So musste der Christus leiden (7)

König Herodes

So war also Pilatus nicht bereit, der Wahrheit, die in Person vor ihm stand, sein Herz zu öffnen (Lk 23,6-12). Anderseits war er von der Unschuld Jesu und der Grundlosigkeit der gegen Ihn erhobenen Anklagen überzeugt und suchte von jetzt an, irgendeinen Ausweg zu finden – offensichtlich bestrebt, persönlich um eine Entscheidung herumzukommen. Die Erwähnung der stets unruhigen Provinz Galiläa, von der die Juden sich besondere Wirkungen auf den Statthalter versprachen, verfehlte ihren Zweck: Sie gerade schien ihm einen solchen Ausweg zu bieten.

«Als aber Pilatus von Galiläa hörte, fragte er, ob der Mensch ein Galiläer sei. Und als er erfahren hatte, dass er aus dem Gebiet (oder: der Gewalt, dem Machtbereich) des Herodes sei, sandte er ihn zu Herodes, der auch selbst in diesen Tagen in Jerusalem war» (Lk 23,6.7).

Während Pilatus Statthalter von Judäa war, regierte Herodes als Vierfürst über Galiläa (Lk 3,1).1 In seine Regierungszeit fiel der öffentliche Dienst des Herrn; er war es, der Johannes den Täufer hinrichten liess und dem wir in den Evangelien, in denen er verschiedentlich auch König genannt wird, wiederholt begegnen. Aus dem, was die Schrift sagt, erkennen wir in diesem Herodes einen in der Sünde lebenden, leichtfertigen und oberflächlichen Mann, den blosse Sucht nach Neuem und Unerhörtem auch jetzt, bei seiner ersten und letzten Begegnung mit dem Herrn, bewegte. «Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr; denn er wünschte schon seit langer Zeit, ihn zu sehen, weil er von ihm gehört hatte, und er hoffte, irgendein Zeichen durch ihn geschehen zu sehen» (Lk 23,8) Er «freute sich sehr» – diese Worte zeigen, zu welcher Herzenskälte ein Mensch gelangen kann. Beim Anblick der Gestalt des «Mannes der Schmerzen» hätte ein Herz, in dem noch ein Rest menschlichen Gefühls vorhanden war, unmöglich Freude empfinden können.

Wie hatte Gott sich um diesen Mann bemüht! Er hatte schon Johannes den Täufer zu ihm gesandt, der ihm die Wahrheit gesagt und ihn wegen allem Bösen, das er getan hatte, «zurechtwies». Wohl hatte er, der Herodias nachgebend, «allem auch dies hinzugefügt, dass er Johannes ins Gefängnis einschloss» (Lk 3,19.20; Mt 14,4), aber er persönlich wusste wohl, dass jener «ein gerechter und heiliger Mann war»; ja, wir lesen sogar: «Wenn er ihn gehört hatte, so tat er vieles, und er hörte ihn gern.» Auch wurde er «sehr betrübt» (Mk 6,19.20.26), als er, auf dem einmal beschrittenen schlimmen Weg weitergedrängt, in seiner Schwäche keinen Ausweg mehr sah, den treuen Warner und Zeugen zu retten.

Wie mahnte ihn sein Gewissen, wie geriet er «in Verlegenheit» – er glaubte nicht anders, als dass Johannes der Täufer von den Toten auferstanden sei –, als nun «die Kunde von Jesus» zu ihm drang, ja, als er «alles hörte, was durch ihn geschehen war» (Lk 9,7 ff.; Mt 14,1.2). Manches hiervon trug sich in seiner unmittelbaren Umgebung zu; wir hören von Johanna, der Frau Chusas, eines seiner Verwalter, dass sie vom Herrn geheilt worden war und Ihm nachfolgte und diente (Lk 8,1 ff.); wir hören von Manaen, der mit dem Vierfürsten grossgezogen worden war, dass er später in der ersten heidenchristlichen Versammlung zu Antiochien unter den «Propheten und Lehrern» genannt wird (Apg 13,1). Aber was irgend als Same in dieses Herz fiel, wurde von den Dornen erstickt; die in seinem Herzen lebende «Begierde nach den übrigen Dingen» (Mk 4,18.19) verhinderte jede tiefer gehende Wirkung. Hätte er wahre Bedürfnisse gehabt, so hätte er nicht so lange auf eine Begegnung mit Jesus zu warten brauchen.

