Die Offenbarung (15)

Offenbarung 11,19; Offenbarung 12,18

Gottes Volk und seine Widersacher

(Kapitel 11,19 – 13,18)

Einführung

«Und der Tempel Gottes, der in dem Himmel ist, wurde geöffnet, und die Lade seines Bundes wurde in seinem Tempel gesehen; und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner und ein Erdbeben und ein grosser Hagel» (V. 19). So werden die neuen Szenen eingeführt, die nun vor unsere Augen kommen. Es handelt sich dabei nicht um die Fortsetzung der bereits behandelten Gerichte. Es sind Ereignisse, die zwar zur gleichen Zeit stattfinden wie die bislang behandelten; sie werden aber viel ausführlicher beschrieben.

Im angeführten Vers zeigen sich Gottes gegenwärtige Gedanken. Die Bundeslade ist seit der babylonischen Gefangenschaft verloren; sie wurde seither nicht mehr erwähnt. Während sie sich in der Stiftshütte oder im Tempel befand, war sie der zentrale Gegenstand, das Zeichen von Gottes Gegenwart, die Garantie für Gottes Fürsorge. Aber die irdischen Dinge sind nur eine Darstellung der himmlischen. Das Erscheinen der Bundeslade im himmlischen Tempel ist daher ein grosses Ereignis. Bisher ungesehen, rückt sie wieder ins Blickfeld, ein Bild dafür, dass der Bund mit Israel, der so lange Zeit nicht mehr erkennbar war, in den Gedanken und Plänen Gottes wieder seinen früheren Platz einnimmt. Die Bundeslade ist das Zeichen von Sicherheit für sein eigenes Volk. Sie ist aber auch ein Zeichen des Gerichts für seine Feinde. Denken wir nur an den Fall der Stadtmauer von Jericho oder an die siegreichen Philister und die Schande, die ihnen die geraubte Bundeslade brachte. So reden die Blitze, Stimmen und Donner vom kommenden Zorn über den Unterdrücker aus den Nationen.

Wir haben bereits gesehen, dass sich eine grosse Zahl von Juden, mindestens 3 1/2 Jahre vor der Erscheinung des Herrn, in Jerusalem niedergelassen hat. Dort haben sie, zumindest die Mehrheit von ihnen, im Unglauben den Tempel wieder aufgebaut und den ursprünglichen Opferdienst wieder eingeführt. In Jerusalem, wo sich die Ereignisse konzentrieren werden, können wir drei Gruppen von Menschen unterscheiden:

  • Erstens einen gläubigen Überrest. Unter ihnen sind die Zeugen, die das Erscheinen des Messias und seines Königtums verkünden.
  • Zweitens den Rest des Volkes, der in hartnäckigem Unglauben verharrt.
  • Drittens den Unterdrücker aus den Nationen, der Jerusalem unter seinen Füssen zertritt und zuletzt auch die Zeugen tötet.

Gottes Fürsorge für sein eigenes Volk und sein Gericht sowohl über den Unterdrücker aus den Nationen als auch über den Anführer der ungläubigen Juden sind die wesentlichen Themen dieses Teils der Offenbarung.

Aber es gibt noch einen weiteren Akteur in diesem Drama, der bis jetzt die Bühne des Geschehens noch nicht betreten hat. Satan ist kein untätiger Zuschauer. Was für Gott wertvoll ist, das hasst er. Wenn Gott sich mit der Versammlung beschäftigt, so ist sie das Ziel der Feindschaft Satans. Wenn Gott sich Israel wieder zuwendet, richtet sich die Feindseligkeit des Teufels gegen dieses Volk. Daher sehen wir ihn hier den treuen Überrest mit aller Wut und Bosheit verfolgen. In den folgenden zwei Kapiteln wird zuerst die Wut Satans gegen den treuen jüdischen Überrest enthüllt. Dann werden der Charakter und die Absichten des Tieres – des grossen Herrschers aus den Nationen –, der Jerusalem unterdrücken wird, gezeigt. Schliesslich finden wir die Verschlagenheit und Grausamkeit des Verführers, der gemeinsam mit dem Tier handelt und die ungläubigen Juden anführt.

