Wachen und beten

Lasst uns heute von etwas ganz Praktischem reden, das aber von grosser Bedeutung ist – vom Wachen und Beten

Angenommen, wir wüssten mit Gewissheit, dass ständig ein Dieb unser Haus umschleicht, der uns alles zu rauben sucht, was wir besitzen – oder wir wären uns bewusst, dass gewissenlose, grausame Menschen in unversöhnlicher Feindschaft uns umlauerten, um uns fortgesetzt zu schaden. Was würden wir dann tun? Wir wären ohne Unterbruch auf der Hut. Wir träfen alle Vorsichtsmassnahmen, um möglichst ungeschoren zu bleiben.

So ist der Christ im Wort dringend aufgerufen zu wachen, nicht nur an gewissen gefährlichen Tagen, sondern jederzeit, auf seinem ganzen Wege hier auf der Erde, bis er im Himmel anlangt, wo kein Wachen mehr nötig sein wird.

Weshalb denn? Seine materielle Habe ist doch vielleicht gar nicht in Gefahr, und zudem soll er ja sein Herz nicht daran hängen. Auch wird er, soviel an ihm liegt, mit allen Menschen im Frieden leben, so dass er als Mensch wohl wenig Feinde hat.

Aber es sind ständig Diebe und Feinde da, die ihm, dem Christen, seine Glaubensgüter rauben wollen und ihm auf jede Weise geistlichen Schaden zuzufügen suchen. Darum also rief der Herr seinen Jüngern so eindringlich zu: «Wacht und betet!» Und aus diesem Grund ermahnten auch die Apostel die Gläubigen zu ununterbrochener Wachsamkeit.

Wir wollen nun einige Punkte erwähnen, auf die wir ganz besonders unser Augenmerk richten sollen!

Der Teufel geht umher – als brüllender Löwe

Petrus zum Beispiel warnte die Gläubigen von der Zerstreuung in Kleinasien: «Seid nüchtern, wacht; euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge» (1. Pet 5,8).

«Der Teufel geht umher», heute wie damals! Wahrlich Grund genug, um Alarm zu schlagen und die Wachtposten zu besetzen, heute und morgen und jeden Tag! Er hasst die Gläubigen, die Versammlung Gottes auf der Erde und ihr Zeugnis von der Wahrheit. Er will sie zum Schweigen bringen. Er ist mächtig und vermag die Feinde der Wahrheit zu sammeln, zum Widerstand und zu offener Verfolgung aufzustacheln.

Was sollen die Gläubigen da tun? Eben, wachen und beten! Es gilt, mit wachem Bewusstsein die Gefahren im Auge behalten. Der Löwe wollte jenen Gläubigen durch sein Brüllen Angst einjagen, damit sich diese sagten: «So geht es nicht weiter. Wir dürfen das Wort nicht mehr verkündigen. Es ist gefährlich, vom Herrn Jesus zu zeugen. Es bringt Verfolgungen ein; wir ernten Feindschaft und Verachtung, verlieren Hab und Gut, vielleicht sogar unser Leben.» Aber das wäre keine gute Reaktion gewesen. Sie sollten nicht zum Schutz ihres eigenen Lebens wachen. Der Apostel ermahnte sie vielmehr: «Dem widersteht standhaft» (Vers 9). Sie sollten auf der Hut sein, sich nicht durch Rücksichtnahme auf ihr eigenes Leben von der Verbreitung des Evangeliums abhalten zu lassen.

Dieser Löwe hatte auch schon in Jerusalem gebrüllt. Petrus und Johannes waren ernstlich bedroht worden, «nicht mehr in diesem Namen (Jesu) zu irgendeinem Menschen zu reden» (Apg 4,17). Aber was taten diese tapferen Zeugen? Sie gingen zu den Ihren und alle miteinander beteten: «Und nun, Herr, sieh an ihre Drohungen und gib deinen Knechten, dein Wort zu reden mit aller Freimütigkeit … Und als sie gebetet hatten, erbebte die Stätte, wo sie versammelt waren; und sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit» (Verse 29 und 31). Sie hatten gewacht und gebetet. Als Folge davon widerstanden sie dem Feind und seinen traurigen Absichten in der Kraft des Heiligen Geistes.

