Der erste Johannesbrief (3)

1. Johannes 2,3-12

Das Leben offenbart sich durch seine Früchte (Kap. 2,3-12)

In diesem Brief sind die Gegenstände häufig so ineinander verschlungen, dass es oft schwierig ist zu sagen, wo der eine endigt und der andere beginnt. Auch in dem Abschnitt, der uns jetzt beschäftigt, ist es so. Er zeigt uns, dass das ewige Leben, das wir besitzen, von der Welt nur an seinen Früchten erkannt werden und sich nur auf diese Weise zeigen kann. Im dritten Kapitel wird dieses Thema, von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet, wieder aufgenommen.

Verse 3-6

Jesus Christus, der Fleisch gewordene Sohn Gottes, ist das ewige Leben in Person. Das Wesen des ewigen Lebens in uns muss daher seinem Leben entsprechen: «Wer da sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist.» Aus diesem Grund sind die Erklärungen des Apostels hinsichtlich der sichtbaren Früchte dieses Lebens in uns so uneingeschränkt, so ohne jeden Abstrich.

Die «Gebote» sind die im Wort niedergelegten Äusserungen des Willens Gottes, denen wir uns unterwerfen. Wie Christus hier auf der Erde durch Gehorsam und Liebe charakterisiert war, sollen auch wir es sein.

Die Art und Weise, wie das Leben in Christus hier auf der Erde zum Ausdruck gekommen ist, ist auch für uns bindend. In einem weiteren Sinn sind also auch die Äusserungen seines Lebens für uns verpflichtende «Gebote», denen wir zu gehorchen haben, auch wenn sie uns nicht in Form von Anweisungen und Ermahnungen gegeben sind. «seine Gebote halten» ist der alleinige Beweis, dass man seine Weise zu denken, zu fühlen und zu handeln kennt. Man kennt Ihn so, weil man sein Leben besitzt.

«Wandel» (Vers 6) ist umfassender als «Gehorsam» (Vers 3). Wandel ist das allgemeine Betragen. Er soll durch Gehorsam und Liebe, aber auch durch eine völlige Abhängigkeit gekennzeichnet sein. Das neunte Kapitel im vierten Buch Mose ist eine vorzügliche Illustration dieser Abhängigkeit im Wandel. Erhob sich die Wolke, so brachen die Kinder Israel auf; stand sie still, so hielten auch sie an; verweilte sie, so lagerten sie sich (Verse 15-23). Diese Ausdrücke werden dort mehrmals wiederholt, um eindrücklich zu machen, was gewohnheitsmässige Abhängigkeit vom Herrn ist. Die Bewegung oder die Ruhe der Wolke war das Gebot Gottes für Israel. «Die Kinder Israel sie versahen den Dienst des HERRN», das heisst, sie beachteten das, was für den HERRN zu beachten war. So war es auch in vollkommener Weise bei Christus, dem wahren Israel, gegenüber Gott der Fall. Das Geheimnis unseres Wandels besteht in der Gegenwart des Herrn mit uns. Um die Abhängigkeit zu verwirklichen genügt es, unsere Augen auf seine Person gerichtet zu halten, wie Israel, das seinen Wandel nach der Wolke richtete, dem sichtbaren Zeichen der persönlichen Gegenwart des HERRN unter seinem Volk.

Ausser dem Gehorsam und der Abhängigkeit ist auch das Vertrauen eines der unentbehrlichen Elemente unseres Wandels. Das ganze Leben Christi als Mensch auf dieser Erde ist im Wort zusammengefasst: «Auf dich vertraue ich.» In den Psalmen werden wir unaufhörlich darauf hingewiesen, dass das Vertrauen ein Merkmal seines Wandels und des Wandels der Treuen ist.

