Die Wüstenwanderung (1)

4. Mose 1,1-3.17-19.44-46; 4. Mose 2,1-2.17.34; 4. Mose 3,1-3; 4. Mose 4,46-49

Übersicht

I.    Einleitung
II.   Das Volk Gottes
      1. Wer ist tauglich zum Kampf
      2. Versammelt
      3. Der Dienst
      4. Die Reinigung des Lagers
      5. Das Nasiräertum
      6. Die Opfergabe an materiellen Gütern
      7. Personen als Opfergabe
      8. Das Passah in der Wüste
          a) Die praktische Reinheit
          b) Die Unterlassung
      9. Der Aufbruch
          a) Die Wolke
          b) Die Trompeten
          c) Die Marschordnung – Hobab – die Bundeslade
III.  Das Murren des Volkes
      1. Die Klagen
      2. Die Lüsternheit
      3. Eifersucht und üble Nachrede
      4. Unglaube
          a) Der Einfluss der Wenigen
          b) Die Regierung Gottes
          c) Die Belehrung von Kades
      5. Hochmut und Empörung
      6. Durst
      7. Mutlosigkeit
      8. Hurerei
      9. Die geteilten Herzen
IV.  Die Hilfsquellen in der Wüste
      1. Das Gebet
      2. Der Glaube
      3. Das Hohepriestertum
      4. Die Opfer
          a) Die rote junge Kuh
          b) Die kupferne Schlange
      5. Der Fels und der Brunnen
          a) Der Fels
          b) Der Brunnen
      6. Die Wolke und die Herrlichkeit des HERRN 
      7. Die Gnade
      8. Der Segen

I. Einleitung

«Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle» (1. Kor 10,12).

«Gott aber ist treu» (1. Kor 10,13).

Das 4. Buch Mose ist das Buch der Wüste.

Im 2. Buch Mose erlöst Gott sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens und der Macht Pharaos. Das Blut des Passahlammes bringt es in Sicherheit vor dem göttlichen Gericht, und das Rote Meer trennt es für immer von Ägypten, für uns ein Bild der Welt. In der Wüste wird Israel die Erfahrung der Fürsorge seines Gottes machen, der es übernimmt, das Volk zu ernähren, seinen Durst zu stillen und es zu beschützen. Wie auf Adlersflügeln wird Er es zu sich führen. Alle Anweisungen zum Bau der Stiftshütte sind gegeben, damit der HERR in ihrer Mitte wohnen kann.

Im 3. Buch Mose redet Gott zu Mose «aus dem Zelt der Zusammenkunft», d.h. aus dem Heiligtum, und gibt ihm alle Anweisungen, die sich darauf beziehen, im Besonderen die Einsetzung der verschiedenen Opfer, die mannigfaltige Vorbilder des Werkes Christi sind. Das 16. Kapitel dieses Buches, das zentrale Kapitel der fünf Bücher Mose, zeigt, wie Gott inmitten seines Volkes wohnen konnte, auf der Grundlage des Opfers Christi, dargestellt durch die Opfer des grossen Versöhnungstages.

Im 4. Buch Mose wendet sich der HERR an Mose «in der Wüste» (4. Mo 1,1). Das Volk stand im Begriff, den Sinai zu verlassen und die Wanderung durch «diese ganze grosse und schreckliche Wüste» (5. Mo 1,19), wo es auf die Probe gestellt werden würde, fortzusetzen. Tatsächlich liegt in unserem Buch die Betonung auf der Verantwortlichkeit des Volkes, das auf dem Weg ins verheissene Land ist. Elf Tagereisen hätten genügt, um das Ziel zu erreichen (5. Mo 1,2). Gott hat für alles vorgesorgt. Wie wird sich das Volk verhalten?