In unseren Gegenden vernehmen wir heute das «Brüllen des Löwen» nur ganz schwach. Der treue Zeuge riskiert nicht sein Leben und nicht den Verlust seiner Habe, sondern nur ein wenig Schmach um Jesus willen … Aber genügt uns dies schon, die Waffen zu strecken und zu schweigen? Schlafen wir? Das darf nicht sein! Lasst uns wachen und beten und dieser Absicht des Feindes standhaft widerstehen! Es wird uns dann ähnlich gehen wie jenen treuen Zeugen: «Sie nun gingen vom Synedrium weg, voll Freude, dass sie gewürdigt worden waren, für den Namen Schmach zu leiden» (Apg 5,41).

Der Teufel geht umher – als listige Schlange

Der Teufel schläft nie. Unser Widersacher ist immer hellwach. Er «durchstreift die Erde» und «wandelt umher auf ihr». Er hat acht auf die Gläubigen, wie einst auf Hiob, und weiss aus jahrtausendealter Erfahrung, wie sie zu Fall gebracht werden können. Er kann sich zu diesem Zweck verwandeln. Gelangt er nicht als brüllender Löwe zu seinem Ziel, kommt er vielleicht als «falscher Prophet im Schafskleid» oder als listige «Schlange». Welche Gefahr für uns! Wie können wir ihr begegnen?

Das erste Menschenpaar hatte den göttlichen Auftrag, den Garten «zu bebauen und ihn zu bewahren.» (1. Mo 2,15). Wir wissen nicht, wie manche Tage sie dies treu getan hatten und wie lange ihre Zuneigungen in Gottesfurcht und Vertrauen auf den Schöpfer-Gott gerichtet waren, der sich ihnen in unendlicher Güte offenbart hatte. Oh, wenn das Herz von Ihm weicht, dann dauert es nicht lange, bis auch die Füsse von seinem Gebot abirren!

Der Teufel in der Gestalt einer listigen Schlange schlich in den Garten (1. Mose 3). Man hörte sie nicht kommen. Sie kam in sorgfältiger Tarnung. Und wen fand sie vor? Eine Eva und einen Adam, die nicht gewacht hatten. Es gelang ihr daher, das Wort Gottes zu verdrehen, Misstrauen gegen Gott und die Begierde nach der verbotenen Frucht in die Herzen zu pflanzen. Und so verleitete sie die beiden zum Ungehorsam gegen das eine Gebot, das Gott ihnen gegeben hatte. Wie schrecklich waren die Folgen ihrer Unwachsamkeit! Sie rissen das ganze Menschengeschlecht hinter sich her in einen Abgrund der Sünde und des Verderbens hinein! «Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig Händefalten, um auszuruhen – und deine Armut kommt herangeschritten, und deine Not wie ein gewappneter Mann» (Spr 24,33.34).

Gott sei Dank! Der Erlöste ist «in Christus» aus dem tiefen Abgrund herausgekommen und in die himmlischen Örter versetzt worden. Es sind ihm alle himmlischen Segnungen geschenkt, Segnungen, die weit über das hinausgehen, was Adam in den Tagen seiner Unschuld gekannt hatte. (Siehe Epheser 1 und 2.)

Satan vermag keinem Gläubigen, auch nicht dem jüngsten und schwächsten unter ihnen, diese himmlischen Segnungen zu rauben. Wohl aber kann er sie dermassen verwirren und durch falsche Lehren betören, dass sie diese nicht mehr geniessen können. Und darauf hat er es abgesehen. Er schadet damit der Ehre Gottes, dem Erlösten selbst und auch allen denen, die durch diesen hätten gesegnet werden können.

So haben denn auch wir fortgesetzt mit der alten Schlange, mit «den Listen des Teufels» zu tun (Eph 6,10-20). Auch in uns sucht er das Wort Gottes zu verdrehen, das wunderbare Verhältnis des Vertrauens und der Gemeinschaft mit Gott zu stören.

