Der erste Johannesbrief (8)

1. Johannes 4,1-6

Wie man die Geister prüft (Kap. 4,1-6)

Das dritte Kapitel schloss mit den Worten: «Und wer seine Gebote hält, bleibt in ihm, und er in ihm; und hieran erkennen wir, dass er in uns bleibt, durch den Geist, den er uns gegeben hat.» Durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt, wissen wir, dass Gott in uns bleibt, und wir sind uns dessen bewusst. Wir geniessen Ihn, seine Gemeinschaft, alles, was Er in seiner Liebe für uns ist; wir freuen uns in seinem Licht.

Vers 1

Aber es gibt Irrgeister in der Welt, die sich durch falsche Propheten auch an die Kinder Gottes heranmachen: «Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen.»

Wir werden hier vor diesen Geistern gewarnt und aufgerufen, sie zu prüfen. Wie wir schon in Kapitel 2,18-27 gesehen haben, ist uns der Heilige Geist, der uns gegeben ist, dabei eine göttliche Hilfe. Was aber ist nun der Prüfstein, um den Geist Gottes und den Geist, der nicht von Gott ist, zu erkennen?

Vers 2-3

«Hieran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus im Fleisch gekommen bekennt, ist aus Gott; und jeder Geist, der nicht Jesus Christus im Fleisch gekommen bekennt, ist nicht aus Gott.»

Es geht um die Person Christi, um Jesus, den «Ich bin» des Alten Testaments, um den Ewigseienden, den HERRN (Jahwe)-Heiland, den Christus, den Gesalbten Gottes, den Messias, um Jesus Christus im Fleisch gekommen. Wunderbares Geheimnis, vor dem sich der Glaube in Anbetung niederbeugt! Gott, der Sohn, ist in seiner unvergleichlichen Gnade zum Heil des Menschen und zu seiner eigenen Verherrlichung Mensch geworden! Er, der ewige Sohn des Vaters, der in Gestalt Gottes war, hat sich selbst zu nichts gemacht, indem Er im Fleisch zu uns gekommen ist. Er ist Fleisches und Blutes teilhaftig geworden, aber ohne Sünde, denn seine Menschheit war vom Heiligen Geist gezeugt. Als Gegenstand der Verheissungen und der Vorsätze Gottes, ist Er im Fleisch gekommen, um durch seinen Sühnungstod jene Vorsätze und Verheissungen zu erfüllen. Auch musste Er im Fleisch kommen, um uns Gott kundzutun und uns Gnade und Wahrheit zu bringen.

Er ist im Fleisch gekommen! Sein Name sei ewig gepriesen! Das ganze Christentum entspringt dieser grundlegenden Tatsache. Von welch unermesslicher Wichtigkeit ist es daher, an diesem Bekenntnis festzuhalten und sich von jedem Geist abzuwenden, der nicht «Jesus Christus im Fleisch gekommen» bekennt.

Ein solcher Geist ist der Geist des Antichristen; ein Geist, der schon zur Zeit des Apostels in der Welt wirkte und sich in unseren Tagen im Schoss der Christenheit mit erschreckender Verwegenheit und Verführungsmacht offenbart. Unter dem Deckmantel religiöser Formen und äusserlichem Bekenntnis zum Christentum greift er die Person Christi, seine Göttlichkeit, seine Menschheit, sowie das göttlich inspirierte Wort an, das von Ihm zeugt. Man will wohl einen Christus, aber einen Christus nach den Gedanken und Vorstellungen des Menschen und nicht den Christus Gottes, den Christus der Schriften.

In dieser Beziehung ist es interessant zu sehen, wie sich der auferstandene Herr den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus offenbart. Er tut ihnen nicht zuerst die Augen auf, damit sie Ihn wiedererkennen, sondern öffnet ihnen die Schriften. «Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn selbst betraf» (Lk 24,27). Er zeigte ihnen durch das Wort, dass Er Der war, von Dessen Leiden und darauffolgenden Herrlichkeiten es zum Voraus gezeugt hat; und das Wort gab ihnen eine göttliche Gewissheit. So brannte denn auch ihr Herz von einer bis dahin unbekannten Freude.

