So musste der Christus leiden (5)

Matthäus 26,67-68; Markus 14,65; Lukas 22,63-65

Schmach und Speichel

Neue Verhandlungen vor dem Synedrium

Wir wenden uns nun dem Letzten zu, was uns die Schrift noch aus «der Nacht, in der er überliefert wurde», berichtet. Es ist die eine der beiden Szenen, die der Kreuzigung vorausgehen, in denen dem «Herrn der Herrlichkeit» (1. Kor 2,8), dem «Schöpfer der Enden der Erde» (Jes 40,28), von seinen unmenschlichen Geschöpfen die brutalste und entwürdigendste Behandlung zuteilwird. Er steht vor uns, wie Luther so zu Herzen gehend übersetzt, als der «Allerverachtetste» von allen Menschen (Jes 53,3).

Gewiss, unsere Begriffe bleiben weit hinter der Wirklichkeit zurück, sooft wir uns auch diese Vorkommnisse vorzustellen versuchen. Wie gesegnet, still und voller Liebe war doch der Weg des Herrn unter seinem Volk gewesen! Nichts kennzeichnet sein Auftreten besser als das prophetische Wort: «Er wird nicht streiten noch schreien, noch wird jemand seine Stimme auf den Strassen hören; ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Docht wird er nicht auslöschen» (Mt 12,19.20; Jes 42,2.3). Man hätte meinen sollen, alle Herzen seien Ihm zugeflogen! Aber «die Seinen nahmen ihn nicht an», obwohl Er «in das Seine kam»; «die Welt kannte ihn nicht», obwohl sie «durch ihn wurde» (Joh 1,10.11), obwohl Er diesen Schauplatz als «der Erstgeborene aller Schöpfung» (Kol 1,15) betrat, mit Vorrechten wie kein anderer vor Ihm und nach Ihm! Diese Herrlichkeit war wie nichts für das natürliche Herz. «Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten» (Jes 53,2). Statt anbetender Huldigung regte sich Geringschätzung und Hass. Er war «der Abscheu der Nation», «der von jedermann Verachtete» (Jes 49,7). Wie furchtbar, dies von seiner heiligen Person zu lesen! «Mehr als die Haare meines Hauptes sind derer, die ohne Ursache mich hassen» (Ps 69,5). – «Für meine Liebe feindeten sie mich an … sie haben mir Böses für Gutes erwiesen, und Hass für meine Liebe» (Ps 109,4.5).

Dies alles wurde erst vollends offenbar, als der Herr des Himmels (Apg 17,24), «in die Hände der Sünder überliefert» wurde (Mk 14,41). Noch in Gegenwart des Hohenpriesters hatte jener Diener mit dem ebenso törichten wie verruchten Schlag ins Angesicht (Joh 18,22.23) den Anfang gemacht und fast scheint es, als hätten seine Verfolger nichts Besseres zu tun gewusst, als alle Pausen im Lauf der Verhandlungen und Verhöre mit ihren Misshandlungen und Schmähungen auszufüllen.

«Dann spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten; einige aber schlugen ihm ins Angesicht» (Mt 26,67). Nach diesem scheinen sich sogar die Mitglieder des Synedriums selbst an diesen Misshandlungen beteiligt zu haben, jedenfalls werden wir in ihnen, und nicht in den Dienern, die eigentlich Verantwortlichen sehen. Hinter diesen allen aber erkennen wir den, der, soweit es Gott ihm erlaubte, alle Fäden in seiner Hand hielt, den «Fürsten der Gewalt der Luft» (Eph 2,2), des Geistes, der auch heute noch «wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams». Die Hände, die eben noch in unbegreiflicher Herablassung das Ohr des Malchus geheilt hatten, wurden kurz darauf gebunden (Joh 18,12). Das Auge, das eben noch voll Erbarmen den gefallenen Jünger gesucht hatte, wurde von den Männern, die Ihn festhielten, «verhüllt» (Lk 22,64; Mk 14,65)! Wirklich, Satan ist ein Meister in dem, was er tut! Er suchte das «Licht der Welt» (Joh 8,12; 9,5), die Offenbarung der göttlichen Liebe, zum Erlöschen zu bringen.