Schon damals, «suchte er ihn zu sehen» (Lk 9,9), und jetzt lesen wir: «Er wünschte schon seit langer Zeit ihn zu sehen, weil er vieles über ihn gehört hatte.» Zu welchem Zweck? «Er hoffte, irgendein Zeichen durch ihn geschehen zu sehen.» So verdorben und irregeleitet war dieser Mann nun, dass er glaubte, sich an der Person des Mensch gewordenen Sohnes Gottes belustigen und zerstreuen zu können.

Solchen unreinen Beweggründen auch nur ein wenig entgegenzukommen entsprach nicht der Würde Dessen, der auch in seiner tiefsten Erniedrigung sich selbst immer gleich blieb. «Er befragte ihn daher mit vielen Worten; er aber antwortete ihm nichts» (Lk 23,9) – mochten auch die Hohenpriester und Schriftgelehrten über dieses Schweigen in höchste Wut geraten (Luk 23,10) und mochte Er erneut das Ziel des Hohnes aller Umstehenden einschliesslich des Herodes werden. «Als aber Herodes mit seinen Kriegsleuten ihn geringschätzig behandelt und verspottet hatte, warf er ihm ein glänzendes Gewand um und sandte ihn zu Pilatus zurück» (Lk 23,11). – Hier waren sie alle eins: «Herodes mit seinen Kriegsleuten» wie auch «Pilatus und Herodes», die «vorher gegeneinander in Feindschaft gewesen waren» (Lk 23,12). Scheint es nicht manchmal so, als ob Widerstand und Hass gegen Gott die Menschen oft mehr eint, als die Liebe es vermag, die Er den Seinen ins Herz gesenkt hat?

Doch was sollte das «glänzende Gewand», das Herodes (wie es scheint persönlich) dem Herrn umwarf? Man sagt uns, dass ein solch glänzend weisses Kleid den kennzeichnete, der sich in jener Zeit um ein hohes Staatsamt bewarb – wahrlich ein bitterer Hohn und eine die Person des Herrn ins Lächerliche ziehende Unterstützung der Hauptanklage der Juden: «Er sagt, dass er selbst Christus, ein König, sei.» Aber ein «Bewerber» war der Herr nicht, wohl aber der rechtmässige Inhaber göttlicher Ansprüche, die Er nicht verleugnen konnte. Er hätte die Macht gehabt, sie geltend zu machen, aber wir wissen, Er hielt in Gnade zurück, und Er wird es weiter tun, bis «die Vollzahl der Nationen eingegangen ist» (Röm 11,25). Dann wird Er zum zweiten Mal auf diese Erde kommen «mit Macht und grosser Herrlichkeit», dann wird Er nicht mehr «zum Abscheu der Nation, zum Knecht der Herrscher» sein, dann werden «Könige es sehen und aufstehen, Fürsten. Und sie werden sich niederwerfen» (Jes 49,7). «Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln; er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein. Wie sich viele über dich entsetzt haben … ebenso wird er viele Nationen in Staunen versetzen» (Jes 52,13 ff.); und Er liess hier den Spott dieses Königs schweigend und duldend über sich ergehen – dann «werden Könige über ihn ihren Mund verschliessen».

Je mehr der Glaube Ihm in die Tiefen der Erniedrigung zu folgen versucht, desto mehr freut er sich auf die Zeit, wenn wir mit allen Erlösten Zeugen seines vollen Triumphes sein werden.

  • 1Herodes Antipas, wie ihn die Geschichte nennt, war ein Sohn jenes Herodes, der den Kindermord befahl (Mt 2) und allgemein «der Grosse» genannt wird. Beim Tod dieses Herodes wurde Palästina in vier Teile geteilt, doch wurde bald darauf einer der Regenten, Archelaus von Judäa (Mt 2,22) durch einen römischen Statthalter ersetzt. Diese Stelle bekleidete seit 26 n.Chr. Pontius Pilatus.