dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt» (Apg 2,36).

Was diese weltweite Lobpreisung des Herrn hervorhebt, ist der Umstand, dass ihr die Anbetung des Tieres vorausgegangen sein wird. Auf die unerhörten Verirrungen, denen die Welt anheimfallen wird, folgt diese Zeit des Friedens, der Ordnung, des Segens und des Lobes. Da haben wir einen Gegenstand, der uns zum Erforschen der Schriften und insbesondere der Prophetie anreizt; die Weissagungen sind mit der gegenwärtigen und der zukünftigen Herrlichkeit des Herrn verknüpft. Hinsichtlich der gegenwärtigen Herrlichkeit besitzt der Herr die Rechte des Reiches, das keinem sonst gehört; Er ist würdig, dass wir dies in unserer Erinnerung festhalten. Lasst uns in diesen Tagen, wo die menschlichen Mächte sich in so ausserordentlicher Weise entfalten, diesen Gedanken in unseren Herzen bewahren, dass Gott seinen König hat und dass auch wir diesen König kennen. Das kann unsere Herzen bewahren und uns vor der Gefahr schützen, uns mit der «Politik» der Menschen zu beschäftigen. Die Prophezeiung ist, wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf, Gottes Politik, und wir wollen keine andere.

Zahlreiche Stellen in den Propheten geben uns Einzelheiten über die Art und Weise, wie der Sohn des Menschen von den Nationen geehrt werden wird. Es wird solche geben, die sich Ihm nur rein äusserlich und nur deshalb unterwerfen, weil alle Gottlosen des Landes jeden Morgen vertilgt werden.

Psalm 22 aber redet von einer gottgemässen, wirklichen Unterwerfung, als der Frucht des Werkes Christi für die ganze Schöpfung. Die Erinnerung an dieses Werk wird sich fortsetzen, und man wird in Israel und anderswo einem Volk, das geboren wird, davon erzählen. Man ist heute durchaus nicht erstaunt darüber, dass sich im Verlauf eines Jahrtausends die Geschlechter nacheinander von der Geschichte grosser Männer erzählen, auch wenn es eine traurige Geschichte gewesen sein mag, die Geschichte einer Welt voll Hass, Verderben und Unordnung. Wie sollten wir uns denn darüber verwundern, dass Gott während des dafür bestimmten Tausendjährigen Reiches, inmitten der Völker, die Erinnerung an das, was sein Sohn vollbracht hat, aufrecht zu halten vermag, umso mehr, als Satan nicht mehr da sein wird, um die Geister der Menschen zu verwirren! Vielmehr ist es erstaunlich, dass man sechzig Jahrhunderte lang versucht hat, die Geister der Menschen mit der Geschichte der Menschen zu füllen, obwohl man einigermassen weiss, welch dunkle Geschichte es ist. Hier dagegen wird Gott zehn Jahrhunderte lang darüber wachen, dass die Herrlichkeit seines Sohnes sowohl für Israel als auch für die Nationen ein Gegenstand der Betrachtung ist. Die Kirche aber wird anderswo sein und sich auf höherer Ebene mit dem beschäftigen, was Er getan hat. Sie wird in der Ewigkeit sein; sie befindet sich gewissermassen jetzt schon dort.

Gegen das Ende des Reiches werden sich die Umstände ändern, doch ist das nicht der Gegenstand unseres Psalms, der nur die wunderbaren Ergebnisse des Werkes Christi für die Erde entfaltet. Aus anderen Stellen wissen wir jedoch, dass der glückliche Zustand dieses Reiches einen Niedergang erleidet und sogar aufhören wird. Die irdischen Segnungen als Folge der Leiden Christi, wie weit sie auch reichen mögen, sind zeitlich begrenzt. Sie sind tatsächlich nur für diese Erde; allerdings werden die Auserwählten, nachdem sie auf der Erde die Gegenwart des Herrn genossen haben, in die neuen Himmel und auf die neue Erde versetzt werden.

Die erste, und man kann sagen, die letzte Auswirkung der Leiden und des Todes Christi ist die, dass Gott von seinen Erlösten erkannt und mit einem einsichtigen Lob gepriesen wird. Das ist das Ziel aller Folgen des Werkes Jesu. Dieses Lob hat einen Wert für Gott, denn Er konnte es von niemandem empfangen als nur von Sündern, die durch das Werk des Herrn Jesus befreit worden sind. Die Engel vermochten Ihm das Lob seiner Liebe nicht zu bringen. Gott begehrte Wesen bei sich in seiner ewigen Glückseligkeit zu haben, die Er zuerst und sogar in ihrem sündigen Zustand geliebt hat, und die auf seine Liebe antworten können.

So werden denn die Auserwählten aller Klassen der Menschheit und aller Haushaltungen keine andere Tätigkeit haben, als die: den Vater und den Sohn anzubeten. Dabei wird es keine Einförmigkeit, kein Ermüden geben. Wir haben Mühe, uns an diesen Gedanken zu gewöhnen, wir, die wir jetzt geneigt sind, diese Tätigkeit, die für uns die erste sein sollte, durch eine andere zu ersetzen. Aber, Geliebte, die Wirklichkeit der Dinge, die dieser kostbare Psalm vor uns hinstellt, ist von einer solchen Breite, Länge, Höhe und Tiefe, dass sie dann, wenn wir sie mit allen Heiligen völlig zu erfassen vermögen, genügen wird, um unsere Herzen auf immer mit einer Fülle von Liebe zu erfüllen und aus dieser unerschöpflichen Quelle unaufhörliche Anbetung darzubringen. Möge Gott schon jetzt unsere Seelen immer mehr mit dieser Wirklichkeit beschäftigen!