Zu diesem Zeugnis der Schriften des Alten Testaments ist nun das Zeugnis des Neuen Testaments hinzugekommen, das Zeugnis des vom Himmel gesandten Heiligen Geistes nach der Erhöhung Christi und das Zeugnis der Apostel (Joh 15,26-27).

«Der Geist des Antichristen!» Das Wesen dieses Geistes zeigt sich darin, dass er sich Christus widersetzt, die Wahrheit über die Person Jesu Christi «im Fleisch gekommen» leugnet und den Menschen verherrlicht. Er wird seinen vollen Ausdruck in der Person des Antichristen finden. Die Christenheit nähert sich mit raschen Schritten dem völligen Abfall, wo dann jedes öffentliche Bekenntnis zum Christentum offen verworfen und der Mensch der Sünde offenbart wird, «der widersteht und sich erhöht über alles, was Gott heisst oder verehrungswürdig ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei» (2. Thes 2,4).

Wie ernst ist das! Möge es uns geschenkt sein, in treuer Erwartung des Herrn Jesus sein Wort zu bewahren und seinen Namen nicht zu verleugnen! Wenn es sich um die Wahrheit der Person Christi oder um die «Lehre des Christus» handelt, so ist es des Christen Pflicht, sich vor jedem Kompromiss zu hüten und unerschütterlich an der Aufrechterhaltung der Wahrheit festzuhalten.

Diese vom Geist des Antichristen erfüllten Leute hier sind «von uns ausgegangen» (Kap. 2 ,19), während im Judasbrief (Vers 4) von gewissen gottlosen Menschen die Rede ist, die sich in den Schoss der Christenheit «nebeneingeschlichen» haben. In Apostelgeschichte 20,29 und 30 werden beide Gruppen erwähnt: Wölfe, die hereinkommen, um zu verderben, und Männer «aus eurer Mitte», die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her. Diese, hier im Johannesbrief, leugnen die Wahrheit bezüglich der Person Jesu Christi; jene aber verkehren die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung und verderben dadurch den Glauben, der einst den Heiligen mitgeteilt worden ist.

Vers 4-5

«Ihr seid aus Gott, Kinder, und habt sie überwunden, weil der, der in euch ist, grösser ist als der, der in der Welt ist» (Vers 4).

«Der, der in euch ist», ist der Heilige Geist. So lesen wir auch in 1. Kor 2,12: «Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist.» Und in unserem Brief wird von den Kindern gesagt: «Ihr habt die Salbung von dem Heiligen» und: «Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch», usw. (Kap. 2,20 und 27)

Der, der in der Welt ist, ist der Geist Satans, des Widersachers, des Fürsten dieser Welt, und der Gewalt der Luft.

«Ihr … habt sie überwunden.» Ihr habt für euch selbst die Verführer, die vom Geist des Antichristen und vom Geist des Irrtums erfüllt sind, überwunden. Es sind Agenten des Feindes, die danach trachten, das Christentum zu schwächen, indem sie die Person Christi angreifen.

Weil wir aus Gott geboren und seiner Natur teilhaftig sind, weil ferner das in Christus auf der Erde offenbarte ewige Leben unser Leben geworden ist und wir auch die Salbung von dem Heiligen besitzen, sind wir fähig, jeden zu erkennen und abzuweisen, der uns Christus und damit alles rauben möchte.

Selbst ein Neugeborener in Christus ist durch den Heiligen Geist fähig gemacht zu unterscheiden, was nicht von Christus ist, und sein geistlicher Sinn wird durch jeden Angriff auf die Person Jesu verwundet. Ein solcher ist wie das Schaf, das keine andere Stimme kennt, als die des Hirten; die Stimme des Fremden kennt es nicht und flieht vor ihm. Wie wichtig ist es für uns, die Einfalt des Schafes zu bewahren!

