So musste der Christus leiden (4)

Matthäus 26,58-75; Markus 14,54-72; Lukas 22,54-62; Johannes 18,15-18

Die Verleugnung

Nach der Gefangennahme des Herrn hatten Ihn, wie wir wissen, «alle Jünger» verlassen. Auch der Ihm noch ein Stück weiter gefolgt war, war bald geflohen. Offenbar sind dann Petrus und «der andere Jünger»1 wieder umgekehrt.

Auch vorher schon, als er das Schwert zog, hatte Petrus sich für den Herrn in ernste Gefahr begeben. Nein, es war keine leere Redensart gewesen, als er ausgerufen hatte: «Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich lassen!» (Joh 13,37). Es war ihm ernst damit. So sehen wir ihn jetzt dem gefangenen und gebundenen Herrn «von weitem folgen» (Mk 14,54). Nicht nur ein Stück, sondern «bis hinein in den Hof des Hohenpriesters». Dort mischte er sich unter die, vor denen er eben noch geflohen war, und «setzte sich mitten unter sie» (Lk 22,55). Auch seine Beweggründe werden uns mitgeteilt: Sorge um seinen Herrn erfüllte sein Herz, denn er unternahm dies alles, «um das Ende zu sehen» (Mt 26,58). War das nicht Liebe? War das nicht Mut?

Ein Herz voll Eifer für seinen Herrn war schon immer der hervorstechende Zug bei diesem Jünger gewesen, und so hatte er auch vieles gelernt. Eins aber fehlte noch: Er hatte sich selbst noch nicht kennen gelernt. Die völlige Unbrauchbarkeit und Kraftlosigkeit des Fleisches vor Gott war seinem Herzen noch fremd. Bevor Petrus dies verstand, musste er durch tiefe Übungen gehen, denn die Stunde der Versuchung, die grosse Probe für die Jünger, kam: Ihr wahrer Herzenszustand musste offenbar werden. «Der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir» (Joh 14,30), hatte der Herr im Blick auf sich selbst gesagt: Gold kam ins Feuer, Gold kam wieder heraus; vor aller Welt wurde seine Liebe zum Vater und sein Gehorsam gegen Ihn erwiesen.

Doch wie war es bei den Jüngern? Hier war nicht alles Gold! Der «gewisse Jüngling» vertraute auf sein schönes Gewand und musste es fahren lassen. Petrus vertraute auf sich selbst und musste völlig zuschanden werden. Jemand bemerkte dazu: «Je weiter man sich – und das getrennt von der Macht des Geistes – auf den Weg hinauswagt, wo die Macht der Welt und des Todes gefunden werden, desto grösser ist die Schande, mit der man entrinnt, wenn Gott überhaupt ein Entrinnen gestattet.»

In welch einer liebevollen und deutlichen Weise hatte doch der Herr seinen Jünger gewarnt! «Simon, Simon! Siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht aufhöre; und du, bist du einst umgekehrt, so stärke deine Brüder» (Lk 22,31.32). Da stand nun der schwache Simon (und die Anrede «Simon» erinnerte an das, was dieser Jünger von Natur war) auf der einen Seite und die ganze Macht Satans, des «Menschenmörders von Anfang», ihm gegenüber. War das nicht Grund genug, auf sein Angesicht zu fallen und zum Herrn um sein Erbarmen und seinen Beistand zu flehen? Zog ihn die Gnade nicht in den Staub, die sich in den Vorkehrungen für seine Wiederherstellung und in der Übertragung eines Dienstes an seinen Brüdern kundgab? «Er aber sprach zu ihm: Herr, mit dir bin ich bereit, auch ins Gefängnis und in den Tod zu gehen» (Lk 22,33; Mk 14,29 ff.). – «Ich bin bereit!» Das war die Sprache eines unverhüllten, überheblichen Selbstvertrauens.

