Das Evangelium nach Markus (16)

Markus 11,27-33; Markus 12,1-26

Die Verwerfung seitens der Führer (1)

Wir haben den Herrn Jesus gesehen, der dem Volk als König, als Sohn Davids, vorgestellt wurde, mit dem Resultat, dass Er von den Führern, «die suchten, wie sie ihn umbringen könnten», verworfen wurde. In diesem Teil des Evangeliums wird der wahre Zustand der Führer der verschiedenen Klassen enthüllt, aus denen sich das Volk zusammensetzte, und dann werden sie von Christus verworfen.

Kapitel 11,27-33

Wie immer sind die religiösen Führer eines verdorbenen Systems die erbittertsten Widersacher Christi. Die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten sind die ersten, die in der Gegenwart des Herrn ins Licht gestellt werden. In göttlicher Kraft und Gnade hatte der Herr einem blinden Menschen das Augenlicht geschenkt. Als Sohn Davids war Er in Jerusalem eingezogen und hatte den Tempel gereinigt. Leider dachten diese religiösen Führer nur an sich und ihren Ruf und standen den Nöten der Menschen und der Heiligkeit des Hauses Gottes gleichermassen gleichgültig gegenüber. Indem sie ihre eigene Autorität aufrechtzuhalten suchten, wachten sie eifersüchtig über jede Tätigkeit auf religiösem Gebiet, die nicht sie veranlasst hatten. Gleichgültig in Bezug auf das Verderben, das im Haus Gottes vorhanden war, und unfähig, selbst dagegen anzugehen, widerstanden sie dem, der gegen das Böse aufzutreten vermochte, und es auch tat, indem sie seine Autorität infrage stellten.

Der Herr begegnet ihrem Widerstand, indem Er die Frage über Johannes den Täufer stellt. Wenn sie schon die Stellung von religiösen Führern einnehmen wollen, können sie dann nicht entscheiden, ob die Autorität seiner Predigt vom Himmel oder von Menschen kam? Die Frage des Herrn offenbart nicht nur ihre Unfähigkeit, die Frage der Autorität zu beurteilen, sondern enthüllt auch ihre völlige Unaufrichtigkeit in der Fragestellung ihrerseits.

Ihre Überlegungen untereinander, bevor sie dem Herrn antworten, beweisen das Fehlen jeglicher Grundsätze bei ihnen. Was immer ihre Überzeugung ist, sie sind aus taktischen Gründen bereit, auf diese oder jene Weise zu antworten. Aber sie stellen fest, dass sie sich mit jeder Antwort der Missbilligung entweder des Herrn oder der Menschen aussetzen könnten. Deshalb verfallen sie ins Schweigen, indem sie sagen: «Wir wissen es nicht.» Nachdem ihre heuchlerische Bosheit offensichtlich ist, weigert sich der Herr, ihre Frage zu beantworten.

Kapitel 12,1-12

Die religiösen Führer sind als Heuchler entlarvt worden, sie, die nur an ihren eigenen religiösen Ruf dachten – «sie fürchteten das Volk» –, aber keine Furcht Gottes zeigten. Der Herr führt ihnen nun in einem Gleichnis die moralische Geschichte des Volkes vor, um zu zeigen, dass sich die Hohenpriester seiner Zeit nicht anders verhielten als die Führer in der Vergangenheit Sie haben im Blick auf ihre Verantwortung immer versagt. Indem Er auf die nähere Zukunft schaut, prophezeit der Herr ihnen im Weiteren das Gericht, das über die Führer und das Volk kommen würde. Wie der Weinberg im Gleichnis, so ist Israel in ein auserwähltes Land versetzt worden und durch ein Gesetz, das das Leben der Israeliten bestimmte und sie wie ein Zaun abgrenzte, von den übrigen Völkern abgesondert worden. Weiter spricht der Keltertrog, den der Mensch grub, von den Vorkehrungen, die getroffen wurden, damit das Volk Frucht für Gott bringe. Ausserdem zeigt der Turm im Weinberg, dass sie vor jedem Feind geschützt waren. Dann wurde das Volk verantwortlich gemacht, seine Ausnahmestellung zu bewahren und für Gott Frucht zu bringen.

