Der Brief an die Epheser (4)

Epheser 2,4-12

Vers 4

Wenn die ganze Welt tot ist für Gott, so gibt es keine Möglichkeit für den Menschen, sich selbst aus einem solchen Zustand zu befreien. Ein Toter kann nichts tun gegenüber dem, für den er tot ist. Soll es irgendeinen Segen für einen Toten geben, so muss dies ausschliesslich von Gott abhängen. Das bereitet den Weg vor für die Tätigkeiten der Liebe Gottes. Die hier vorgestellte Wahrheit zeigt nicht so sehr unser erfahrungsmässiges Eingehen in diese Dinge, als vielmehr die Weise, in der Gott zu seiner eigenen Befriedigung gemäss seiner eigenen Liebe wirkt.

In den ersten drei Versen sehen wir den Menschen entsprechend seiner gefallenen Natur handeln und sich so unter das Gericht bringen. In den Versen, die folgen, haben wir einen direkten Gegensatz. Da wird Gott vorgestellt, der gemäss seiner Natur handelt und den Menschen in den Bereich des Segens bringt. Wenn der Mensch entsprechend seiner Natur handelt, dann tut er es ohne Rücksicht auf Gott, von Beweggründen der Begierde in seinem eigenen Herzen getrieben. Wenn Gott seiner Natur gemäss handelt, dann geschieht es ohne den Menschen zu fragen, aus Beweggründen der Liebe in seinem Herzen. Gottes Liebe wirkt in uns, wenn wir noch «tot in Sünden» sind, nicht erst wenn wir begonnen haben, uns unserer Bedürfnisse bewusst zu werden, auch nicht erst, nachdem wir eine Antwort auf diese Liebe gegeben haben.

Vier Eigenschaften Gottes stehen vor uns – Liebe, Barmherzigkeit, Güte und Gnade (V. 4,7). Liebe ist die Natur Gottes, der Ursprung all seines Handelns und die Quelle all unserer Segnungen. Wenn Gott der Liebe seines Herzens entsprechend handelt, so kann der Segen, der daraus hervorgeht, nur an seiner Liebe gemessen werden. Dann ist die Frage nicht: «Welches Mass des Segens entspricht unseren Bedürfnissen?», sondern: «Was ist die Höhe des Segens, die die Liebe Gottes befriedigen kann?» Gnade ist Liebe in Tätigkeit gegenüber unwürdigen Geschöpfen und geht aus zu allen. Barmherzigkeit wird dem einzelnen Sünder zuteil. Güte ist das Ausschütten von Segnungen über den Gläubigen. Gott handelt also «wegen seiner vielen Liebe» und nicht aufgrund von etwas, das in uns zu finden wäre. Wer kann seine «viele Liebe» ausmessen, und wer kann den Segen ermessen, der dieser Liebe entspricht?

Vers 5

Diese Liebe kommt uns gegenüber zuerst in der Wirksamkeit der Gnade, die uns lebendig macht, zum Ausdruck. Wir sind als einzelne mit Christus lebendig gemacht. Solange wir tot sind, kann es von unserer Seite her keine Bewegung zu Gott hin geben. Die erste Bewegung muss von Gott ausgehen. Ein neues Leben ist uns verliehen worden, aber es ist ein Leben in Verbindung mit Christus. Es ist ein Leben, das in der Tat das Leben dessen ist, mit dem wir lebendig gemacht worden sind. So ist unser Zustand aus Gnade das genaue Gegenteil unseres Zustandes von Natur. Wir waren von Natur mit der Welt tot Gott gegenüber, jetzt sind wir durch Gnade mit dem Christus lebendig gemacht.

Vers 6

Aber nicht nur unser Zustand ist verändert worden, auch unsere Stellung hat sich geändert. Lebendig gemacht bedeutet die Übermittlung von Leben; die Auferweckung bringt den, der lebendig gemacht wurde, an den Platz der Lebenden. Dieser Platz wird in Christus vorgestellt. Gläubige aus den Juden und den Heiden sind mitauferweckt und Gott hat sie mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus. Lebendig gemacht ist «mit Ihm», aber auferweckt und mitsitzend geschieht «in Ihm». Tatsächlich sind wir noch nicht auferweckt und sitzen noch nicht in den himmlischen Örtern. Dennoch stehen wir vor Gott in dieser neuen Stellung in der Person unseres Stellvertreters. Wir werden «in Christus» gesehen.

Vers 7

Nachdem wir die Höhe der christlichen Stellung erreicht haben, wird uns jetzt der herrliche Vorsatz gezeigt, den Gott im Auge hat, indem Er so in Liebe mit uns handelt. Es ist, «damit er in den kommenden Zeitaltern den überragenden Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erwiese in Christus Jesus.» Es ist, als ob Gott sagte: «In den kommenden Zeitaltern werde ich zeigen, was die Frucht des Werkes Christi und was der Vorsatz meines Herzens ist.» Es ist klar, dass nichts anderes als der beste Zustand und die höchste Stellung, in denen ein Mensch gefunden werden kann, solch hohen Zielen entsprechen können. Wenn Engel und Fürstentümer einen armen Sünder, ja, die ganze Versammlung, in der gleichen Herrlichkeit des Mensch gewordenen Sohnes Gottes sehen, so werden sie, soweit es ihnen möglich ist, den überragenden Reichtum der Gnade verstehen, der diese dahin versetzt hat.

