Die ersten Jahrzehnte des Christentums (44)

Apostelgeschichte 23,12; Apostelgeschichte 24,27

Verse 12-35

Neben dem Wirken des Herrn sehen wir das Tun des Menschen, unter der Macht Satans. Mehr als vierzig Juden verschworen sich, nicht zu essen und nicht zu trinken, bevor sie Paulus getötet hätten. Um diesen verbrecherischen Plan auszuführen, machten sie die Hohenpriester und die Ältesten zu Mitwissern und baten sie, den Obersten zu veranlassen, dass er Paulus zu ihnen herabführen lasse, als wollten sie seine Sache genauer entscheiden. «Wir aber sind bereit, ehe er nahe kommt, ihn umzubringen», fügten sie bei. Gott fügte es, dass der Apostel durch einen Neffen von diesem Anschlag Kenntnis erhielt, und er sandte ihn zum Obersten. Dieser empfing den jungen Mann und ordnete sofort an, dass zweihundert Soldaten, siebzig Reiter und zweihundert Lanzenträger, sowie Reittiere bereitgemacht würden, um Paulus in der dritten Stunde der Nacht nach Cäsarea zu bringen. Er schrieb an den Statthalter Felix einen Brief, worin er ihm mitteilte, warum er diesen Gefangenen zu ihm sandte; er habe ihn der Wut der Juden entrissen, aber nichts an ihm gefunden, das des Todes oder der Fesseln wert wäre; es handle sich nur um Streitfragen ihres Gesetzes.

Es ist interessant, festzustellen, dass Gott in allem, was Paulus betraf, die Hand im Spiel hatte. Die Lage, in der sich das Zeugnis und im Besonderen der Apostel Paulus befand, war nicht mehr die gleiche wie am Anfang, als Gott noch in Macht dazwischen trat: Petrus wurde in der Nacht vor der geplanten Hinrichtung durch einen Engel aus der Hand des Herodes befreit (Apg 12); in Philippi wurden die Grundfesten des Gefängnisses erschüttert, die Türen geöffnet und die Fesseln der Gefangenen gelöst (Apg 16). Hier ist alles mittelbarer: Gott ist hinter der Szene verborgen, aber seine Hand leitet gleichwohl in göttlicher Weise alle Umstände zu Gunsten seines Dieners und seines Werkes. Die gleiche Macht und die gleiche Liebe waren noch tätig, handelten aber mehr in indirekter Weise. Die Geschicklichkeit des Paulus, mit der er im Synedrium einen Zwiespalt hervorrief, war die Veranlassung, dass der Apostel in Sicherheit gebracht wurde. Gott fügte es, dass der Neffe von Paulus von der Verschwörung erfuhr, den Onkel besuchen durfte, vom Obersten väterlich empfangen und bei der Hand genommen wurde. Der die Herzen der Könige zu allem, was Ihm wohlgefällig ist, wie Wasserbäche zu leiten vermag, liess den Obersten alle nötigen Vorsichtsmassnahmen treffen, um Paulus der Wut der Juden zu entreissen. Jener liess eine ganze Armee aufbieten, um ihn nach Cäsarea zu eskortieren. Gottes Gnade ist wunderbar! Für uns, die wir heute in einem Zustand von grosser und selbstverschuldeter Schwachheit sind, ist es interessant, solches festzustellen. Wenn Gott unserer Schwachheit wegen nicht mehr direkt zu Gunsten der Seinen und seines Zeugnisses eingreift, so waltet Er doch über allem und leitet alles, was sie betrifft, mit der gleichen, unveränderlichen Liebe.

Kapitel 24

Verse 1-21

«Nach fünf Tagen aber kam der Hohepriester Ananias mit einigen Ältesten und einem gewissen Redner Tertullus herab, und sie erstatteten bei dem Statthalter Anzeige gegen Paulus.» Der Mensch sucht durch schöne Reden die Wahrheit zu verfälschen und schmeichelt den Hörern, wenn er eine faule Sache durchbringen will. Aus diesem Grund stellten die Juden den Redner Tertullus voran. Wie es scheint, war aber Felix der Schmeichelei nicht sehr zugänglich und die von den Juden vorgebrachte Anklage vermochte ihn nicht zu überzeugen; er kannte ihre Gefühle den Römern gegenüber. Das einfache und klare Zeugnis des Paulus machte ihm mehr Eindruck.

Sie stellten Paulus dar als eine Pest, als einen Mann, der unter allen Juden, die auf dem Erdkreis sind, Aufruhr errege. Er sei ein Anführer der Sekte der Nazaräer und ein Tempelschänder. Von allen diesen Anklagepunkten war es wohl nur die Aufstachelung des Volkes zum Aufruhr, was den Statthalter interessieren konnte. Das übrige waren, wie Klaudius Lysias sagte, für ihn nur «Streitfragen ihres Gesetzes». Paulus tat an dem Tag, an dem die Juden Hand an ihn legten, nichts Unrechtes. Die Behauptung, er habe Heiden in den Tempel eingeführt, war falsch; die Juden hatten diesen Schluss gezogen, weil sie Trophimus mit ihm in der Stadt gesehen hatten.

