Petrus – Fischer, Jünger und Apostel (8)

Weshalb teilt uns das Wort den Fall von Petrus mit?

Diese Frage mag man sich stellen, im Gedanken daran, dass im Lauf der Jahrhunderte Tausende und Abertausende den Bericht über die nun folgende traurige Begebenheit gelesen haben, die die dreieinhalbjährige Nachfolge dieses Jüngers hinter seinem Herrn her abschloss.

«Alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben» (Röm 15,4), auch diese dunkle Seite der göttlichen Lebensbeschreibung des Petrus. Unsere fleischliche Natur ist um kein Haar besser als die dieses später so demütigen, hingebungsvollen und hervorragenden Dieners des Herrn, der unzähligen Menschen zum grossen Segen wurde. Es ist gut, wenn wir uns dies vor Augen halten. Gott will, dass wir durch sein Wort, auch durch diese hier niedergeschriebenen Erfahrungen von Petrus zur Erkenntnis geführt werden, dass das Fleisch verdorben ist und zu gar nichts Gutem taugt, und dass wir dem Herrn nur durch die Gnade, die Er uns gibt, wohlgefällig dienen können.

Lernen wir diese wichtige praktische Lektion nicht dadurch, dass wir das Wort tief zu Herzen nehmen, entsprechend dem Ratschlag des Psalmisten: «Wodurch wird ein Jüngling seinen Pfad in Reinheit wandeln? Indem er sich bewahrt – oder: auf der Hut ist – nach deinem Wort» (Ps 119,9), so wird Gott auch uns schmerzliche Wege führen müssen, die dazu dienen, unser Selbstvertrauen niederzureissen und unseren Eigenwillen zu zerbrechen.

Was Satan mit Petrus tun will und wie der Herr ihm entgegen wirkt

«Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast; und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ist verloren gegangen – als nur der Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt würde» (Joh 17,12), so sagte unser Herr am Ende seines Dienstes hier auf der Erde zum Vater im Blick auf seine Jünger.

Satan mag dies oft erfahren haben. Immer wieder suchte er den Jüngern zu schaden. Aber der gute Hirte war ihm in seiner nie erlahmenden Wachsamkeit jedes Mal entgegengetreten, um seine kleine, schwache Herde zu beschützen. Der Feind konnte nichts ausrichten. Es erging ihm wie einst mit Hiob. Auch jenem gottesfürchtigen Manne wollte er Böses tun, aber er fand keine Möglichkeit dazu. Er musste feststellen: Gott selbst hat «ihn und sein Haus und alles, was er hat, ringsum eingezäunt» (Hiob 1,10).

Aber hatte Jesus nicht selbst gesagt, dass sich jetzt die Weissagung Sacharjas erfüllen würde: «Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden?» (Mt 26,31). Nun sagte sich Satan: Wenn dieser treue Hirte aus ihrer Mitte weggenommen ist, dann will ich seine Jünger, und besonders diesen Petrus durch das Sieb der Prüfung rütteln und schütteln, so dass von ihrem Glauben nichts mehr übrig bleibt und sie der Verzweiflung anheimfallen. Sie werden dann von selbst aufhören, Gott zu dienen!

Doch auch hier wieder hat er sich, wie immer, wenn er das zu zerstören sucht, was von Gott ist, sehr getäuscht. Diese Schafe, die dem guten Hirten nachfolgen, bleiben in seiner Hand, und der Feind kann sie ihr nicht entreissen. Sie haben durch den Glauben an Ihn ewiges Leben empfangen, das ihnen nicht mehr genommen werden kann (Joh 10,28). Sie werden jetzt vielmehr all der himmlischen Segnungen teilhaftig, die aus dem Werk Christi am Kreuz resultieren. – Und noch etwas sehr Wichtiges: Jesus hatte für Petrus gebetet, damit sein Glaube nicht aufhöre (Lk 22,32). Auch alle anderen Jünger hatte Er der Fürsorge des Vaters anvertraut und gesagt: «Ich bitte …, dass du sie bewahrest vor dem Bösen» (Joh 17,15). War es denkbar, dass der Vater dieses Gebet nicht erhören, dass Er diese Fürsorge nicht übernehmen oder die Ihm Anvertrauten auch nur einen Augenblick lang versäumen würde? Nie und nimmer! «Der Vater selbst hat euch lieb» (Joh 16,27). Wir wissen es aus dem Mund des Sohnes selbst. Der Vater ist grösser als Satan, und dieser vermag sie nicht aus dessen Hand zu rauben (Joh 10,29).

Der Feind darf nur Handlanger sein, um zu helfen, dass in den Gläubigen durch das Offenbarwerden der hässlichen Früchte des Fleisches jedes Vertrauen auf sich selbst zunichtegemacht und gerichtet wird und sie auf diese Weise zu leeren Gefässen werden. In solchen will dann Gottes Gnade fortan Wunder wirken und sie in seinem Dienst zu seinen gefügigen Werkzeugen machen. Dieses Ziel hat Gott auch mit Petrus in vollem Mass erreicht.

Petrus geht der dunkelsten Stunde seines Lebens entgegen

Petrus weiss nicht, was hinsichtlich seiner Person zwischen Gott und Satan im Verborgenen vor sich geht. Aber er hat sich verschiedene Male in grosssprecherischer Weise verpflichtet, seine Liebe zum Herrn auch in den schwierigsten Umständen zu beweisen:

  • «Wenn alle an dir Anstoss nehmen werden, ich werde niemals Anstoss nehmen» (Mt 26,33)
  • «Herr, mit dir bin ich bereit, auch ins Gefängnis und in den Tod zu gehen» (Lk 22,33)
  • «Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich lassen» (Joh 13,37)

Nun ist er fest entschlossen, diese Versprechen einzulösen, und er glaubt, zum bevorstehenden Kampf gut vorbereitet zu sein: er hat sich ein Schwert umgegürtet!

