Petrus – Fischer, Jünger und Apostel (9)

Seine Wiederherstellung

Wie kann der Gläubige, der von einem Fehltritt übereilt worden ist, wiederhergestellt werden?

Die Antwort auf diese Frage können wir heute, nachdem Jesus Christus sein Erlösungswerk ein für alle Mal vollbracht hat und für uns in den Himmel eingegangen ist, vor allem im ersten Brief des Johannes finden. Dort lesen wir: «Wenn jemand gesündigt hat – wir haben einen Sachwalter bei dem Vater» (1. Joh 2,1). Tritt also ein solcher Fall ein, so wird dieser Sachwalter – nach Johannes 13 – sogleich in Funktion treten und das Wort Gottes auf Herz und Gewissen des Fehlbaren anwenden: Er übt an ihm die Fusswaschung aus. Das hat zur Folge, dass sich dieser seiner Schuld bewusst wird. In tiefer Betrübnis wird er sich nun vor Gott demütigen und Ihm seine Schuld bekennen. Gott nimmt ein solches Bekenntnis an, denn «wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit» (1. Joh 1,9). Er kann dies tun, weil Jesus Christus, «der Gerechte», «die Sühnung ist für unsere Sünden».

Für Petrus aber war es schwer, eine Antwort auf diese wichtige Frage zu finden. Die wunderbaren Ergebnisse des Opfers Christi waren ihm noch nicht bekannt. Doch kam ihm der Herr in grosser Gnade und Liebe zu Hilfe, um ihn zu belehren und ihm zurecht zu helfen.

Schon im Hof des Hohenpriesters hatte der Blick Jesu bewirkt, dass Petrus sich an dessen Wort erinnerte: «Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen», und dass er hinausging und bitterlich weinte.

Damit war der erste Schritt zu seiner Wiederherstellung schon getan: Petrus war über seine Sünde in tiefster Seele betrübt. Alle Jünger «trauerten und weinten» (Mk 16,10) in diesen Tagen über das, was ihrem geliebten Meister widerfuhr; er aber musste sich dazu noch den bitteren Vorwurf machen, den Herrn in der Stunde seiner grössten Not verleugnet zu haben!

Satan liess sich diesen Augenblick nicht entgehen, um ihn zu sichten. Er mag ihm eingeflüstert haben: «Nun hast du alles verscherzt; dein Glaube war Selbstbetrug; für dich gibt es keine Hoffnung mehr!» Aber Gott liess ihn nicht los; Er erhörte das Gebet Jesu und schützte das flackernde Flämmchen des Glaubens in Petrus, das der Feind auszublasen versuchte. Gott erinnerte ihn an sein Wort, das die Grundlage des Glaubens bildet, an seine unendliche Gnade, die in Christus den Sündern und Ungerechten heilbringend erschienen war, und an all seine Verheissungen für den, der zerbrochenen Herzens und zerschlagenen Geistes ist. Auch aus dem Wort seines Herrn: «Ich aber habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht aufhöre; und du, bist du einst umgekehrt, so stärke deine Brüder» (Lk 22,32), mochte der arme Jünger neue Zuversicht geschöpft haben. Er konnte sich sagen: Schon vor meinem Fall hat der Herr von meiner Wiederherstellung gesprochen!

Der Auferstandene nimmt sich seiner an

Inzwischen vollbrachte Jesus am Kreuz sein grosses Sühnungswerk. Die kleine verängstigte Gruppe der Jünger in Jerusalem und der gläubigen Frauen aus Galiläa folgte dem traurigen Geschehen auf Golgatha mit gespannter Aufmerksamkeit. Einzelne wagten sich hinaus und brachten immer wieder Kunde von dem, was draussen vor sich ging, und schliesslich die Nachricht: Er ist gestorben! Welch eine Trauerbotschaft für jene Gläubigen, die noch nicht erfasst hatten, was auf den Tod Jesu folgen musste! Unter der Führung von Joseph von Arimathia legten sie seinen Leib in die Gruft und wälzten einen Stein davor. Der Sabbat brach an, und sie ruhten nach dem Gebot. Aber die Frauen sprachen davon, dass sie in der Frühe des ersten Wochentages hinausgehen wollten, um Ihn zu salben.