Nach Anhörung der Anklage der Juden winkte der Statthalter dem Paulus, zu reden. Felix war einigermassen mit den jüdischen Bräuchen vertraut, so dass Paulus Freimütigkeit hatte, sich vor ihm unter Bezugnahme auf das Gesetz und die Propheten zu verteidigen. Er beschränkte sich auf die Tatsachen, die zu seiner Verhaftung geführt hatten. Es war Felix bekannt, dass kaum zwölf Tage vergangen waren, seit Paulus nach Jerusalem hinaufging, um anzubeten. Die Juden konnten ihm daraus keinen Vorwurf machen. Dagegen war es nicht in Übereinstimmung mit dem, was der Herr in Bezug auf die Anbetung zu der Samariterin gesagt hatte (Joh 4,21-23). Sein Verhalten im Tempel gab jedoch keinen Anlass zu einer berechtigten Anklage; die Dinge, die sie gegen ihn vorbrachten, waren unbegründet.

Wenn es sich um den Weg handelte, den sie eine Sekte nannten, war der Apostel bereit, die nötigen Erläuterungen zu geben. Er sagte:

«Aber dies bekenne ich dir, dass ich nach dem Weg, den sie eine Sekte nennen, so dem Gott meiner Väter diene, indem ich allem glaube, was in dem Gesetz und in den Propheten geschrieben steht, und die Hoffnung zu Gott habe, die auch selbst diese erwarten, dass eine Auferstehung sein wird, sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten.» Der grosse Gegenstand des Gesetzes und der Propheten ist Christus; durch Ihn werden alle Verheissungen Gottes an sein irdisches Volk erfüllt werden. Zu diesem Zweck war der Christus erschienen, aber Er wurde verworfen. Infolge dieser Verwerfung wurde das Christentum eingeführt, an dessen Segnungen auch die Menschen aus den Nationen teilhaben. Aber gerade diese Tatsache erregte den leidenschaftlichen Hass der Juden gegen Paulus und die Christen. Sie nannten sie «Nazaräer», wie ihren Meister und hatten für sie dieselbe Verachtung wie für ihren Herrn, bezüglich dessen einer gefragt hatte: «Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?» (Joh 1,46).

Paulus sagte von den Juden, es sei auch ihre Hoffnung zu Gott, dass eine Auferstehung sein werde, sowohl der Gerechten als der Ungerechten. Wenn auch der Messias verworfen worden ist, so werden sich die Verheissungen in der Auferstehung der Nation und in der leiblichen Auferstehung erfüllen, wie die Propheten es unter anderen in folgenden Stellen vorausgesagt haben:

  • In Bezug auf die Auferstehung der Nation – Jes 26,19; Hes 37; Dan 12,2.3; Hos 6,1-3.
  • In Bezug auf die Auferstehung des Leibes – Jes 25,8; Hosea 13,4;

wie auch die ganze Belehrung des Neuen Testaments über diese Tatsache. Aber von welchem Gesichtspunkt aus man auch die Auferstehung betrachten mag – dort werden die Ungerechten im Gericht Gottes ihr Teil finden. Diese Wahrheit musste das Gewissen der Zuhörer des Apostels treffen, besonders derer, die sich – nach seinen Worten – zu dieser Hoffnung bekannten: «Die Hoffnung zu Gott … die auch selbst diese erwarten.» Hatten sie aber die gleiche Hoffnung wie der Apostel, weshalb wollten sie ihn denn umbringen? Für den Apostel war diese Hoffnung eine der christlichen Wahrheiten.

Weil es sowohl eine Auferstehung der Gerechten als auch der Ungerechten gibt, bemühe sich der Apostel «allezeit ein Gewissen ohne Anstoss zu haben vor Gott und den Menschen». Dass der Apostel wiederholt das Wörtchen «auch» verwendete, (Verse 15.16), weist darauf hin, dass er die Juden trotz ihres traurigen Zustandes immer noch in ihren Vorrechten und ihrer Verantwortlichkeit betrachtete: Auch sie hegten die Hoffnung zu Gott und auch sie mussten für sich die Notwendigkeit erkennen, ein gutes Gewissen zu haben, da sie ja an eine Auferstehung der Gerechten und der Ungerechten glaubten. Da sie sich zum Judentum bekannten, hätte dies ihre innere Haltung sein sollen. Der Apostel sagte später: «Ich stehe vor Gericht wegen der Hoffnung auf die von Gott an unsere Väter ergangene Verheissung, zu der unser zwölfstämmiges Volk, unablässig Nacht und Tag Gott dienend, hinzugelangen hofft» (Apg 26,6.7).

