Der erste Johannesbrief (4)

1. Johannes 2,13-17

Die Familie Gottes (Kap. 2,13-27)

Die Verse 13-27 dieses Kapitels bilden einen eingeschobenen Abschnitt; der nachfolgende 28. Vers schliesst sich an den 12. Vers an. Diese Einschaltung ist sehr wichtig. Wenn sie nicht da wäre, könnte man meinen, es werde von allen «Kindern» erwartet, dass sie auf derselben Stufe der Erkenntnis und der Darstellung des ewigen Lebens stehen.

Das geistliche Wachstum

In der Familie Gottes, die aus «Kindern» besteht (Vers 12) unterscheidet der Apostel drei Klassen, in denen sich die Darstellung des Lebens, wie auch die ihnen entgegenstehenden Gefahren voneinander unterscheiden. Ein «Kind» kann das Leben, das es besitzt, noch nicht in der Weise kundtun, wie ein «Vater»; es muss sich zuerst geistlich entwickeln, und diese Entwicklung soll sich bis zum Mass des vollen Wuchses der Fülle des Christus fortsetzen.

Das Leben muss genährt werden. Eine Pflanze, die nicht getränkt wird, verliert Blumen und Blätter und scheint tot zu sein; wird sie aber begossen, zeigt sie wieder Leben und Wachstum.

Es gibt Fälle, wo diese geistliche Entwicklung fehlt oder wo im Wachstum ein Stillstand eintritt, so dass solche Christen in geistlicher Hinsicht ihr Leben lang «Kinder» bleiben. In Hebräer 5, wo der Apostel von dem so hohen Gegenstand des Hohenpriestertums redet, fügt er bei: «Über diesen haben wir viel zu sagen, und es ist mit Worten schwer auszulegen, weil ihr im Hören träge geworden seid. Denn obwohl ihr der Zeit nach Lehrer sein müsstet, habt ihr wieder nötig, dass man euch lehre, welches die Elemente des Anfangs der Aussprüche Gottes sind; und ihr seid solche geworden, die Milch nötig haben und nicht feste Speise» (Verse 11.12). Bei ihnen war eine rückläufige Bewegung eingetreten. Man sieht diese Erscheinung auch in der Natur: Ein kleines Kind, das schon lange gehen konnte, kann durch längere Krankheit das Gehen wieder verlernen und muss nachher wieder von vorne anfangen.

Den Korinthern musste der Apostel schreiben: «Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht, aber ihr vermögt es auch jetzt noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich» (1. Kor 3,1-3). Die Korinther waren bis dahin im Zustand von «Kindern» geblieben; der Apostel konnte ihnen nur Christus als gekreuzigt predigen, und nicht einen Christus in der Herrlichkeit, weil sie praktisch nicht verwirklichten, dass ihr alter Mensch mit Christus gekreuzigt worden war.

In 1. Petrus 2 liegt die Sache anders. Dort lesen wir: «Wie neugeborene Kinder seid begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch, damit ihr durch diese wachst zur Errettung» (Vers 2). Hier handelt es sich nicht um einen Vorwurf, nicht um Stillstand im Wachstum, nicht um Rückschritt, sondern um den normalen Zustand aller Christen. Die Milch ist die einzige vollständige Nahrung, und in diesem Sinn ist das Wort Gottes die Milch, durch die der Christ allein bis zum Mass des vollen Wuchses der Fülle des Christus wachsen kann.

Wir wissen, dass wir dieses Mass hier auf der Erde nicht erreichen, aber wir sollen uns darin nie aufhalten lassen, bis wir es in der Herrlichkeit erlangen.

Wenn wir mit dem Herrn in der Herrlichkeit sind, werden wir etwas erreicht haben, das wir bis dahin nicht gekannt hatten: Wir werden Ihm gleich sein (1. Joh 3,2). Ich meine dabei nicht den Zwischenzustand der Seele nach dem Tod, der unvollkommen ist, sondern den Zustand, in den wir gelangen, wenn wir mit verherrlichten Leibern bei Ihm sind. Hier auf der Erde werden wir ihm nie gleich sein, aber wir können jetzt schon nach seinem Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt werden, von einem Widerschein der Vollkommenheit Christi zum andern (2. Kor 3,18). Das Ende dieser Verwandlung erreichen wir, wenn wir Ihm gleich sein werden, dann also, wenn wir Ihn sehen, wie Er ist.

