Die Offenbarung (29)

Offenbarung 21,9; Offenbarung 22,5

Das neue Jerusalem

«Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten, voll der sieben letzten Plagen, und redete mit mir und sprach: Komm her, ich will dir die Braut, die Frau des Lammes, zeigen» (V. 9).

Der plötzliche Szenen- und Personenwechsel zeigt, dass es sich nicht um eine Fortsetzung der Vision handelt, die wir vorher betrachtet haben. Eine neue Person tritt als Führer von Johannes auf. Es ist möglicherweise derselbe Engel, der ihm vorher die Hure gezeigt hat (Kap. 17,1).

Doch es ist nicht dieselbe Person, in deren Gegenwart er sich gerade aufgehalten hatte (V. 5.6). Der Engel öffnet ihm eine neue Sicht. In der Vision über den ewigen Zustand hat Johannes bereits in allgemeiner Weise etwas davon gesehen. Jetzt werden detailreiche Herrlichkeiten über die Versammlung im Tausendjährigen Reich vor seinen Augen entfaltet.

Ein wesentlicher Inhalt der sieben Schalen war der Fall Babylons, der den Weg für die Hochzeit des Lammes und die Erscheinung der Braut ebnete. Die Engel, die diese Schalen ausgegossen haben, sind die geeigneten Botschafter, um zuerst das Strafgericht über die falsche Braut und danach die Herrlichkeiten der wahren Braut zu zeigen. Einer von ihnen war zu Johannes gekommen und hatte ihn angesprochen: «Komm her, ich will dir das Urteil über die grosse Hure zeigen, die auf den vielen Wassern sitzt» (Kap. 17,1). Es ist jetzt wieder einer von diesen, der kommt und zu ihm sagt: «Komm her, ich will dir die Braut, die Frau des Lammes, zeigen.» Die Ähnlichkeit der Aussagen ist nicht zufällig. Sie zeigt eine Verbindung, die den Kontrast zwischen den beiden symbolisierten Frauen verstärkt. Was ist das direkte Gegenstück zur falschen Kirche, die trotz ihrer weltweiten Verbreitung ihren Ursprung in Rom hat? Sicherlich die Versammlung (die wahre Kirche), die ihren Ursprung im Himmel hat, wo sich Christus, ihr Leben, befindet. Das Falsche muss dem Wahren gegenübergestellt werden, das Gefälschte dem Echten.

Sowohl die falsche Kirche als auch die Versammlung werden durch zwei sehr unterschiedliche Symbole vorgestellt. Was die Beziehung zu Christus angeht, wird die falsche Kirche als Hure bezeichnet, während die wahre Kirche als Braut und Frau gesehen wird. Was die Beziehung zu den Menschen betrifft, wird die falsche Kirche als Babylon gesehen – ein Ort der Verwirrung, während die Versammlung als Jerusalem, als Ort des Friedens, dargestellt wird. Die Hure blendet mit ihrer kitschigen Kleidung die Welt. Die Braut hingegen gefällt in ihrem weissen Leinenkleid dem Auge des Herrn Jesus. Das grosse religiöse System, das nach dem menschlichen Willen ausgestaltet worden ist, ist ein moralisches Chaos. Das, was nach Gottes Willen geformt ist, besticht durch vollkommene Symmetrie und Ordnung. Es bestehen keine Zweifel, dass die symbolische Beschreibung der Versammlung sich an die von Jerusalem anlehnt, und die der falschen Kirche an Babylon.

Dass es sich beim himmlischen Jerusalem nicht um eine wirkliche Stadt handelt, scheint offensichtlich, wird sie doch nicht als Wohnort der Braut, sondern als die Braut selbst beschrieben, deren Hochzeit mit dem Lamm im Himmel gefeiert worden ist. Auch ihre in den folgenden Versen beschriebene Gestalt ist als Form für eine wirkliche Stadt undenkbar, doch sie dient als Symbol für die göttliche Symmetrie der Versammlung. Im Übrigen unterscheidet sich die Beschreibung der Stadt Jerusalem im Tausendjährigen Reich im Propheten Hesekiel trotz einiger Ähnlichkeiten stark von der herrlichen Vision im vorliegenden Bibelabschnitt.

Die Versammlung im Bild einer Stadt

«Und er führte mich im Geist weg auf einen grossen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt, Jerusalem, herabkommend aus dem Himmel von Gott; und sie hatte die Herrlichkeit Gottes. Ihr Lichtglanz war gleich einem sehr wertvollen Stein, wie ein kristallheller Jaspisstein» (V. 10.11).