Halten wir von Anfang an fest, dass das christliche Leben gleichzeitig «in der Wüste» und «im Land» verlaufen kann. 5. Mose 8 hilft uns, diesen Unterschied zu erfassen. Die Verse 2-6 und 14-16 unterstreichen den Charakter der Wüste. Dieser lange Weg in einer feindlichen und dürren Umgebung hat Demütigung und Erprobung zum Zweck, «um zu erkennen, was in deinem Herzen ist». Da empfindet man Hunger und Durst. Aber Gott trägt Sorge dafür, indem Er das Manna gibt – für uns Christus, das lebendige Brot aus dem Himmel – und Wasser aus dem Felsen, eine unerschöpfliche, erquickende Quelle, die gleichzeitig von Christus, vom Heiligen Geist und vom Wort spricht. In der Wüste macht man auch die Erfahrung der göttlichen Vorsehung: «Deine Kleidung ist nicht an dir zerfallen, und dein Fuss ist nicht geschwollen»; aber auch von der Züchtigung des Vaters (5. Mo 8,5), gemäss Hebräer 12. Diese Erprobung hat nicht nur zum Zweck, aufzudecken was im Herzen ist, um Selbstgericht und das Bewusstsein der Gnade herbeizuführen, sondern vor allem, «damit er dir Gutes tue an deinem Ende» (V. 16).

Im Gegensatz dazu unterstreichen die Verse 7-10 was «das Land» ist: ein Ort des Segens, wo Wasser im Überfluss vorhanden ist, in Form von Wasserbächen, Quellen und Gewässern; wo es an Nahrung aller Art nicht mangelt: Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume, Granatbäume, Öl, Honig; wo alle Hilfsquellen zum Bauen und Kämpfen da sind: Eisen und Kupfer; wo man schliesslich gesättigt ist und anbetet. Das ist das Auferstehungsleben mit Christus, wie es uns der Kolosser- und der Epheserbrief vorstellen: «Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist … Sinnt auf das was droben ist» (Kol 3,1.2). Es ist auch ein Ort des Kampfes. Man ist noch nicht im Himmel, die geistlichen Feinde sind noch da: «Unser Kampf ist … gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern» (Eph 6,12). Darum müssen wir, selbst im Land, die ganze Waffenrüstung Gottes anziehen. Der Sieg in diesem Kampf ist uns sicher durch den Glauben. Das Buch Josua entfaltet uns das Vorbild dafür.

Um aus der Wüste in das Land zu gelangen, musste der Jordan überquert werden. Im Jordan ruhten zwölf aufgerichtete Steine, ein Bild unserer alten Natur, unseres Gestorbenseins mit Christus. Dem Jordan wurden zwölf Steine entnommen und in Gilgal aufgerichtet, ein Bild unserer Auferweckung mit Christus, um dieses Leben «in Überfluss» (Joh 10,10) zu leben. Er wünscht, dass die Seinen es geniessen.

Es ist, wie der Apostel sagt: «Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf die das Ende der Zeitalter gekommen ist» (1. Kor 10,11). Diese Berichte des Alten Testaments sind nicht nur an sich interessant, vom geschichtlichen Gesichtspunkt aus, sondern haben auch eine bestimmte geistliche Bedeutung, die wir uns nicht genug zu Herzen nehmen können. Tatsächlich zieht der Apostel zwei Schlussfolgerungen daraus: «Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle.» Das ist auch die Seite der Verantwortlichkeit. Aber er sagt auch: «Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird» (1. Kor 10,12.13). Einerseits finden wir also, dass, wer zu stehen meint, wachsam sein soll, damit er nicht falle. Das ist eine Warnung an unser Gewissen. Anderseits ist Gott treu, ein Trost für unsere Herzen und die Grundlage unseres Glaubens auf dem Wandel durch die Wüste.