Weil Petrus die warnende Stimme des Herrn überhörte, versäumte er es, zu wachen und zu beten. Und weil er das Wachen und Beten unterliess, kam er in die Versuchung (Mk 14,37.38). Als er dann in die Versuchung kam, bekämpfte er den Feind, und nun macht er sich mit ihm eins, indem er seinen Herrn, wie dieser es vorausgesagt hatte, dreimal verleugnet. Während, wie es scheint, in einem der an den Hof grenzenden, nach dort zu offenen Säle2 das Gericht des Synedriums tagt, tritt Petrus zu den Dienern des Hohenpriesters und «setzt sich mitten unter sie» (Lk 22,55).

Während der Herr in der Halle der Kälte der Herzen derer, die Ihn verwarfen, ausgesetzt ist und auch der Kälte der Nacht, wärmt sich Petrus am «Kohlenfeuer» der Feinde Jesu, das sie, «weil es kalt war» (Joh 18,18.25), mitten auf dem Hof angezündet hatten. Wie konnte er an einem solchen Platz die Kraft beweisen, deren er sich gerühmt hat? Wir sehen, dass er sich schwächer zeigt als eine schwache Frau: Er erschrickt vor dem «unverwandten Blick» (Lk 22,56) einer Magd, vermutlich der Türhüterin (Joh 18,16).3 Sie hatte ihn auf einen Hinweis des anderen, ihr bekannten Jüngers eingelassen. Hier verleugnet Petrus den Herrn «vor allen» (Mt 26,70) zum ersten Mal: «Bist nicht auch du einer von den Jüngern dieses Menschen?» (Joh 18,17). – «Ich weiss nicht, verstehe auch nicht, was du sagst!» (Mk 14,68). – «Frau, ich kenne ihn nicht!» (Lk 22,57.58). – «Ich bin es nicht!»

Von innerer Unruhe getrieben, geht er hinaus in den «Vorhof» des Tores, wo ihm von derselben und einer anderen Magd (sowie deren Genossen) die gleiche Frage gestellt wird(Mt 26,71; Mk 14,68.69). «Und wiederum leugnete er mit einem Eid: Ich kenne den Menschen nicht!» (Mt 26,72). Welch eine Sprache aus dem Mund von Petrus! Wenn die Türhüterin geringschätzig oder Pilatus mitleidig den Herrn einen «Menschen» nennen (Joh 18,17; 19,5), so nehmen wir dies hin; hier aber ist es sein Jünger, der sich so weit vergisst, und der Ihm doch Treue bis in den Tod gelobt hatte!

Dreimal war der Herr im Garten Gethsemane in immer heftiger werdendem Kampf, aber in göttlicher Kraft, den Anläufen Satans begegnet; dreimal wiederholen sich auch hier, immer bedrohlicher, die Angriffe auf den sich selbst überlassenen, schwachen Jünger. Aber je dreister der Feind, desto grösser wird die Angst, und desto schmachvoller die Niederlage. Nach einer Ruhepause, «nach Verlauf von etwa einer Stunde» (Lk 22,59), kommt der letzte, überraschende, entscheidende Schlag: «Auch deine Sprache verrät dich» (Mt 26,73). – «Du bist auch ein Galiläer» (Mk 14,70). Ja, einer von den Knechten des Hohenpriesters, der «ein Verwandter dessen war, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte» (Joh 18,26), fragte: «Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm?» Da war es mit der Fassung des armen Jüngers vorbei: Während drinnen in der Halle der «treue und wahrhaftige Zeuge» dem sicheren Tod trotzt, fängt er, voller Todesfurcht an, in furchtbarer Weise «zu fluchen und zu schwören» (Mt 26,74), indem er wieder, sich völlig vergessend, ruft: «Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet» (Mk 14,71).

Konnte es nach einem solchen Fall, nach einer solch schweren Niederlage überhaupt noch ein Wiederaufstehen geben? Konnte der unglückliche Jünger, nachdem er den Fluch einer solchen Lüge über sich brachte, je wieder glücklich werden?