Als Johannes das Strafgericht über die Hure zu sehen bekam, wurde er im Geist in die Wüste geführt (Kap. 17,3), dem Ort der Trostlosigkeit und des Todes. Wenn er die Herrlichkeiten der Braut sieht, wird er im Geist auf einen grossen und hohen Berg geführt. Berge werden in der Bibel häufig sowohl in symbolischer Weise als auch in tatsächlicher Hinsicht zum Schauplatz herrlicher Ereignisse. Es war auf der Höhe eines Berges, wo Bileam veranlasst wurde, auszurufen: «Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!» (4. Mo 24,5). Von einem Berg aus sah Mose das verheissene Land, das er nicht betreten durfte. Auf einem Berg wurde der Herr Jesus vor den Augen seiner Jünger verwandelt.

Das vorliegende Bild ist einer Vision Hesekiels entnommen, als er in das Land Israel gebracht und auf «einen sehr hohen Berg» gestellt wurde: «Auf diesem, nach Süden, war es wie der Bau einer Stadt» (Hes 40,2). Diese Ähnlichkeit lässt aber die Unterschiede zwischen beiden Visionen deutlich zu Tage treten. In der Vision Hesekiels tritt der irdische Charakter hervor. Der Ort, von dem die Beobachtung aus erfolgt, ist das «Land Israel», und die Stadt befindet sich auf der Erde. Der Beobachtungsplatz von Johannes hat keinen direkten Bezug zu Israel und die Stadt ist nicht auf der Erde, sondern «herabkommend aus dem Himmel von Gott».

Sie trägt die Kennzeichen einer Stadt und ihre Namensgebung orientiert sich an der Stadt, an der Gott seine Freude haben will, der Stadt des Friedens: Jerusalem. Aber es ist das himmlische Jerusalem im Unterschied zum irdischen Jerusalem. Der Segen und die Herrlichkeit des irdischen Jerusalems sind gross. Aber können sie mit dem verglichen werden, was von der Stadt gilt, die aus dem Himmel herabkommt? Sie hat die Herrlichkeit Gottes. Ihr Lichtglanz ist gleich einem kristallhellen Jaspisstein. In einem früheren Kapitel, wird der, der auf dem Thron sitzt, mit «einem Jaspisstein und einem Sardis» verglichen. Die Versammlung erscheint in der Herrlichkeit Gottes selbst. Der Glanz des Jaspissteins und die transparente Reinheit des Kristalls – Symbole der Herrlichkeit Gottes – zeichnen die Versammlung aus. Sie ist fähig gemacht, «zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht». Christus wird sie sich selbst darstellen, «die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei» (Eph 5,27).

«Und sie hatte eine grosse und hohe Mauer und hatte zwölf Tore, und an den Toren zwölf Engel, und Namen darauf geschrieben, welche die der zwölf Stämme der Söhne Israels sind. Nach Osten drei Tore und nach Norden drei Tore und nach Süden drei Tore und nach Westen drei Tore» (V. 12.13).

Die Stadt in Hesekiel ist ebenfalls viereckig, hat zwölf Tore, je drei auf jeder Seite, die nach den zwölf Stämmen benannt sind (Hes 48,30-35). In beiden Fällen liegt eine vollkommene Ordnung und Symmetrie vor und in beiden besteht ein Zusammenhang zwischen der Stadt und Israel. In Hesekiel ist sie irdisch, in der Stadt in der Offenbarung hingegen himmlisch, denn an den Toren stehen zwölf Engel. Das Tor ist der Sitz der Richter. Den Jüngern hat der Herr versprochen: «Ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten» (Mt 19,28). Wir wissen nicht, wie die Gläubigen diese richterlichen Funktionen wahrnehmen werden, denn die Vision hier ist offensichtlich symbolischer Natur. Die Verheissung des Herrn ist insofern übereinstimmend als zwischen der Versammlung oder dem himmlischen Jerusalem und der irdischen Regierung Gottes, in der Israel im Zentrum steht, eine Verbindung besteht.

Die grosse und hohe Mauer deutet auf Trennung und Sicherheit hin. Wie schon bei der Stiftshütte muss alles Unreine aus Gottes Wohnstätte ausgesperrt werden. Vollkommene Sicherheit ausserhalb des Zugriffs des Bösen ist das gesegnete Teil des erlösten Volkes Gottes. «Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundlagen, und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes» (V. 14).

