Die Wüstenwanderung (11)

4. Mose 6,22-27; 4. Mose 14,10; 4. Mose 16,19.42; 4. Mose 20,6-11; 4. Mose 21,16-18; 4. Mose 23,8.9.20-23; 4. Mose 24,5-7

5. Der Fels und der Brunnen

(4. Mose 20,7-11; 21,16-18)

a) Der Fels

1. Korinther 10,4 sagt uns: «Sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der sie begleitete. (Der Fels aber war der Christus.)» Am Anfang der Durchquerung der Wüste war der Fels geschlagen worden, ein Bild von Christus am Kreuz, von wo seinem Volk jede Segnung zufliesst (2. Mo 17,6). Nach den Anweisungen des HERRN genügte es, in unserem Kapitel, zum Felsen zu reden, und zwar mit dem Stab Aarons, der gesprosst hatte, in der Hand. Welch ein Wunder! Der Zugang steht uns immer offen, um in einem ernsten, kurzen, klaren Gebet zu dem zu reden, der geschlagen worden ist. Der Stab erinnert an das Hohepriestertum, das, gegründet auf das Leben und die Gnade, die einzige Grundlage war, auf der Gott das Volk noch in Kanaan einführen konnte. Der Stab der Autorität, derjenige des Führers, führte wegen der Schwachheit des Volkes und wegen seines Unglaubens schliesslich nur zur Züchtigung. Die neue Generation musste begreifen, dass sie nur durch die Gnade ins Land eintreten konnte.

Trotz des Vergehens Moses, der den Felsen mit seinem eigenen Stab zweimal schlug, «kam viel Wasser heraus» (V. 11). Diese Wasser reden zu uns von der Gnade, die dem, der Durst hat, umsonst zukommt (Röm 3,24; Off 22,17); die Gnade, die noch überreichlicher ist (Röm 5,20; Jes 44,3.4), die uns nahe ist, die jederzeit für den vorhanden ist, der Durst hat (Joh 7,37; Jes 55,1). Der Fluss aus Hesekiel 47 vertiefte sich in dem Mass, je weiter man seinen Ufern entlang ging. Das sind die Wasser des Heiligtums, die Gnade, die man im Lauf des Lebens immer besser kennenlernt, diese «wahre Gnade Gottes, in der ihr stehen sollt» (1. Pet 5,12}. Diese Gnade unterweist uns auf dem Weg, die Gottlosigkeit zu verleugnen, besonnen, gerecht und gottselig zu leben, und die glückselige Hoffnung zu erwarten (Titus 2,12.13).

b) Der Brunnen

Das Volk, das von den Wassern aus dem Felsen zu trinken hatte, konnte zum König von Edom sagen: «Wir wollen kein Wasser aus den Brunnen trinken.» Diese sind ein Bild der menschlichen Hilfsquellen, die uns von der Welt angeboten werden (4. Mo 20,17). Nachdem es am Brunnen von Beer seinen Durst gestillt hatte, konnte es auch das Wasser Sihons, des Königs der Amoriter, verweigern (4. Mo 21,22).

Bei dem Brunnen sagte der HERR zu Mose: «Versammle das Volk, und ich will ihnen Wasser geben» (4. Mo 21,16). Das ist nicht nur das Wasser, das jeder für sich selbst aus der Quelle trinkt, sondern die gemeinsame Erfrischung, die man, geschart um den Herrn, in Gemeinschaft miteinander findet. Gott selbst ergreift die Initiative; hier antwortet Er nicht auf ein Gebet oder auf das Murren. Er sagt: «Ich will geben.» Ganz am Ende der Wüstenreise ist das die letzte Gabe Gottes vor dem Eintritt in Kanaan: Das Wasser, das ins ewige Leben quillt.

Die Fürsten haben den Brunnen gegraben (V. 18). Denken wir an alle die, deren sich Gott im Lauf der Jahrhunderte bediente, um das Wasser des göttlichen Wortes freizulegen, zuweilen unter Lebensgefahr. In unseren Tagen können die «Edlen» sowohl die geistlichen Elemente einer Versammlung darstellen sowie auch die Führer, deren schriftlicher Dienst uns noch zu unserer Verfügung steht, um uns die Reichtümer des Wortes besser bekanntzumachen. Die Fürsten, die Edlen des Volkes, haben «mit dem Gesetzgeber» gegraben, d.h. mit Christus. Das Volk ist Nutzniesser dieses Dienstes, der so zu seiner Verfügung steht, und es schätzt ihn als eine Gabe Gottes. Zum zweiten Mal singt es in seiner Freude ein Lied (vgl. 2. Mose 15 und lies Jakobus 5,13). Das Wasser fliesst, und die Anbetung erhebt sich zu dem Gott der Gnade.