Die Väter

Verse 13.14

Den Vätern sagt der Apostel: «Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist.» Sie erkennen Ihn in seiner Offenbarung als das Fleisch gewordene Wort, wie Er im Anfang des Christentums als Mensch hier auf der Erde war. Sie haben den Herrn Jesus, der gekommen ist, um das ewige Leben zu offenbaren und mitzuteilen, zum Gegenstand. Sie erkennen Ihn, besitzen dasselbe Leben wie Er und sind fähig, dieses Leben in der Welt darzustellen. Diesem ist nichts hinzuzufügen. Unser ganzes Herz soll sich nach dieser Erkenntnis Christi ausstrecken, der in seinem Wandel von Anfang an Gott und das ewige Leben offenbart hat. Wir lesen hier: «Der von Anfang ist»; das Zeitwort «sein» ist der Ausdruck der Göttlichkeit: «Ich bin, der ich bin» (2. Mo 3,14). Jedes Mal, wenn du aus dem Mund des Herrn dieses Wort «Ich bin» vernimmst, begegnest du Gott.

Wenn Paulus schreibt: «Seid zusammen meine Nachahmer, wie ihr uns zum Vorbild habt» (Phil 3,17), so sagt er dies als «Vater», als Vorbild eines Menschen, der nur Christus zum Gegenstand hat. – Auch Johannes ist ein solches Beispiel. Er hat Den erkannt, der von Anfang ist. Damit ist vor allem die Vertrautheit mit seiner Person gemeint. In dem Mass, wie die Christen zum Zustand von «Vätern» heranreifen, werden sie ein schönes Beispiel von solchen, die hauptsächlich mit der Person Christi beschäftigt sind. In dieser Beziehung vereinfacht sich ihr Christentum mehr und mehr. Sie fühlen sich ganz besonders von den Evangelien und Psalmen angezogen: Die Evangelien beschreiben Christus in seinem äusseren Leben der Heiligkeit, des Vertrauens, des Gehorsams, der Abhängigkeit, der Kraft, der Demut, der Hingabe und der Liebe, während die Psalmen von dem reden, was dabei in seinem Herzen Gott gegenüber vor sich ging.

Die Erkenntnis der «Väter» hinsichtlich der Person Christi erstreckt sich ohne Zweifel über das hinaus, was Er in dieser Welt gewesen ist, also auch auf seine Stellung im Himmel, wie sie in den Briefen des Apostels Paulus beschrieben wird. Aber man darf diese Wahrheiten nicht in die Briefe des Johannes hineintragen. Dieser spricht von der Offenbarung Gottes und des ewigen Lebens auf der Erde. Es geht hier darum, das Fleisch gewordene Wort, das unter den Menschen wohnte, und das, was Er hier auf der Erde gewesen ist, zu erkennen, damit auch wir seine Wesenszüge in zunehmendem Mass an den Tag legen.

Die Jünglinge

Die «Jünglinge» haben zu kämpfen, um sich die Erkenntnis ihrer Vorrechte und Segnungen in Christus anzueignen und darin gegründet zu werden. Sie gleichen den Kindern Israels beim Einzug ins Land. Nachdem diese den Jordan überschritten hatten, mussten sie kämpfen, um das Land einzunehmen und die Macht Satans zu überwinden, der sich der Einnahme widersetzte. So wird auch hier den «Jünglingen» zugerufen: «Ihr habt den Bösen überwunden.»

Weil die «Jünglinge» neu im Kampf sind, müssen sie sich besonders mit den verschiedenen Lehrfragen beschäftigen, wie sie in den Briefen behandelt werden. Die «Väter» hingegen haben für sich selbst das Gebiet der Vorrechte und Segnungen schon eingenommen; sie haben mehr darüber zu wachen, dass ihnen dieser Besitz nicht entrissen werden kann, und was könnte sie besser dazu befähigen, als ein Leben der innigen Vertrautheit mit dem Herrn?

Der christliche Kampf hat zwei Seiten. Er besteht:

1. in der Besitznahme der himmlischen Örter.

Unser Kampf ist gegen die geistlichen Mächte der Bosheit, die sich dort finden und uns den Eintritt in dieses gute Land, aus dem sie verjagt werden sollen, verwehren wollen.

2. im Kampf zur Befreiung unserer Brüder.