Die Versammlung ist «auf der Grundlage der Apostel und Propheten» aufgebaut (Eph 2,20). Einige mögen fragen: Wo bleibt der Name von Paulus, dem die Wahrheit über die Versammlung in besonderer Weise anvertraut worden war? In einer wörtlichen Beschreibung wäre es notwendig, dass die angeführte Anzahl mit der tatsächlichen Anzahl Apostel übereinstimmte. Aber diese Beschreibung hier ist symbolisch. Deshalb ist eine buchstabengetreue Übereinstimmung nicht erforderlich. Zwölf wird häufig als typische Zahl verwendet, die sich nicht strikt an die Tatsachen hält. Die Bibel spricht immer von zwölf Stämmen, auch wenn es tatsächlich 13 waren. Unser Herr hat verheissen, dass die zwölf Apostel auf zwölf Thronen sitzen würden, obschon Judas der «Sohn des Verderbens» war.

Die Mauer sperrt eine Stadt von deren Umgebung ab. Das Tor schafft die Verbindung zur Umgebung ausserhalb der Mauer. In dem, was die Versammlung allein kennzeichnet, erscheinen die Apostel. In dem, was ihre Beziehung zur Welt betrifft, erscheinen die zwölf Stämme. Die Apostel stellen die Grundlage der Versammlung dar. Hingegen gilt der erste Gedanke Gottes im Zusammenhang mit seiner Regierung über die Erde dem Volk Israel. Wenn es um das Symbol der Regierungsautorität der Versammlung gegenüber der Welt geht, rückt Israel in den Vordergrund.

Abmessungen und Form

«Und der, der mit mir redete, hatte ein Mass, ein goldenes Rohr, damit er die Stadt messe und ihre Tore und ihre Mauer. Und die Stadt liegt viereckig, und ihre Länge ist so gross wie auch die Breite. Und er mass die Stadt mit dem Rohr 12000 Stadien; ihre Länge und ihre Breite und ihre Höhe sind gleich. Und er mass ihre Mauer, 144 Ellen, eines Menschen Mass, das ist des Engels» (V. 15-17).

Einmal mehr stellen wir Hesekiels symbolische Sprache fest, sowohl beim Vermessen der Stadt als auch bei der quadratischen Form der Stadt selbst. Wieder treten die Unterschiede anhand der erwähnten Ähnlichkeiten in deutlicher Weise hervor. Bei Hesekiel ist es eine gewöhnliche Messrute (Hes 40,3), die zu einer irdischen Stadt passt. In der Offenbarung ist es ein goldenes Rohr, das Symbol der göttlichen Gerechtigkeit, das der Wohnstätte Gottes entspricht. Bei Hesekiel ist es eine grosse Stadt, die zu einer glänzenden irdischen Metropole wird. In der Offenbarung sprengt die Grösse der Stadt die menschliche Vorstellungskraft. Bei Hesekiel ist die Stadt quadratisch. Diese Form wird in der Bibel häufig für eine vollkommene irdische Symmetrie verwendet. In der Offenbarung kommt noch eine weitere Dimension hinzu. Die Höhe entspricht sowohl der Länge als auch der Breite: ein perfekter Würfel! Der Würfel zeichnet sich durch eine höhere Ordnung von Symmetrie aus, die himmlischen Charakter hat und offensichtlich unpassend für die Erde ist.

Es ist bestimmt kein Zufall, dass das Allerheiligste im Tempel Gottes ebenfalls diese kubische Form aufweist. «Das Innere des Sprachortes: 20 Ellen die Länge, und 20 Ellen die Breite, und 20 Ellen seine Höhe; und er überzog ihn mit geläutertem Gold» (1. Kön 6,20). David gab Salomo «das Muster von allem, was durch den Geist in ihm war: bezüglich der Höfe des Hauses des HERRN» (1. Chr 28,12). Seine Pläne waren wie die von Mose durch ein himmlisches Modell bestimmt, das vorbildhafte Bedeutung hatte. Die kubische Form des Allerheiligsten im Tempel war daher eine inspirierte Form der vollkommenen Symmetrie des Wohnortes Gottes.

Die Zahl der vollkommenen Verwaltung (zwölf) erscheint wieder in den 12’000 Stadien, der Seitenlänge des Würfels, und in den zwölf mal zwölf Ellen (144), der Dicke der Mauer.