Aber wir dürfen stark sein im Herrn und in der Macht seiner Stärke. Wir besitzen die Waffenrüstung Gottes. Wenn wir diese angezogen haben und gottgemäss gebrauchen, werden wir gegen die Listen des Teufels zu bestehen vermögen.1 Erste Voraussetzung zum Sieg in diesem Kampf ist wiederum das Wachen: «Steht nun» (Vers 14) – nicht liegen und schlafen. Und als letztes Stück ist auch hier das Gebet genannt: «Zu aller Zeit betend mit allem Gebet und Flehen in dem Geist» (Vers 18). Auch hier besteht die dringende Notwendigkeit, zu wachen und zu beten.

Wachsamkeit vor mir selbst

Nicht genug, dass ein schrecklicher Feind draussen umhergeht und uns so lange zu schaden sucht, bis wir das Ziel droben erreicht haben – wir haben auch einen Feind in uns: das «Fleisch», die böse Natur, den alten Menschen. Dieses findet kein Wohlgefallen an der Person Christi, keine Freude an den himmlischen Segnungen und Dingen. Das Fleisch ist dem Geist Gottes in uns entgegengesetzt und dem Gesetz Gottes nicht untertan. Die Werke des Fleisches sind: Hurerei, Unreinheit, Ausschweifung … Eifersucht … Neid … Trunkenheit, Gelage und dergleichen (Gal 5,19-21). Das Fleisch mit seinen Leidenschaften und Begierden harmoniert mit der Welt, mit dem Leben, Tun und Treiben der Menschen, die nicht von neuem geboren sind. Ein Christ, der dem Fleisch Raum gibt, unterscheidet sich in seinem Wandel und Gebaren nur wenig oder gar nicht von einem Menschen dieser Welt. Wie unglücklich ist er dabei!

Wir wissen ja wohl alle um die herrliche Wahrheit, «dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen» (Röm 6,6). Gestützt auf diese vollendete, unveränderliche Tatsache, dürfen wir «dafür halten, dass wir der Sünde tot sind, Gott aber lebend in Christus Jesus» (Vers 11). Aber wie viel ununterbrochene Wachsamkeit ist nötig, um dies in unserem täglichen Wandel unter den Menschen und inmitten der Verlockungen dieser Welt in die Wirklichkeit umzusetzen!

Die alte Natur präsentiert sich oft unter einem recht schönen Schein. Sie gleicht einem Boskop-Apfel, der innen faul ist, aber nach aussen hin so prächtig, so unverdorben aussieht. Wie viele unerfahrene Christen lassen sich durch den schönen Schein täuschen, zu ihrem grossen Schaden.

Selbst Petrus, der schon dreieinhalb Jahre mit dem Herrn gewandelt hatte, liess sich trügen. Gewiss liebte er den Herrn Jesus aufrichtig. (Zweifellos eine Frucht des neuen Lebens in ihm.) Aber er glaubte, in der eigenen Kraft diese seine Liebe zu Ihm in den schwierigsten Umständen unter Beweis stellen zu können. Doch kam es ganz anders. Im entscheidenden Moment versagte er kläglich, und es kam an den Tag, dass seiner alten Natur die eigene Haut lieber war als der teure Herr, ja, dass sie ihn dazu verleitete, Ihn zu verleugnen, um selbst ungeschoren zu bleiben!

Der Herr hatte ihn gewarnt (Mk 14,27-31). Selbst in dem für Jesus so schrecklichen Kampf in Gethsemane dachte Er an den Zustand dieses Jüngers und sprach zu Petrus: «Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt!» (Mk 14,37.38).

Wie also können wir uns vor uns selbst schützen, vor dem selbstsüchtigen, hochmütigen, unreinen und törichten Ich? Indem wir wachen und unter Beten auf der Hut sind, und nicht aus den Augen verlieren, dass die, die des Christus sind, das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Sünden gekreuzigt haben (Gal 5,24).

Aber das allein würde nicht genügen. Das wäre nur die negative Seite. Wir werden auch aufgefordert: «Wandelt im Geist, und ihr werdet die Lust des Fleisches nicht vollbringen» (Gal 5,16). Der Heilige Geist in uns will Geist und Seele von Christus nähren und erfüllen. Er sucht auf diese Weise «die Frucht des Geistes» in uns hervorzubringen und uns in dem Dienst zu leiten, den der Herr uns anvertrauen will.