Sie spien Ihm ins Angesicht, «verschonten» (wie schon Hiob klagte) «sein Angesicht nicht mit Speichel» (Hiob 30,10). «Hätte ihr Vater ihr etwa ins Angesicht gespien, sollte sie sich nicht sieben Tage lang schämen?» (4. Mo 12,14), hat der Herr damals im Blick auf die aussätzige Mirjam gesagt. Sie schlugen Ihn mit Fäusten, sie schlugen Ihm ins Angesicht, sie verspotteten Ihn. Sie warfen, wie wir sahen, ein Tuch über sein Angesicht und forderten Ihn auf: «Weissage uns!» Die Ausübung jener übernatürlichen Kräfte, deren Er sich nie anders bedient hatte als nur zum Wohl derer, die sie wirklich brauchten, wollten sie zu ihrer Belustigung sehen. «Und vieles andere sagten sie lästernd gegen ihn» (Lk 22,65). Ja, «sie haben gelästert und nicht aufgehört» (Ps 35,15). Wessen sie Ihn soeben beschuldigt hatten, das taten sie nun selbst. Sie «erzittern nicht, Herrlichkeiten zu lästern» (2. Pet 2,10).

Was würden wir tun, wenn man gegen uns solche Reden führen würde? Wurden auch wir schon einmal so roh behandelt und mit Fäusten geschlagen? Und hat man uns wohl schon einmal ins Angesicht gespien? Und wenn, blieben wir dann so still und stumm, wie Der, der hier völlig unschuldig der Mittelpunkt einer so widerwärtigen und abstossenden Szene wurde? Nicht ein Wort hören wir von Ihm! «Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf … wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern» (Jes 53,7). – «Er bot seinen Rücken den Schlagenden und seine Wangen den Raufenden, sein Angesicht verbarg er nicht vor Schmach und Speichel» (Jes 50,6). Und wir wissen auch, warum Er es tat: «Deinetwegen trage ich Hohn, hat Schande bedeckt mein Angesicht … die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen» (Ps 69,8.10; Röm 15,3).

So verbrachte, wie wir annehmen müssen, der Herr die übrigen Stunden der kalten, an Ereignissen reichen Nacht, bis «sogleich frühmorgens» (Mk 15,1), also wohl beim ersten Morgengrauen, seine ungerechten Richter von neuem auf dem Plan erschienen. «Als es Tag wurde, versammelte sich die Ältestenschaft des Volkes, sowohl Hohepriester als Schriftgelehrte, und führten ihn weg in ihr Synedrium» (Lk 22,66-71). Hatten sie in der Nacht «Zeugnis gegen Jesus gesucht», so «hielten sie jetzt Rat» (Mt 27,1) gegen Ihn: Es handelt sich jetzt um die formelle, nur kurze Gerichtsverhandlung, weil ja alles bereits entschieden war. Diese Verhandlung finden wir nur bei Lukas geschildert.

In Erinnerung an das nächtliche Zeugnis des Herrn steuern sie nun geradewegs auf ihr Ziel zu und fordern Ihn auf: «Wenn du der Christus bist, so sage es uns» (Lk 22,67.68). Doch für Israel als Volk war alles vorbei, es hatte sich bereits endgültig gegen Ihn entschieden. Es war nicht mehr an der Zeit und hatte keinen Zweck mehr, die Frage, ob Er der Messias1 sei, zu erörtern: «Wenn ich es euch sagte, so würdet ihr nicht glauben; wenn ich aber fragen würde, so würdet ihr nicht antworten, noch mich freilassen.» Aber als «der Sohn des Menschen» (Lk 22,69), das heisst, als Träger von Verheissungen, die über den engen Kreis Israels hinausgingen, stand Er im Begriff, in Herrlichkeit den Ihm gebührenden Platz «zur Rechten der Macht Gottes» einzunehmen.