Das Mass ist «eines Menschen Mass, das ist des Engels». Der Massstab hier ist dem Massstab eines Menschen ähnlich, aber nicht in seinem irdischen Leib, sondern in seinem Körper, den er nach der Auferstehung haben wird, wenn er mit der Behausung, die aus dem Himmel ist, überkleidet sein wird (2. Kor 5,2). In diesen geistigen Körpern werden die «Söhne der Auferstehung» Engeln gleichgesetzt (Lk 20,36). Der hier angeführte Massstab orientiert sich an diesem neuen Zustand. Obschon die Szene symbolisch ist, bezieht sich die ganze Symbolik auf das Himmlische und nicht auf das Irdische. Die Symbole sind zwar der Erde entnommen, sie tragen jedoch einen himmlischen Stempel.

Stadtmauer und Tore, aber kein Tempel

«Und der Bau ihrer Mauer war Jaspis, und die Stadt war reines Gold, gleich reinem Glas» (V. 18).

Jaspis deutet – wie wir bereits gesehen haben – symbolisch auf die Herrlichkeit Gottes hin. Gold ist das Sinnbild der göttlichen Gerechtigkeit, nicht im Blick auf seine Regierung, sondern bezüglich seines Wesens. An dieser Gerechtigkeit hat die Versammlung teil, denn die Gläubigen sind «Teilhaber der göttlichen Natur» (2. Pet 1,4). Die Herrlichkeit Gottes – die Mauer aus Jaspis – umgibt die Stadt und beschützt sie vor jedem Zugriff des Bösen und bewahrt die heilige Absonderung. So wird die Stadt zu Gottes ausgewähltem Wohnort. Ein völlig mit Gold ausgelegter Würfel – das Allerheiligste im Tempel – war die typische Wohnung Gottes in Israel. Ein Würfel aus reinem Gold, gleich reinem Glas, ist die symbolische Darstellung «des heiligen Tempels im Herrn», der «Behausung Gottes im Geist», die uns in den Himmeln vorgestellt wird.

«Die Grundlagen der Mauer der Stadt waren geschmückt mit jedem wertvollen Stein: die erste Grundlage Jaspis; die zweite Saphir; die dritte Chalzedon; die vierte Smaragd; die fünfte Sardonyx; die sechste Sardis; die siebte Chrysolith; die achte Beryll; die neunte Topas; die zehnte Chrysopras; die elfte Hyazinth; die zwölfte Amethyst. Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, jedes einzelne der Tore war aus einer Perle, und die Strasse der Stadt war reines Gold, wie durchsichtiges Glas» (V. 19-21).

Die Namen der Apostel sind in den Grundlagen der Versammlung eingraviert, aber Christus selbst ist ihr wahres Fundament. Im Brustschild des Hohenpriesters glänzen die Herrlichkeiten Christi in den wertvollen Steinen, in die die Namen der zwölf Stämme eingraviert waren. Genauso machen die vielfältigen Vollkommenheiten, Schönheiten und Herrlichkeiten von Christus, der wahren Grundlage, den himmlischen Glanz der Versammlung aus. Die Basis von allem bildet Jaspis, die Herrlichkeit Gottes, denn die Versammlung ist auf Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, aufgebaut. «In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig» (Kol 2,9).

Nun folgt ein Edelstein, auf dem die Ältesten Israels einst Gott stehen sahen: «Unter seinen Füssen war es wie ein Werk von Saphirplatten und wie der Himmel selbst an Klarheit» (2. Mo 24,10). Schliesslich vervollständigen die weiteren 10 Steine die vollkommene Anzahl, die ebenfalls auf die vielfältigen und dennoch aufeinander abgestimmten Schönheiten von Christus hinweisen. Alle zusammen stützen die Versammlung, die Er zu seiner eigenen Freude und zu Gottes Wohnung gebildet hat. Etwas so Wunderbares wie die Versammlung konnte nur von Gottes Weisheit geplant werden, nur seine Gnade konnte sie aufbauen und nur seine Herrlichkeit sie aufrechterhalten.