In diesem Abriss über das 4. Buch Mose werden wir die Anweisungen bezüglich der Leviten nicht betrachten, noch das, was sich besonders auf Mose bezieht. Diese Gegenstände waren Inhalt früherer Betrachtungen.1 Zur weiteren Vertiefung des vorliegenden Gegenstandes empfehlen wir:

II. Das Volk Gottes

Die ersten zehn Kapitel des 4. Buches Mose stellen uns das Volk Gottes vor, wie Er es in der Wüste sieht. Es setzt sich aus Kämpfern zusammen, die um einen Mittelpunkt versammelt sind, in deren Mitte die Diener arbeiten und wo das Lager rein gehalten werden muss, «denn dort wohne ich», sagt der HERR. Da sind Herzen, die sich für Gott abzusondern wünschen; Opfergaben werden zum Altar gebracht, Personen zum Dienst des Heiligtums geweiht. Das Passahfest wird gefeiert, und Gott ordnet alle Vorbereitungen für den Aufbruch an.

1. Wer ist tauglich zum Kampf?

(4. Mose 1,1-3,17-19,44-46)

Das 4. Buch Mose erwähnt zwei Musterungen: eine am Sinai, in Kapitel 1, und die andere in den Ebenen Moabs, in der Nähe des Jordans und Jerichos, in Kapitel 26. Bei der ersten schreitet Gott sozusagen die Reihen seines Volkes ab, um Kenntnis zu nehmen von allen, die für den Kampf tauglich sind. Beim Vergleich der Zahlen der zweiten mit denen der ersten Musterung, erkennt man die oft so schweren Folgen der Fehler und Verirrungen in der Wüste. Gewisse Stämme sind zahlenmässig kleiner geworden und sehen daher auch ihr Erbteil in Kanaan geschmälert, denn «den Vielen sollst du ihr Erbteil mehren und den Wenigen ihr Erbteil mindern; jedem soll entsprechend seinen Gemusterten sein Erbteil gegeben werden» (4. Mo 26,54).

Am Sinai werden alle Männlichen von zwanzig Jahren und darüber gemustert, alle, «die zum Heer ausziehen». Jeder muss seine Abstammung, sein Geschlecht und sein Vaterhaus angeben. Auch in Nehemia 7,64.65 ist es so. Da dürfen nur die von den heiligen Dingen essen, die beweisen können, dass sie in Israel geboren und von der priesterlichen Familie sind. Heute gehören nur die zum Volk Gottes, die von neuem geboren sind: «So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die … aus Gott geboren sind» (Joh 1,12.13). Um «zum Heer auszuziehen» – für das Zeugnis nach aussen, den Kampf für die Wahrheit – ist ausserdem männliche Reife erforderlich: Man muss, wenigstens in einem gewissen Mass, Einsicht in und Verständnis der Gedanken Gottes erlangt, und zugenommen haben in den himmlischen Dingen: zwanzig Jahre alt sein!

Das Wort stellt uns das Volk Gottes auch als eine Herde vor. Der Hirte ruft jedes Schaf bei seinem Namen. Er trägt Sorge um die Schwachen und Kranken. Er trägt die Lämmer in seinen Armen. Das ist die liebende Gnade unseres Herrn. Aber hier befinden wir uns in der Wüste, unter dem Gesichtspunkt der Verantwortlichkeit. Der Geist Gottes will, dass wir fühlen, wie wichtig es ist, den göttlichen Gedanken zu entsprechen, damit unser Wandel, unser Zeugnis und unser Kampf zur Ehre des Herrn seien.

Zwölf Stämme werden gemustert. Von den Söhnen Jakobs empfängt Joseph zwei Teile: Ephraim und Manasse (vgl. 1. Mose 48,5). Ein Stamm ist also nicht gemustert. Es sind die Leviten, die für den Dienst der Wohnung abgesondert sind (V. 47-54), wie wir es später noch sehen werden.