Die Frau und die Schlange

(Kapitel 12)

«Und ein grosses Zeichen erschien in dem Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond war unter ihren Füssen, und auf ihrem Haupt war eine Krone von zwölf Sternen. Und sie ist schwanger und schreit in Geburtswehen und in Schmerzen zu gebären. Und es erschien ein anderes Zeichen in dem Himmel: Und siehe, ein grosser, feuerroter Drache, der sieben Köpfe und zehn Hörner hatte und auf seinen Köpfen sieben Diademe; und sein Schwanz zieht den dritten Teil der Sterne des Himmels mit sich fort; und er warf sie auf die Erde. Und der Drache stand vor der Frau, die im Begriff war zu gebären, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind verschlänge. Und sie gebar einen Sohn, ein männliches Kind, der alle Nationen weiden soll mit eiserner Rute; und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und zu seinem Thron» (V. 1-5).

Wer ist diese Frau? Sie ist mit der Sonne oder mit höchster Autorität bekleidet. Der Mond unter ihren Füssen deutet auf eine abgeleitete Autorität hin, während sie mit vollkommener administrativer Macht ausgestattet ist, was durch die zwölf Sterne angedeutet wird. Zwölf ist die vollkommene Zahl von untergeordneten Autoritäten. Das ist die Stellung, die Israel durch Verheissung und Prophezeiung zugeschrieben wird. Sie gebiert ein männliches Kind, das «alle Nationen mit eiserner Rute weiden soll». Dabei handelt es sich offensichtlich um Christus. Die Frau ist Israel, aus dem «der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit» (Röm 9,5). Es ist das Volk Israel, nicht in seiner Sünde und Schande, wie es unter den Nationen zum Sprichwort geworden ist, sondern Israel, bekleidet mit der Herrlichkeit, die diesem Volk nach den Plänen Gottes zusteht. Es sind «die Israeliten, deren die Sohnschaft ist und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Dienst und die Verheissungen» (Röm 9,4).

Der Drache oder die Schlange steht Israel entgegen. Dieses Geschöpf ist voll Verschlagenheit, ein Lügner und Verführer von Anfang an. Der Drache ist vor allem der erklärte Feind des Kindes der Frau. Nach dem Sündenfall im Garten Eden sagte Gott der Schlange voraus, dass der Nachkomme der Frau ihr den Kopf zermalmen und sie, die Schlange, ihm die Ferse zermalmen werde (1. Mo 3,15). Der Drache ist rot. Er trägt die Farbe der Herrschaft. Er hat sieben Köpfe mit Kronen, was darauf hindeutet, dass seine Herrschaft durch wohl überlegte Weisheit geleitet ist. Natürlich handelt es sich dabei nicht um göttliche Weisheit, sondern um Weisheit von unten. Der Drache hat zehn Hörner, Werkzeuge von Macht, die unter seiner Kontrolle stehen. «Und sein Schwanz zieht den dritten Teil der Sterne des Himmels mit sich fort; und er warf sie auf die Erde.» Dies bedeutet, dass er den dritten Teil der untergeordneten Regierungsgewalten der Welt hinter sich her zieht. Bei diesem Bereich handelt es sich um das wiedererstandene Römische Reich, wie wir im Weiteren sehen werden.

Obschon Satan der Fürst der Welt genannt wird, führt er hier nur den Teil der Welt an, der dann gegen das auserwählte Volk Gottes kämpft. Er ist der eigentliche Fürst des Römischen Reiches. Er hat dieses nach seiner Vorstellung organisiert, und er verleiht dem menschlichen Herrscher dieses Reiches seine Autorität. Darum finden wir in der Beschreibung des Römischen Reichs später in der Offenbarung ebenfalls sieben Köpfe und zehn gekrönte Hörner. Das deutet dort auf zehn Könige hin, die den zehn Hörnern oder Werkzeugen der Macht entsprechen, die unter der Kontrolle Satans stehen.

Die Feindschaft Satans richtet sich vor allem gegen Christus. Satan, der ein Lügner von Anfang an ist, hasst die Wahrheit. Als Fürst der Finsternis dieser Welt hasst er das Licht. Als der, der sich die Herrschaft unrechtmässig angeeignet hat, hasst er den wahren Gesalbten Gottes. Von der Geburt Jesu Christi an versuchte Satan Ihn zu vernichten. In Bethlehem schien er sein Ziel fast erreicht zu haben. Doch Gott bewahrte das Kind. Am Kreuz machte es den Anschein, als ob Satan gesiegt habe, denn dort zermalmte er die Ferse des Nachkommens der Frau. Aber auch hier griff Gott ein: Der abhängige, vollkommene Mensch, der sich freiwillig der Macht des Todes unterzogen hatte, um Gott aufs höchste zu verherrlichen, wurde auferweckt und triumphierte über jeden Feind. Er «wurde entrückt zu Gott und zu seinem Thron», d.h. Er kehrte als Mensch in den Himmel zurück.

