So musste der Christus leiden (11)

Aus dem Lager hinaus

Für das, was wir eben gesagt haben, erhalten wir sogleich einen neuen Beweis, indem wir zunächst noch weiter dem Bericht des Johannes-Evangeliums folgen. «Sie aber nahmen Jesus hin und führten ihn fort. Und sich selbst das Kreuz tragend, ging er hinaus zu der Stätte, genannt Schädelstätte …» (Joh 19,16.17). Wie viele sind nicht schon immer wieder bewundernd vor diesem Vers still gestanden!

Ganz ähnlich hatten wir schon gelesen: «Ich führe ihn zu euch heraus …» – «Jesus nun ging hinaus …» (Joh 19,4.5). Dort waren es Dornenkrone und Purpurkleid, die Er trug, hier das Kreuz, das Fluchholz.

Es ist wieder das Johannes-Evangelium, das uns die Ereignisse in dieser besonderen Weise darstellt. Mochte es auch scheinen, als ob Menschen die Handelnden wären, das Wort der Wahrheit sagt: Er trug, und Er ging hinaus. Für Ihn brauchte es keinen Zwang; keinen Augenblick sehen wir ein Nachlassen seiner Kraft oder seine sittliche Energie auch nur im Geringsten erschüttert. «Sich selbst das Kreuz tragend, ging er hinaus» – erhaben über alles und in der Kraft eines Gott völlig ergebenen Willens.

Dies alles bleibt in vollem Mass bestehen, auch wenn wir uns nun dem Bericht der drei anderen Evangelien (Mt 27,31.32; Mk 15,20.21; Lk 23,26-32) zuwenden. «Sie führten ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen. Und sie zwingen einen Vorübergehenden, einen gewissen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater von Alexander und Rufus, sein Kreuz zu tragen» (Mk 15,20.21). Viele haben geglaubt, aus diesen Angaben schliessen zu können, dass Anzeichen von Ermattung beim Herrn die Soldaten zu ihrem Tun veranlasst hätten, oder gar, Er sei unter der Last des Kreuzes zusammengebrochen. Doch das Wort Gottes erwähnt nichts, was uns zu solchen Annahmen berechtigt.

Aber, mag man einwenden, litt Er denn nicht als ein Mensch? Doch! Als vollkommener Mensch litt Er in vollkommenem Mass; doch was und wie Er litt, das fand nicht seinen Ausdruck vor Menschen, sondern nur vor Gott, wie uns das prophetische Wort – vor allem in den Psalmen – in vielfacher Weise mitteilt. Er war «Gott, offenbart im Fleisch»; aber das Geheimnis dieser wunderbaren Verbindung können wir nicht ergründen, «denn niemand erkennt den Sohn als nur der Vater» (Mt 11,27). Es geziemt uns nicht, in die Bundeslade hineinzuschauen; die «Leute von Beth-Semes» (1. Sam 6,19 ff.) mögen uns zur Warnung dienen.

Die einfache Erwähnung der Tatsache, dass man das Kreuz Simon zu tragen gab, lässt es uns vielmehr als üblich erscheinen, dass man den zum Richtplatz Geführten für den letzten Teil des Weges die Last abnahm – für gewöhnlich war sicher niemand imstande, sie nach vorangegangener Geisselung zu tragen.1

So bleibt es voll bestehen: Er trug sein Kreuz; und Er würde es bis zum Ende getragen haben, wenn es nicht den Soldaten gefallen hätte, es auf einen zufällig des Weges Kommenden zu legen. Und, denke daran: Er trug nachher, auf dem Kreuz, eine weit schwerere Last, die Last deiner und meiner Schuld, und niemand war da, auf den sie gelegt werden konnte!

Und kaum war Er von dieser schweren Last befreit, da ging Er schon wieder hin, um sich andere, und diesmal Ihm so teure Lasten zu suchen. Um all die verlorenen Schafe handelt es sich, die Er sucht, bis Er sie findet, und die Er dann «mit Freuden auf seine Schultern legt», bis Er «nach Hause kommt» (Lk 15,4 ff.); ja, Er wird, wie geschrieben steht, «die Lämmer auf seinen Arm nehmen und in seinem Schoss tragen» (Jes 40,11).

Oder stehst du, lieber Leser, während du diese Zeilen liest, in besonderen Prüfungen, trägst du ein Leid? Wird dir die Last zu schwer? Denke daran, dass Er gemäss dem Wort des Psalmisten auch diese Lasten trägt: «Gepriesen sei der Herr! Tag für Tag trägt er unsere Last» (Ps 68,20).