Doch es kam ganz anders. Als jene Frauen sich der Gruft näherten, war der Stein schon weggewälzt, und beim Eintreten sahen sie einen Engel am leeren Grab sitzen, der ihnen sagte: «Er ist auferstanden, er ist nicht hier … Aber geht hin, sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat» (Mk 16,1-8).

War diese besondere Botschaft an Petrus nicht dazu angetan, ihn aufzumuntern? Jesus lebt! Er denkt an mich; Er rechnet mich noch zu seinen Jüngern!

Den meisten erschienen ihre Worte wie leeres Gerede; Petrus aber stand auf und lief zu der Gruft.1 Er bückt sich in die Gruft und sieht die Leinentücher allein liegen, dann geht er weg nach Hause und verwundert sich über das, was geschehen war. Ach, es wird ihm so schwer, an die Tatsache der Auferstehung Jesu zu glauben, wovon der Herr doch mehrmals gesprochen hatte!

«An demselben Tag» jedoch, also an jenem ersten Wochentag, sollte er noch Grösseres erleben: Der Auferstandene erschien ihm ganz persönlich, um eine Unterredung unter vier Augen mit ihm zu haben (Lk 24,34 und 1. Kor 15,5), über die das Wort nichts mitteilt. Ganz abgesehen davon, dass sich Petrus jetzt überzeugen konnte, dass der Herr «wirklich auferweckt» war, hatte er nun die ersehnte Gelegenheit, sich vor Jesus niederzuwerfen und Ihm seine Schuld zu bekennen! Ein solches Bekenntnis ist ja eine der ersten Voraussetzungen zur Wiederherstellung. Es soll erfolgen, sobald uns das begangene Böse bewusst wird. Daher suchte unser treuer Herr seinen Jünger schon am Auferstehungstag auf: Er wollte keinen Augenblick länger warten. Er verlangte auch danach, ihm Vergebung zu erteilen und ihm seine unveränderte Liebe zu bezeugen. – So gütig und gnädig ist der Herr, mit dem auch wir es zu tun haben!

Petrus soll noch mehr lernen

In Johannes 21 wird uns beschrieben, wie eine Gruppe von Jüngern unter Anführung des Petrus wie früher wieder zum Fischfang auf den See von Tiberias hinausfuhr. Sie wären leer zurückgekommen, wenn ihnen der Auferstandene nicht vom Ufer her zu einem wunderbaren Fang verholfen hätte. Als sie nun anlegten und das Netz voller Fische ans Land zogen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fisch darauf liegen und Brot. Jesus hatte es für sie bereitet, weil Er wusste, dass sie nach der langen Nachtarbeit hungrig und wohl auch durchfroren waren. Er lud sie ein: «Kommt her, frühstücket!» Und Er gab ihnen Brot und Fisch. Sie durften sich wärmen und satt essen.

Ob Petrus dabei an das andere Kohlenfeuer dachte, an dem er vor wenigen Tagen gesessen hatte? Jenes war von Kindern dieser Welt angezündet worden; mit ihnen hatte er sich daran gewärmt und war dabei dem Herrn untreu geworden. Hier aber war alles von Jesus zubereitet und dazu angetan, das Herz zu Ihm zu ziehen und es mit seiner Liebe und Gnade zu füllen. – Lasst auch uns allezeit sein Kohlenfeuer, seine Gemeinschaft suchen!