Vor seiner Heirat dachte Isaak nach am «Brunnen des Lebendigen, der sich schauen lässt» (1. Mo 24,62); nachdem er Rebekka zur Frau hatte, wohnte er dort (1. Mo 25,11). Das ist ein schönes Beispiel. Es ermuntert uns, wenn die Familie einmal gegründet ist, gemeinsam dort zu wohnen, um zusammen «Erben der Gnade des Lebens zu sein».

Nach der Erfahrung mit der kupfernen Schlange wendet sich das Volk «gegen Sonnenaufgang» (4. Mo 21,11), zu Christus hin, dem wahren Licht. Nach der geistlichen Erfrischung, die sie am Brunnen fanden, haben die Israeliten Kraft, um zu kämpfen und den Sieg über die Amoriter zu erringen.

6. Die Wolke und die Herrlichkeit des HERRN

(4. Mose 14,10; 16,19.42; 20,6)

Die ganze Bedeutung der Wolke entsprang der Gewissheit, dass Gott dadurch seine Gegenwart bezeugte: «Der HERR kam in der Wolke herab» (4. Mo 11,25; 12,5). Bei sieben besonderen Gelegenheiten, vier davon im 4. Buch Mose, offenbart der HERR darin seine Herrlichkeit.

In 2. Mose 16,10 sieht die ganze Gemeinde Israels, nachdem sie Ägypten den Rücken gekehrt hat, die Wüste vor sich, die sie zu durchziehen haben wird: «Und siehe, die Herrlichkeit des HERRN erschien in der Wolke». Bis dahin hatte die Wolke sie geführt, sie beschützt, jetzt, in Verbindung mit der Wanderung durch die Wüste, offenbart sich ihnen die Herrlichkeit.

Die gleiche Herrlichkeit wird die Stiftshütte erfüllen (2. Mo 40,34), wie sie bei der Weihung der Priester dem ganzen Volk erscheinen wird (3. Mo 9,23). Das ist die Herrlichkeit im Zusammenhang mit dem Versammeln, dem Heiligtum und dem Gottesdienst, der beste Beweis, dass Gott in der Mitte der Seinen ist.

Im 4. Buch Mose nimmt die Erscheinung der Herrlichkeit einen anderen Charakter an. Als alles verloren schien, so dass es weder bei Mose noch bei Aaron irgendein Hilfsmittel gab für das aufrührerische Volk, das sogar Josua und Kaleb steinigen wollte, «da erschien die Herrlichkeit des HERRN am Zelt der Zusammenkunft» (4. Mo 14,10). Das gleiche geschah als Korah seine ganze Rotte versammelt hatte, um Mose seinen Willen und den seiner Männer aufzuzwingen, «da erschien die Herrlichkeit des HERRN vor der ganzen Gemeinde» (4. Mo 16,19). Am nächsten Tag empört sich das Volk von neuem; Mose und Aaron, am Ende ihrer Hilfsmittel, wenden sich dem Zelt der Zusammenkunft zu, «und siehe, die Wolke bedeckte es, und die Herrlichkeit des HERRN erschien» (4. Mo 17,7). Endlich gehen Mose und Aaron, vor dem Murren des Geschlechts, das in der Wüste aufgewachsen war, vor seinen Einsprüchen und seinen «Warum», von der Versammlung weg zum Eingang des Zeltes der Zusammenkunft und fallen auf ihr Angesicht, «und die Herrlichkeit des HERRN erschien ihnen» (4. Mo 20,6). In allen diesen Fällen, als alles endgültig gefährdet schien, bewahrte die Offenbarung der Gegenwart Gottes das Volk Israel vor dem völligen Untergang. Er zeigte sich in seinem Licht, aber auch in seiner Heiligkeit: Er befreite seine Diener; aber das Gericht, das ohne die dreifache Fürbitte Moses über das ganze Volk gekommen wäre, traf die Schuldigen.

In Johannes 18,6 leuchtet die gleiche Herrlichkeit im Herrn Jesus selbst hervor: Die Männer, gekommen um Ihn zu greifen, weichen zurück, als Er sich zu erkennen gibt. Sodann tritt Er für die Seinen ein, indem Er sich zwischen sie und die Feinde stellt.

Denken wir auch daran, wie der Herr dem Paulus während seines bewegten Lebens siebenmal erschienen ist. Und halten wir fest, dass Er in den verschiedensten Umständen, sogar in den hoffnungslosesten des Lebens, immer noch gleich mächtig ist, um sich zum Wohl der Seinen in Gnade und Herrlichkeit zu offenbaren.

7. Die Gnade

(4. Mose 23,8.9.20-23; 24,5-7)

Am Ende seiner Wüstenreise angekommen, verdient das rebellische Israel gewiss nur den Fluch Gottes und seine Züchtigung. Der vom Feind angestiftete König Balak, der Zuflucht zum Propheten Bileam nahm, um es zu verfluchen, schien dem Volk nur das zu wünschen, was es sich zugezogen hatte.

Warum änderte Gott den Fluch in Segen? Es gibt nur eine mögliche Antwort: Aufgrund seiner Gnade, dieser unumschränkten, unverdienten, unerklärlichen Gnade.