Nun macht die Prophetie einen grossen Sprung. Die Zeit der Versammlung als verantwortliches Zeugnis Gottes auf der Erde ist beendet. Sie hat nichts mit dem Konflikt zwischen Satan und Israel zu tun. Während der ganzen Zeit der Versammlung, die einen zeitlichen Einschub darstellt, hat Gott Israel als «Lo-Ammi» bezeichnet (Nicht-mein-Volk); «denn ihr seid nicht mein Volk, und ich will nicht euer sein» (Hos 1,9). Aber jetzt steht die Wiederherstellung Israels bevor. Die Bundeslade wird wieder im Himmel gesehen und Gott lässt dem Volk mitteilen: «Sprecht zu euren Brüdern: ‹Mein Volk›, und zu euren Schwestern: ‹Begnadigte›» (Hos 2,3). Alles, was dazwischen liegt, wird stillschweigend übergangen. Die Versammlung, der Leib des Christus, wird nicht gesehen, ausser in Christus selbst. Ihre Entrückung wird nicht erwähnt, ausser dass sie in der Entrückung dieses Kindes (Christus) mit eingeschlossen ist.

Die Vision springt sofort zur Endzeit der Verwerfung Israels. «Und die Frau floh in die Wüste, wo sie eine von Gott bereitete Stätte hat, damit man sie dort ernähre 1260 Tage» (V. 6). Diese Aussage, obschon in bildlicher Sprache ausgedrückt, ist ziemlich klar. Nachdem Satans Bemühungen, Christus zu vernichten, gescheitert sind, richtet er seine Bosheit nun gegen sein Volk. Er konzentriert seine ganze List und Macht auf die Vernichtung dieses Volkes, so dass es zur Flucht gedrängt wird. Gott wacht immer noch über sein Volk. In der Wüste umsorgt Er es, stillt seine Bedürfnisse und bewahrt es vor seinem Feind. Die Zeit, in der das Volk so versteckt ist, dauert 1260 Tage. Es ist der gleiche Zeitraum, in der die Zeugen in Jerusalem wirken, in der das kleine Horn – über das Daniel prophezeite – fortfährt zu wirken und in der die heilige Stadt von den Nationen zertreten wird, bevor sie schliesslich endgültig befreit wird. Dies beweist, dass es sich hier um die kurze Periode von 3 1/2 Jahren handelt, die dem Sturz der Macht der Nationen, der Wiederherstellung Israels und der Aufrichtung des messianischen Königreichs vorausgeht. Dies wird uns auch durch andere Prophezeiungen bestätigt.

Die Vision wechselt nun zu einer anderen Szene. «Und es entstand ein Kampf in dem Himmel: Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel; und er gewann nicht die Oberhand, auch wurde ihre Stätte nicht mehr in dem Himmel gefunden. Und es wurde geworfen der grosse Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen» (V. 7-9).

Sorgfältige Bibelleser werden sich nicht wundern, Satan im Himmel zu finden. Wir wissen zwar wenig darüber. Aber wir lesen von «Gewalten» und von «geistlichen Mächten der Bosheit in den himmlischen Örtern» (Eph 6,12). Wir sehen den Teufel auch als den Verkläger der Brüder, der sie Tag und Nacht vor Gott verklagt (V. 10). In Sacharja 3,1 steht Satan zur Rechten des HERRN und widersteht dem Hohenpriester Josua. Er streitet auch mit dem Erzengel Michael (Jud 9). Er hält sich also im Himmel auf, aus dem er im Lauf der Auseinandersetzung in der vorliegenden Stelle geworfen werden wird.

Der Drache ist zu diesem Zeitpunkt der grosse Feind und Verfolger des Volkes Gottes. Michael, «der grosse Fürst, der für die Kinder» des Volkes Gottes einstehen wird, ist sein Gegner. Es ist der einzige Erzengel, dessen Name bekannt ist. Seine Erwähnung steht immer im Zusammenhang mit Israel. Er hat dem Engel, der zu Daniel gesandt war, in der Auseinandersetzung mit dem Fürsten des Königreichs Persien erfolgreich geholfen (Dan 10,13). Jener Engel, der mit den Fürsten von Persien und Griechenland kämpfte, sagte auch: «Und kein Einziger steht mir gegen jene mutig bei als nur Michael, euer Fürst» (Dan 10,20.21). Kurz vor der Befreiung des jüdischen Überrests wird Michael aufstehen, «der grosse Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht» (Dan 12,1). Im Judas-Brief streitet er mit dem Teufel um den Leib von Mose. Es scheint also, dass die bösen Fürstentümer und Gewalten jene Nationen lenken, die Israel feindlich gesinnt sind, und dass Israel selbst unter dem besonderen Schutz von Michael steht. Er ist der Anführer jener Engel, die Gottes Diener sind und sein Wohlgefallen ausführen. Es ist daher sehr bezeichnend für Gottes wiederaufgenommene Pläne mit Israel, dass Michael den Kampf gegen den Drachen, den gnadenlosen Verfolger und Verführer, anführt.