«Und sogleich, während er noch redete, krähte der Hahn» (Lk 22,60). – «Und sogleich krähte der Hahn zum zweiten Mal» (Mk 14,72), so wird uns bei Markus genauer berichtet. Der, der «alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt» (Heb 1,3), bediente sich der unvernünftigen Kreatur, um seinem so tief gefallenen Jünger zu helfen: Wer sonst in dieser Nacht achtete wohl auf den Hahnenschrei?4 Für Petrus aber wirkte er wie ein Blitz, der die dichteste Finsternis zerreisst, für ihn wurde er der Anlass zu einem furchtbaren Erwachen und Erschrecken. Hätte er doch schon auf den ersten Schrei gehört (Mk 14,68)! Jetzt erst «erinnerte er sich an das Wort, wie Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal ver1eugnen» (Mk 14,72). Im Augenblick dieser Seelennot geht der Blick des Jüngers zu seinem Heiland hin, zu Dem, den er so tief beleidigt und verunehrt hat.

«Und der Herr wandte sich um und blickte Petrus an» (Lk 22,61). Das Auge des Jüngers begegnet dem seines Herrn; sein scheuer Blick begegnet einem Heilandsblick voll Mitleid und göttlichem Erbarmen! Drang inmitten jenes ungerechten und heuchlerischen Verhörs nicht genug auf den Herrn Jesus ein, als dass seine Gedanken noch bei seinem Jünger verweilen sollten? Würden wir es nicht verständlich, ja, natürlich finden, dass der Allwissende sich voller Abscheu und Verachtung von ihm abgewandt hätte? Aber nein, der «auf Mitleid gewartet hat, und da war keins, und auf Tröster, und hat keine gefunden» (Ps 69,21), hatte doch Mitleid und Gnade für den, der «geleugnet hatte, ihn zu kennen» (Lk 22,34). Kennen wir den Blick? Er wollte Herz und Gewissen des Jüngers erreichen. Nur bei Lukas lesen wir bezeichnenderweise davon. Dort ist dieser Blick, und nicht so sehr der Hahnenschrei, der Anlass, dass Petrus sich an das ernste Wort der Warnung seines Herrn erinnerte (Lk 22,61). Welch ein Erwachen! Welch ein Eintreten ins Licht! Wie hatte doch der Blick des Herrn mit einem Mal alles vor den Augen des armen Jüngers verändert!

«Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich» (Lk 22,62). Das war beides: Gefühle der Reue wie auch eine «der Buße würdige Frucht» (Lk 3,8). Immer wieder möchte sich das «arglistige und verdorbene Herz» (Jer 17,9) mit dem einen von beiden zufrieden geben. Man trägt Gefühle zur Schau und verharrt doch weiter auf seinem verkehrten Platz. Aber das eine ohne das andere ist nicht echt und hat keinen Wert. Die «Betrübnis Gott gemäss» bewirkte bei den Korinthern «eine nie zu bereuende Buße zum Heil» (2. Kor 7,10). So auch bei Petrus: Überwältigt durch den Blick seines Herrn, «ging er hinaus» und verliess den Platz, der ihm zum Fallstrick geworden war, mit den Tränen bitterster Selbstanklage und Reue.

Was für Stunden und Tage folgten nun! Schnell geht es in den Abgrund hinein, aber mühevoll ist der Weg, der wieder herausführt. Den, der ihm allein helfen konnte, führte man nach Golgatha, schlug man ans Kreuz, legte man schliesslich ins Grab. Das alles war schon erschütternd genug für die Jünger, die nicht, wie Petrus, gefehlt hatten. Was war es aber erst für den, dem gemeine Untreue Herz und Gewissen beschwerte! Und dennoch hatte der Herr in all diesem Elend seinen bedauernswerten Jünger nicht vergessen. Er hatte für ihn gebetet, bevor er fiel (Lk 22,32). Sein Blick traf ihn, als er fiel, und nach dem Fall waren seine erbarmenden Bemühungen ununterbrochen mit der Wiederherstellung des Jüngers beschäftigt (Mk 16,7). Er trug Sorge, dass Petrus als erster von seiner Auferstehung erfuhr, und wir wissen auch, dass er der erste Jünger5 war, dem der Auferstandene sich zeigte (1. Kor 15,5). «Der Herr ist wirklich auferweckt worden und dem Simon erschienen» (Lk 24,34).