«Die zwölf Tore waren zwölf Perlen.» Die Versammlung ist die «eine sehr kostbare Perle» (Mt 13,46), die Christus wegen ihrer herausragenden Schönheit und ihrem Wert in seinen Augen durch sein Blut erworben hat. In jeder Zufahrtsstrasse wird Gott ein Denkmal für diese Schönheit und den Wert seiner Versammlung haben. An jedem Tor wird das Auge auf die eine Perle fallen. Wenn «die Könige der Erde» ihre Herrlichkeit zu dieser Stadt bringen werden (V. 24), können sie die Tore nicht passieren, ohne festzustellen, wie wertvoll diese bluterkaufte Versammlung für das Herz des Herrn Jesus ist.

Ihre Strasse ist aus Gold, wie durchsichtiges Glas. Das «gläserne Meer» nimmt im himmlischen Tempel den gleichen Standort ein wie das kupferne «Meer» für das Wasser im irdischen Tempel (1. Kön 7,23.39). Der Wechsel von Wasser zu Glas deutet darauf hin, dass auf der Erde fortwährend Reinigung notwendig ist, während im Himmel unveränderliche Reinheit herrscht. So auch in dieser Szene. Obschon Sünde einem Gläubigen nicht zugerechnet wird, besteht auf der Erde die ständige Gefahr einer Beschmutzung auf dem Lebensweg. Die Reinigung durch das Wort Gottes, die in der Fusswaschung der Jünger so schön zum Ausdruck kommt, ist ständig nötig, um die getrübte Gemeinschaft mit dem Vater wiederherzustellen. In der Szene hier ist weder eine Beschmutzung durch Sünde noch ein Zurechnen der Sünde möglich. Die Füsse gehen auf einem Weg von Gold, d.h. auf dem Weg der göttlichen Gerechtigkeit, und die Durchsichtigkeit des Glases zeigt, dass dort eine Reinigung unbekannt ist. Alles ist uneingeschränkt rein, offensichtlich untadelig. Herz und Gewissen sind frei, eine ununterbrochene Gemeinschaft mit Gott zu pflegen.

«Und ich sah keinen Tempel in ihr, denn der Herr, Gott, der Allmächtige, ist ihr Tempel, und das Lamm» (V. 22). Die Stadt oder die Versammlung ist ein heiliger Tempel oder eine Behausung Gottes im Geist. Es kann hier kein Tempel stehen, denn der Tempel ist ein Ort, wo Gott – obwohl Er sich dazu herablässt, dort zu wohnen – sich verborgen hält. Ausserhalb des Tempels ist Gott nicht sichtbar, nur seine Wohnstätte. Im Tempel befindet man sich in der unmittelbaren Gegenwart Gottes. Die Glaubenden der Gnadenzeit haben jetzt durch den zerrissenen Vorhang Zugang zum Allerheiligsten. Kein Tempel und kein Vorhang sind erforderlich, um sie von Gott zu trennen. Das zeigt diese wunderbare Vision. Die Versammlung ist das vollkommen gestaltete, innerste Heiligtum, in dem Gott wohnt. Sie ist das Allerheiligste, aus reinem Gold und in himmlischer Symmetrie, in dem der Thron und die Gegenwart Gottes ihren Sitz finden.

Da kein Tempel die unmittelbare Ausstrahlung der Herrlichkeit der göttlichen Anwesenheit in ihrer Mitte abschwächt, besteht keine Notwendigkeit einer weiteren Autorität oder einer anderen Lichtquelle. «Und die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des Mondes, damit sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet, und ihre Lampe ist das Lamm» (V. 23). Alles geschaffene Licht und jede eingesetzte Autorität, so nötig sie heute sind, wird durch das vollkommene Licht, das in der Herrlichkeit Gottes und der Person des Herrn Jesus scheint, ersetzt werden.

Die Beziehung der Versammlung zur Erde

In Vers 23 hiess es: «Die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet, und ihre Lampe ist das Lamm.» Es wird keine andere Lichtquelle mehr nötig sein.

Dieses empfangene Licht wird die Versammlung weitergeben und ausstrahlen. «Und die Nationen werden durch ihr Licht wandeln, und die Könige der Erde bringen ihre Herrlichkeit zu ihr» (V. 24). Christen leben auf der Erde, um «wie Lichter in der Welt» zu scheinen (Phil 2,15). Was für armselige, matte Lichter und schwach schimmernde Reflektionen der Herrlichkeit Dessen, der als das «Licht der Welt» gekommen ist, geben selbst die hingebungsvollsten Gläubigen ab! Was gibt Kraft zum Scheinen? Es ist nicht die Anstrengung, dies zu bewerkstelligen, sondern das Ausrichten der Blicke auf die Herrlichkeit des Herrn. Ohne dass Mose es wusste, strahlte sein Gesicht, weil er sich in der Gegenwart Gottes aufgehalten hatte. Gläubige strahlen, wenn sie «mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, nach demselben Bild verwandelt werden» (2. Kor 3,18).