Doch schon in der ersten Etappe des Kampfes versagt er gründlich. – Als Jesus mit den elf Jüngern das Obergemach verliess und zum Garten Gethsemane hinausging und dort wegen der vor Ihm liegenden Schrecken des Kreuzes anfing, «betrübt und beängstigt zu werden», sprach Er zu Petrus und den, zwei anderen Jüngern, die Er besonders nahe bei sich haben wollte: «Meine Seele ist sehr betrübt bis zum Tod; bleibt hier und wacht mit mir (Mt 26,36-46). Aber was taten sie? Sie schliefen ein! Petrus hatte doch laut und deutlich gesagt: «Mit dir bin ich bereit …»! Und nun vermochte er nicht einmal mit Ihm zu wachen! Zudem hätte er für sich selbst «wachen und beten» sollen, um die Kraft zu finden und zu bewahren, die nötig war, um seinen Meister auf seinem schweren Gang weiterhin zu begleiten, wie er es sich doch vorgenommen hatte. Aber auch das tat er nicht. – Ach Petrus! Hättest du doch darauf gehört, als der Herr zu dir sagte: «Wohin ich gehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen»! (Joh 13,36).

Als dann die Häscher kamen, um Jesus zu fangen, zu binden und wegzuführen, da ergriff Simon Petrus wie ein Held sein Schwert und hieb dem Knecht des, Hohenpriesters das rechte Ohr ab! Er fühlte sich immer noch in der schützenden Reichweite der Macht des Herrn; er hatte gesehen, wie auf dessen Wort: «Ich bin es» alle Feinde zu Boden fielen. Aber was war mit diesem Schwertstreich gewonnen? Gar nichts! Ausserdem war er dem, der entschlossen war, den Leidenskelch zu trinken, den Ihm der Vater gegeben hatte, durchaus nicht wohlgefällig (Joh 18,4-11). Wie übel wäre es dem Jünger gegangen, hätte der Herr nicht das verwundete Ohr geheilt! – Petrus, ist das nun ein Beweis deiner Liebe zum Herrn, wenn du Ihm zuwiderhandelst?

Petrus verleugnet den Herrn

Das Wort Jesu zu den Häschern: «Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen!», gab den Jüngern die Möglichkeit zu fliehen, ohne verfolgt zu werden (Mt 26,56). Von den elf Jüngern taten es alle – ausser Petrus und Johannes. Wenigstens treffen wir diese beiden wieder im Hof des Hohenpriesters (Joh 18,12-27). Aber während Johannes im Verborgenen blieb, wagte sich Petrus bis zum Kohlenfeuer vor, an dem er von lauter Feinden seines Meisters umgeben war, und das alles trotz dessen Warnungen!

Als er nun mit seinen Blicken den Herrn suchte – welch ein Bild bot sich ihm da dar! Wie ein Übeltäter gebunden, stand Er vor dem versammelten Synedrium und wurde verhört. Er liess alles mit sich geschehen, ohne sich zu wehren. Schlugen und spien sie Ihm nicht ins Angesicht? Hörte er nicht ihren Spott?

Sich in dieser Stunde, in einer solchen Umgebung zum Herrn zu bekennen, erfordert Kraft von Gott, die Petrus jetzt nicht besass. Ganz abgesehen davon, dass der Heilige Geist, die Kraft aus der Höhe, die ihn später befähigte, in dieser feindlichen Welt ein mutiger Zeuge des verworfenen Christus zu sein, noch nicht in ihm wohnte, war sein Herz jetzt nicht in dem praktischen Zustand, um mit Ihm Gemeinschaft zu haben: Er hatte nicht gewacht. Auch war er nicht am richtigen Platz – nicht Jesus hatte ihn geheissen, diesen Hof zu betreten.

Ausserhalb dieser Gemeinschaft verblieb ihm nur die eingebildete eigene Kraft, und jetzt musste er auf schmerzliche Weise erfahren, dass diese in der Nachfolge Christi zu gar nichts taugt. Ja, er musste sogar erkennen, dass er, um sich selbst zu schonen, fähig war, den Herrn preiszugeben! Welche Schwäche, welch ein Abgrund von Schlechtigkeit tat sich da vor ihm auf!

Der Feind drängte nun mit Hilfe der Umstehenden hart auf ihn an. Diese erkannten ihn und wollten aus seinem Mund hören, dass er ein Jünger dieses Nazareners sei. Auf ihre drei Behauptungen leugnete er dreimal, in immer stärkeren Ausdrücken – und der Hahn krähte dabei. Zuletzt sagte er unter Fluchen und Schwören: «Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet» (Mk 14,66-72).

Nun aber geschah etwas Ergreifendes: Das bleiche Angesicht des stillen Dulders, der selbst inmitten der Ihn umringenden Feinde seinen Jünger nicht vergass, wandte sich um und blickte Petrus an … Da erst erinnerte sich dieser an das Wort des Herrn, das Er zu ihm gesagt hatte: «Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen» (Lk 22,61.62). Das war ein Pfeil, der sein Herz und Gewissen durchbohrte und ihm die eigene Erbärmlichkeit zum Bewusstsein brachte: Er ging hinaus und weinte bitterlich!