Zur bestimmten Zeit suchte Gott beim Volk eine gewisse Gegenleistung für alle seine Güte. Leider diente diese moralische Erprobung des Menschen, wie sie in der Geschichte Israels veranschaulicht ist, nur dazu, sein gänzliches Verderben zu beweisen. Der Mensch hat kein Herz für Gott, auch wenn er von Ihm noch so reich gesegnet ist und ihm jede Gelegenheit geschenkt wird, diese Güte zu erkennen.

So kommt es, dass jede Annäherung Gottes, um Frucht beim Volk zu suchen, nicht nur zurückgewiesen, sondern ihr mit zunehmendem Unwillen entgegengetreten wird. Der erste Knecht wird leer fortgeschickt. Der zweite wird verwundet und entehrt fortgesandt. Andere kommen, aber sie werden nicht nur beleidigt, sondern bis zum Tod verfolgt. In zunehmendem Mass zeigt das Volk das Versagen des Menschen unter der Verantwortlichkeit. Nun gibt es noch eine letzte Erprobung, um zu sehen, ob es möglich ist, auf das Herz des Menschen einzuwirken. Der Besitzer des Weinbergs hat noch einen Sohn – den geliebten Sohn –; Ihn will Er senden. Wenn es noch einen Funken Güte in den Weingärtnern gibt, werden sie sicher den Sohn ehren. Es mag in den besten der Propheten und Könige Grund gegeben haben, sie nicht leiden zu können oder gar zu hassen. Aber im Sohn kann es keinen Grund für Hass geben. Leider muss Er sagen: «Sie haben gegen mich gekämpft ohne Ursache. Für meine Liebe feindeten sie mich an … Sie haben mir Böses für Gutes erwiesen, und Hass für meine Liebe» (Ps 109,3-5).

Das Kommen des Sohnes offenbart den wahren Herzenszustand des Menschen. Israel hätte gern ein Königreich ohne Christus gehabt, und die Nationen wollten eine Welt ohne Gott. Gerade so sagen die Weingärtner im Gleichnis: «Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, und das Erbe wird unser sein.» Und wie es mit den Führern Israels in den Tagen des Herrn war, so ist es heute mit der ganzen Welt. In zunehmender Weise sieht man, dass der Mensch Gott aus seiner eigenen Welt ausschliessen will. Der Evolutionist möchte Gott aus seiner Schöpfung ausschliessen. Der Politiker möchte Gott aus der Regierung verbannen, und der moderne Mensch versucht, Gott aus der Religion auszuschalten.

Hier ist es uns also erlaubt, den wahren Charakter des Fleisches in uns zu erkennen. Es kann patriotisch, sozial und religiös sein, wenn ihm aber erlaubt wird, seinen eigenen Willen zu haben, wird es Christus töten und Ihn aus der Welt hinauswerfen. Christus, so wie Er offenbart ist (das Fleisch kann sogar einen Christus nach seiner eigenen Einbildung erfinden), ist der wahre Prüfstein und beweist, dass das Fleisch, so schön es zuweilen erscheint, in seiner Wurzel immer in tödlichem Widerspruch zu Christus steht.

Diese Verwerfung Christi bringt das Gericht gemäss den Regierungswegen Gottes über das Volk und wird dahin führen, dass Gott sich mit andern beschäftigt, von denen Er Frucht suchen wird. Der Herr zitiert ihre eigenen Schriften (Ps 118,22.23), um sie von ihrer Sünde, dass sie Ihn verwarfen, zu überzeugen. Durch diese schreckliche Sünde handelten sie in direktem Widerspruch zu Gott; denn Gott wollte den, den sie im Begriff standen, an das Kreuz zu nageln, zur höchsten Herrlichkeit erhöhen. Trotzdem deutet der Herr an, dass die Zeit kommen werde, da ein reuiger Überrest anerkennen wird, dass das, was der Herr getan hat, in ihren Augen wunderbar ist. Wenn das Gewissen berührt wird, aber das Herz unerreicht bleibt, wird der Mensch nur wütend. Deshalb versuchen diese bösen Menschen Hand an Ihn zu legen. Sie werden aber für den Augenblick aus taktischen Gründen daran gehindert, denn sie fürchten das Volk. So «liessen sie ihn und gingen weg». Wie hoffnungslos ist der Zustand derer, die Christus bewusst den Rücken kehren und ihren eigenen Weg gehen.