Wir sahen, dass, wenn wir das ewige Leben besitzen, es sich auch zeigen und durch gewisse Charakterzüge ausweisen muss. Wenn ich im Ungehorsam wandle, kann ich dann behaupten, das Leben zu besitzen? Bei dieser Selbstprüfung müssen alle die falschen Anmassungen eines toten Bekenntnisses fallen. Daher begegnen wir in diesen Kapiteln so oft den Ausdrücken: «Wenn wir sagen» oder «wer sagt». Im christlichen Leben muss Wirklichkeit sein; ohne praktische Wirklichkeit ist unser Christentum wertlos, es ist dann nicht die Offenbarung des ewigen Lebens. Wir leben dann das Leben des Fleisches und nichts Anderes.

Johannes stellt absolute Grundsätze vor uns hin, jedoch nicht, damit wahre Kinder Gottes zu zweifeln beginnen, ob sie das ewige Leben besitzen; denn am Ende des Briefes sagt er: «Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes» (5,13). Er will vielmehr uns alle dazu führen, dass wir in uns selbst zwischen der Frucht des ewigen Lebens und dem Leben des Fleisches unterscheiden lernen, indem wir zur Quelle zurückgehen.1

Zu diesem Zweck haben wir das Wort Gottes nötig, weil wir uns unmöglich aus uns selbst beurteilen können. Der Apostel setzt keine Vermischung voraus; die göttliche Natur kann sich niemals mit der sündigen Natur in uns verbinden. Ohne das Wort wären wir geneigt, fortwährend die Möglichkeit einer solchen Vermischung vorauszusetzen und uns so über unseren wahren Zustand hinwegzutäuschen.

Es gibt einen Unterschied zwischen «seine Gebote halten» (Vers 3) und «sein Wort halten» (Vers 5). Die Gebote sind einzelne Willenskundgebungen Gottes, das Wort aber ist der Ausdruck aller seiner Gedanken. Die Gebote sind einzelne Offenbarungen des ewigen Lebens, das Wort aber fasst alle Gebote zusammen. Sobald wir sein Wort halten, bewahren wir die Ganzheit des göttlichen Lebens. Darum wird hinzugefügt: «In diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet.»

Vers 7

Im Gegensatz zu den Geboten (Vers 3) wird hier von einem Gebot geredet, das alle anderen übertrifft: Die Liebe. Es gibt andere Gebote wie Heiligkeit, Gerechtigkeit usw.; aber das hervorragende Gebot ist die Liebe; sie ist die Erfüllung des Gesetzes und fasst dessen Gebote alle zusammen (Röm 13,8-10).

Es gibt nur zwei Begriffe, die das eigentliche Wesen Gottes zum Ausdruck bringen: Er ist Licht und Liebe. Bei den andern Begriffen handelt es sich um seine Eigenschaften. Es wird uns gesagt: Gott ist heilig, nicht aber: Gott ist Heiligkeit; Gott ist gerecht, nicht aber: Gott ist Gerechtigkeit.

Das «alte Gebot» war von Anfang des Christentums an. Damit ist die Liebe in Christus gemeint, die volle Offenbarung des göttlichen Lebens in Ihm. Es gab nichts, was über das alte Gebot hinausging. Beim Kommen des Herrn in diese Welt begann die Offenbarung der Liebe. Im Augenblick, als das kleine Kind in der Krippe lag, war die Liebe Gottes da. Da war sie wie eine sich öffnende Blume. Am Kreuz aber erstrahlte sie in ihrer ganzen Fülle und Schönheit.

Die Empfänger des Briefes hatten im Anfang durch den Apostel das alte Gebot, das Wort Gottes gehört und dadurch die ganze Offenbarung dessen vernommen, was Gott in Christus war, der sagen konnte: Ich bin «durchaus das, was ich auch zu euch rede» (Joh 8,25), das heisst der volle Ausdruck der Liebe.

