Der erste Johannesbrief (9)

1. Johannes 4,7-13

«Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm» (Kap. 4,7-21)

Vers 7

«Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott.» Aus Gott geboren und teilhaftig der Natur des Gottes, der Liebe ist, sind wir fähig gemacht, mit einer Liebe zu lieben, die von Gott ist, und wir sind auch von Gott gelehrt, einander zu lieben. Es handelt sich hier nicht um die natürlichen Zuneigungen, die, wenn auch vom Schöpfer in uns hineingelegt, doch ihre Quelle in der menschlichen Natur haben, sondern um die göttliche Liebe, die ihre Quelle in Gott hat: «Jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott.» Die Bruderliebe ist der Beweis davon. «Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben» (Kap. 3,14). Paulus war der Errettung der Hebräer gewiss, weil die göttliche Natur sich in ihnen offenbart hatte, durch die Liebe, die sie gegen den Namen des Herrn bewiesen, indem sie «den Heiligen gedient» hatten und noch dienten (Heb 6,9-10).

Wir finden in diesem Vers einen äusserst wichtigen Grundsatz: Um Gott zu erkennen, muss man aus Ihm geboren sein, also eine Neugeburt erlebt haben. Welch ein unermessliches Vorrecht! Gott hat uns das Leben geschenkt und uns seiner Natur teilhaftig gemacht, damit wir Ihn erkennten und fähig seien, zu geniessen, was Er in sich selbst ist, und Gemeinschaft mit Ihm haben könnten.

Vers 8

«Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.» Er ist Licht (Kap. 1,5) und kann keine Gemeinschaft mit der Sünde haben: «Welche Gemeinschaft hat Licht mit Finsternis?» (2. Kor 6,14). Aber seine Natur, sein Wesen ist auch Liebe, und sie bewegte Ihn dazu, sich zu offenbaren. Das Verlangen und die Gedanken seiner Liebe gingen dahin, sich zu erkennen zu geben und um jeden Preis arme, elende Sünder, wie wir waren, in Beziehung und in Gemeinschaft mit sich selbst zu bringen und in seine eigene Freude, in sein eigenes Glück einzuführen. Wäre Christus nicht gekommen, hätten wir diese Liebe nie entdeckt und Gott nie erkannt. Wohl hätten wir Kenntnis von seiner Existenz gehabt; denn die Werke der Schöpfung genügen, um uns davon zu überzeugen. Aber wie dieser Gott ist, der da lebt und Dessen Macht, Weisheit und Göttlichkeit in seinen Werken wahrgenommen werden können und welches seine Gedanken uns gegenüber sind, darüber lässt uns die Schöpfung in Unkenntnis, und ebenso wenig vermochte das Gesetz den Gott, der Liebe ist, zu offenbaren.

Vers 9

«Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben möchten.» Wann hat sich die Liebe Gottes auf diese Weise offenbart? – Als wir noch tot in unseren Vergehungen und Sünden, als wir noch Kraftlose, Sünder, Feinde und Gottlose waren. Sie ist Gnade, reine Gnade und hat ihre Beweggründe nur in sich selbst. Sie ist in jeder Beziehung so unvergleichlich, dass kein Geschöpf sie je hätte ersinnen können.

Wir lagen im Tod, waren unter dem Urteil des Todes und des Gerichts; der Teufel, der die Macht des Todes hatte, hielt uns gefangen. Wer konnte uns da Leben und Befreiung bringen? Gott hat dafür gesorgt. Seine Liebe hat an alles gedacht. Er hat «seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt …, damit wir durch ihn leben möchten» und «als eine Sühnung für unsere Sünden». Um dies zustande zu bringen, musste sein geliebter Sohn, der Heilige und Gerechte, unseren Platz einnehmen, sich mit unseren Sünden beladen und sich für uns vor dem Gerichtsthron des heiligen und gerechten Gottes verantworten. Gott allein konnte die Tiefe der Leiden und Schmerzen ermessen, die für den Gegenstand seiner Wonne in der Erfüllung seiner Gnadenabsichten gegen uns eingeschlossen waren. Aber seine Liebe schrak vor diesem unendlichen Opfer nicht zurück.

Der, welcher das Licht der Welt und inmitten der Menschen die Ausstrahlung der Herrlichkeit Gottes war, sollte hier auf der Erde vonseiten der Sünder nur Hass und Widerspruch erfahren. Und welch ein Schmerz für den Sohn Gottes, in einer verunreinigten Welt zu sein, wo alles seiner heiligen Natur entgegengesetzt war, und inmitten all des Elendes zu weilen, das die Sünde hervorgebracht hat!