Verse 13-17

Nachdem die religiösen Führer des Volkes in ihrem Hass gegen Christus blossgestellt worden sind, sehen wir jetzt, wie die Führer der verschiedenen Parteien, in die sich die Menschen aufteilten, entlarvt werden. Zuerst kommen die Pharisäer und Herodianer zum Herrn. Obwohl sie sonst einander entgegenstanden, vereinigten sie sich aber in ihrem Hass gegen Christus und in ihrem Verlangen, sich in dieser Welt selbst zu erhöhen. Die Pharisäer suchten durch das äusserliche Halten von Formen und Zeremonien zu einem guten religiösen Ruf zu gelangen. Die Herodianer suchten in der sozialen und politischen Welt vorwärtszukommen. Notwendigerweise mussten beide zu dem Schluss kommen, dass Einer, der hier ausschliesslich zur Ehre Gottes lebte, solche Ziele verurteilen musste. Und deshalb widerstanden sie dem Herrn. Alles, was Er war, jede Wahrheit, die Er lehrte, und alle seine Handlungen entsprangen Beweggründen, die völlig verschieden von denen waren, die im Leben dieser Männer herrschten. Wenn sie also zu Christus kamen, geschah es nicht, um zu seinen Füssen zu lernen, sondern in der Hoffnung, Ihn in seinen Worten zu fangen. Die weltlichen Motive, die sie beherrschten, hatten sie für die Herrlichkeit Christi völlig blind gemacht. Sie waren in ihrer Einbildung auf ihre eigene Macht und Wichtigkeit so aufgeblasen, dass sie tatsächlich glaubten, sie könnten den Herrn der Herrlichkeit in seinen eigenen Worten fangen.

Im Weiteren dachten sie, dass das Vorgehen, das bei ihren Mitmenschen oft zum Erfolg führte, auch beim Herrn anwendbar sei. Deshalb versuchten sie Ihn durch Schmeichelei und Lüge zu Fall zu bringen. Sie sagten: «Wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich um niemand kümmerst; denn du siehst nicht auf die Person der Menschen, sondern lehrst den Weg Gottes nach der Wahrheit.» Obwohl dies tatsächlich stimmte, entsprach es doch nicht dem Ausdruck ihrer bösen Herzen. Nachdem sie, wie sie glaubten, den Weg durch Schmeichelei vorbereitet hatten, stellten sie ihre Frage: «Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder nicht?» In ihren bösen Gedanken hatten sie eine Frage ersonnen, von der sie dachten, dass sie Ihn in jedem Fall, ob Er nun mit «Ja» oder mit «Nein» antwortete, entweder mit den Juden oder mit den Nationen in Schwierigkeiten bringen würde.

Der Herr deckt ihre Heuchelei mit der Frage auf: «Was versucht ihr mich?» Indem sie Ihn in seinen Worten zu fangen suchten, fielen sie in ihre eigene Schlinge und offenbarten ihren niedrigen Zustand, einmal vor den Menschen, aber moralisch auch vor Gott. Auf die Bitte des Herrn wird Ihm ein Denar gebracht. Dann fragt Er sie: «Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift?» Sie sagen zu Ihm: «Des Kaisers.» Offensichtlich gehörte er dem Kaiser. In diesem Fall war es nur richtig, «dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist». Die römische Besatzungsmacht konnte darin keinen Fehler finden, wenn dem Kaiser das gegeben wurde, was ihm zustand. Und die Juden konnten nichts Verkehrtes im Grundsatz finden, Gott das zu geben, was Ihm gehörte. Die Tatsache, dass das Geld des Kaisers im Land im Umlauf war, zeugte vom niederen Zustand, in dem sich das Volk unter der Herrschaft der Nationen befand. Leider zeigte sich bei ihnen trotz ihrer demütigenden Stellung keine wahre Buße. Immer wieder rebellierten sie gegen den Kaiser, und ihren eigenen Messias verwarfen sie. Indem sie die Weisheit der Antwort des Herrn empfanden, verwunderten sie sich. Aber leider hatten sie weder Gott noch Menschen gegenüber ein Gewissen.