Wenn in unserem Herzen Liebe ist, werden wir suchen, unsere Brüder aus der Gebundenheit an die Welt und ihre Grundsätze zu befreien, ein Kampf, an dem sich nicht nur die «Väter», sondern auch die «Jünglinge» beteiligen sollen. Das war es, was Abraham seinem Bruder Lot gegenüber tat. Als er hörte, dass Lot gefangen weggeführt worden sei, rückte er mit seinen 318 Männern aus, um gegen das Heer der Könige zu kämpfen und seinen Bruder zu befreien. – Die Befreiung einer Seele aus einem solchen Joch ist etwas überaus Kostbares; aber bei vielen, die daran gewöhnt sind, geht der Wunsch, davon befreit zu werden, verloren. Ihr natürliches Herz führt sie immer wieder dorthin zurück; das Irdische und die Welt hat mehr Wert für sie, als Christus und die Freiheit. «Wir erinnern uns an die Fische, die wir in Ägypten umsonst assen, an die Gurken und die Melonen und den Lauch und die Zwiebeln und den Knoblauch; und nun ist unsere Seele dürr; gar nichts ist da, nur auf das Man sehen unsere Augen» (4. Mo 11,5.6). – Solche Christen weisen unsere Anstrengungen zu ihrer Befreiung mit dem Hinweis ab, dass für sie der christliche Kampf nur im Verkündigen des Evangeliums bestehe. Gewiss ist der Kampf des Evangeliums etwas unendlich Wichtiges und Gesegnetes (Phil 1,7.27.30), aber der Apostel kämpfte auch für die Versammlung (Kol 1,24.29; 2,1). – Viele haben nur einen schwachen Begriff von dem, was Evangelium überhaupt ist. Sie begrenzen es auf die Vergebung der Sünden, die den Heiden oder den völlig Ungläubigen verkündet wird. Paulus war bereit, den Brüdern in Rom (1,15) das Evangelium zu predigen, und sein Brief an jene Versammlung, worin sich die Belehrung bis zur Befreiung des Gläubigen in Christus, mit allen ihren Folgen, steigert, gibt uns einen Begriff vom ausgedehnten Inhalt seines Evangeliums. Nach Kolosser 1,5.23 gehört auch «die Hoffnung, die für euch aufgehoben ist in den Himmeln» dazu.

Den «Jünglingen» sagt Johannes: Ihr seid stark. – Wie können wir diese Kraft verwirklichen? Paulus bekannte: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark». Gideon betrachtete sich als den Schwächsten in Manasse und als den Kleinsten im Haus seines Vaters. Aber der Engel sagte zu ihm: «Gehe hin in dieser deiner Kraft», d.h. in der Kraft, die ihm das Wort des Engels gegeben hatte. Bevor er in den Kampf ging, war also sein «Ich» beiseite gesetzt worden, eine wichtige Voraussetzung für den Sieg! Wir sehen hier die wahre Quelle der Kraft: Ihr seid stark, weil «das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen überwunden habt.» Was die «Jünglinge» kennzeichnet, ist nicht nur die Erkenntnis des Wortes, sondern auch, dass es in ihnen bleibt.

Der Herr Jesus hat uns gezeigt, wie der christliche Kampf geführt werden soll. Als Er in der Wüste von Satan versucht wurde, antwortete Er ihm durch das Wort; damit hat Er den Starken gebunden.

Verse 15-17

Die grosse Gefahr für die «Jünglinge» sind die Begierden, die Satan durch die Welt in ihnen weckt. Darum ermahnte der Apostel den jungen Timotheus: «Die jugendlichen Begierden aber fliehe.»

«Liebt nicht die Welt, noch was in der Welt ist.» Es gilt, den Bösen und die Welt in uns zu überwinden. Man kann den Sieg über die Welt als Ganzes davongetragen haben und nachher durch das versucht werden, was sie uns im Einzelnen wieder vor die Augen stellt.

Alles, was die Welt uns anbietet, besteht in Begierden. Sie lassen sich in drei Gruppen einteilen:

  • Die Lust des Fleisches,
  • die Lust der Augen und
  • der Hochmut des Lebens.

Nur auf diesen drei Anfahrtsstrassen kann sich der Feind unserer Festung nahen. Lasst uns also aufmerksame Wachtposten aufstellen! Beim Fall des ersten Menschen stellte ihm Satan diese drei Dinge in einer einzigen verbotenen Frucht vor Augen (1. Mo 3,6), und auf diese drei Grundsätze hat Satan in der Folge das grosse System der Welt aufgebaut.

«Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm», weil er sich einem System zuneigt, das dem Vater völlig entgegengesetzt ist. Die Welt und der Vater, der Teufel und der Sohn, das Fleisch und der Geist sind einander entgegengesetzt.

«Die Welt vergeht und ihre Lust.» Sie wird vollständig verschwinden und nichts wird davon übrig bleiben. Wir aber, die wir in das Reich des Sohnes seiner Liebe versetzt worden sind, gehören einer anderen Welt an. «Wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit», bezieht sich zwar auf alle Christen, aber hier wendet sich der Apostel besonders an die «Jünglinge», die sich seinem Wort unterwerfen. Sie bleiben in Ewigkeit, wie das Wort selbst, auf das sie sich stützen.