Der Blindgeborene ist ein Beispiel hierfür (Joh 9). Die an ihm offenbarten Werke Gottes machten aus ihm einen lebendigen Zeugen Jesu. Aber welch eine Einfachheit und welche Kraft war in seinem Zeugnis! Er kennt nur Den, der ihn geheilt und Dem er geglaubt hat, ohne Ihn zu sehen, und Dessen Wort seine göttliche Macht an ihm erwiesen hat. Die Stimme der Pharisäer kennt er nicht; es sind «Fremde»; er folgt ihnen nicht. Und nun sieht man ihn allein, von allen Seiten angegriffen, von den Widersachern verachtet und beschimpft. Aber er ist gelassen; voller Zuversicht und unerschütterlich steht er inmitten des Sturmes, den man gegen ihn wegen seines einfachen und treuen Zeugnisses entfacht. Sie werfen ihn hinaus, übergeben ihn dadurch aber nur den Armen des Guten Hirten, des Sohnes Gottes. Er betet an.

Lasst uns im Blick auf Christus in der Einfalt des Herzens bleiben und uns von seinem Wort nähren! Dann werden wir bewahrt bleiben. Wandeln wir nicht in einem fortwährenden Selbstgericht, so wird der Geist betrübt; Gott wird uns dann vielleicht unserer Untreue überlassen, und wir können dabei sehr weit fortgerissen werden. Der Herr bewahre uns und lasse uns in der Erkenntnis der Wahrheit und in der Liebe zu Ihm wachsen!

Vers 6

Ein anderes Mittel, um die Geister zu erkennen, ist was wir in diesem Vers finden: «Wer Gott kennt, hört uns; wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht. Hieraus erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.»

Wer Gott kennt, hört auf «uns», die Apostel, auf ihr Zeugnis und ihre Unterweisung. Die Apostel waren die vom Herrn eingesetzten Zeugen, um zu verkündigen, was sie gesehen und gehört hatten, und um die Wahrheit, die der Heilige Geist ihnen offenbarte, mitzuteilen. Wer ihr Zeugnis nicht annimmt, beweist, dass er nicht aus Gott ist.

Jetzt können wir die Apostel nicht mehr hören; aber wir haben ihre Schriften. Man hört manchmal sagen, die Briefe hätten nicht so viel Wert wie die Evangelien, die uns die eigenen Worte des Herrn vermitteln. Wird ein Geist, der aus Gott ist, so reden? Im Gegenteil, wir erkennen daran den «Geist des Irrtums». Der Heilige Geist, durch den der Herr in den Evangelien geredet hat, ist derselbe Geist, der uns auch in den Briefen belehrt.

Die Weisheit Gottes – seine Gedanken – hat Gott uns (den Aposteln) durch seinen Geist offenbart, sagt Paulus. «Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, um die Dinge zu kennen, die uns von Gott geschenkt sind; die wir auch verkündigen, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel» (1. Kor 2,12-13).

Viele leugnen die göttliche und völlige Inspiration der Heiligen Schriften. Wie schrecklich, wenn der Mensch sich über Gott erhebt um sein Wort zu richten und dessen göttliche Autorität zu leugnen! «Aber auf diesen will ich blicken: Auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist, und der da zittert vor meinem Wort» (Jes 66,2). Gottes Wort ist ein Wort der Autorität, das beim Menschen eine völlige Unterwerfung des Herzens und des Geistes, wie auch den Gehorsam des Glaubens voraussetzt. Dort, wo es so aufgenommen wird, bewirkt es göttliche Ergebnisse. Den, der Wortgefechte führen will, müssen wir fragen: Bist du bereit, dich vor dem Wort zu beugen? Wenn nicht, dann ist jede Auseinandersetzung nutzlos.