Im Himmel herrscht Freude über diesen Sieg. «Und ich hörte eine laute Stimme in dem Himmel sagen: Nun ist das Heil und die Macht und das Reich unseres Gottes und die Gewalt seines Christus gekommen; denn hinabgeworfen ist der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte. Und sie haben ihn überwunden um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen, und sie haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tod!» (V. 10.11). Es wird nicht berichtet, von wem diese Aussage ausgeht. Aber nur Gläubige im Himmel können vom leidenden Überrest als von «unseren Brüdern» reden. Es handelt sich also nicht um das Zeugnis von Engeln, sondern um das von verherrlichten Gläubigen, die durch die Ältesten dargestellt werden. Die Vertreibung Satans aus dem Himmel ist eine Voraussetzung für «das Heil und die Macht und das Reich unseres Gottes und die Gewalt seines Christus». Sie ist so notwendig, dass bei ihrer Erfüllung deren Folgen bereits als eingetreten betrachtet werden. Jedes Hindernis für die Herrschaft Christi ist im Himmel beseitigt, obschon – wie wir sehen werden – noch Feinde auf der Erde überwunden werden müssen. Aber die Macht Satans als Verkläger der Brüder, mit der er imstande war, ihnen Schmerzen zu bereiten und sie zu quälen, ist für immer gebrochen. Diese Gläubigen, die von ihm gepeinigt und gequält worden sind, haben ihn um des Blutes des Lammes willen überwunden und so ein Zeugnis gegen seine Macht abgegeben. Sie sind bis zum Tod standhaft geblieben.

Obwohl die Vertreibung Satans aus dem Himmel dort Freude auslöst, sind die unmittelbaren Folgen auf der Erde verheerend. «Darum seid fröhlich, ihr Himmel und die ihr in ihnen wohnt! Wehe der Erde und dem Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen und hat grosse Wut, da er weiss, dass er wenig Zeit hat» (V. 12). Da ihm die Möglichkeit genommen ist, die Gläubigen im Himmel anzuklagen, verfolgt er sie mit seinem ganzen Hass auf der Erde. Zudem weiss er, dass er nicht viel Zeit hat, denn das Reich Gottes steht kurz bevor und seine eigene böse Herrschaft geht zu Ende.

Deshalb richtet sich seine ganze Kraft gegen Gottes Volk, das durch die Frau dargestellt wird. «Und als der Drache sah, dass er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die das männliche Kind geboren hatte» (V. 13). Diese Verfolgung ist keine andere als die vorher erwähnte. Die Erzählung wurde unterbrochen, um den Kampf im Himmel zu zeigen und die grosse Wut des Drachen zu erklären. Jetzt wird die Geschichte der Verfolgung durch Satan wieder aufgenommen sowie jene der Flucht der Frau und ihrer Zuflucht in der Wüste.

«Und der Frau wurden die zwei Flügel des grossen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste fliege, an ihre Stätte, wo sie ernährt wird eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit, fern vom Angesicht der Schlange» (V. 14). Diese Zeitangabe entspricht jener von Daniel 12,7. «Und die Schlange warf aus ihrem Mund Wasser, wie einen Strom, hinter der Frau her, um sie mit dem Strom fortzureissen. Und die Erde half der Frau, und die Erde tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Mund warf. Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, Krieg zu führen mit den Übrigen ihrer Nachkommenschaft, die die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben» (V. 15-17). Durch die Verfolgung des Drachens wird die Frau, die den gläubigen Überrest darstellt, in die Wüste getrieben. Ihre Flucht geschieht durch Gottes besondere Hilfe schnell, was durch die «zwei Flügel des grossen Adlers» hervorgehoben wird.