Nun legte Paulus die Tatsachen dar, wie sie sich wirklich zugetragen hatten (Verse 17-21). «Nach mehreren Jahren aber kam ich her, um Almosen für meine Nation und Opfer darzubringen», sagte er. Im Anschluss an seine Tätigkeit unter den Nationen war er gekommen, um die Gaben der Versammlungen von Mazedonien und von Achaja nach Jerusalem zu bringen (siehe 2. Korinther 8 und 9; Röm 15,25-33). In den Worten des 17. Verses scheint er die Versammlung in die Nation, zu der er gekommen war, um Almosen und Opfer zu bringen, einzuschliessen. Er nimmt hier auf die im 21. Kapitel beschriebenen Ereignisse Bezug, wo die Juden aus Asien die Volksmenge gegen ihn erregten, obwohl er sich ruhig verhalten und keinerlei Anlass zu Auflauf oder Tumult gegeben hatte. Jene Juden hätten hier anwesend sein sollen, um ihn anzuklagen, wenn sie an jenem Tag irgendwelche Ungerechtigkeit an ihm gefunden hätten. Er bedauerte nur den Ausruf: «Wegen der Auferstehung der Toten werde ich heute von euch gerichtet.» Der Apostel fühlte wohl, dass er nicht zu diesem Mittel hätte greifen sollen, um unter den Versammelten einen Zwiespalt zu erregen; aber das war es ja nicht, was man ihm vorwarf.

Verse 22-27

Felix vertagte die Verhandlungen bis zum Eintreffen von Lysias, dem Obersten. Felix besass genauere Kenntnis des Weges, denn seine Frau war Jüdin, und das Christentum machte unter den Heiden Fortschritte. Es scheint, dass er von Paulus mehr davon zu hören wünschte. Er erkannte, dass an den Dingen, deren Paulus angeschuldigt wurde, nichts Ernstes war und ordnete an, dass er zwar verwahrt werde, dabei aber einige Freiheiten geniessen dürfe; es sollte keinem verwehrt werden, ihm zu dienen. (Cäsarea war der Wohnsitz von Philippus dem Evangelisten.)Über der ganzen Szene waltete die Hand des Herrn zugunsten seines geliebten Dieners.

Einige Tage später kam Felix mit Drusilla, seiner Frau, herbei und liess Paulus holen «und hörte ihn über den Glauben an Christus». Jetzt befand sich der Apostel nicht mehr vor den Juden, denen gegenüber er ihrem Bekenntnis, auf Gott zu hoffen, Rechnung tragen und sich an ihr Gewissen wenden musste. Zu diesem Heiden und seiner jüdischen Frau redete er von Christus und breitete die ganze Wahrheit vor ihnen aus, die sie dazu führen konnte, den Heiland der Juden und der Nationen anzunehmen. Er redete über Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und das kommende Gericht. Als Felix dies hörte, sagte er voller Furcht: «Für jetzt geh hin; wenn ich aber gelegene Zeit habe, werde ich dich rufen lassen.» Es ist begreiflich, dass angesichts der Wahrheit von der praktischen Gerechtigkeit, der Enthaltsamkeit und des kommenden Gerichts, den Statthalter Furcht befiel. Das waren alles Dinge, um die er sich als Heide nicht gekümmert hatte. Wäre Felix zum Heil aufgeschreckt worden, hätte er sich beeilt, mehr zu erfahren, und Paulus hätte ihm die Gnade Gottes anbieten können, die zur Tilgung der Schuld des Sünders nötig ist. Aber stattdessen wollte er sein Gewissen zum Schweigen bringen und sich von dem unbequemen Licht entfernen. Er verwies Paulus auf eine gelegenere Zeit, die sich wahrscheinlich nie gefunden hat.

Die Grenze der Geduld Gottes, in der Er den Menschen warnt und einlädt, kann eines Tages überschritten werden. Wie viele Menschen gehen verloren, weil sie sich diese Warnungen nicht zu Herzen nehmen! Und wie viele Christen haben ein verfehltes Leben, weil sie im gegebenen Zeitpunkt mit dieser oder jener Sünde nicht entschieden gebrochen und einen Weg eingeschlagen haben, den Gott mit seinem Licht nicht erleuchtete!

So gibt es auch eine Zeit, um die Füsse auf den Boden der Wahrheit zu setzen. Zu einem gewissen Zeitpunkt wird uns das Licht gegeben; benützen wir es nicht, hört es auf zu leuchten. Das ist es, was der Christenheit als Gesamtheit nach der Ankunft des Herrn widerfahren wird.

Trotz der Furcht, die Felix bei seiner ersten Zusammenkunft mit Paulus befallen hatte, unterhielt er sich des Öftern mit ihm; aber sein Gewissen war mit Geldliebe gepanzert, so dass es von der Wahrheit nicht getroffen werden konnte. Wenn er den Apostel zu sich kommen liess, geschah es nur in der Hoffnung, Geld zu bekommen. Er wollte die Gunst der Juden – um die er sich nicht gekümmert hätte, wenn ihm von Paulus Geld gegeben worden wäre – gewinnen und liess Paulus zwei Jahre lang im Gefängnis, bis Felix durch Porzius Festus abgelöst wurde. Von diesen zwei Jahren sagt der inspirierte Bericht nichts Näheres. Gewiss war diese Zeit dem Apostel nützlich; er wurde für das Zeugnis und den Dienst in Rom zubereitet.