2. Versammelt

(4. Mose 2,1-2.17.34)

Wir sind nicht berufen, die Wüste nur als Einzelne, jeder für sich, zu durchschreiten. Gott will die Seinen sammeln, damit sie merken, dass sie zu einem Ganzen gehören. Dazu gibt Er ihnen einen Mittelpunkt. Für Israel war es die Bundeslade, die sich im Zelt der Zusammenkunft befand: «Die Kinder Israel sollen … lagern; dem Zelt der Zusammenkunft gegenüber sollen sie ringsum lagern» (4. Mo 2,2), jeder an dem von Gott bezeichneten Platz.

Die Herde sammelt sich um den Hirten; der Leib des Christus ist mit seinem Haupt vereinigt. Nach den Gedanken Gottes kann man sich nur im Namen des Herrn Jesus versammeln, der verheissen hat, in der Mitte der Seinen zu sein (Mt 18,20).

Der Wandel steht in Verbindung mit dem Versammeln: «So wie sie lagern, so sollen sie aufbrechen, jeder an seiner Stelle» (V. 17). Gemeinschaftliches Vorangehen, Verantwortung der einen für die anderen, ein gemeinsames Zeugnis für Gott vor der Welt. Das Volk lagerte sich rings um die Bundeslade, und wenn sich die Heere der Israeliten aufmachten, um ihren Weg durch die Wüste fortzusetzen, so blieb die Bundeslade in ihrer Mitte und zog mit (V. 17).

3. Der Dienst

(4. Mose 3,1-3.5-13; 4,46-49)

Der Priesterdienst war das Teil der Familie Aarons (V. 1-3). Nur sie durften die Opfer, wie wir sie in 3. Mose finden, darbringen. Darum werden die Priester im 4. Buch Mose nur nebenbei erwähnt. Ihre Weihung wird im 2. Buch beschrieben und ihr Dienst ist Gegenstand des 3. Buches Mose. (Musste es nicht so sein, dass der Geist Gottes zuerst im 3. Buch Mose den Gottesdienst und die Gemeinschaft vorstellt und erst anschliessend den Wandel und den Dienst im 4. Buch Mose?)

Die Leviten waren für Gott abgesondert, anstelle aller Erstgeborenen aus Israel, auf die sich der HERR ein besonderes Recht erworben hatte, an dem Tag, da Er sie verschonte, während Er alle Erstgeburt im Land Ägypten schlug (4. Mo 3,12.13). Sind nicht auch wir «um einen Preis erkauft worden» (1. Kor 6,20), so dass wir «nicht mehr unser selbst sind»? «Er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist» (2. Kor 5,15).

Bevor die Leviten in den Dienst eintraten, sollten sie zu Aaron «herzunahen» und sich vor ihn «stellen» (V. 6; vgl. Mk 3,14). Sie waren Aaron und seinen Söhnen «ganz zu eigen gegeben» und dazu bestimmt, «den Dienst für Ihn zu versehen» und «den Dienst der ganzen Gemeinde», und um den Dienst der Wohnung zu verrichten. Wie sehen wir in diesen Zügen, was jeden Diener des Herrn kennzeichnen soll: eine ständige Gemeinschaft mit Ihm, ein Dienst in Hingabe an seine Person, an die Seinen und an seine Versammlung, wobei man alles, was man ist, dem Herrn zur Verfügung stellt.

Nebenbei bemerkt, es gab 8580 Leviten im Alter von dreissig bis fünfzig Jahren (4. Mo 4,47), d.h. fähig für ihre Aufgabe. Es war ein Überfluss an Dienern für alle Bedürfnisse der Stiftshütte und ihres Transportes vorhanden; einer konnte den anderen ablösen. Wie steht es heute?

Keiner suchte sich seine Arbeit aus, aber jeder erfüllte sie «nach dem Befehl des HERRN … durch Mose», der «jeden Einzelnen zu seinem Dienst und zu seiner Traglast» bestellt hatte.

Für weitere Einzelheiten über diesen wichtigen Gegenstand, wie er auch in Kapitel 8 unseres Buches behandelt wird, verweisen wir auf das Buch: «Die Stiftshütte und der Dienst der Leviten».