Sofort ziehen sie den richtigen Schluss. Ihr Verständnis ging weit genug, als dass wir sie nicht für ihre Tat verantwortlich wüssten! Sie hatten von «Christus», Er vom «Sohn des Menschen» gesprochen. Sie folgerten richtig: «Du bist also der Sohn Gottes?» (Lk 22,70.71). Er aber sprach zu ihnen: «Ihr sagt, dass ich es bin.» Sie aber sprachen: «Was brauchen wir noch Zeugnis? Denn wir selbst haben es aus seinem Mund gehört.» Ob als Christus, als der Sohn des Menschen, oder als der Sohn Gottes – Er wurde von seinem Volk verworfen.

Das Ende des Verräters

«Als nun Judas, der ihn überliefert hatte, sah, dass er verurteilt wurde, reute es ihn» (Mt 27,3-10). Er hatte mit einem solchen Ausgang für den Herrn, der sich immer wieder den Nachstellungen seiner Feinde entzogen hatte, offenbar nicht gerechnet. Ihm schien nur die Gelegenheit günstig zu sein, seiner Geldgier wieder einmal Befriedigung zu verschaffen. Wer einmal den Fuss auf den Weg der Sünde setzt, gibt sich in Satans Hand, und wenn er dann die meist über alle Erwartungen hinausgehenden Folgen erkennt, wird es ein furchtbares Erwachen geben!

So kam die Reue von Judas zu spät, und sie ging auch nicht tief, wie immer, wenn ein Herz mehr von den Folgen als von der Schrecklichkeit dessen, was man getan hat, bewegt ist. «Ich habe gesündigt» (Mt 27,4). – Wie oft spricht ein Mund dieses Wort, ohne dass es der Ausdruck wahrer, aufrichtiger Buße vor Gott ist! Wiederholt finden wir diesen Ausruf in der Schrift, aber nur dreimal erkennt Gott ihn an, indem Er ihn mit Vergebung der Schuld beantwortet.2

Judas hatte es auf seinem ganzen Weg an wahrer Gottesfurcht gefehlt, und sie fehlt auch jetzt, nach seinem elenden Tun, obwohl er ein gewisses Bekenntnis ablegt. «Ich habe gesündigt, indem ich schuldloses Blut überliefert habe.» War das alles, war das der Charakter seiner Tat? Hätte Der, den er in so ruchloser Weise verriet, nicht erwarten können, ganz anderes aus seinem Mund zu hören?

Nicht eine «Betrübnis Gott gemäss» (2. Kor 7,10) wie bei Petrus sehen wir hier. «Die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod.» Satan feierte einen zweifachen Triumph: Was er im Blick auf den Herrn wollte, hatte er erreicht, und das Werkzeug, das er benutzt hatte, trieb er hinaus in Nacht und Verzweiflung. Judas «machte sich davon und ging hin und erhängte sich» (Mt 27,5). Petrus schildert uns das grauenvolle und furchtbare Gericht (Apg 1,16 ff.), das ihn und sein Haus getroffen hat, indem er auf die prophetischen Worte Davids hinweist (Ps 109,6-20).

Unterdessen lag der «Lohn der Ungerechtigkeit», von der Hand des Verräters in den Tempel geworfen, zu den Füssen der Hohenpriester und Ältesten (Mt 27,3-5). Weder die Reue des Unglücklichen, den sie zu ihrem niedrigen Tun benutzt hatten, noch das Zeugnis von der Unschuld Jesu aus solchem Mund, berührte ihr Herz, das kein Erbarmen kannte. «Was geht das uns an? Sieh du zu.» So sprachen sie, während sie doch Bedenken hatten, das Blutgeld (wörtlich: den «Preis für das Blut») in den Korban, das ist in den Opferkasten des Tempels, zu werfen (Mt 27,6). – So ist der Mensch! Weit entfernt, seine Schuld, so oft ihm auch Gelegenheit dazu gegeben wird, im göttlichen Licht zu richten, gefällt er sich doch in der Beachtung einer äusseren Religion. Wie erniedrigend aber war ihre Handlungsweise für den Herrn, wenn wir die Stelle im Gesetz nachlesen, auf die sie sich stützte (5. Mo 23,19)!