Auch der Mensch Christus Jesus trug hier die schwere Last nicht allein, sondern hat gewiss in vollkommener Abhängigkeit nach dem Wort gehandelt: «Wirf auf den Herrn, was dir auferlegt ist, und er wird dich erhalten; er wird niemals zulassen, dass der Gerechte wankt!» (Ps 55,23).

Wo die Bosheit des Menschen unter der Leitung Satans gegen den Sohn Gottes ihren freien Lauf nahm, musste sich ihr jeder, auch der orts- und landfremde, den Geschehnissen völlig fern stehende Simon von Kyrene fügen.2 Denn es mögen nicht viele gewesen sein, die in jenen Tagen und Stunden unberührt von allem ihren täglichen Geschäften nachgingen. «Er kam vom Feld», ja, er «ging vorüber» (Mk 15,21), blieb nicht einmal stehen – wahrlich, das Bild eines Gleichgültigen, der sich dennoch der Bosheit des Fürsten dieser Welt und seiner Knechte fügen musste. Sie «fanden», sie «ergriffen» und «zwangen» ihn, und «legten das Kreuz auf ihn, um es Jesus nachzutragen». In diesem Letzteren freilich erblicken wir eine Ehre für ihn, und vielleicht wurde er durch dies alles aus seiner Gleichgültigkeit gegen Christus erweckt – zum Mindesten dürfen wir annehmen, dass seine beiden hier genannten Söhne später als Christen bekannt waren.3

«Es folgte ihm aber eine grosse Menge Volk und Frauen, die wehklagten und ihn beweinten» (Lk 23,27). Erfreute das nicht sein Herz? War das nicht das «Mitleid», auf das Er gewartet hatte? Nein! An einem früheren Passahfest, als Er in Jerusalem war, gab es viele, die sogar «an seinen Namen glaubten, als sie seine Zeichen sahen»; aber wir lesen dort, dass Er sich «ihnen nicht anvertraute, weil er alle kannte» (Joh 2,23 ff.). So wusste Er auch hier, dass es nur menschliche, natürliche Gefühle waren, die die Tränen dieser Frauen hervorriefen.

Aber mit Israel war jetzt alles vorbei, und sie hatten nötig, nicht über Ihn, sondern «über sich selbst und über ihre Kinder» zu weinen (Lk 23,28-30). Denn Tage würden kommen, wenn jene glückselig gepriesen werden, die nie Mütter gewesen waren, und sie vergebens vor den über sie und ihr Volk hereinbrechenden Gerichten Schutz suchen würden.

Welch ein Gegensatz zwischen jenen Frauen (Lk 8,2.3), die «ihm von Galiläa nachgefolgt waren» (Lk 23,49), und diesen «Töchtern Jerusalems», die «wehklagten und ihn beweinten»! (Lk 23,27). Ein wenig Nachdenken hätte genügt, um sie zu veranlassen, wie ihre Schwestern dem drohenden Verderben zu entfliehen. «Denn», sagt der Herr, «wenn man dies tut an dem grünen Holz (das ist an Ihm), was wird an dem dürren (das ist an Israel) geschehen?» (Lk 23,31). Aus dem Stumpf Isais (Jes 11,1), aus «dürrem Erdreich», war Er als ein grünendes Reis, «wie ein Wurzelspross aufgeschossen» (Jes 53,2), um «Frucht zu bringen»; es galt, Ihn anzuerkennen, statt Ihn zu beweinen.

«Es wurden aber auch zwei andere hingeführt, Übeltäter, um mit ihm hingerichtet zu werden» (Lk 23,32). In dieser Begleitung ging der Herr seinen letzten Gang, «zu der Stätte, genannt Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgatha heisst» (Joh 19,17). Diese Stätte lag ausserhalb der Stadt; wie bei seiner Geburt, als «in der Herberge kein Raum für sie war» (Lk 2,7), wie Er auf seinem Weg «nicht hatte, wo er sein Haupt hinlege» (Lk 9,58), so duldete man Ihn auch in seinem Tod nicht in der heiligen Stadt. Wie am Versöhnungstag der «Bock des Sündopfers, der für das Volk war» (3. Mo 16,15.27), dessen Blut dazu bestimmt war, innerhalb des Vorhangs Sühnung zu tun, «hinausgeschafft wurde ausserhalb des Lagers», um dort verbrannt zu werden, so stiess man auch Ihn aus dem Lager Israels hinaus, und wir sehen Ihn nun dort «ausserhalb des Tores leiden» (Heb 13,11-13).

  • 1Vgl. die Anmerkung bezüglich der Geisselung.
  • 2Kyrene lag in Libyen (Nordafrika) (Apg 2,10).
  • 3Vielleicht auch seine Frau; Paulus schreibt: «Grüsst Rufus, den Auserwählten im Herrn, und seine … Mutter» (Röm 16,13).