Es wird die Zeit kommen, da die Gläubigen Christus von Angesicht zu Angesicht sehen und sein Bild in vollkommener Weise tragen werden. Dann wird Er in all denen, die geglaubt haben, bewundert werden und nichts wird diesen herrlichen Glanz in den Gläubigen mehr trüben. «Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist» (1. Joh 3,2). So wie einzelne Gläubige scheinen werden, so wird die Versammlung als Ganzes der vollkommene Widerschein der Herrlichkeit Gottes sein, passend, um seine eigene Wohnung zu sein.

«Und die Könige der Erde bringen ihre Herrlichkeit zu ihr», aber nicht in sie hinein. Sie werden die Versammlung nicht betreten, werden ihr aber gemeinsam die Ehre bezeugen, die der Braut, der Frau des Lammes, gebührt. Denn, wenn der Herr Jesus auf der Erde regieren wird, werden alle Herrscher vor Ihm niederfallen und alle Völker Ihm dienen. Die Versammlung wird als seine königliche Braut mit Ihm regieren und seine globale Herrschaft und Ehre mit Ihm teilen. Doch Ihm, dem König der Könige, wird die höchste Ehre zuteilwerden.

«Und ihre Tore sollen bei Tag nicht geschlossen werden, denn Nacht wird dort nicht sein. Und man wird die Herrlichkeit und die Ehre der Nationen zu ihr bringen» (V. 25.26). Es wird vollkommene Sicherheit herrschen. Die Nacht, in der das Böse ungesehen vordringen kann, hat hier keinen Platz. Wir sind Kinder des Tages, Kinder des Lichts. Dies entspricht bereits unserer jetzigen Stellung in der Welt, obschon unser Versagen, uns als Kinder des Lichts zu verhalten, uns traurig machen und beschämen sollte. Aber dann wird alles offenbart und vollkommen sein. Von der Versammlung wird es wahr sein, wie von Gott selbst, dass keine Finsternis in ihr sein wird, denn sie wird in Gottes Licht erstrahlen.

Die Nationen werden wie ihre Könige der Frau des Lammes Ehre bezeugen, während sie am Thron und an der Herrlichkeit des Lammes teilhaben wird. Dies zeigt, dass die Versammlung an dieser Stelle nicht in ihrem ewigen Zustand, sondern in dem des Tausendjährigen Reichs gesehen wird. Ihr eigener Zustand wird im ewigen Zustand grösstenteils derselbe sein wie hier. Aber im ewigen Zustand wird es keine Nationen mehr auf der Erde geben und keine Könige werden ihre Herrlichkeit mehr zu ihr bringen. Dies alles gehört zur Erde in ihrem aufgeteilten Zustand, der in Babel begann und sich bis zum Ende des Tausendjährigen Reichs fortsetzen wird. Aber so etwas hat auf der neuen Erde, von der alle Spuren der Sünde und des Versagens für immer ausgelöscht sein werden, keinen Platz mehr.

Da die Bezeichnung einer Stadt weiterhin verwendet wird, werden die himmlischen Gläubigen als ihre Bewohner genannt. «Und nicht wird in sie eingehen irgendetwas Gemeines und was Gräuel und Lüge tut, sondern nur die, die geschrieben sind in dem Buch des Lebens des Lammes» (V. 27). Gott ist «zu rein von Augen, um Böses zu sehen» (Hab 1,13). Wenn Gläubige gerettet sind, dann nur, weil Er sie «fähig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht» (Kol 1,12). Nichts Böses kann in der Gegenwart seines Lichts bestehen. Die Jaspis-Mauer, die von seiner eigenen überragenden Herrlichkeit zeugt, trennt seinen Wohnplatz auf vollkommene Weise von allem, was verunreinigt, von allem Abscheulichen, von allem, was sich mit seiner eigenen heiligen Wahrheit nicht verträgt. Niemand als nur die, die im «Buch des Lebens des Lammes» verzeichnet sind, können sich in diesem Bereich aufhalten. Es sind die, die Er durch seine Gnade für seine Gegenwart passend gemacht hat.