Ein alter Bruder pflegte zu sagen: «Wisst ihr, wer mir in meinem Leben am meisten zu schaffen gab? Der X. Y. !» (Er nannte seinen eigenen Namen). – Wie gut, dass der Herr uns in die Lage versetzt hat, in der kostbaren Gewissheit zu leben: «Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleisch, lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat» (Gal 2,19.20).

Die Welt hindert uns, den Herrn zu erwarten

Es ist uns allen bekannt, dass der Herr Jesus, «der uns liebt», die unmissverständliche Verheissung hinterlassen hat: «Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet» (Joh 14,3). Diese glückselige Hoffnung wird in den inspirierten Briefen der Apostel noch in ihren Einzelheiten beschrieben, und am Schluss der Bibel bezeugt der Herr noch einmal: «Ja, ich komme bald!»

Aber, wie merkwürdig! Diese kostbare Verheissung ging der Christenheit viele Jahrhunderte lang verloren, und erst im 19. Jahrhundert wurde sie wieder auf den Leuchter gestellt. Es kam genau so, wie der Herr es im Gleichnis der zehn Jungfrauen (Mt 25,1-13) vorausgesagt hatte: Die Jungfrauen, ein Bild der Christenheit, wurden alle schläfrig und schliefen ein – auch die fünf, die Öl in ihren Gefässen mit ihren Lampen hatten. Sie erwachten erst auf den Ruf: «Siehe, der Bräutigam!»

Wie gesagt, wir kennen diese Wahrheit. Aber ist sie unseren Herzen jeden Tag gegenwärtig, als ein beglückendes Ereignis, auf das wir mit Sehnsucht warten, das unser ganzes Leben hier auf der Erde kennzeichnet und bestimmt?

Müssen wir «nein» sagen? Oh, dann haben wir uns wieder auf die Bank gesetzt, um erneut einzuschlummern! Dieser schläfrige geistliche Zustand rührt gewiss daher, dass wir in den irdischen Dingen allzu lebendig und eifrig sind, dass wir uns darauf eingerichtet haben, unsere «siebzig oder achtzig Jahre» auf der Erde zu verbringen und da zu wohnen. Wir haben den Fremdlingsmantel aufgehängt und die Hausjacke angezogen. Aber es ist nicht gut, wenn wir uns in der Welt zuhause fühlen, die den Herrn hinausgeworfen hat. Wir sind dann kein klares Zeugnis für Ihn, keine rechte Hilfe für die Kinder dieser Welt und wir selbst können nicht wirklich glücklich sein.

Auch in diesem Zusammenhang ruft der Herr uns zu: «Wacht also, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde» (Mt 25,13). Wir sollen wachen, dass uns diese Hoffnung keinen Tag abhanden kommt, oder schwächer wird. «Sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Sinnt auf das, was droben ist …» (Kol 3,1.2).

Nicht nur wachen, sondern auch beten

Bezeichnenderweise werden wir in den meisten Stellen nicht nur aufgefordert zu wachen, sondern auch zu beten. Wer wacht, hat die Augen offen und erkennt den bösen, mächtigen Feind, ob er sich nun als brüllender Löwe oder als listige Schlange zeigt. Wer wacht, ist sich auch wohl bewusst, wie verdorben das Fleisch in ihm ist und wie die Welt eine so grosse Anziehungskraft auf ihn ausübt, wenn sein Herz nicht ganz auf Christus gerichtet ist.

Das wird ihn dazu treiben, «allezeit» (Lk 18,1) oder «unablässig» (1. Thes 5,17) zu beten und die Hilfe bei dem zu suchen, der sie uns nie versagen wird. Für jeden Schritt auf dem Weg, von unserer Bekehrung an bis zum Ziel droben, steht uns die Gnade Gottes in überströmendem Mass zur Verfügung. Aber wir müssen mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe (Heb 4,16). Wenn wir nur selten hinzutreten, und im Beten lässig sind, ist das ein Beweis dafür, dass unsere Augen zu wenig offen sind für die grossen Gefahren und die bösen Feinde um uns her, und dass wir unsere eigene Schwachheit zu wenig kennen. Wie zutreffend ist doch der alte Liedervers:

  • Wer kann sagen und ermessen,
    Wie viel Heil verloren geht,
    Wenn wir nicht zu Ihm uns wenden,
    Gläubig bittend im Gebet!