Als sie nun gefrühstückt hatten und gesättigt waren, wandte Er sich unvermittelt zu Petrus mit drei Fragen: «Simon, Sohn Jonas, liebst du mich mehr als diese?» – «Simon, Sohn Jonas, liebst du mich?» – «Simon, Sohn Jonas, hast du mich lieb?» Ach, Petrus hatte vor der Stunde des Kreuzes dem Herrn dreimal seine Liebe zu Ihm mit den stärksten Ausdrücken beteuert und Ihm sogar versichert, dass er bereit sei, mit Ihm in den Tod zu gehen! (Mt 26,33; Lk 22,33; Joh 13,37). Aber stattdessen hatte er Ihn dreimal verleugnet!

Weshalb nahm der Herr hier auf diese schmerzliche Angelegenheit noch einmal Bezug? Hatte Ihm Petrus seine Sünde denn nicht bekannt und hatte er nicht Vergebung erlangt? Wie hätte er sonst vorhin mit unbeschwertem Gewissen Jesus entgegen schwimmen können! Es hatte ihm ja zu lange gedauert zu warten, bis das Schiff am Ufer anlangte!

Es ging dem Herrn nicht mehr um die eine, schwere Verfehlung, sondern um eine wichtige Lehre, die Er Petrus für dessen weiteres Leben erteilte. Er wollte ihm helfen, die Wurzel des Bösen in sich selbst und in seinem Leben zu erkennen und zu verurteilen! Mit seiner ersten Frage deckte Er die Selbstüberhebung im Herzen des Jüngers auf, der gesagt hatte: «Wenn alle an dir Anstoss nehmen werden, ich werde niemals Anstoss nehmen» (Mt 26,33). Überhaupt sollten ihm diese drei Fragen sein eingefleischtes Selbstvertrauen zum Bewusstsein bringen, das ihn zu einer solchen Niederlage geführt hatte.

Das weitere Leben des Apostels Petrus beweist, dass er diese ernste Lektion gelernt hat. Hier sagte er nur: «Herr, du weisst alles; du erkennst, dass ich dich lieb habe.» Ja, Jesus wusste, dass sein Jünger durch den Glauben an Ihn Leben besass, dass er durch Ihn Teilhaber der göttlichen Natur geworden war, die Liebe ist. Aus dieser Natur werden nun durch die Kraft des Heiligen Geistes reiche Früchte hervorkommen, weil Petrus lernte, seine eigene Natur im Tod zu halten.

Nun war aber noch eine andere Frage abzuklären: Konnte der Herr diesen Jünger nach einer solchen Niederlage noch in seinem Dienst gebrauchen? – O ja, jetzt erst recht, weil nun das hindernde Element des fleischlichen Selbstvertrauens und der Überheblichkeit beseitigt war! Petrus wird sich fortan in seinem Leben und in seinem Dienst auf den «Gott aller Gnade» (1. Pet 5,10) stützen und in dieser Gnade «wachsen» (2. Pet 3,18).

Weil der Herr wusste, dass Petrus Ihn liebte, konnte Er ihm die Schafe und Lämmer, die Gläubigen aus Israel anvertrauen. Er sollte sie als «Apostel der Beschneidung» hüten und weiden. Nach diesen Erfahrungen wird er nun imstande sein, in Demut und Geduld der Herde des guten Hirten die Pflege angedeihen zu lassen, die sie nötig hat. Er wird sie führen und über sie wachen, und sowohl den Schafen als auch den Lämmern die passende geistliche Nahrung zu geben wissen.

Auch wird er nun Jesus nachfolgen wie nie zuvor. In der Ausübung seines von Ihm empfangenen Dienstes wird er schliesslich in der geistlichen Kraft «sein Leben für Ihn lassen» und dabei «Gott verherrlichen» dürfen (Joh 13,36-38), was er einst in der eigenen Kraft nicht zu tun vermochte. So gross ist nun die Gnade in diesem Gefäss, das bisher so voll war von sich selbst und daher in der Stunde der Prüfung versagen musste!

  • 1Jedoch nicht so schnell wie Johannes, der mit ihm lief, wohl wegen seines beschwerten Gewissens (Joh 20,3-10).