Das alles wusste Gott; aber nichts konnte seine Liebe aufhalten. Er hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, Er hat Ihn hingegeben und Ihn nicht geschont, und das alles, damit wir durch Ihn leben möchten und unsere Sünden auf immer weggetan würden.

Und Er, der Sohn Gottes, hat alle Schmähungen derer erduldet, die Gott schmähten, Er hat am Kreuz das Gericht Gottes und seinen gerechten Zorn gegen die Sünde erlitten, hat den Tod geschmeckt und ist bis in die Tiefe dieses Abgrunds hinabgestiegen, damit wir durch Ihn leben könnten. Er ist als ein lebendiger und siegreicher Heiland aus dem Grab auferstanden, und nun haben wir das Leben, das göttliche Leben, das ewige Leben in Ihm, dem Sohn Gottes. Welche Gnade! Oh, welche Liebe war doch nötig, um sich mit solch elenden und hassenswürdigen Wesen zu beschäftigen, wie wir waren!

Vers 10

Diese Beziehungen der Liebe Gottes zu uns begannen also keineswegs in uns; wir waren unfähig, ihr auch nur einen Schritt entgegenzukommen, sondern: «Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühnung für unsere Sünden.» Er ist es, der für uns eine völlige Befreiung vom Tod und vom Gericht bewirkt hat, und wir haben nun in Ihm das Leben und die Gerechtigkeit. Das sind vollendete Tatsachen; darin hat sich die Liebe offenbart und darin erkennen wir sie. Nun ist es unser Vorrecht, unsere Blicke von uns weg auf diese uns gegenüber offenbarte Liebe Gottes zu richten, die nicht in uns war, aber durch den Tod Christi am Kreuz zu uns gekommen ist. Dort lernen wir kennen, was Liebe, was schrankenlose und souveräne Liebe ist, erhaben über alle unsere Sünde und ihre Folgen. Sie ist eine Liebe, die das Mittel gefunden und gegeben hat, den Sünder unter Wahrung der Rechte der göttlichen Gerechtigkeit gereinigt und fleckenlos in den Frieden und die Glückseligkeit seiner Gegenwart einzuführen. Die Gerechtigkeit ist zufriedengestellt und Gott völlig verherrlicht worden. Dort, wo wir seine unerbittliche Gerechtigkeit im Gericht über die Sünde offenbart sehen, dort sehen wir auch die Offenbarung der Liebe Gottes, der alles geopfert hat, um uns in Gnaden annehmen zu können!

Vers 11

Daher, wenn Gott uns so liebt, aus eigenem Antrieb, ohne etwas von uns zu fordern und ohne in uns einen Beweggrund dafür zu finden, «so sind auch wir schuldig, einander zu lieben».

Gott ist Liebe, und wir sind berufen, Gottes Nachahmer zu sein, als geliebte Kinder, und in der Liebe zu wandeln, indem wir Christus zum Vorbild haben. Der Heilige Geist, durch Den Gott seine Liebe in unsere Herzen ausgegossen hat, ist wirksam in uns, um die praktische Offenbarung der Liebe aus uns hervorzubringen, nach dem Beispiel, das uns Christus hinterlassen hat: «Wie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch» (Eph 5,2). Welch ein vollkommenes Vorbild und welch ein mächtiger Beweggrund, Ihm nachzufolgen!

Vers 12

«Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet.» Das Gesetz hat den Beweis erbracht, dass es dem natürlichen Menschen unmöglich ist, Gott aus ganzem Herzen zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. «Die Gesinnung des Fleisches … ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht» (Römer 8,7). Als der HERR sein Volk unter das Gesetz stellte, gab Er ihm damit nicht zugleich eine neue Natur, die fähig gewesen wäre, es zu erfüllen; denn der Mensch sollte unter dem Gesetz erprobt werden. Mit den Christen ist es anders. Als aus Gott Geborene sind wir Teilhaber der göttlichen Natur, einer Natur, die fähig ist, zu lieben, wie Gott liebt. Der Grundsatz des natürlichen Menschen ist Eigenliebe; der göttliche Grundsatz aber ist Liebe.