Als Quelle des Segens für die Erde

Die Braut als die Frau des Lammes ist nicht nur was die Autorität und die Herrlichkeit betrifft mit dem Lamm verbunden. Die Stadt wird als Wohnstätte Gottes auch die Quelle des Segens für die Erde im Tausendjährigen Reich sein.

«Und er zeigte mir einen Strom von Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall, der hervorging aus dem Thron Gottes und des Lammes. In der Mitte ihrer Strasse und des Stromes, diesseits und jenseits, war der Baum des Lebens, der zwölf Früchte trägt und jeden Monat seine Frucht gibt; und die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen» (Kap. 22,1.2). Die symbolische Sprache weist Ähnlichkeiten mit der des Propheten Hesekiel auf. Die Unterschiede zeigen, dass die irdischen Dinge lediglich Abbilder der himmlischen sind. Im Buch Hesekiel wird tatsächlich ein Strom von Wasser beschrieben, der «unter der Schwelle des Hauses hervor nach Osten» ins Tote Meer fliesst und dessen Wasser gesund macht (Hes 47,1.8). «Am Fluss, an seinem Ufer, auf dieser und auf jener Seite, werden allerlei Bäume wachsen, von denen man isst, deren Blätter nicht verwelken und deren Früchte nicht ausgehen werden. Monat für Monat werden sie reife Früchte tragen, denn seine Wasser fliessen aus dem Heiligtum hervor; und ihre Früchte werden zur Speise dienen und ihre Blätter zur Heilung» (Hes 47,12).

Die irdischen Dinge sind den himmlischen nachgebildet. So weist das irdische Jerusalem auch eine quadratische Form auf, aber in Grösse und Form passt es auf die Erde. Das Allerheiligste im Tempel, die irdische Wohnung Gottes, ist gleich wie sein himmlisches Gegenbild ausgestaltet. Die Abmessungen sind aber auf dessen irdischen Charakter ausgerichtet. Aus dem Tempel, Gottes irdischer Wohnung in der irdischen Metropole, fliessen die Wasser, um Leben und Fruchtbarkeit aus dem unfruchtbaren Boden hervorzubringen und um die salzigen Wasser des Toten Meeres gesund zu machen. Aus dem Thron Gottes und des Lammes im himmlischen Jerusalem fliesst der Strom von Wasser des Lebens hervor, nicht nur zur Landbewässerung, sondern zum Segen aller Menschen.

Auf beiden Seiten des Flusses, der im irdischen Heiligtum entspringt, stehen Fruchtbäume, die jeden Monat reife Früchte tragen werden. Sie sind zur Speise und ihre Blätter dienen zur Heilung. Aber der Baum des Lebens, von dem der Überwinder essen wird, befindet sich auf beiden Seiten des Stroms von Wasser des Lebens, der aus der himmlischen Stadt fliesst. Neben seinen Früchten für den Überwinder sind die Blätter des Baumes des Lebens ebenfalls zur Heilung, aber nicht nur für die Bewohner Israels, sondern für die Nationen. Während das irdische Jerusalem besonders der Mittelpunkt des irdischen Segens für Israel sein wird, wird das himmlische Jerusalem der Mittelpunkt des Segens für die ganze Erde sein. Immer wenn es um irdische Belange geht, nimmt Israel eine Vorrangstellung ein. Doch der Kreis, der die Interessen der Versammlung betrifft, ist weiter gefasst, denn an ihrem Segen haben sowohl Juden als auch Nationen teil.

Jetzt gibt es keinen Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, d.h. keinen Baum der Verantwortung mehr. Dieser Baum, dessen Genuss den Tod brachte, wurde durch das Kreuz auf die Seite getan, denn dort wurde unserem ganzen Versagen entsprochen. Das geschah so vollkommen, dass wir nun Frieden mit Gott haben durch unseren Herrn Jesus Christus (Röm 5,1). Daher verschwindet hier der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen und nur der Baum des Lebens blüht. Jene, die im Paradies Gottes sind, werden von seinen Früchten essen. Auf der Erde aber im Tausendjährigen Reich, wo das Böse – obschon eingedämmt – immer noch existiert, werden die Blätter dieses Baums zur Heilung der Nationen dienen. Aus diesen Worten wird klar, dass die beschriebene Zeit nicht den ewigen Zustand betrifft, wo alles Böse beseitigt sein wird. Es geht um die Zeit des Tausendjährigen Reichs, in der Heilung nach wie vor nötig sein wird.