Verse 8,9

Alles wird durch die Gnade Gottes zustande gebracht, und jede Segnung, die wir geniessen, ist die Gabe Gottes. Selbst der Glaube, durch den wir die Errettung empfingen, ist die Gabe Gottes. Menschliche Werke können uns diese Glückseligkeit nicht sichern. Alles ist von Gott, und deshalb bleibt kein Raum für den Menschen, sich zu rühmen.

Vers 10

Das führt zu einer weiteren Wahrheit. Nicht nur sind unsere Werke ausgeschlossen – denn Gott hat alles getan – sondern auch wir sind sein Werk (oder Gebilde), und als solches bilden wir einen Teil der neuen Schöpfung in Christus Jesus. Wenn auch die Werke des Gesetzes als ein Mittel zum Heil ausgeschlossen sind, so dürfen wir daraus nicht ableiten, die Werke hätten keinen Platz im christlichen Leben. Es gibt tatsächlich Werke, die dem Platz des Segens, zu dem wir gebracht wurden, angemessen sind. Es sind die Werke, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen. Diese Werke werden uns im zweiten Teil des Briefes vorgestellt, wo wir ermahnt werden, würdig der Berufung zu wandeln, in Liebe zu wandeln, als Kinder des Lichts und sorgfältig zu wandeln (Eph 4,1; 5,2.8.15).

Die «guten Werke», von denen dieser Vers redet, bedeuten mehr als irgendein gutes Werk tun, das auch ein natürlicher Mensch zu tun vermöchte, dessen Wandel aber alles andere als gut ist. Hier werden die Gläubigen nicht nur als solche gesehen, die gute Werke tun, sondern als in ihnen wandelnd. Im Weiteren sind die guten Werke von Gott zuvor bereitet und führen zu einem gottgemässen Wandel.

Das Werk Gottes mit den Gläubigen

Das grosse Thema des 2. Kapitels ist die Bildung der Versammlung in der Zeit, im Blick auf die Ratschlüsse Gottes für die Ewigkeit. Der erste Teil des Kapitels enthüllt uns das Werk Gottes in jedem einzelnen von uns, ob aus den Juden oder den Nationen. Der zweite Teil stellt das Werk Gottes mit den Gläubigen aus den Juden und den Nationen vor, um sie in «einem Leib» zu vereinen und zu einem Haus zusammenzubringen, als der Wohnstätte Gottes.

Verse 11,12

Bevor die gegenwärtige Stellung der Gläubigen «in Christus» vorgestellt wird, vergleicht der Apostel die frühere Stellung der Nationen im Fleisch mit ihrem neuen Platz. Die Versammlung kann also niemals die Summe aller Gläubigen von Anfang der Welt an sein; denn in den vergangenen Zeitaltern (den Zeiten vor dem Kreuz) bestand eine von Gott verordnete Unterscheidung zwischen Juden und Nationen. Solange diese Trennung bestand, machte sie das Vorhandensein der Versammlung unmöglich.

Der Apostel erinnert die Gläubigen aus den Nationen, dass «zu jener Zeit» sehr scharfe Unterschiede zwischen Juden und Heiden bestanden. In den Wegen Gottes auf der Erde genossen die Juden als Volk einen Platz äusserlicher Vorrechte, der den Nationen völlig fremd war. Israel bildete ein irdisches Bürgertum, mit irdischen Verheissungen und irdischen Hoffnungen und stand in einer äusserlichen Beziehung zu Gott. Ihre religiöse Anbetung, ihre politische Organisation, ihre sozialen Beziehungen, vom höchsten Akt des Gottesdienstes bis zum kleinsten Detail des Lebens, alles wurde durch die Anordnungen Gottes geregelt. Das war ein unermessliches Vorrecht, an dem die Nationen als solche keinen Anteil hatten. Nicht dass die Juden irgendwie besser gewesen wären als die Nationen, denn in den Augen Gottes war die grosse Masse der Juden genauso schlecht wie die Nationen, einige sogar noch schlechter. Auf der anderen Seite gab es einzelne aus den Nationen, wie ein Hiob, die wahrhaft bekehrt waren. In den Wegen Gottes für diese Erde jedoch, sonderte Er Israel von den Nationen ab und gab ihnen einen besonderen Platz des Vorrechts. Auch wenn sie unbekehrt waren (wie es bei der grossen Masse der Fall war), bedeutete es ein unermessliches Vorrecht, dass alle ihre Angelegenheiten gemäss der vollkommenen Weisheit Gottes geregelt waren. Die Nationen hatten keine solche Stellung in der Welt, sie genossen keine öffentliche Anerkennung Gottes, ihre Angelegenheiten wurden nicht durch göttliche Anweisungen geregelt. In der Tat waren es gerade die Verordnungen, die das Leben des Juden regelten, die ihn so unnachgiebig von den Nationen getrennt hielten. Der Jude hatte deshalb einen Platz äusserlicher Nähe zu Gott, während der Heide äusserlich weit entfernt war.

Israel jedoch hatte völlig versagt, seinen Vorrechten zu entsprechen, indem es sich von dem HERRN weg den Götzen zuwandte. Sie haben die Gebote und Verordnungen Gottes, die ihnen ihre einzigartige Stellung gaben, gänzlich missachtet. Sie steinigten die Propheten, durch die Gott ihr Gewissen zu erreichen suchte. Sie kreuzigten ihren eigenen Messias, der in demütiger Gnade in ihre Mitte kam. Und sie widerstanden dem Heiligen Geist, der von einem auferstandenen und verherrlichten Christus zeugte. Als Folge davon haben sie für eine gewisse Zeit ihren Platz des Vorrechts auf der Erde verloren und sind unter die Nationen zerstreut worden.