Der Herr sagte zu den Jüngern: «Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet» (Joh 13,34). Dieses «wie» bedeutet, in demselben Mass und auf dieselbe Weise. Da der Herr «die Seinen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende». Er liebte sie bis zur Hingabe seines Lebens für sie, und seine Liebe veranlasste Ihn, den Herrn, sich zu erniedrigen und ihnen zu dienen, was Er in so rührender Weise in der symbolischen Handlung der Fusswaschung zum Ausdruck brachte. Sein einziger Gedanke war ihre Glückseligkeit, die darin besteht, ein Teil mit Ihm zu haben. Welch ein Beispiel für uns!

In Evangelium Johannes 1,18 lesen wir: «Niemand hat Gott jemals gesehen, der eingeborene Sohn, der im Schoss des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht.» Alles was Gott ist: seine Natur, sein Wesen, alle seine Vollkommenheiten, hat uns der eingeborene Sohn kundgetan. Er hat Ihn als Vater offenbart, und zwar so völlig, dass Er sagen konnte: «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen» – «Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.» (Joh 14,9; 12,45). Diese Offenbarung Gottes, des Vaters, im Sohn, ist eine feststehende und vollkommene Tatsache, der nichts hinzuzufügen ist.

Hier lesen wir: «Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet.» Welch eine kostbare Wirklichkeit besteht doch in dem göttlichen Band und in den göttlichen Zuneigungen innerhalb der Familie Gottes! Was beweisen wir, wenn wir einander lieben? Nicht nur, dass in allen dieselbe göttliche Natur ist, sondern auch, dass Gott in uns wohnt, als die Quelle unserer heiligen Zuneigungen; da seine Liebe unsere Herzen erfüllt, ist sie in uns vollendet. Das alles wird von solchen gesagt, die von Natur hassenswürdig waren und einander hassend! Aber, «wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung!»

Vers 13

«Hieran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat.» Der Apostel sagt hier nicht «seinen Geist», sondern «von seinem Geist». Hier ist nicht der Geist als Person gemeint, sondern als göttliche Natur. Der Geist ist die Quelle der göttlichen Zuneigungen in uns. «Hieran erkennen wir, dass er in uns bleibt.»

Mit diesem Vers dürfen wir Johannes 14,20 in Verbindung bringen: «An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin, und ihr in mir und ich in euch.» – «An jenem Tag» ist der jetzige Tag. Weil der Sachwalter, der Geist der Wahrheit, gekommen ist und in uns wohnt, wissen wir, dass Jesus in dem Vater ist. Er war immer eins mit dem Vater, und die Jünger hätten es wissen sollen. Durch den Heiligen Geist, der herabgekommen ist, um der Zeuge der Herrlichkeit zu sein, in die Christus eingegangen ist, haben wir das Vorrecht, zu wissen, welche Stellung Er nun einnimmt, nachdem Er Gott, seinen Vater, vollkommen verherrlicht hat. Der Vater hat Ihn «bei sich selbst» verherrlicht – welche Freude! Wir hätten nicht dieses glückliche Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, wenn wir nicht wüssten, wo Er ist. Wir wären unglücklich und kennten die Freude nicht. Jetzt aber, durch den Geist, der uns mit Ihm vereint, sind wir fähig gemacht, uns über die eigene Glückseligkeit und über die Herrlichkeit Dessen zu freuen, der uns so sehr geliebt und das Kreuz für uns erduldet hat.

«Und ihr in mir.» Der Heilige Geist, der uns mit Ihm vereint, bringt uns unsere Stellung in Ihm zum Bewusstsein. Er ist im Vater und wir in Ihm – welch eine Verbindung! Wir sind somit in den Mittelpunkt jeglicher Segnung gerückt. «Und ich in euch», damit wir Ihn offenbarten in dieser Welt, in der Gesinnung, die auch in Christus Jesus war. «Wie ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in ihm» (Kol 2,6).

Der Sachwalter bringt uns alle diese Dinge zur Kenntnis und lässt sie uns geniessen. Der Heilige Geist gibt uns das Bewusstsein und das Verständnis für unsere Beziehungen zum Vater als seine vielgeliebten Kinder, wie auch für unsere Verbindung mit Christus, als den Gliedern seines Leibes, «von seinem Fleisch und von seinen Gebeinen», und schliesslich auch für unsere Beziehungen zu Ihm, als solchen, die der Vater als seine Erlösten, als seine Schafe, als seine Diener und seine Jünger Ihm gegeben hat.