Vers 8

Nachdem der Apostel von dem alten Gebot geschrieben hatte, schrieb er ihnen wiederum ein «neues Gebot». Das ist kein Widerspruch zu Vers 7. Er hat zum alten Gebot nichts hinzuzufügen; das Neue daran besteht nur darin, dass die göttliche Natur, von der er spricht, auch uns mitgeteilt worden ist. Das Gebot ist in dem Sinn neu, dass auch wir jetzt das ewige Leben besitzen, das zuerst nur in Christus war, sich dann aber uns kundgetan und mitgeteilt hat.

Dieses «Wort» (Vers 7) trägt unverzüglich Frucht. Sie besteht darin, einander zu lieben. Wir wissen es: Nichts kann mit dem Band der Liebe verglichen werden, denn sie ist die Natur Gottes selbst, Wenn wir uns in dieser Welt begegnen, so erkennen wir sehr bald dieses Unzerstörbare, das in unsere Herzen ausgegossen ist. Die Welt kennt solches nicht, ganz im Gegenteil; was diese charakterisiert, ist die Bezeichnung: «verhasst und einander hassend».

Der Apostel fügt hinzu: «Was wahr ist in ihm und in euch». Die Wahrheit der neuen Natur, die dem Wesen nach Liebe ist, ist in uns ebenso wirklich wie in Ihm. Wenn die Kinder Gottes jetzt das in Christus hier auf der Erde dargestellte Leben, das Licht ist, ebenfalls besitzen, so hat als Folge davon die Finsternis in der Welt, die diesem Leben entgegensteht, angefangen zu vergehen. Das wahrhaftige, himmlische Licht leuchtet schon durch die, welche das Leben und den Geist haben.

Verse 9-11

Hier sehen wir uns einer Behauptung gegenübergestellt. «Wer sagt, dass er in dem Licht sei und hasst seinen Bruder, ist in der Finsternis bis jetzt.» Dieses Wort mag vor allem christliche Bekenner betreffen, aber wie richtet es auch uns! Wenn sich in unseren Herzen gegenüber unseren Brüdern etwas anderes findet als Liebe – wahre Liebe kann nicht von der Wahrheit getrennt werden – wenn Feindschaft und Gefühle des Hasses vorhanden sind, so hat die Finsternis unsere «Augen verblendet».

Ist die Liebe aufrichtig, so ist unser Weg im Licht. Das geht aus 1. Thessalonicher 3,12-13 hervor. Offenbart jemand Liebe, so ist kein Ärgernis in ihm; er gibt keinen Anlass zum Anstoss. Die wahre Liebe geht nicht ohne Licht voran: «Die Liebe freut sich mit der Wahrheit».

Vers 12

Dieser 12. Vers: «Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen» schliesst den Gegenstand ab, den wir betrachtet haben. Er zeigt uns, dass sich dieser Brief an Kinder Gottes (und an Bekenner, die sich zu ihnen zählen) richtet; mit ihnen, nicht mit der Welt als solcher, hat es der Apostel zu tun. Das ist sehr wichtig, denn oft werden Stellen dieses Briefes, wie z.B. Kapitel 1,9, auf Unbekehrte angewandt. Dadurch ersetzt man aber den Glauben durch das Bekenntnis der Sünden und zerstört damit in den Seelen die wahre Erkenntnis des Evangeliums.

Beachten wir auch, dass dieser Brief sich nicht, wie man vielleicht meinen könnte, an besonders fortgeschrittene Christen richtet, sondern an jedes Kind Gottes, in welchem Grad des Wachstums es auch sei. Das Wort «Kinder» umfasst alle Gläubigen. Man sagt oft, der erste Brief des Johannes sei schwer zu verstehen, und dabei ist sie doch für solche geschrieben, die sich ganz einfach der Vergebung ihrer Sünden erfreuen, als einem der Ergebnisse des Werkes Christi, das die Seele zuerst erkennen lernt.

  • 1Das Wort «wir wissen» ist in allen Briefen der besondere Ausdruck für die christliche Gewissheit. In diesem kurzen Brief kommt er 14 Mal vor.