Auf diese Zeit – kurz vor dem Erscheinen des Sohnes des Menschen vom Himmel – bezieht sich unser Herr in seiner prophetischen Warnung in Matthäus 24,16-21: «Dann sollen die, die in Judäa sind, in die Berge fliehen; wer auf dem Dach ist, steige nicht hinab, um die Sachen aus seinem Haus zu holen; und wer auf dem Feld ist, kehre nicht zurück, um sein Oberkleid zu holen. Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Betet aber, dass eure Flucht nicht im Winter stattfinde noch am Sabbat; denn dann wird grosse Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird.» Diese Aussage wird oft auf die Eroberung Jerusalems durch Titus bezogen. Sie lautet zwar ähnlich wie jene im Lukas-Evangelium, wo es wirklich um dieses Ereignis geht. Aber die Schilderung jener Begebenheit ist nicht identisch mit dieser. Die entsprechende Prophezeiung im Lukas-Evangelium enthält keine Aufforderungen zur Eile. Tatsächlich liess das Heranrücken der Römischen Armee den Christen genügend freie Zeit, die Stadt zu verlassen und ihre Habe mitzunehmen.

Überdies bestimmt das Zitat aus Daniel den genauen Zeitpunkt. Es kann nur eine Drangsal geben, die alle vorhergehenden und noch kommenden übertrifft. Dies wird in Daniel angeführt. Darauf bezieht sich der Herr im Matthäus-Evangelium. Aber so wie der Herr seinen Worten hinzufügt: «Sogleich aber nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne sich verfinstern … Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen» (V. 29.30), so fügt Daniel seiner Prophezeiung die Worte an: «Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird» (Dan 12,1).

Die grosse Drangsal, über die sowohl der Herr als auch Daniel reden, ist ein und dieselbe. Es ist die kurze Periode der Not, die der Befreiung Israels und der Herrschaft des Messias vorausgeht. Im Blick auf jene Zeit fordert der Herr die Treuen auf, so rasch wie möglich aus der Stadt Jerusalem zu fliehen. Im vorliegenden Abschnitt in der Offenbarung haben wir den gleichen Zeitraum vor uns. Wir sehen, dass die Flucht tatsächlich stattfinden wird. Der gläubige Überrest wird in die Wüste fliehen, an einen sicheren Ort, wo er die besondere Fürsorge Gottes erfahren wird.

Satans Wut wird sich durch die Flucht des Überrests aus Jerusalem nicht besänftigen lassen. Er wird ihn weiterhin mit seinem Hass verfolgen und einen Strom hinter ihm her werfen, um im Bild der Frau die Treuen damit fortzureissen. Dieses deutet wohl auf eine weitere Verfolgung hin, wie David sagt: «Die Ströme Belials erschreckten mich» (Ps 18,5). Aber in welcher Form die Bösartigkeit auch auftreten wird, Gott wird für sein Volk sorgen. Seine Vorsehung öffnet einen Ausweg: Die Erde verschlingt den Strom.

Der Teufel – dadurch verwirrt – lässt nun ab von der Verfolgung des geflohenen Überrests, der sich in sicherer Obhut der göttlichen Fürsorge befindet. Er richtet seinen Zorn gegen jene, die nicht fliehen können, oder die Zeugen, die zurückbleiben, um ihre Botschaft weiter zu verkündigen. Dabei handelt es sich um solche, die tatsächlich die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben.

Durch die Verfolgung des gläubigen Überrests sowie in allen seinen anderen Wegen dient Satan der Absicht Gottes. Der Herr benutzt diese Verfolgungen der Gläubigen, um ihren Glauben zu prüfen, «wie man Gold durch Feuer erprobt», indem Er sie an den Platz führt, wo Er ihnen begegnen kann. Vordergründig ist es Satan, der sie in die Wüste treibt. Für das Auge, das auf Gottes Wege gerichtet ist, werden sie von Gott dorthin gezogen. So wird Er an seiner geliebten, aber untreuen irdischen Braut «die Tage der Baalim heimsuchen, an denen sie ihnen räucherte … mich aber hat sie vergessen, spricht der HERR» (Hos 2,15). Dann wird die Zeit kommen, von der es heisst: «Darum siehe, ich werde sie locken und sie in die Wüste führen und zu ihrem Herzen reden; und ich werde ihr von dort aus ihre Weinberge geben und das Tal Achor zu einer Tür der Hoffnung» (Hos 2,16.17). Es ist in der Wüste, wohin Er sie gelockt hat, in dem tiefen Tal der Trübsal, wo Er ihnen die Grösse ihrer Sünde entfalten, den Reichtum seiner eigenen Barmherzigkeit zeigen und sie zu wahrer Buße und echtem Glauben an Ihn führen wird. So werden sie gereinigt daraus hervorkommen und für Gottes Segen bereit sein.