«Und keinerlei Fluch wird mehr sein; und der Thron Gottes und des Lammes wird in ihr sein; und seine Knechte werden ihm dienen, und sie werden sein Angesicht sehen; und sein Name wird an ihren Stirnen sein. Und Nacht wird nicht mehr sein und kein Bedürfnis nach einer Lampe und dem Licht der Sonne; denn der Herr, Gott, wird über ihnen leuchten, und sie werden herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit» (V. 3-5). Unter den Völkern der Erde wird immer noch Fluch auftreten, nicht beständig, sondern nur von Zeit zu Zeit als Strafe für die Sünde. In Jesaja 65,20 heisst es: «Der Jüngling wird als Hundertjähriger sterben und der Sünder als Hundertjähriger verflucht werden.» Hier im neuen Jerusalem wird keinerlei Fluch mehr sein. Wie könnte dies auch für solche sein, die dem Bild des Sohnes Gottes gleichförmig geworden sind? Sie sind ein Volk, das Gott für sich geschaffen hat, für seinen eigenen Wohnplatz. Daher wird der Thron Gottes und des Lammes bei ihnen sein. Sie sind seine Knechte und ihre Treue Ihm gegenüber wird durch nichts mehr gestört werden. Sie dienen ausschliesslich Ihm.

«Wem dienen sie?», mag man fragen. Gott oder dem Lamm? Hier – wie oft in den Schriften des Johannes – unterscheidet er nicht. Es wird nur von einem Thron gesprochen, nur von einem, dem sie dienen, nur von einem, dessen Angesicht sie sehen, und nur von einem Namen, der an ihren Stirnen sein wird. Überall gilt dieselbe Wahrheit: Ich und der Vater sind eins. Es scheint jedoch, dass Johannes mehr an den Herrn Jesus denkt.

Seine Knechte werden als seine ausgewählten Genossen betrachtet. Sie werden sein Angesicht sehen. Dadurch, dass sein Name an ihren Stirnen sein wird, werden sie als sein Eigentum betrachtet. Sie werden dann in Vollkommenheit seine Wesenszüge tragen, die heute bei den Gläubigen oft so schwer zu erkennen sind. «Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist» (1. Joh 3,2).

«Und Nacht wird nicht mehr sein und kein Bedürfnis nach einer Lampe und dem Licht der Sonne; denn der Herr, Gott, wird über ihnen leuchten, und sie werden herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit» (V. 5). Dies stellt eine Zusammenfassung des Segens dar, den die himmlischen Gläubigen, die Versammlung im Tausendjährigen Reich, geniessen werden. Die Dunkelheit ist für immer vergangen. Gott selbst – nicht indirekt durch seine Werkzeuge, sondern in seiner eigenen Person – ist ihre gesegnete Lichtquelle. Sie leuchtet in ihrer ganzen Herrlichkeit über ihnen und macht sie fähig, sich daran zu freuen. Die Gläubigen werden mit Christus während des ganzen Tausendjährigen Reichs, ja, von Ewigkeit zu Ewigkeit herrschen.

Das ist die Versammlung, die Braut, die Frau des Lammes, das himmlische Jerusalem während der Regierung des Tausendjährigen Reichs. Die verwendeten Bilder mögen verschieden sein. Wenn es um die Zuneigungen Christi geht, werden sie durch die Erwähnung der Braut in den Vordergrund gerückt. Die Beziehungen der Versammlung zur Erde werden im Bild der Stadt vorgestellt. Ihr wunderbarer Platz in Gottes Gedanken kommt darin zum Ausdruck, dass sie seine Wohnstätte ist. Was auch immer das benutzte Bild ist, der vorherrschende Gedanke bleibt die überragende Herrlichkeit und der Segen der Versammlung, die Gott in der jetzigen Zeit herausruft und zu einem Leib bildet. Sie soll für immer in besonderer Innigkeit mit dem Sohn seiner Liebe verbunden sein. In welch einem Gegensatz stehen die hier vorgestellten moralischen Herrlichkeiten zu dem traurigen, ruinierten Zustand der Versammlung, wie wir dies jetzt in der Welt sehen! Glücklicherweise werden Gottes Pläne und seine Liebe von unserem Versagen nicht beeinflusst! Trotzdem sollte diese Tatsache uns mit Beschämung erfüllen, weil unser Versagen derart gross ist.