So wie der Herr vom Abendessen aufstand und Wasser nahm, um die Füsse der Jünger zu waschen, so bewirkte auch bei dieser ersten Begegnung nach dem Fall sein göttliches Wort die Reinigung der beschmutzten Füsse des Jüngers. «Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir» (Joh 13,7.8), hatte der Herr an jenem Abend zu ihm gesagt. Was Petrus damals nicht verstand, wird er «nachher» verstanden haben. Doch was der Herr bei dieser Gelegenheit zu seinem Jünger gesagt hat und dieser zu Ihm, wir werden es in der ganzen Heiligen Schrift vergeblich suchen. In seiner Zartheit hat der Heilige Geist über diese Stunde für immer den Schleier des Geheimnisses gebreitet!

Wie beschwert war sein Herz noch bei seinem Lauf zum Grab, also noch vor dieser Begegnung, gewesen (Joh 20,4)! Aber nach ihr, am See Tiberias, als er hörte, dass es der Herr sei, der dort am Ufer stand, «gürtete er das Oberkleid um … und warf sich in den See» (Joh 21,7). Er war voller Ungeduld, seine Gegenwart zu geniessen! Hier hatte der Herr ein «Kohlenfeuer» für ihn bereit, und seine ernste, dreimalige Frage (Joh 21,15-17) brachte vollends ans Licht, wie gründlich der tiefe Fall den Jünger davon überführt hatte, dass auf das eigene Herz kein Verlass war. Hier finden wir die Wurzeln der traurigen Niederlage aufgedeckt, und sogleich wird Petrus wieder mit einem Dienst betraut. Ohne beides wäre die Erfüllung des Wortes: «Bist du einst umgekehrt, so stärke deine Brüder» (Lk 22,32), nicht möglich gewesen.

Im vierten Kapitel der Apostelgeschichte finden wir das gleiche Synedrium (Vers 15), es sind die gleichen Männer (Vers 6), die gleichen Jünger (Vers 13), wie in jener Nacht, nur dass wir diese nun an der Stelle ihres Herrn als Angeklagte vor ihren Richtern sehen. Aber welch eine Veränderung entdecken wir hier! Nicht mehr mit törichtem Selbstvertrauen ist das Herz des Petrus erfüllt, sondern «mit Heiligem Geist» (Vers 8). Nicht mehr in seiner Schwachheit steht er da, sondern in der Kraft des Herrn; «und sie erkannten sie, dass sie mit Jesus gewesen waren» (Vers 13). Wie erinnert uns dies an jene Nacht. Aber hier verleugnet Petrus nicht, sondern bekennt sich vor allem Volk zum verachteten Namen des Nazaräers, zu dem einen Namen, dem «kein anderer unter dem Himmel» gleicht (Verse 9-12).

Die Hohenpriester «verwunderten sich», als sie «merkten, dass es ungelehrte und ungebildete Leute seien» (Vers 13). Wie viel mehr hätten sie es getan, hätten sie geahnt, wie schwach und erbärmlich diese Männer in sich selbst waren, wie Petrus es durch die Verleugnung seines Herrn zur Genüge bewiesen hatte. Hätten sie erleuchtete Augen gehabt, sie hätten gestaunt über die Ergebnisse einer alle Erwartungen übertreffenden, wiederherstellenden Gnade! So gross waren diese Ergebnisse, dass Petrus dem Volk zurufen konnte: «Ihr habt den Heiligen und Gerechten verleugnet!» (Apg 3,14).

  • 1Es heisst nicht «ein», sondern «der» andere Jünger: Es ist Johannes (Joh 18,15; 20,2; 21,20-24).
  • 2Die Paläste jener Zeit umschlossen im Viereck einen grossen Hof, auf den die Räume des Hauses in Säulenhallen mündeten (Lk 22,61).
  • 3Volle Klarheit in die einzelnen Hergänge zu bringen, dürfte kaum möglich sein; jedenfalls hat Petrus bei drei zeitlich getrennten Gelegenheiten den Herrn verleugnet, bei denen jedes Mal mehrere Personen auftraten.
  • 4Manche nehmen an, dass hiermit eine Zeitbestimmung gegeben sei: die dritte Nachtwache (zwölf bis drei Uhr).
  • 5In 1. Korinther 15 werden nur männliche Zeugen der Auferstehung genannt.