«Sie hielten aber Rat und kauften dafür den Acker des Töpfers als Begräbnisstätte für die Fremden. Deswegen ist jener Acker Blutacker genannt worden bis auf den heutigen Tag» (Mt 27,7.8; Apg 1,19). So errichteten sie in dem «Akeldama», dem Blutacker, vor «allen Bewohnern Jerusalems» ihrer eigenen Schande ein Denkmal. Und dieser Acker ist, entgegen aller betrügerischen Behauptungen der Menschen, das Einzige, was vom Opfertod des Herrn «bis auf den heutigen Tag» auf dieser Erde zurückgeblieben ist.

Hat dieses Volk, als es «den Heiligen Israels von seinem Angesicht weggeschafft» und sein Blut über sich gebracht hat, nicht das ihm von Gott verheissene Land zu einem «Akeldama» gemacht? Und wurde es nicht in alle Winde zerstreut, ja, «zerbrochen, wie man einen Töpferkrug zerbricht, der ohne Schonung zertrümmert wird, und von dem, wenn er zertrümmert ist, nicht eine Tonscherbe gefunden wird» (Jes 30,8-14; Jer 19,10-13)? Denn das ist es doch, woran uns der Töpferacker erinnert: Es ist ein wertloses Feld, wo der Töpfer sein missratenes und zerbrochenes Gerät hinwirft.

Wurde nicht schliesslich sein von Heiden bevölkertes Land zu einer «Begräbnisstätte für die Fremden»? Doch auch die Erde ist zu einem «Blutacker» und zu einem «Acker des Töpfers» geworden. Das Blut des Sohnes Gottes schreit von ihr zu Gott, und der Gläubige sieht auf ihr alles, was Gott gab, und was «sehr gut» war, in Trümmern liegen. Was hätte sie ihm, der sich als Fremdling und Pilger auf ihr aufhält, noch zu bieten? Sie ist allenfalls dazu bestimmt, seinem sterblichen Leib – wenn der Herr noch ausbleibt – als «Begräbnisstätte» zu dienen. Auch der Herr hat hier ja nichts anderes gefunden als ein Kreuz und ein Grab; dies ist vor allem dazu angetan, uns den Schauplatz, auf dem unser Fuss nur so flüchtig weilt, in seinem wahren Licht zu zeigen.

«Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia geredet ist, der spricht: Und sie nahmen die 30 Silberstücke, den Preis des Geschätzten, den man geschätzt hatte seitens der Söhne Israels, und gaben sie für den Acker des Töpfers» (Mt 27,9.10).3 Kam dieses Schriftwort ihnen nicht in den Sinn? «Wirf ihn dem Töpfer hin, den herrlichen Preis, dessen ich von ihnen wert geachtet bin!» (Sach 11,12.13). Nur Matthäus erwähnt diesen Preis (Mt 26,15); er hatte den Auftrag, dem Volk Israel zu bezeugen, dass es seinen Messias einem getöteten Sklaven gleich geachtet hat (2. Mo 21,32). Wenn Gott wieder mit Israel anknüpft, wird der Überrest bekennen: «Er war verachtet, und wir haben ihn für nichts geachtet» (Jes 53,3).

Wie anders dachte Er, der «es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst zu nichts machte» (Phil 2,6.7). Der wegen der einen Perle «alles verkaufte, was er hatte» (Mt 13,46). – «Der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken» (Tit 2,14).

  • 1Bekanntlich ist «Messias» das hebräische Wort für das griechische «Christus» (Gesalbter).
  • 2David zwei Mal und der verlorene Sohn (2. Sam 12,13; 24,10 ff.; Ps 51,4; Lk 15,18.21), der Pharao, Bileam, Achan, Saul und Judas (2. Mo 9,27; 10,16; 4. Mo 22,34; Jos 7,20; 1. Sam 15,24 ff.; 26,21; Mt 27,4).
  • 3Dieses Wort Jeremias ist uns nicht überliefert. – Eine andere Erklärung der Textschwierigkeit lautet: «Jeremia» stand in der jüdischen Sammlung der Propheten voran, deshalb pflegten die Juden bei Anführung der Propheten «Jeremia oder sonst einer der Propheten» oder einfach «Jeremia» zu sagen (Mt 16,14).