Die Gnade rettet uns; und während unseres ganzen christlichen Lebens ist sie da, um uns zu unterweisen, wiederherzustellen und ans Ziel zu führen.

Bileam musste ausrufen: «Wie soll ich verfluchen, den Gott nicht verflucht? … Denn vom Gipfel der Felsen sehe ich es … Siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt» (4. Mo 23,8.9). Dass auch wir lernten, die Geliebten des Herrn «vom Gipfel der Felsen» zu sehen, so wie Gott sie in Christus sieht, getrennt von der Welt, abgesondert für Ihn und nicht für Satan!

«Er erblickt keine Ungerechtigkeit in Jakob und sieht kein Unrecht in Israel» (V. 21). In Christus sind wir abgewaschen, gereinigt, gerechtfertigt; Gott wird unserer Sünden und unserer Gesetzlosigkeiten nie mehr gedenken. Wir können «ohne Gewissen von Sünde» ins Heiligtum eintreten. Nur die Gnade kann sich in solchen Worten ausdrücken. «Da ist keine Zauberei gegen Jakob, und keine Wahrsagerei gegen Israel» (V. 23). «Wer wird uns scheiden von der Liebe des Christus? … Kein Geschöpf wird uns zu scheiden vermögen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn» (Röm 8,35.39).

«Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!» (4. Mo 24,5). In Christus ist Neues geworden, da ist eine neue Schöpfung: Gott sieht in den Seinen einen Widerschein der Schönheit Christi (Ps 45,12). Er hat uns «angenehm gemacht in dem Geliebten» (Eph 1,6).

Ein gesetzlicher Geist wird die Gnade nicht begreifen. Anderseits kann man die Gnade Gottes leider auch in Ausschweifung verkehren. «Die auf nichtige Götzen achten, verlassen ihre Gnade» (Jona 2,9). Um das Gleichgewicht zu bewahren, ist es wichtig, dass die Gnade weder eine Theorie ist, noch eine interessante Belehrung, sondern dass die Augen unserer Herzen ständig auf den gerichtet sind, der die Gnade ist. Die Gnade Gottes ist nicht nur eine Gunst, sondern «aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade» (Joh 1,16). Es geht darum, «in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus zu wachsen» (2. Pet 3,18). Der Apostel konnte schreiben: «Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen» (1. Kor 15,10).

Als der Prophet das Volk am Ende der Wüstenreise vor sich sieht, erklärt er: «Um diese Zeit wird von Jakob und von Israel gesagt werden, was Gott gewirkt hat» (4. Mo 23,23). Wir hätten gesagt: Was das Volk getan hat. Doch was besteht am Ende einer langen Lebensbahn noch fort? Ist es nicht die Erinnerung an die Gnade und Barmherzigkeit Gottes? Dass dies von Israel (dem neuen Namen des Kämpfers Gottes; 1. Mose 32,28) gesagt wird, kann man noch verstehen; aber das Wort unterstreicht, dass von Jakob (dem Betrüger) gesagt wird: was Gott gewirkt hat. Wir spüren, dass wir hier die Unermesslichkeit der Gnade berühren, die unser Elend zudeckt.

Trotz all seiner Fehltritte und Schwachheiten «bleibt noch eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig» (Heb 4,9). «Der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, wird es vollenden bis auf den Tag Jesu Christi» (Phil 1,6).

  • Wie tief und weit vor uns wird das Geheimnis liegen
    der Liebe und der Gnad, die wir dann ganz verstehn.

8.Der Segen

(4. Mose 6,22-27)

Gäbe es einen schöneren Abschluss zu unserer Betrachtung als den Segen, mit dem Aaron das Volk zu segnen hatte?

«Der HERR segne dich und behüte dich! Der HERR lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig! Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!»

Ist die dreifache Erwähnung des Namens des HERRN nicht ein verschleierter Hinweis auf die Dreieinheit? Das Herz des Vaters öffnet sich, um zu segnen; Er allein kann die bewahren, die der Sohn Ihm anvertraut (Joh 17,11). Christus, in dessen Angesicht wir die Herrlichkeit Gottes erkennen, lässt sein Angesicht über uns leuchten. Jeder kann von Ihm diese Gnade empfangen, die Er in ihrer Fülle gebracht hat. Der Heilige Geist offenbart «die Tiefen Gottes» (1. Kor 2,10); Er verherrlicht Christus und nimmt von dem Seinen, um es uns zu verkündigen (Joh 16,14). Durch Ihn haben wir die Gewissheit des Heils, den Frieden, als ein Teil der Frucht, die Er hervorbringt.

«Und so sollen sie meinen Namen auf die Kinder Israel legen»: Sie sind für Ihn gekennzeichnet; «und ich werde sie segnen».

«Der Fels: Vollkommen ist sein Tun; denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue … ist er» (5. Mo 32,4).